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Full text of "Über die den altfranzösischen Dichtern bekannten epischen Stoffe aus dem Altertum"

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Über die 


den altfranzösischen Dichtern bekannten 

epischen Stoffe aus dem Altertum. 


Inaugural - Dissertation 

zur 

Erlangung der philosophischen Doctorwürde 

an der 

Georg- Augusts-Universität za Göttingen 


von 

Robert Dernedde. 



1887. 


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Angeregt durch die Untersuchung yon Birch-Hirschfeld „Über 
die den provenzalischen Troubadours bekannten epischen Stoffe, Halle 
1878 w , will ich versuchen gewissermassen als Weiterfuhrung dieser 
Arbeit eine Zusammenstellung der den altfranzösischen Dichtern be- 
kannten epischen Stoffe aus dem griechischen und römischen Altertum 
zu geben. 

Wenn auch Bartsch in der Einleitung zu „Albrecht von Halberstadt 
und Ovid im Mittelalter, Quedlinburg 1861“, Comparetti in seiner Schrift 
„Virgilio nel medio evo, Livorno 1872 u und Graf in seinem Werke 
„Roma nella memoria del medio evo, Torino. 1882 und 1883 tt schon 
schätzenswerte Beiträge zu diesem Gegenstände geliefert haben, so 
fehlte doch bislang noch eine umfassende Zusammenstellung des umfang- 
reichen Materials, und diese Lücke ist es, welche ich mit der vor- 
liegenden Arbeit auszufiillen hoffe. 

Es darf uns nicht befremden, dass die Franzosen trotz ihres 
Reichtums an einheimischen Heldensagen auch solche aus dem Alter- 
tume entlehnt und aus ihnen einen neuen Sagenkreis, die von Jean Bodel 
sogenannte matiere de Rome la grant gebildet haben. 

Das Altertum war für sie kein fremdes Gebiet; denn obgleich 
die Anschauungen desselben mit denen des Christentums zum grossen 
Teil in Widerspruch standen und viele Geistliche deshalb bemüht 
waren, die gläubigen Christen von der Lektüre der heidnischen Werke 
abzuhalten, wurden doch gewisse lateinische Schriftsteller wie Lucan, 
Statius, Virgil und Ovid besonders in den Schulen eifrig gelesen. Ein- 
mal brachte dies die Tradition so mit sich, und zum andern war die 
Lektüre der heidnischen Schriftsteller, wenn auch nicht unentbehrlich, 
so doch höchst wünschenswert, da Latein die Sprache der Kirche und 
Gelehrten war und nach guten Vorbildern erlernt werden musste. 

Das Verständnis der griechischen Schriftsteller gewann man freilich 
nur aus lateinischen Übersetzungen und Bearbeitungen, da das 
Griechische zu jener Zeit so gut wie unbekannt war, und wenn auch 
Homer viel gepriesen und bewundert wurde, so hatte man ihn doch 

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niemals gelesen und kannte ihn nur aus einer kurzen lateinischen Be- 
arbeitung von weniger als 1100 Versen, welche unter dem Namen 
des Thebaners Pindar ging. An die Stelle Homers traten die 
jämmerlichen Machwerke eines Dares von Phrygien und Dictys von 
Creta. 

Der Geist des Altertums blieb aber dem Mittelalter verschlossen. 
Der Geschmack desselben war nicht verfeinert , der Geist nicht biegsam 
genug, als dass er sich von den ihn umgebenden Verhältnissen los- 
gelöst und auf einen höheren Standpunkt gestellt hätte, von dem er 
unbefangen urteilen und die Schönheiten der Werke auf sich wirken 
lassen konnte. Nur die moralische Seite derselben verstand das Mittel- 
alter zu würdigen, während die aesthetischen Schönheiten ihm ver- 
schlossen blieben. So kam es, dass man mit grosser Naivität die 
mittelalterlichen Verhältnisse und Anschauungen auf das Altertum an- 
wandte und dieses fast in allen Stücken unbewusst travestirte. Be- 
sonders klar tritt der letzte Punkt in der Behandlung der Götter 
hervor. 

Diese Gestalten einer schönen Phantasie, mit denen Griechen und 
Römer das Weltall bevölkerten, die so engen Anteil an den Geschicken 
der Menschen nahmen und fast auf alle ihre Handlungen bestimmend 
einwirkten, fanden wenig Gnade vor den Augen des rechtgläubigen 
Dichters, der nur einen Gott verehrte. Sie mussten sich mit einer 
passiven Rolle begnügen oder wurden ganz unterdrückt Häufig sanken 
sie zu bösen Geistern herab, welche sich den Menschen zeigen und 
ihnen schaden konnten und noch wie im Altertum Tempel und An- 
beter hatten, ja häufig wurden sie sogar zu blossen Menschen ge- 
macht. Im Münchener Brut v. 3973 ff. heisst es z. B. von Mars, dass 
er ein schöner, tapferer und trefflicher Ritter war, und die meisten 
deshalb glaubten, dass er der Kriegsgott wäre. Vergl. hierzu „Bar- 
laam und Josaphat“ von Gui de Cambrai S. 182 ff. 

Sehr bezeichnend für die Auffassung des Altertums sind einige 
Miniaturen einer Turiner Handschrift. Hier traut ein Bischof Jupiter 
und Juno, und an einer andern Stelle celebrirt ein Bischof, umgeben 
von Priestern und Mönchen, bei dem Leichenbegängnisse Hectors. 
Vgl. Hist. litt. XIX 671. 

Standen einerseits die altfranzösischen Dichter dem Altertum unter 
gewissem Vorbehalt nicht fremd gegenüber, so fühlten sie sich anderer- 
seits zu demselben hingezogen, weil die Franzosen wie manche andere 
Völker ihren Ursprung bis in dasselbe zurückfuhrten und die Troer 
als ihre Vorfahren betrachteten. Ein Dichter konnte daher wohl 
keine dankbarere Arbeit unternehmen, als die glorreichen Thaten der 
Stammväter ihren Nachkommen vorzuführen. 


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Schliesslich sagten die epischen Gedichte des Altertums wegen ihres 
Reichtums an wunderbaren Ereignissen, heroischen Abenteuern und 
kriegerischen Unternehmungen dem Mittelalter sehr zu, welches, wie 
Joly sagt, wie ein grosses Kind verlangte, dass man ihm immer neue 
Geschichten erzählte, und eine wie grosse Rolle die antiken Be- 
arbeitungen in der altfranzösischen Litteratur spielten, geht besonders 
daraus hervor, dass sie, wie schon erwähnt, unter dem Namen mattere de 
Rome la grant eine der 3 Klassen bildeten, in welche Jean Bodel die 
epischen Dichtungen teilt. 

Abgesehen von den antiken Erinnerungen und Entlehnungen, 
welche in zahlreichen Gedichten zerstreut und weiter unten inhaltlich 
zusammengestellt und geordnet sind, finden wir die Stoffe aus dem 
Altertum in Romanen, Reimchroniken, Novellen etc. behandelt. 

Im Folgenden wollen wir diese Denkmäler einer mehr oder weniger 
eingehenden Betrachtung unterwerfen, wobei wir davon absehen, in 
wie weit jeder einzelne Zug schon in den Quellen der französischen 
Dichtungen sich findet. Eine solche Quellenuntersuchung würde zu 
weit führen. Es kann hier natürlich auch nicht unsere Aufgabe sein, 
alle Romane etc. aus dem Altertume zu behandeln, um so weniger, 
als das Material noch vielfach schwer oder ganz unzugänglich ist. 

Der Roman de Troie von Benoit de Sainte-More. 

Unter allen Bearbeitungen antiker Stoffe erfreute sich der Roman 
de Troie von dem nordfranzösischen Trouvfere Benoit de Sainte-More 
(p. p. Joly, Paris 1870) des grössten Ansehens und der weitesten Ver- 
breitung. Verdankte er dieses in erster Linie seinem Inhalte, so dürfen 
wir doch eines anderen Factors nicht vergessen, der viel zu seiner 
Popularität beigetragen hat, ich meine die allgemein geglaubte Sage 
von der Abstammung der Gallier und Franken von den Trojanern, 
welche im Mittelalter für besonders vornehm galt. Von den Römern 
war derselbe Ursprung zuerst in Anspruch genommen und zum 
Glaubenssatz erhoben worden, schon lange bevor Virgil in seiner 
Aeneide ihm so vollkommenen Ausdruck geliehen hatte. Seitdem nun 
Rom die herrschende Nation geworden war, suchten einige der unter- 
worfenen Völker die Schmach der Besiegung dadurch abzuschwächen, 
dass sie sich zu Nachkommen der Trojaner machten und so ihre Unter- 
jochung nur als eine Wiedervereinignng mit den stammverwandten 
Römern hinstellten, wie es z. B. die Aedner und Avemer thaten. Die 
griechischen Kolonien in Südfrankreich schienen dies gewissermassen 
zu bestätigen, und Ammianus Marcellinus (geb. um 330), der Gallien 
bereist hat, berichtet, dass nach den Aussagen vieler Eingeborenen ein 
Teil der Troer nach der Zerstörung ihrer Vaterstadt hierher geflohei* 


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sei. Die Franke» führten gleichfalls schon , seit uralter Zeit ihren Ur- 
sprung auf die Troer zurück, wie uns Fredegarius Scholasticus, Gregor 
von Tours und der Verfasser der Gesta Francorum erzählen. Für 
die Normannen beanspruchten Dudo von St Quentin und Wilhelm 
von Jumiöges, für die Bretonen Gottfried von Monmouth und für die 
Deutschen Otto von Freising dieselbe Ehre. Ja sogar die Türken 
wurden von einigen Schriftstellern als Nachkommen der Trojaner be- 
zeichnet. Vergl. hierzu: Greif, Die mittelalterlichen Bearbeitungen der 
Trojanersage, Marburg 1886, S. 1 ff. 

Ueber die Quellen des Troja-Romans ist ausführlich mit Berück- 
sichtigung der bis jetzt darüber vorhandenen Litteratur von Greif a. 
a. O. S. 12 ff. gehandelt. Er kommt zu dem Resultat, dass das Werk 
des Dares von Phrygien „De excidio Trojae historia u und das des 
Dictys von Creta „Ephemeris belli Trojani“ in ihrer jetzigen Gestalt 
dem Benoit als Vorlage dienten. Ausser Dictys und Dares habe 
Benoit auch Ovid, Aethicus end vielleicht Servius und Hygin benutzt. 
Der Passus über die Amazonen sei einer Version der Alexandersage 
entnommen. 

Benoits eigene Zuthat ist das mittelalterliche, höfische Kostüm, in 
das er den Roman kleidet und eine Reihe von Zusätzen und Erweite- 
rungen, in denen er nach dem Geschmack seiner Zeit seiner Phantasie 
ungehindert Lauf gelassen hat. 

Da die andern Gedichte des antiken Cyclus dieselben charakte- 
ristischen Züge darbieten wie der Troja-Roman und zu denselben 
Betrachtungen Veranlassung geben, so will ich den Roman von Troja 
als Typus der antiken Bearbeitungen hinstellen und nur an ihm zeigen, 
wie sich die altfranzösischen Dichter das Altertum vorstellten. Vergl. 
Joly, Benoit de Sainte-More et le roman de Troie, I passim. 

Im allgemeinen gewährt uns das Werk Benoits ein treues Bild 
des Mittelalters sowohl in seinem öffentlichen als privaten Leben. 
Überall finden wir als Staatsform den Feudalismus, von welchem 
Benoit ein so glänzendes Beispiel am Hofe Heinrichs II. vor Augen 
hatte. Aus den alten homerischen Stammeshäuptern sind Könige, 
Herzoge, Grafen und Emire geworden, welche sich mit ihren Vasallen 
hier um Agamemnon dort um Priamus als den obersten Lehnsherrn 
scharen. Freiwillig ist Agamemnon zum Oberbefehlshaber, zum em- 
pereur von den Griechen erwählt, und obgleich manche Könige ihm 
an Macht nicht nachstehen, findet er doch überall Gehorsam. Frei 
darf ein jeder Vasall seine Meinung äussern, und bei jedem wichtigen 
Unternehmen rufen Agamemnon und Priamus die Barone zusammen, 
um ihren Rat zu hören. 

Unbedingt geben sich die Vasallen ihrem Lehnsherrn hin und 


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setzen Gut und Blut für ihn ein. Als S&rpedon, Xerxes, Memnon und 
Achilles gefallen, sind viele ihrer Mannen untröstlich über ihren Tod 
und wollen ihre Gebieter nicht überleben. Daneben zeigt sich aber 
auch der Trotz und das Selbstgefühl der grossen Barone zur Zeit 
Benoits in Aeneas und Antenor, welche im Vertrauen auf eine mächtige 
Sippe es wagen, dem Priamus entgegen zu treten und ihn zur Nach- 
giebigkeit zu zwingen. 

Droht ein Krieg, so lässt der Lehnsherr die grossen Vasallen mit 
ihren Gefolgschaften zur Heeresfolge entbieten. Mit Helm, Harnisch 
und Beinschienen, Schild, Schwert, Lanze und Streitaxt sind die Ritter 
bewaffnet. KostbareSteine zieren oft dieWaffeiv Die Schilde tragen 
heraldische Abzeichen, und die Lanze ist mit einem Fähnlein ge- 
schmückt, das nicht selten die Hand einer schönen Dame daran be- 
festigt hat (v. 15102 ff.). In der Reiterei liegt die Hauptstärke des 
Heeres. Daneben kämpft das Fussvolk mit Armbrust und Bogen, und 
selbst tapfere Helden wie Paris verschmähen es nicht, den Bogen zu 
fuhren. Nur einmal wird der antike Kampf vom Streitwagen erwähnt 
(v. 7857 ff). 

Auf stolzen Streitrossen aus Spanien, Arragonien, Arabien und 
Nubien etc., welche mit reich gestickten Decken behängt sind, sprengen 
die Kämpfer gegen einander an, nachdem sie zuweilen nach Art der 
homerischen Helden höhnische und herausfordernde Reden einander 
zugeschleudert haben (v. 8333 ff). Sind die Lanzen gebrochen oder 
die Ritter aus dem Sattel gehoben, so beginnt der Schwertkampf, in 
dem der Unterliegende entweder schonungslos getötet oder gefangen 
genommen wird, um gegen schweres Lösegeld oder Gefangene ausge- 
wechselt zu werden. 

Die erbeuteten Rosse führen die Schildknappen, welche einem 
jeden Ritter folgen, aus der Schlacht Um sie entspinnt sich häufig 
ein harter Kampf, da sie als kostbarer Gewinn gelten und dem Sieger 
als Eigentum gehören, während die Beute aus einer eroberten Stadt 
auf einen Haufen zusammengetragen und von dem Oberanfuhrer nach 
Verdienst und Würde gleichmässig unter das Heer verteilt wird 
(v. 6055 ff. u. 26171 ff). 

Nach der Schlacht setzt man die gefallenen Vornehmen nach vor- 
heriger Einbalsamirung in kostbaren Sarkophagen bei, die Leichen des 
gemeinen Volkes dagegen werden in grossen Massen auf Scheiterhaufen 
verbrannt. Benoit schliesst sich in diesem letzten Brauche an die 
antike Tradition an, ebenso wie in dem Punkte, dass er bei der Bahre 
des Patroclus die Griechen verschiedene Leichenspiele feiern lässt. 
Welcher Art dieselben gewesen sind, sagt er indessen nicht (v. 10312 ff). 
Wie die Kämpfe tragen auch die Befestigungswerke ganz das mittel- 


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alterliche Gepräge. Wall, Graben und Mauer umgeben Troja. Feste 
Türme und vorgeschobene Werke mit Zinnen und Schiessscharten 
sichern die Mauern (v. 3004 ff.), während die Stadtthore von vorge- 
gerückten Gräben und Pallisadenreihen flankirt werden (v. 7655 ff.). 
Innerhalb der Stadtmauer von Troja haben die grossen Vasallen be- 
festigte Paläste (v. 26230 ff.), welche alle von der Burg Ilion überragt 
werden, die auf einem hohen Felsen gelegen weit in das Land hinein- 
schaut. 

Da wir im Roman von Troja kein einziges Beispiel einer regel- 
rechten Belagerung finden, so sind wir über die Angriffs- und Ver- 
teidigungsmittel bei einer solchen nur mangelhaft unterrichtet Zum 
Angriff auf die griechischen Schiffe wird an einer Stelle (v. 19231 ff.) 
das griechische Feuer verwendet und zur Verteidigung werfen die Be- 
wohner von Tenedos bei der Erstürmung ihrer Stadt durch die Griechen 
Steine und spitze Balken auf die Angreifer herab (v. 6005 ff.). 

Gericht wird unter freiem Himmel gehalten (v. 1171 ff.). Als 
Beweisgrund gilt auch der gerichtliche Zweikampf. Palamedes, der 
des Verrats angeklagt ist, erbietet sich gegen jeden Kämpfer seine 
Unschuld zu verfechten (v. 27674 ff.), und als Orestes von einem 
Gerichtshof zu Athen wegen des Muttermordes der Herrschaft ver- 
lustig erklärt werden soll, will Menoetius für ihn eintreten gegen jeden, 
der Orestes die Würdigkeit zu regieren abspricht, und wirft seinen 
Handschuh vor den Gerichtshof hin (v. 28368 ff.). 

Selbst in der Architektur der Tempel und Paläste mit ihren 
kühnen Constructionen, ihren Bögen, Skulpturen und grossen Gemälden, 
den Reichtümern, welche darin angehäuft sind, erkennen wir das 
Mittelalter. Das Grabmal Hectors ist in dieser Hinsicht besonders in- 
teressant, und das glänzende Tabernakel und das reiche Ciborium, 
welche bis in die kleinsten Einzelheiten beschrieben sind, erinnern an 
die schönsten Werke dieser Art aus dem 12. und 13. Jahrhundert. In 
dieselbe Zeit gehört die Architektur der Paläste, und bei der Schilde- 
rung der Burg Ilion mit ihren weiten Sälen uud prunkvollen Ge- 
mächern, die mit Gold, Elfenbein, Marmor, Skulpturen, kostbaren 
Teppichen und wunderbaren Kunstwerken von klugen Zauberern ver- 
fertigt verschwenderisch ausgestattet sind, hat Benoit vielleicht einen 
der glänzenden Paläste Heinrichs II. vor Augen gehabt. 

Entsprechend diesen herrlichen Wohnungen sind ihre Bewohner 
in all der Pracht, die das Rittertum zur Zeit Benoits entfaltete, ge- 
kleidet. Hector trägt ein rotes Gewand aus Saragossa mit goldenen 
Löwen durchwirkt und gefüttert mit Hermelin. Darüber wallt ein 
mit schwarzem Zobel verbrämter Purpurmantel, und ein goldener Reif 
ziert sein Haupt (v. 13012 ff). Seine Barone gehen einher in Cendal 


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und Seide (v. 13003 ff.). Die Argonauten tragen bei ihrem Einzuge 
in Jaconites Gewänder von Seide, die mit Gold gestickt und mit Her- 
melin gefuttert sind (v. 1127 ff). Nicht weniger reich ist die Tracht 
der Frauen. Medea kleidet sich in indischen, goldgesprenkelten Purpur. 
Ihr blialt und ihr Mantel sind mit kostbarem Pelzwerk besetzt, und 
darüber ist ein überseeisches Tuch geschlagen, welches 7 Pfund feinen 
Goldes wert war (v. 1217 ff.). Als Briseida Troja verlässt, trägt sie 
einen blialt , dessen Tuch von einem indischen Zauberer aagefertigt ist. 
Allerlei Tiere und Blumen sind hineingewebt, und an einem Tage ver- 
ändert er siebenmal die Farbe (v. 13307 ff). 

Doch nicht nur äusserlich gehören die Gestalten Benoits dem 
Mittelalter an, sondern auch in ihrer ganzen Lebensweise, ihrem Denken 
und Thun sind es echte Söhne seiner Zeit. 

Sie haben ein feines, höfisches Benehmen, das sich besonders im 
Umgang mit den Frauen zeigt und an den Minnedienst erinnert. Priamus 
geht der Helena bei ihrem Einzuge in Troja entgegen und führt ihren 
Zelter am Zügel. Er tröstet sie in ihrem Schmerz und bittet sie, die 
Thränen zu unterdrücken (v. 4825 ff). Briseida wird von den griechi- 
schen Fürsten in das Lager eingeholt, und Diomedes, der sonst so 
rauhe Krieger, überbietet sich in Galanterien gegen die Tochter des 
Kalchas. Überhaupt begegnen die Männer den Frauen mit Achtung 
und sind für ihre Schönheit nicht unempfänglich (v. 17493 ff) 

Musik und Gesang werden in den Palästen gepflegt , und von 
Aias und Antenor erzählt der Dichter, dass sie bretonische Lais sangen. 

Der Sänger ist ein gern gesehener Gast und empfangt reichlichen 
Lohn. Neoptolemus gab lieber sein bestes Gewand hin, als dass er 
einen Sänger mit leeren Händen ziehen Hess (v. 5224 ff). 

Daneben vertreibt man sich in den Mussestunden die Zeit mit 
Würfel-, Schach- und Brettspiel und andern ergötzlichen und unter- 
haltenden Spielen (v. 1178 ff, 3169 ff). 

Reiche Geschenke werden gegeben und genommen. Gastfreund- 
schaft wird in ausgedehntestem Masse geübt. Der König O'etts nimmt 
die Argonauten mit grossen Ehren auf und bewirtet sie aufs allerbeste 
(v. 1189 ff), Priamus hält ein offenes Haus, und einst speisen am 
Abend vor der Schlacht in seinem Palaste mehr als tausend Ritter 
(v. 11815 ff). 

Die Gesandten sind unverletzlich. Priamus will lieber 1000 Mark 
feinen Goldes verlieren, als dass dem Ulixes und Diomedes, welche 
als Gesandte nach Troja gekommen waren und durch ihr Gebahren 
die Troer zum Zorne gereizt hatten, ein Leid zugefügt wird (v. 6397 ff). 
Auch die Frauen und Kinder erfreuen sich des ritterlichen Schutzes, 
und als daher Andromache, Cassandra und andere hülflose Frauen und 


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Sander bei der Zerstörung Trojas aus dem Tempel gerissen werden, 
in dem sie Schutz gesucht hatten , nimmt sich Aias ihrer ritterlich an 
und verteidigt sie gegen die mordlustigen Griechen (v. 26111 ff). 

Die Stellung der Frauen ist überhaupt eine viel bevorzugtere und 
hervorragendere, als sie es im Altertum war. Häufig sehen wir, wie 
sie von den Mauern und Türmen dem Streite zuschauen und lebhaften 
Anteil an dem Geschick der Kämpfer nehmen. Sie freuen sich der 
Siege der Ihrigen und zittern und bangen für sie in der Gefahr 
(w. 8047, 10527, 13926). Durch ihren Anblick werden die Helden 
ermutigt und zu neuem, kräftigen Ringen angetrieben. Frauen und 
Jungfrauen nehmen den aus der Schlacht heimkehrenden tapfersten 
Kämpfern das Schwert ab, ziehen ihnen die Rüstungen aus (w. 11558, 
20605) und heilen ihnen in liebevoller Pflege die Wunden. Den besten 
Kriegern erteilen sie den Preis (w. 10221, 17114) und feuern daheim 
durch zündende Worte die Ritter zu neuen Thaten und Siegen an 
(v. 11759 ff.). Dafür werden sie auch hochgeachtet und geehrt, und 
selbst Helena, um derentwillen das ganze Unglück über Troja herein- 
gebrochen ist, hat sich in hohem Grade die Liebe der Troer erworben. 

Um so mehr muss es uns wundern, dass Hector, der sonst in 
jeder Beziehung als das Ideal eines wahren Ritters von Benoit hin- 
gestellt wird, in seinem Zorn eine unglaubliche Roheit gegen seine 
liebevolle Gemahlin zur Schau trägt und sich beinahe hinreissen lässt 
sie zu schlagen. Auch sonst finden wir nicht selten neben den höchsten 
Tugenden eine grosse Sittenroheit und eine gemeine niedrige Gesinnung. 
Priamus schlägt im Rate vor, den gefangenen Thoas grausam töten zu 
lassen, um dadurch die Griechen einzuschüchtern, und Pyrrhus sticht 
am Altäre den alten, hüflosen Priamus grausam nieder. Die Griechen 
scheuen sich nicht, die den Troern geleisteten Schwüre zu brechen 
und beruhigen ihr Gewissen damit, dass sie den Wortlaut der Schwüre 
erfüllt haben. Hecuba glaubt ein Recht dazu zu haben, den Achill 
durch den gemeinsten Meuchelmord aus dem Wege zu schaffen, und 
wenn sich auch Paris anfänglich dagegen sträubt, ihr Werkzeug zu 
sein, so erklärt er sich doch schliesslich zu dem schändlichen Unter- 
nehmen bereit. Männer wie Aeneas und Antenor überliefern ihre 
Vaterstadt den Feinden, und Achill verlässt um die Liebe zu einem 
Weibe die gemeinsame Sache, indem er sich vom Kampfe zurückzieht 

Ein wunderliches Gemisch von alten und neuen Sitten haben wir 
bei den religiösen Gebräuchen. Die Götter sind zwar noch vorhanden, 
es wird ihnen noch in ihren Tempeln geopfert, zu ihnen gebetet, auch 
werden ihre Orakel noch befragt, aber persönlich greifen sie nie in 
die Handlung ein. Zuweilen vergisst Benoit ganz, dass seine Helden 
Heiden sind und lässt sie wie gute Christen ausrufen por Dm (v. 1041), 


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por amor Di (v. 28098), es non Di. Der religiöse Apparat ist fast 
gauz der christliche. In dem Tempel des Apollo befindet sich ein 

kostbares Tabernakel und ein reiches Ciborium , und als Friede 
zwischen Troern und Griechen geschlossen werden soll, trägt man die 
Reliquien aus der Stadt, um auf sie die Eide zu leisten (v. 25705 ff.). 
Troja hat einen Bischofssitz, dessen Inhaber Kalchas ist. Bei den 
Leichenfeierlichkeiten für Hector und Paris kommt der ganze Klerus 
aus dem Bistum zusammen , um zu singen und Messen zu lesen (vv. 
16511 ff., 22962 ff.), und die Trojaner fasten, um ihre gefallenen Freunde 
zu ehren. Neben dem Grabe Hectors gründet Priamus ein Kloster, 
das er reich ausstattet (v. 16801 ff.). Als Helenus von dem Zuge des 
Paris nach Griechenland abrät und den Untergang Trojas verkündet, 
nennt Hector ihn einen provoire und fordert ihn voller Verachtung 
auf, lieber im Kloster zu beten und dort seines Leibes zu pflegen. 

Da es Benoit nicht zweifelhaft sein konnte, dass für den Ausfall 
der Göttergeschichten, welche das Altertum so entzückt hatten, ein 
Ersatz geschaffen werden musste, suchte er durch andere Mittel den 
Hang seiner Leser für das Wunderbare zu befriedigen. 

Abgesehen davon, dass er die durch den Artussagenkreis so be- 
liebt gewordenen Feen als neues Moment einführt (w. 2990 ff., 24404 ff), 
teilt er der Zauberei mit ihren merkwürdigen Erzeugnissen eine wichtige 
Rolle zu. Seine Zauberer, welche poetes , devins , sagte auctors , enchanteors 
heissen, sind aber nicht die Repräsentanten böser Mächte, sondern er- 
findungsreiche Bildner vornehmlich mechanischer Kunstwerke. 

Trei poete, sages auctors 

Qui molt sorent de nigromance 

haben die vier Statuen verfertigt, welche in den vier Ecken der Ala- 
basterkammer auf kostbaren Pfeilern aufgestellt sind und zu leben 
scheinen. Die eine hält einen Spiegel in der Hand, der einem jeden, 
welcher hineinsieht, sein wahres Bild zeigt, die andere tanzt und spielt 
die verschiedensten Spiele, die dritte macht die herrlichste Musik oder 
streut duftende Blumen und die vierte ertheilt jedem den erbetenen 
Rat. Ein kunstvoll gebildeter Adler fliegt ganz natürlich, wenn ein 
kleiner Satyr nach ihm mit einer goldenen Kugel wirft, die immer 
wieder in dessen Hand zurückschnellt (v. 14620—840). Drei weise 
Zauberer sind es auch, die das Tabernakel und Ciborium im Tempel 
des Apollo gemacht haben, und die goldene Fichte vor dem Palast 
des Priamus, welche trotz ihres dünnen Stammes mit ihren Zweigen 
einen grossen Platz beschattet, ist durch artimaire , nigromance und 
grammaire verfertigt (v. 6251 ff.) Zauberer haben endlich noch den 
wunderbaren Mantel der Briseida gewoben (v. 13315 ff.) und aus 


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ihren kunstfertigen Händen ist das Bett Hectors hervorgegangen , in 
dem man weder Schmerz noch Leid empfindet (v. 14859 ff.). 

Wodurch Benoit vor allen Dingen zu fesseln sucht, das sind die 
Liebesgeschichten, welche viele hundert Verse füllen. Die Liebe wird 
in allen Arten und Phasen geschildert, sowol die ungestüme und sinn- 
liche Liebe der Medea, als die reine und keusche Flamme der Po- 
lyxena, die unbeständige und flatterhafte Liebe der Briseida und die 
Liebesqualen Achills und Diomedes, welche sich in langen Monologen 
Luft machen. 

Daneben befriedigt Benoit die Wissbegierde seiner Zeit dadurch, 
dass er lange Auseinandersetzungen in den Text einschiebt, wie z. B. 
gelegentlich des Auftretens der Amazonen eine Erdbeschreibung und 
eine vollständige Geschichte der Amazonen. 

Was Benoits Quellen häufig nur andeuten, führt dieser weiter aus, 
anonymen Personen legt er neue Namen bei, während er die alten 
Namen oft entstellt und verstümmelt. Eigene Zuthaten Benoits sind 
schliesslich noch die bei den mittelalterlichen Dichtern ziemlich stereo- 
typen Schilderungen des Frühlings (vv. 939 ff., 4151 ff). 

Nachdem wir so die allgemeinen Grundsätze kennen gelernt haben, 
nach denen Benoit den antiken Stoff umgeformt und durch die er 
seinem Roman den Stempel des Mittelalters aufgedrückt hat, will ich 
kurze Charakteristiken der vornehmsten Helden und Frauen geben, 
um zu zeigen, in wieweit auch der Charakter des einzelnen von Benoit 
umgeändert ist. Doch damit wir ein klares Bild von dem Inhalt des 
Romans bekommen, will ich die Verse 1—8292 in gedrängter Analyse 
wiedergeben und erst von da ab einzelne Gestalten herausgreifen. 

In der Einleitung spricht der Dichter davon, dass es Pflicht sei, 
das eigene Wissen andern mitzuteilen und sagt, dass er deshalb die 
Geschichte von Troja aus dem Lateinischen in das Französische über- 
tragen wolle. Dem Homer spricht er alle Glaubwürdigkeit ab und 
führt den Troer Dares, der die Belagerung seiner Vaterstadt mit erlebt 
habe, als seinen Gewährsmann an (w. 1 — 140). 

Nach einer kurzen Inhaltsangabe des ganzen Romans beginnt er 
v. 703 mit dem Argonautenzuge. 

Jason, der Sohn des Eson und Neffe des Peleus hat sich schon 
in seiner Jugend durch Tapferkeit und Unternehmungslust solchen 
Ruhm erworben, dass Peleus von ihm für seine Herrschaft fürchtet. 
Um sich seiner zu entledigen, fordert Peleus ihn auf, das goldene 
Vliess von Colcoe zu holen und verspricht ihm nach Ausführung 
dieser That die Herrschaft in seinem Reiche. Der mutige Jüngling 
erklärt sich zu dem sichern Tod bringenden Unternehmen bereit und 
segelt mit Hercules und mehr als 700 thatendurstigen Helden auf der 


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{? 


Argo nach Colcos ab. Als die Argonauten nach mehrtägiger Fahrt in 
Simoneta, einem Hafen bei Troja gelandet sind, um sich von den An- 
strengungen der Seefahrt zu erholen, lässt ihnen der König Laomedon 
von Troja den Aufenthalt in seinem Lande verbieten, und grollenden 
Herzens folgen sie seinem Gebot. Schliesslick kommen sie in Jaconites , 
der Hauptstadt von Coleos , an, wo sie vom Könige Ostes freundlich 
aufgenommen werden. Medea, dessen Tochter, eine in allen Zauber* 
künsten erfahrene, unvergleichlich schöne Jungfrau fasst eine leiden* 
schädliche Liebe zu Jason, und da sie seinen sichern Untergang vor* 
hersieht, sucht sie ihn von seinem gefährlichen Vorhaben abzubringen. 
Als aber Jason unerschrocken darauf besteht, bietet sie ihm ihre 
mächtige Hülfe an, wenn er sie zu seiner Gemahlin machen und mit 
in seine Heimat fortführen will. Trotzdem ihr Jason alles verspricht, 
zweifelt sie aber doch noch an seinem redlichen Willen. Sie lässt ihn deshalb 
in der Nacht zu sich entbieten und sich ewige Treue von ihm schwören. 
Dann geben sie sich den Genüssen der Liebe hin und trennen sich erst 
beim Morgengrauen, nachdem Medea noch zuvor ihn durch Unter- 
weisung geschickt gemacht hat, das schwere Werk zu vollbringen. 
Jason setzt am andern Morgen allein nach der Insel über, auf der 
sich das Vliess befindet, ängstlich verfolgt von den sorglichen Blicken 
der Medea. Nachdem e? sich gesalbt und den Göttern geopfert hat, 
pflügt er mit den feuerschnaubenden Stieren, besiegt den Drachen und 
säet die Zähne desselben in die Furchen, alles wie ihn Medea ge- 
heissen. Gewappnete Ritter wachsen daraus hervor, welche sich gegen- 
seitig umbringen. Ungefährdet nimmt Jason dann das Vliess und 
kommt unter dem Jubel seiner Gefährten zurück, nur der König 
Ostes grollt. Doch erst nach einem Monat und 14 Tagen brechen die 
Argonauten mit Medea nach Griechenland auf. Die weiteren Schick- 
sale der Medea deutet der Dichter mit kurzen Worten an: 

v. 2014 ff. Grant folie fist Medea; 

Trop a la vassal aamä, 

Quant por lui let son parente, 

Son p&re et sa mfere et sa gent 
Puis l’en avint molt malement, 

Car si com li anctors reconte 
Puis la lessa a molt grant honte; 

Elle l’ot gari de la mort 
Puis la lessa, si fist grant tort ; 

Trop l’engingna, 90 peise moi, 

Ledement li menti sa foi. 

Lea deu vers lui s’en corroci&rent, 

Qui trop asprement la vengiferent. 

Jason wird von Peleus bei seiner Rückkehr scheinbar freundlich 


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empfangen. Weiter erfahren wir von ihm nichts, denn Benoit sagt 
v. 2045 — 6: 

De sa vie ne de son fait 

Ne sera plus par moi retrait. 

Die Argonauten, vor allem Hercules, eingedenk der ihnen von 
Laomedon zugefügten Unbill, reizen die Griechen zum Kampfe gegen 
diesen auf, und Castor und Pollux, Telamon, Peleus, Nestor, Hercules 
und viele andere Helden segeln im Frühling nach Troja ab. Unbe- 
merkt landen sie im Hafen Siege bei Troja, und während sich Her- 
cules nebst Telamon und Peleus unter dem Schutze der Nacht bei 
Troja in einen Hinterhalt legen, bleibt der übrige Teil des Heeres 
bei den Schiffen zurück. Kaum erblicken am andern Morgen die 
Troer die Griechen, als sie ihnen mit Laomedon an der Spitze ent- 
gegenziehen und sie so bedrängen, dass die Griechen nur durch das 
Eingreifen der im Hinterhalte gelegenen Scharen, welche inzwischen 
das fast wehrlose Ilion genommen haben, gerettet werden. Jetzt aber 
wird unter den Troern ein schreckliches Blutbad angerichtet. Lao- 
medon fällt von der Hand des Hercules, und siegreich zieht das 
Griechenheer in Troja ein. Mit unermesslicher Beute beladen kehrt 
es nach gänzlicher Zerstörung von Troja n^ch Griechenland zurück. 
Unter den fortgeführten Kriegsgefangenen befindet sich auch Hysiona, 
die Tochter Laomedons, welche Telamon von Herculus als Geschenk 
erhalten hat und zu seinem Kebsweibe macht. 

Wir haben hier die antike Sage entstellt, denn nach ihr ist die 
Veranlassung zu dem Rachezuge des Hercules gegen Troja folgende: 
Herakles findet die Hesione an einen Felsen am Meere angekettet, 
einem Meerungeheuer zum Frasse ausgesetzt. Nachdem er das Un- 
geheuer gegen das Versprechen eines bestimmten Lohnes getötet hat, 
wird ihm dieser von Laomedon vorenthalten, und deshalb überzieht er 
ihn später mit Krieg. 

Nur einer der Söhne Laomedons, Priamus, der grade zur Belage- 
rung eines festen Platzes abwesend war, ist übrig geblieben. Mit 
seiner Gemahlin Hecuba, seinen Söhnen Hector, Paris, Deiphobus, 
Helenus und Troilus, seinen Töchtern Andromache, Cassandra und 
Polyxena und mit den Resten des zerstreuten Troervolkes, kehrt er 
nach Troja zurück und baut die Stadt schöner und herrlicher als 
zuvor auf. Dann sinnt er auf Befriedigung seiner Rachelust an den 
Griechen, die ihm die Schwester entehrt, den Vater getötet und die 
Vaterstadt zerstört haben. Doch um nicht unnötig schweres Leid 
über sein Volk heraufzubeschwören, schlägt er in einer Versammlung 
vor, durch Gesandte um die Zurückgabe seiner Schwester zu bitten. 
Antenor, ein kluger Redner, wird mit dieser Mission an die griechi- 


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sehen Fürsten beauftragt, aber er erntet bei allen nur Hohn und Spott 
und ist froh, unversehrt nach Troja zurückkehren zu können. Da 
ergreift Priamus der Zorn, und der Krieg gegen Griechenland wird 
beschlossen. Vergebens mahnt Hector zur Vorsicht und Besonnenheit, 
vergebens sagt Helenus den Untergang Trojas vorher. Ein Heer wird 
gesammelt und trotz der Mahnungen der Cassandra und des Panthus 
sticht die Flotte unter Führung des Paris in See. Auf der Insel 
Cythera , wo man gerade ein Fest der Venus feiert, landen die Troer. 
Helena und Paris, welche sich im Tempel sehen, fassen eine heftige 
Liebe zu einander. In der Nacht überfallen die Troer den Tempel 
und entfuhren die Helena und viele Gefangene trotz der Dazwischen* 
kunft der Besatzung aus der Festung Helee. Unter grossem Jubel des 
Volkes wird der Einzug in Troja gehalten, und Helena mit grossem 
Prunk dem Paris vermählt. 

Schnell fliegt die Kunde von dieser That durch ganz Griechen- 
land. Agamemnon fordert die Griechen zum Rachezuge gegen Troja 
auf, in Sparta wird von den Fürsten der Krieg beschlossen und Aga- 
memnon zum Oberfeldherrn erwählt. 700,000 Streiter versammeln 
sich beim Beginn des Frühlings zur Abfahrt in Athen. Doch bevor 
sie absegeln, werden Achilles und Patroclus nach Defeis gesandt, um 
das Orakel des Apoll über den Ausgang des Krieges zu befragen. 
Während das Orakel diesen die Zerstörung Trojas nach zehnjähriger 
Belagerung verheisst, verkündet es dem Kalchas, der von den Troern 
gleichfalls zur Befragung des Orakels abgesandt ist, Unglück und be- 
fiehlt ihm, sich den Griechen anzuschliessen und ihnen mit seinem 
Rate zu helfen. Ein widriger Sturmwind hindert die Griechen am 
Auslaufen, und das Meer beruhigt sich nicht eher, als bis Agamemnon 
auf den Rat des Kalchas der erzürnten Diana zu EUda ein Opfer ge- 
bracht hat. Nach glücklicher Meerfahrt landen sie in Tenedos, das 
im Sturme genommen wird. Dann aber bleiben sie lange unthätig bei 
Tenedos liegen, nachdem Ulixes und Diomedes ohne Erfolg als Ge- 
sandte nach Troja geschickt sind, um die Troer zur Herausgabe der 
Helena nebst den geraubten Schätzen und zur gütlichen Beilegung des 
Streites zu bewegen. Nur ein Fouragirungszug des Achilles nach 
Messe fällt in diese Zeit. Erst nach der Ankunft des Palamedes legen 
sich die Griechen vor Troja selbst vor Anker, erzwingen trotz des 
tapfersten Widerstandes der Troer die Landung und schlagen ein be- 
festigtes Lager am Gestade des Meeres auf. Am andern Tage hält 
Hector, welchem Priamus den Oberbefehl über die Truppen über- 
tragen hat, grosse Heerschau und teilt die Troer mit ihren Bundes- 
genossen in 10 Scharen, zu deren Führern er seine Brüder und Ver- 
wandten macht. Agamemnon seinerseits teilt das griechische Heer in 


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30 Abteilungen und giebt diesen ihre Befehlshaber. Dann beginnt 
der Kampf. 

Es würde nun kein grosses Interesse gewähren, ja auf die Dauer 
ermüdend wirken, wenn ich eine Analyse der ganzen Kämpfe geben 
wollte, die sich in grosser Zahl an einander reihen; denn im grossen 
und ganzen ist ihr Charakter immer derselbe. Dieselben Schilde- 
rungen mit fast denselben Ausdrücken wiederholen sich fortwährend. 
Das gemeine Volk, die grosse Menge tritt ganz in den Hintergrund 
und dient den Thaten der Barone nur als Relief. Es wird meist nur 
dann erwähnt, wenn ein berühmter Held Hunderte oder gar Tausende 
niedermäht. Alle Hanptentscheidungen werden durch die grossen Va- 
sallen herbeigefuhrt, und der Fall eines starken Helden wird häufig 
zur Niederlage seiner Partei. Das grösste Gewicht wird von Benoit 
auf die Schilderungen der Einzelkämpfe gelegt. Ein nicht selten vor- 
kommender Typus ist der, dass ein Ritter einen geliebten Freund 
oder Verwandten unterliegen sieht und sich wutentbrannt auf den 
Sieger stürzt, um den Tod seines Genossen zu rächen. Die Nacht 
setzt meistens erst den Kämpfen ein Ziel. Zuweilen dauert eine 
Schlacht mehrere Tage, ja mehrere Wochen und v. 12649 ff. lesen 
wir sogar, dass 80 Tage hinter einander gekämpft wird. Zuweilen 
wird aber auch schon nach einer eintägigen Schlacht ein Waffenstill- 
stand geschlossen, der meistens 30 Tage dauert, doch einmal (v. 14530) 
auch nicht weniger als 6 Monate. Dann werden die Leichen der Ge- 
fallenen verbrannt, die Wunden geheilt, die Befestigungswerke ausge- 
bessert, und die von Kampf und Anstrengung ermüdeten Krieger 
sammeln frische Kräfte. Im ganzen können wir bis zur Zerstörung 
Trojas 21 grosse Schlachten unterscheiden, in denen bald die Troer 
siegen und die Griechen bis in ihr Lager zurücktreiben, ja sogar ein- 
mal einen grossen Teil ihrer Schiffe verbrennen, bald aber auch die 
Troer unterliegen und bis in die Stadt zurückgeworfen werden. Nur 
einige Episoden unterbrechen diese fortwährenden Kämpfe, wie die 
Liebesgeschichten von Troilus, Diomedes und Briseida und von Achilles 
und Polyxena, ebenso eine längere geographische Auseinandersetzung 
bei der Erwähnung des Amazonenreiches und ein grösserer Excurs 
über die Kunstwerke auf der. Burg Ilion. 

Auf die Kämpfe folgen in grosser Ausführlichkeit die Friedens- 
verhandlungen und die endliche Zerstörung Trojas nebst den sich un- 
mittelbar daran schliessenden Ereignissen. Von v. 26484 werden die 
weiteren Schicksale der nach der Zerstörung übrig gebliebenen Troer 
und der in ihre Heimat zurückkehrenden griechischen Fürsten erzählt. 

Nach diesem flüchtigen Ueberblick über das ganze Gedicht will 
ich mit den Charakteristiken beginnen, welche besonders insofern 


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4 

interessant sein werden, als Benoit seinen Personen znm Teil einen 
ganz anderen Charakter giebt wie den, welcher uns von der Lektüre 
des Homer her bekannt ist. 


Priamus. 

König Priamus, der Sohn Laomedons, ist bei der Belagerung 
Trojas bereits ein Greis und nimmt nicht mehr am Kampfe teil. Nur 
nach dem Tode Hectors stürzt er sich in seinem Zorn noch einmal 
in die Schlacht und legt so glänzende Proben seiner Tapferkeit ab, 
dass die Frauen ihm nach dem Kampfe den Preis der Tapferkeit zu- 
erkennen und der Dichter sagt: 

Y. 17105 — 6. Onques mfcs hom de son sage 
De sei ne fist tel vasselage. 

Wie ein schöner Kranz umgeben ihn seine Söhne und Töchter. 
Acht hat ihm seine Gemahlin Hecuba, dreissig haben ihm seine Kebs- 
weiber geboren. Allen ist er in gleicher Weise in zärtlicher Liebe 
zugethan (v. 12434 ff.). Als daher Hector an seinem Todestage in die 
Schlacht eilen will, befiehlt er ihm, von banger Ahnung erfüllt, von 
seinem Vorhaben abzulassen, und als nun doch das Schreckliche ge- 
schehen ist, wirft er sich von unsäglichem Schmerze ergriffen über die 
Leiche seines Lieblingssohnes und wird wie ein Toter hinweggetragen. 

Wie seine Kinder liebt er auch sein Volk. Bei jeder wichtigen 
Sache holt er erst den Rat seiner Vasallen ein, und um seinem Volke 
einen schweren Krieg zu ersparen, den ihm seine Ehre zu führen ge- 
bietet, versucht er zuvor, auf gütlichem Wege sich Genugthuung zu 
verschaffen. Er ist in feiner und höfischer Sitte erfahren (v. 4825 ff) 
und hält auf Herkommen und Recht. Diomedes und Ulixes, welche 
durch ihr keckes Auftreten die Troer gegen sich erbittert haben, 
schützt er vor deren Angriffen und sagt: 

Por C. mars d'or fin nc voidreie 
Que m us d’els eust mal k Troie. 

Seine Ehre und sein guter Name gehen ihm über alles. Mit 
Entrüstung weist er die Friedensbedingungen des Ulixes als schimpflich 
zurück (v. 24520 ff) und nur mit grossem Herzeleid willigt er später in 
den Frieden mit den Griechen ein. Befremden müsste uns nach so 
vortrefflichen Eigenschaften seine Absicht , den gefangenen Thoas 
grausam zu töten und Aeneas und Antenor, deren verräterische Be- 
strebungen er merkt, durch Meuchelmord aus dem Wege zu schaffen, 
wenn uns nicht seine Motive dazu bekannt wären. Denn im ersteren 
Falle fürchtet er von den Griechen für feige gehalten zu werden, falls 
er den Thoas unversehrt lässt, und im zweiten Falle erkennt er zwar 

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das Verwerfliche seiner Handlungsweise, glaubt sich aber doch dazu 
berechtigt, weil man von zwei Uebeln das kleinere wählen müsse 
(v. 24575 ff.). Wie viele Greise hat ihn das Alter misstrauisch und 
vorsichtig gemacht So vermutet er zuerst in dem Anerbieten des 
Achilles, gegen die Hand der Polyxena vom Kampfe abzulassen, eine 
Hinterlist und glaubt fest an eine solche, nachdem Achilles wieder die 
Waffen ergriffen hat (v. 17909 ff). Vorsichtiger Weise verlangt er 
beim Abschluss des Friedens erst Sicherheit von den Griechen, bevor 
ihnen die versprochenen Schätze ausgeliefert werden (v. 25384 ff). 

Seiner tapfersten Söhne und Helfer beraubt, sehen wir ihn schliess- 
lich als Spielball in den Händen des Aeneas und Antenor. Unter 
Wehklagen zerrauft er sein Haar und erweckt unser ganzes Mitleid. 
Die, welche ihm früher zum Kriege geraten haben, lassen ihn jetzt 
schmählich im Stiche und werden an ihm zu Verrätern (v. 24120 — 560). 
Als die Katastrophe über Troja hereinbricht, flüchtet er sich, ein ge- 
brochener Greis, in den Tempel Apollos, wo er den Todesstoss von 
dem grausamen Pyrrhus empfängt (26041 ff). 


Heetor. 

Als die bei weitem hervorragendste Gestalt des ganzen Troja- 
Romans steht unbestritten Heetor da. Er ist der Lieblingsheld des 
Dichters und wird von diesem mit ganz besonderer Liebe und beson- 
derem Fleisse geschildert. Zwar stottert er ein wenig und schielt, 
aber es steht ihm nicht übel (v. 5310 ff), und man vergisst diese 
kleinen Schwächen über den ausgezeichneten Eigenschaften seines 
Körpers und Geistes. Seine Tapferkeit und Stärke findet kaum ihres 
Gleichen. Immer ist er der erste im Kampf und treibt die Griechen 
vor sich her wie die Hunde den Eber (9105 ff, 12081 ff.). So lange 
er an der Schlacht teilnimmt, gehört der Sieg fast immer den Troern 
(v. 7510 ff), sein Anblick erfüllt sie mit neuem Mute (16010 ff). Und 
als er einst der Uebermacht weichen muss und die Blicke der Frauen 
von den Mauern auf sich gerichtet sieht, erfasst ihn ein solches Scham- 
und Zorngefühl, dass er sich wieder in die Reihen der Feinde stürzt 
und furchtbar unter ihnen wütet (v. 14083 ff). 

Zu den grössten Opfern für das Vaterland ist er bereit und gern 
will er sein Leben im Zweikampf mit Achilles auf das Spiel setzen, 
um den Troern weiteres Unglück zu ersparen. An sich selbst denkt 
Heetor zuletzt. Obgleich von vielen Wunden bedeckt, eilt er nach 
der Schlacht nicht nach Hause, sondern besucht erst in voller Rüstung 
die Verwundeten in ihren Wohnungen, um ihnen durch tröstenden 
Zuspruch und hülfreiclies Eingreifen ihr Los zu erleichtern (v. 11555 ff). 


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Für seine Getreuen hat er stets offene Hände, so dass der Dichter 
von ihm sagt v. 5324 — 5: 

Kar si li mondes fust toz siens 
S’il donast il a bone gent. 

Grossmütig schenkt er dem gefangenen Theseus die Freiheit ein- 
gedenk eines ihm erwiesenen Liebesdienstes (v. 9055 ff.) und treibt 
diese Grossmut so weit, dass er sich durch die Bitten seines Vetters 
Aias bewegen lässt, die Troer von der Verbrennung der Schiffe zurück- 
zuhalten (v. 10059 ff.). Im Rat ist er einer der besten (v. 7633 ff), 
Besonnenheit und Vorsicht sind ihm eigen (v. 3751 — 822). Den 

König Thoas, welchen Priamus töten will, rät er aus Klugheit zu 
schonen, und als die Griechen einst einen dreimonatlichen Waffen- 
stillstand erbitten, schlägt er vor, nur eine kurze Frist zu bewilligen, 
um den Feinden keine Zeit zur Verproviantirung zu geben (v. 12830 ff). 
Doch bei alledem ist er bescheiden und sagt v. 12862 ff.: 

Trop i feroie grant orgoil, 

Se desvoloie gie toz sous 
I 90 qui agr 6 e k toz vous. 

Besonders zeigt sich sein bescheidenes und höfliches Benehmen 
gegenüber Achilles. Er verschmäht es nicht, bei ihrem Zusammen- 
treffen ihn zuerst zu grüssen, und während dieser mit ruhmredigen, 
prahlerischen Worten ihn anspricht, antwortet Hector lächelnd in 
einer ruhigen, vornehmen Weise, die Achilles vollends zur Wut reizt 
(v. 13031 ff). 

Alle diese Eigenschaften machen ihn zu einem Hort der Troer, 
auf den sie voll Liebe und Bewunderung schauen (v. 5355 ff.) und 
für den sie Gebete zum Himmel emporschicken (v. 8618 ff). 

Als Hector verwundet vom Kampfe nach Hause kommt, gehen 
ihm Frauen und Männer entgegen, weinend vor Schmerzen und Freude 
(v. 10145 ff.), und als er gefallen ist und sein Leichnam in die Stadt 
gebracht wird, erhebt das ganze Volk ein solches Klagegeschrei, dass 
es im Gedichte heisst: 

V. 16301 — 2: Enprfes li cors est tex li criz 
Que nus ai granz ne fu oiz. 

Die Frauen lieben ihn und lassen es sich nicht nehmen, dem aus 
der Schlacht heimkehrenden die Rüstung auszuziehen und ihn zu 
pflegen (v. 11560 ff.). Während er an seinen Wunden damiederliegt, 
kommen Frauen und Jungfrauen, um ihn zu besuchen (v. 14566 ff.). 
Selbst seinen Feinden gewinnt er Bewunderung ab (v. 13037 ff), und 
das beste Zeugnis seines Wertes stellt ihm Agamemnon aus, wenn er 
sagt v. 10905 ff: 

C’est lor esforz, c’est lor chastiax 
C’est lor apoi, c’est lor chadiax 

2 * 


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20 


C’est lor adox, c’est lor fiance, 

Qo est tote lor atendance 

Qu’il ne font riens, se par lui non 

C’est lor enseigne et lor dragon. 

Nur durch eins wird das schöne Bild, welches uns der Dichter 
von Hector entwirft, entstellt, durch das rohe Benehmen gegen seine 
Gemahlin am Tage seines Todes. Diese Scene berührt uns um so un- 
angenehmer, als Homer grade hier dem Hector ein ganz besonders 
weiches und gefühlvolles Herz giebt und den Abschied von Andro- 
mache zu einer der schönsten und rührendsten Stellen der ganzen Ilias 
gemacht hat. 

Hectors Gemahlin, durch einen bösen Traum erschreckt, sucht 
ihren Gatten vergebens von der Schlacht zurück zu halten. Weder 
ihr Klagen und zärtliches Bitten, mit dem sich das seiner Mutter und 
Schwestern vereint, noch der Anblick seines nnmündigen Sohnes 
Astamantes kann ihn von seinem Vorhaben abbringen, da er in den 
Augen der Troer als Feigling dazustehen furchtet. Und als Priamus 
auf Betreiben der Andromache ihm den Kampf untersagt, fällt sein 
ganzer Hass auf sie und er lässt sich in seinem Zorne fast dazu hin- 
reissen, seine Gemahlin zu schlagen. Er zittert, vor Wut, sein Antlitz 
ist gerötet, seine Augen geschwollen^ und keiner wagt es, ihm zu 
nahen. Doch das Wehgeschrei der geschlagenen Troer treibt ihn 
schliesslich unwiderstehlich in die Schlacht, wo ihn bald das Verhängnis 
ereilt. Achilles durchbohrt ihn mit der Lanze, als er unbedeckt von 
dem Schilde einen König am Helm mit sich fortziehen will (v. 16175 ff.). 
Klagend singt der Dichter: 

Ha las! Com pesante aventure ! 

Taut par es pesme et tant es dure! 

Et com pesante destin6e. 

Bemerkenswert ist, dass Hector 2 Söhne Astamantes und Lando- 
mata hat, während ihm Homer nur einen Namens Astyanax giebt. 

Paris. 

Während Paris uns von Homer als ein weichlicher Feigling ge- 
schildert wird, ist er bei Benoit einer der ersten Helden und wird 
immer mit unter den tapfersten seines Volks genannt (v. 9539 ff., 
21600 ff.). Er ist von ausserordentlicher Schönheit (v. 5427 ff), klug 
und tugendhaft (v. 5430 ff.) und erfreut sich des Schutzes der Göttin 
Venus, welcher er vor Juno und Minerva den Preis der Schönheit zu- 
erkannt hatte. Wegen seiner Geschicklichkeit in der Führung des 
Bogens (v. 5431) macht ihn Hector zum Anführer der bogenkundigen 
Perser, an deren Spitze er viele Feinde mit Bogen und Schwert erlegt 
(11062 ff, 11510 ff, 22675 ff), unter andern den Aias und Palamedes. 


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21 


Im Kampfe mit Achilles aber (9505 ff.) und Menelaus (11225 ff, 
11510 ff) wird er nur durch das Eingreifen anderer Helden vor dem 
Tode bewahrt. Als die Griechen einst in Troja einzudringen ver- 
suchen, gehört er zu denen, an deren tapferm Widerstande in den 
Aussenwerken ihr Versuch scheitert (v. 15905 ff). 

Mit seinen Brüdern verbindet ihn eine herzliche Liebe, welche 
sich besonders bei deren Tode äussert. Denn nach Hectors Fall 
zerrisst er seine Kleider und wirft sich in unendlichem Schmerz über 
dessen Leichnam (v. 16312 ff), während er dem von Palamedes tötlich 
verwundeten Deiphobus Rache an seinem Mörder zu nehmen schwört 
(18822 ff.) und sein Wort wahr macht. Dieser grossen Liebe zu seinen 
Brüdern und dem glühenden Verlangen sie zu rächen, ist es wohl 
nicht am wenigsten zuzuschreiben, dass er zum Meuchelmörder herab- 
sinkt und den Achilles auf den Wunsch seiner Mutter, wenn auch erst 
nach einigem Widerstreben, durch Verrat aus dem Wege schafft 
(21895 ff). Seinen Tod findet er von dem Schwerte des Aias, den er 
vorher tötlich verwundet hat. Nach der antiken Sage stirbt er an 
einer Verwundung, die ihm Philoktet mit einem Pfeile des Hercules 
beibrachte. 


Deiphobus. 

Deiphobus, Priamus’ dritter Sohn, nimmt mit Paris an dem Raube 
der Helena teil, deren warmer Fürsprecher er immer ist. Seinem 
Bruder Helenus an Körper ganz gleich, ist er an Kraft und Mut weit 
überlegen (5365 ff). Aias Telamon kann der Wucht seines Anpralls 
nicht widerstehen und wird vom Rosse gestochen, aber Palamedes 
verwundet ihn tötlich mit dem Speere. Erst als Paris ihm die Nach- 
richt bringt, dass er ihn an seinem Gegner gerächt habe, lässt er den 
Speer auB der Wunde ziehen und stirbt mit der Bitte an Paris, seinen 
Vater und seine Mutter in ihrem Schmerze zu trösten (18655 ff.). 

Helenus. 

Ganz verschieden von dem Heldengeschlechte des Priamus ist 
Helenus, der als ein mit grosser Weisheit begabter Seher dem Kampfe 
fern bleibt (2939 ff, 5370 ff.). Als Paris und Deiphobus zum Kriege 
gegen Griechenland raten, warnt er davor, da er den Untergang des 
trojanischen Volkes voraussieht Aber niemand glaubt seinen Worten 
und sein Bruder Troilus macht ihm sogar den Vorwurf der Feigheit 
(3925 ff). Ein anderes Mal findet er mehr Gehör und setzt es durch, 
dass der Leichnam Achills, welchem die Troer das Begräbnis ver- 
weigern wollen, den Griechen zur Bestattung herausgegeben wird 
(22305 ff). 


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Nach der Zerstörung Trojas wird ihm auf die Bitte Antenors 
Leben und Freiheit geschenkt, und mit seiner Mutter schliesst er sich 
dem Pyrrhus an (t. 26218 ff.). 


Troilus. 

Dem Hector fast in jeder Beziehung gleich ist Troilus, und nach 
dem Tode Hectors füllt er dessen Platz vollkommen aus. Seine 
Schönheit kann nicht genug gepriesen werden (5380 ff.). Fujcht 
ist ihm fremd, Kampf und Arbeit sein Element Er sagt: 

Peine et trav&il por pris aveir, 

Devons plus amer qu’altre aveir. 

So mild und freundlich er gegen seine Freunde ist, so furchtbar 
ist er seinen Feinden (5385 ff.). In der Schlacht wütet er wie ein 
Löwe, keiner kann ihm ungestraft Stand halten (15567 ff, 20993 ff). 
Immer ist er im dichtesten Kampfesgewühl (21393). und die Griechen 
fürchten ihn so, dass Benoit sagt v. 20825 ff: 

Onques le cors d’un Chevalier 
D&s lo derrain jusqu’al premier 
Ne fu plus cremuz ne dotez. 

Agamemnon, Menesteus und Achilles empfinden seinen starken 
Arm, und mit seinem Todfeinde Diomedes misst er sich drei Mal im 
Kampfe, da ihm dieser das Herz der Briseida gestohlen hat. Nächst 
Hector erkennen ihm die Frauen den Preis der Tapferkeit zu (10225 ff), 
und als Hector gefallen, wendet sich auf Troilus im gleichen Masse 
die Verehrung und Bewunderung der Troer. Sie flehen zu den 
Göttern, ihn vor Tod und Gefangenschaft zu schützen (20597 ff.), und 
wie dem Hector so ziehen auch ihm die Frauen und Jungfrauen seine 
Rüstung aus und pflegen seiner (20607 ff.). Auch er sollte nicht im 
ehrlichen Kampfe Mann gegen Mann fallen, sondern Achilles schlägt 
ihm, als er wehrlos unter seinem getöteten Pferde am Boden liegt, 
das Haupt ab und schändet seinen Leichnam, indem er ihn an den 
Schweif seines Rosses bindet und durch den Staub schleift. Doch der 
tapfere Mennon gewinnt die kostbare Beute zurück. Der Jammer 
über seinen Tod ist in Troja grenzenlos, da mit ihm die stärkste Stütze 
der Stadt gefallen ist (v. 21653 ff). 

Antenor. 

Antenor, einer der vornehmsten Trojaner, ist reich und mächtig 
(3234 ff.) und durch seine grosse Verwandtschaft ein einflussreicher 
Mann in Troja. Klug und beredt (3379) ist er ein vertrauter Freund 
und Ratgeber des Priamus (11632), und dieser glaubt keinen bessern 
als ihn nach Griechenland schicken zu können, um die Herausgabe 
seiner Schwester Hysiona zu erlangen, Aber er rechtfertigt schlecht 


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das in ihn gesetzte Vertrauen und wird zum Verräter an seinem Volke. 
Wie Polidamas, Aeneas und Anchises des Krieges müde, sehnt er sich 
nach Frieden und rät denselben gegen Zurückgabe der geraubten 
Schätze und der Helena, die schon so namenloses Elend über Troja 
gebracht habe, zu erkaufen. Deshalb sucht Priamus, der nichts von 
Frieden wissen will .und den Einfluss des mächtigen Vasallen furchtet, 
diesen durch Meuchelmord aus dem Wege zu schaffen. 

Als aber Antenor sein Leben bedroht sieht, wird er zum Verräter 
und verschwört sich mit den anderen Unzufriedenen, die Stadt gegen 
Sicherheit ihrer Familien und ihrer Habe den Griechen zu überliefern. 
Von dem zur Nachgiebigkeit gezwungenen Priamus mit den Friedens- 
verhandlungen beauftragt, zettelt er im griechischen Lager den Verrat 
an, und als ihn Priamus am andern Tage auffordert, das Resultat 
seiner Verhandlungen dem versammelten Volke kund zn thun, weiss 
er durch den Hinweis auf die gemeinsame Abstammung der Troer 
und Griechen von Pelops, durch die beredte Schilderung der traurigen 
Lage und durch das Hervorheben der Ungunst der Götter das Volk 
zu bewegen, einmütig zusammen zu treten und den Frieden um die 
Helena und reiche Schätze zu erkaufen (v. 24905 ff). Mit Aeneas 
wird er zum Friedensvermittler bestimmt. Um sich die Gunst der 
Griechen noch mehr zu gewinnen, entdeckt er dem Ulixes und Dio- 
medes das Geheimnis des Palladiums und entführt es auf ihren Wunsch 
mit Hülfe des Priesters Theano aus dem Tempel der Minerva in das 
griechische Lager (25505 — 860). Auch überredet er mit Aeneas die 
Troer, das hölzerne Pferd in die Stadt aufzunehmen (v. 25780 ff). Als 
die Griechen Troja überfallen, dient er ihnen als Führer (26031 ff). 
Doch ist die Liebe zu seinem Vaterlande noch nicht ganz in ihm er- 
loschen, denn er bittet für Helenus und Andromache bei den griechi- 
schen Fürsten um Gnade und erwirkt ihre Befreiung (26111 ff). 

Nach langen Irrfahrten kommt er schliesslich nach dem adriati- 
schen Meere und lässt sich in Italien nieder, wo er die Stadt Corehirre 
erbaut und allmählig durch Zuzug der in Troja zurückgebliebenen 
Landsleute verstärkt ein mächtiges Reich gründet (27385 ff). 

Polydamas. 

Gleichfalls zu den Verrätern gehört der sonst so vortreffliche 
Polydamas, der Sohn Antenors. Hector schätzt den tüchtigen Helden 
wert und macht ihn zum Anführer der Lisonier (6906). Freudiger 
Kampfesmut beseelt ihn, als er zum ersten Male seine Scharen zum 
Streite mit den verhassten Feinden führt. Wackere Helden unter- 
liegen seinem Arme und Diomedes muss ihm sein Ross überlassen. 
Als die Troer einst bis vor die Stadt zurückgeworfen werden, leistet 


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er ihnen mit Troilus und Paris unter den Mauern energischen Wider- 
stand und tötet ihrer so viele, dass er im Blute watet (v. 15915 ff.). 
Mit Troilus ist er durch Freundschaft eng verbunden und Priamus 
hat ihn wegen seiner Klugheit mit unter seine Ratgeber berufen. 
Dass auch er zum VeiTäter gestempelt wird, ist wohl nur auf das 
nahe Verwandtschaftsverhältnis mit Antenor zurückzufuhren. 

Kalchas. 

Eine wenig sympathische Erscheinung ist der Seher Kalchas. Der 
Dichter hat ihn vor ein hartes Dilemma gestellt, denn er hat zu 
wählen zwischen Ungehorsam gegen die Götter und Verrat am Vater- 
lande. Als Priester ordnet er sich dem Willen der Götter unter, ob- 
gleich er das Schimpfliche seiner That fühlt und sein Herz ihn zu den 
Troern hinzieht. Seiner Tochter Briseida, die ihm deshalb bittere 
Vorwürfe macht, antwortet er: 

Se il fußt a mon talent 
Ceste orre alast tot altrement 
Nus hom ne seit la grant dolor 
Qu'en souffre mis euer nuit et jor. 

Seine Landsleute verachten ihn wie einen Hund und Priamus 
schwört, ihn mit Pferden zerreissen zu lassen, wenn er seiner habhaft 
werden kann (12970 ff.). Den Griechen leistet er grosse Dienste. Er 
richtet ihren gesunkenen Mut wieder auf (12643 ff.), und als Diomedes 
und Ulixes zum Frieden mit den Troern raten, ermahnt er sie, tapfer 
auszuharren, da bei den Göttern der Untergang Trojas beschlossen sei 
(19912 ff.). Auf seinen Rat erbauen die Griechen das hölzerne Pferd 
(25618 ff.) und auf seinen Rat muss Polyxena als Sühnopfer fallen 
(26281 ff.). 


Aeueas. 

Eine ähnliche Rolle wie Antenor spielt Aeneas. Wenn sein 
Aeusseres auch wegen seines kleinen, dicken Körpers, seiner roten 
Haare und seines roten Bartes (v. 5441 ff.) nicht vorteilhaft ihn aus- 
zeichnet, so ist er doch tapfer im Kampfe, klug im Rat und ge- 
wandt in der Rede. Mit überzeugenden Gründen weiss er den Priamus 
von der Ermordung des Thoas abzuhalten (11658 — 89), während er 
geneigt ist, den Diomedes und Ulixes bei ihrer Mission an Priamus 
ihre hochfahrenden Worte teuer entgelten zu lassen (6405 ff.). 

Doch auch er wird wie Antenor zum Verräter seines Vaterlandes 
und führt mit diesem gemeinschaftlich das Unglück über Troja herbei 
Im Vertrauen auf seine Macht antwortet er dem Priamus trotzig, als 
ihn dieser wegen seiner Neigung zum Frieden tadelt (v. 24545 ff.). 
Bei der Zerstörung Trojas sehen wir ihn die ohnmächtig zusammen* 


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gebrochene Polyxena auf die Aufforderung der Hecuba in sein Haus 
tragen, obgleich ihm die letztere mit kränkenden Worten seine Schurkerei 
▼orgeworfen hat, und sie vor den Griechen verbergen. Zur Strafe 
dafür soll er Troja verlassen. Doch wird ihm Zeit gegeben, zuvor 
seine Schiffe auszurüsten. Er ruft die Überbleibsel der Troer zu- 
sammen und verheisst ihnen seinen Schutz, wenn sie sich ihm an- 
schliessen wollen (27240 ff.). Nach der Abfahrt der Griechen aber ist 
seines Bleibens nicht mehr lange in Troja, da ihn die umwohnenden 
Völker beständig angreifen. Sobald daher die Schiffe ausgerüstet sind, 
sticht er in See und lässt sich nach langem Umherirren in Lombardie 
nieder (v. 28082 ff.). 

Von seinem Vater Anchises erfahren wir weiter nichts, als dass 
auch er zu den Verrätern gehörte (v. 24630 ff.). 

Memnon. 

Der hervorragendste Held unter den Hülfsvölkern der Trojaner 
ist Memnon, der aus dem fernen Aethiopien herbeigeeilt war. Zwar 
ist er nicht gewandt in der Rede (5475 ff.), aber ohne Furcht und 
Tadel und bildet nach dem Tode Hectors nebst Troilus die Haupt- 
stütze der Troer. Als bei Hectors Falle die Troer bestürzt fliehen, 
hält er Achilles mutig stand und kämpft mit ihm so tapfer, dass beide 
schwer verwundet aus der Schlacht getragen werden müssen (16210 ff.). 
Ein anderes Mal erobert er den Leichnam des Troilus zurück, der von 
Achill so grausam geschändet wird, und setzt dem Achill so zu, dass 
dieser 8 Tage lang an seinen Wunden darniederliegt. 

Doch sobald Achilles wieder im Kampfe erscheint, stürzt dieser 
sich mit den Myrmidonen auf Memnon, welcher bald der Uebermacht 
unterliegt (v. 21545 ff.). Seine Leiche wird in einem kostbaren Sar- 
kophag neben der des Troilus beigesetzt und später von seiner 
Schwester Helena nach ihrem Vaterlande Palioton geholt, wo sie in 
einem reichen Tempel ihre letzte Ruhestätte findet 

Nachdem wir so die bedeutendsten Helden der Troer schnell an 
uns haben vorüberziehen lassen, sei es uns auch vergönnt, ein Bild 
der trojanischen Frauen zu entwerfen, die einen so wichtigen Platz im 
Troja-Roman einnehmen. 


Hecuba. 

Hecuba, die Gemahlin des Priamus, ist eine schöne Erscheinung 
mit etwas männlichem Aussehen (5489 ff) und besitzt eine für Frauen 
ungewöhnliche Klugheit. Sie versteht die Begeisterung der trojanischen 
Helden durch kluge Worte wach zu erhalten, indem sie auf deren und 
des trojanischen Königshauses gemeinsame Interessen hinweist. 


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Eine zärtliche Matter ihrer Kinder, muss sie es erleben, dass ein 
Sohn nach dem andern dnrch das Schwert dahingerafft wird. Rührend 
sind ihre Klagen an der Leiche Hectors und gehören anstreitig za 
den schönsten Stellen des ganzen Romans: 

Filz, dolz amis, p&rlez k mei, 

Vos n’estes mie morz, 90 crei, 

Mal fetes qu’ä mei ne parlez. 

Ovrez ces ielz si m’esgardez. 

Filz dolz, vos nes poez ovrir. 

In ihrer Verzweiflung wünscht sie sich den Tod and, hadert mit 
den Göttern (16411 ff.). Als auch noch Troilus, der ihre letzte Hoff- 
nung war, von der Hand Achills gefallen ist, vergisst sie sich in ihrem 
Schmerze so weit, dass sie den Göttern flacht and ihnen die Schuld 
an allem Unglück zuschreibt (21668 ff). Mächtiger aber als das Ge- 
fühl des Schmerzes wird bald das der Rache. Mit Freuden war sie 
auf das Anerbieten Achills, gegen die Hand der Polyxena vom Kriege 
abzulassen, eingegangen und hatte auch Priamus mit klugen Worten 
für den Plan gewonnen. Nach der Wiederaufnahme des Kampfes 
durch Achilles zweifelt sie noch nicht an der Redlichkeit seiner Ab- 
sicht. Doch nachdem erHector getötet hat, erblickt sie in ihm einen 
Verräter und ihre Zuneigung verwandelt sich in glühenden Hass, vor 
dem jedes weibliche Gefühl aus ihrer Brust weicht Paris gewinnt sie 
für ihren Plan, Achill durch Meuchelmord zu beseitigen und lockt den 
Achilles durch eine falsche Botschaft in den Tempel des Apollo, wo 
er als Opfer ihrer Rache unter den Streichen des Paris und seiner 
Genossen füllt Diese That wird der Dichter im Auge haben, wenn er 
von ihr sagt: N’aveit pas feminin talant. 

Bei der Zerstörung Trojas begegnet sie auf der Flucht mit Po- 
lyxena dem Aeneas, welchem sie mit entehrenden Worten seine Ver- 
räterei vorwirft Aber sie appellirt auch zugleich an seine Vaterlands- 
liebe, indem sie ihm die Rettung ihrer Tochter ans Herz legt (26060 ff). 
Durch die Bitten des Helenus von griechischer Knechtschaft befreit, 
nimmt sie bald ein schreckliches Ende. Denn als Pyrrhus vor ihren 
Augen die Polyxena opfert, wird sie vor Schmerz und Zorn wahn- 
sinnig, und da sie sich ganz unbändig geberdet, die griechischen Fürsten 
beschimpft und wie ein Hund um sich beisst, steinigt man sie zu Tode 
(v. 26444 ff). 


Androm&che. 

Ebenso ausgezeichnet durch ihre Schönheit wie durch die innige 
Liebe zu ihrem Gatten Hector ist Andromache. Da ihr die Götter 
durch Zeichen und Gesichte verkündigt haben, dass ihrem Gemahl ein 
grosses Unglück droht, bittet sie Hector inständig, dem Winke der 


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Götter za folgen and nicht in den Kampf zu gehen. Als ihr Bitten 
vergebens ist, wendet sie sich in ihrer Bekümmernis an Priamus, 
welcher Hector den Kampf untersagt Doch trotzdem legt dieser vor 
ihren Augen die Rüstung an, und obgleich sie in den rührendsten 
Tönen klagt und fleht, und die Frauen, welche sie in ihrer Herzens* 
angst zu Hülfe herbeigeholt hat, ihre Bitten mit denen Andromaches 
vereinigen, besteht Hector gleichwohl auf seinem Vorhaben. Da ge- 
berdet sie sich wie eine Wahnsinnige, schlägt ihre Brüste und zerrauft 
ihr Haar. Aber noch einen letzten Versuch wagt sie. Mit ihrem 
kleinen Sohn Astarnantes fallt sie ihm zu Füssen und beschwört ihn, 
wenigstens mit dem hülflosen Knaben Mitleid zu haben und ihn nicht 
verwaisen zu lassen. Ohnmächtig fällt sie zur Erde nieder, ohne auch 
hierdurch das Herz ihres Gemahls zu erweichen (v. 15203 ff.). Als 
nun schliesslich das Gefürchtete geschehen ist und der tote Körper 
Hectors vor ihren Füssen liegt, weint und schreit sie so sehr, dass sie 
fast das Leben aushaucht (16413 ff.). Bei der Zerstörung der Stadt 
wird sie von den Griechen aus einem Tempel geschleift und hätte den 
Tod erlitten, wenn nicht Aias sie in seinen Schutz genommen hätte 
(v. 26108 ff.). Nachdem Helenus von den griechischen Fürsten ihre 
Freiheit erwirkt hat, folgt sie dem Pyrrhus in seine Heimat Doch 
da ihr hier von Hermione, der neuvermählten Gattin des Pyrrhus 
nach dem Leben getrachtet wird, begiebt sie sich unter den Schutz 
des Volkes und folgt nach der Ermordung des Pyrrhus mit ihrem 
Sohn Landomata dem Peleus und der Thetis in deren Reich, wo sie 
von Pyrrhus noch einen Sohn Achillides gebiert (29437 ff.). 

Gassandra. 

Was Helenus unter den Söhnen des Priamus, ist Cassandra unter 
den Töchtern desselben. 

v. 5513: Des arz ®t des segrez devins 

Saveit les somes et les fing 
De la chose qui aveneit 
Diseit tot quant il en esteit 

Vermöge ihrer Sehergabe sieht sie den Untergang Trojas voraus 
und verflucht deshalb die Helena als die Ursache alles Unglücks. Sie 
klagt über die Stadt, die bald öde liegen, über Priamus r der seiner 
Söhne beraubt werden wird und über die Frauen und Jungfrauen, die 
ihre Angehörigen werden dahinsterben sehen. In einem Turm, in den 
sie Priamus werfen lässt, verhallen ihre Klagen für lange Zeit. Erst 
bei dem Begräbnis ihres Bruders Cassibelan lässt sie ihre warnende 
Stimme wieder vor dem Volke hören und flösst vielen Besorgnis da- 
durch ein, weshalb man sie von neuem einsperrt (v. 10385 ff.). Aber 


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als die Not in Troja steigt und die Götter die dargebrachten Opfer 
verschmähen, da nimmt man zu Cassandra seine Zuflucht, um den 
Zorn der Götter abzuwenden (v. 25483 ff.). Bei dem Untergang Trojas 
flieht sie in den Tempel der Minerva und durch Aias dem Tode ent- 
rissen, wird sie bei der Verteilung der Beute dem Agamemnon ge- 
geben. Diesem verkündet sie den Tod in seinem eignen Hause und 
auch den andern Helden sagt sie Verbannung oder Tod voraus 
(v. 27063 ff.). Weiter erfahren wir nichts von ihr. 

Polyxena. 

Die vom Dichter mit am meisten Liebe geschilderte Frauengestalt 
ist Polyxena, was wir schon aus dem rein äusserlichen Umstande ent- 
nehmen können, dass er zu ihrer Beschreibung noch einmal so viel 
Verse gebraucht als zu der der übrigen Frauen (v. 5521 ff.). Der 
Helena steht sie an Schönheit nicht nach, und die Männer streiten sich 
darüber, welcher von beiden der Preis der Schönheit gebührt (v. 14574 ff). 
Achilles, der sie nur einmal gesehen hat, ist von ihren Reizen so be- 
zaubert, dass er sie zur Gemahlin begehrt und ihretwegen die allge- 
meine Sache im Stiche lässt. Auch ihr ist der edle Held nicht gleich- 
gültig, und als er wieder den Kampf aufiiimmt, schmerzt es sie sehr 
und nach seiner Ermordung ergreift sie gerechter Zorn gegen ihre 
Mutter. Doch da sie fürchtet, dass ihr Unwille schlecht gedeutet 
werden könnte, schweigt sie bald (v. 22380). Bei der Zerstörung 
Trojas verbirgt sie Aeneas in seinem Hause, als aber Kalchas ver- 
kündet, dass nur durch ihren Tod das aufgeregte Meer beruhigt und 
der Mord des Achilles gesühnt werden könne, wird sie nach langem 
Suchen von Antenor aus ihrem Versteck hervorgezogen und dem Aga- 
memnon gegeben, welcher sie Pyrrhus schenkt. Das ganze Volk be- 
weint das Loos der Unglücklichen und keiner kann die unschuldige, 
von glänzender Schönheit strahlende Jungfrau ansehen, ohne Mitleid 
mit ihr zu empfinden. Doch sie selbst sieht mutig, ja freudig dem 
Tode entgegen und verschmäht es, um Gnade zu bitten, da sie nach 
so grossem Unglück das Leben für nichts mehr achtet und als Jung- 
frau aus demselben scheiden will Auf dem Grabe Achills empfängt 
sie .von der Hand des grausamen Neoptolemus den Todesstoss 
(v. 26335 ff). 


Penthesilea. 

Einzig in ihrer Art steht die Amazonenkönigin Penthesilea da, 
welche mit 1000 Jungfrauen den Trojanern zu Hülfe kommt Um 
Ruhm und Reichtum zu gewinnen und den von ihr geliebten Hector , 
zu sehen, ist sie aus ihrem Lande aufgebrochen; doch als sie in Troja 


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ankommt, ist Hector schon gefallen nnd sie kann weiter nichts für 
ihn thun, als seinen Tod an den Griechen rächen. Wunder der Tapfer- 
keit ▼errichtet ihr starker Arm, und bald wird sie den Griechen 
so furchtbar, dass diese gezwungen sind, wieder in ihr altes Lager 
zurückzukehren (v. 23635 ff.). Alle erkennen ihr den Preis der Tapfer- 
keit zu und Priamus ehrt sie hoch und beschenkt sie reich (23635 ff.). 
Gegen Menelaus, Diomedes und Telamon kämpft sie mit Glück und 
bis zur Ankunft des Neoptolemus sind die Griechen immer im Nach- 
teil. Erst dieser vermag die Penthesilea nach harten Kämpfen zu be- 
siegen (v. 24179 ff.). Ihre Leiche, welche die Griechen in ihrem Hass 
in den Achander werfen, wird erst beim nächsten Waffenstillstand aus 
dem Flusse gezogen und in Troja unter allgemeiner Trauer mit grossem 
Prunke beigesetzt (24330 ff.). 

Briseida. 

Als letzter unter den Troerinnen sei der Briseida, der Tochter 
des Kalchas gedacht. Als sie auf Verlangen ihres Vaters in das grie- 
chische Lager übersiedeln soll, weint und klagt sie, dass sie sich von 
ihrem Geliebten Troilus trennen muss. Sie schwört ihm ewige Treue, 
und beim Abschied ist des Seufzens und Klagens kein Ende. Mit 
reichen Gewändern angethan, verlässt sie in Begleitung der Königs- 
söhne tief betrübt die Stadt. Doch der Dichter deutet schon auf ihre 
baldige Sinnesänderung hin, indem er sagt (v. 13405 ff.): 

Par tens aura tot oubli£ 

Et son corage si muä 

Que poi li ert de cels de Troie. 

Noch einmal versichert sie dem Troilus ihre unendliche Liebe, bevor 
sie von Kalchas, der ihr mit den griechischen Fürsten entgegenkommt, 
in Empfang genommen wird. Unter dem frischen Eindruck des eben 
Erlebten weist sie freilich die Bewerbungen und Galanterien des Dio- 
medes, welcher eine heftige Liebe zu ihr gefasst hat, zurück, jedoch 
in einer Weise, welche den Diomedes zu neuen Anstrengungen er- 
mutigt: 

Que parait bien a son senblant 
Que n’esteit mie trop salrage. 

Ihrem Vater zeigt sie sich noch rinmal als echte Troerin, indem sie 
ihm bittere Vorwürfe macht, dass er zum Verräter an seinem Vater- 
lande geworden ist (13648 ff.). Doch als am nächsten Tage die grie- 
chischen Fürsten, welche grosse Bewunderer ihrer Schönheit sind, ihr 
grosse Ehre erweisen und sie mit freundlichen Worten trösten, lässt 
sie dies bald ihre Vergangenheit vergessen, und schon ehe der dritte 
Abend kommt, hat sie kein Verlangen mehr nach Troja zurückzu- 
kehren (13815 ff.). 


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Dass Diomedes sie heiss liebt, weiss sie nur zu wohl. Sie erhört 
aber nicht gleich seine Bitten sondern gefällt sich darin, sich hart 
und znrückweisend gegen ihn zu zeigen und ihn mit ihren Launen zu 
quälen. Sie macht ihn jedoch nicht ganz mutlos, und als Diomedes 
ihr in unzarter Weise das erbeutete Ross des Troilus als Geschenk 
übersendet, ist sie zwar scheinbar ungehalten darüber, lässt ihm jedoch 
sagen, dass es Unrecht sein würde ihn zu hassen, da er sie so sehr 
liebe (14277 ff.)« Um ihm ein anderes Mal ein sichtbares Zeichen 
ihres Wohlwollens zu geben, reisst sie ein Stück aus ihrem Ärmel 
zum Wimpel für seine Lanze. Hinter all dieser Koketterie steckt 
aber auch wahre Liebe, die sich in ihrem aufrichtigen Schmerze über 
seine Verwundung deutlich zeigt (20195 ff.). Troilus hat ganz ihr 
Herz verloren, und obgleich sie das Unrecht fühlt, welches sie an ihm 
begangen und sich selbst der Leichtfertigkeit und Unbeständigkeit 
zeiht, kommt doch ein ernstliches Gefühl der Reue nicht mehr in ihr 
auf, denn, sagt sie: En ce na mh recovrement. Sie nimmt sich vor, 
ganz der Zukunft zu leben und dem Diomedes eine treue Gemahlin 
zu werden (v. 20230 ff). 

Helena. 

Wenn Helena schliesslich als geborene Griechin unter den Troe- 
rinnen auch noch ihren Platz findet, so geschieht dies deshalb, weil 
sie nicht nur äusserlich durch ihre Vermählung mit Paris sondern 
auch ihrer ganzen Gesinnung nach eine Troerin geworden ist. 

Benoit schildert sie als unvergleichlich schön und weiss kaum 
Worte genug dafür zu finden (4304 ff, 5100 ff, 10129 ff). In dem 
schönen Körper aber wohnt wie nicht selten bei schönen Frauen ein 
leichtfertiges Gemüt Kaum hat sie deshalb Paris auf Cythera im 
Tempel der Venus gesehen, als sie schon von heftiger Liebe zu ihm 
entbrennt, und nachdem Paris sie geraubt hat, sagt der Dichter 
von ihr: 

V. 4489: Ne 80 fist mie trop ledir 

Bien fist senbl&nt de consentir. 

Auf der Fahrt über das Meer und bei ihrer Ankunft in Sigaeum ist 
sie zwar traurig und jammert nach ihren Verwandten und ihrer Heimat, 
aber bald findet sie sich in ihr Schicksal und giebt als Grund ihrer 
Sinnesänderung an: 

v. 7300: 86 Den planst 

Ja ne volsisse qne si fust; 

Et quant gie vei 90 et entent 
Qne il ne puet estre altrement 
Si nos covendra k soffrir 
Voillons on non, yostre plaisir. 


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Paris führt sie als Gemahlin heim, und von allen Verwandten des 
Paris mit Ausnahme der Kassandra wird sie geachtet und geehrt Und 
in der That macht sie sich in Troja dieser Verehrung würdig, da sie 
ihrem Gemahl die aufopferndste und zärtlichste Gattin und seinen 
Brüdern die liebevollste und fürsorglichste Schwester ist« Zeigt sie 
schon bei Hectors Tode einen tiefen, ungeheuchelten Schmerz, so ist 
ihre Trauer noch grösser über den Fall von Paris. Sie fürchtet ein 
Fluch der Menschheit zu sein und verwünscht die Stunde ihrer Ge- 
burt, durch welche so grosses Unheil über die Welt gekommen und 
das Blut so vieler Edlen vergossen sei. Mit Thränen benetzt sie den 
Leichnam und küsst und umarmt ihn, so dass sie sich aller Herzen 
noch mehr gewinnt und die Königin sie wie eine Tochter hält (23010 ff.). 
Als Friede geschlossen werden soll, fürchtet sie von Menelaus Schande 
und Tod. Doch dieser fügt ihr kein Leid zu, sondern bewahrt sie 
vielmehr mit Hülfe des Ulixes vor dem Verderben, welches ihr Aias 
und die meisten griechischen Fürsten zugedacht hatten. 

Nachdem wir mit Helena die Reihe der Troer und Troerinnen ab- 
geschlossen haben, wollen wir uns zu der Beschreibung der griechischen 
Helden wenden. 


Der Telamonier Mm , 

Einer der stärksten und unerschrockensten Helden war Aias^ der 
Sohn des Telamon und der Hesione. Zweimal errettete er die Griechen 
aus der grössten Not. Schon waren einst die Troer unter Anführung 
Hectors in das griechische Lager gedrungen und hatten 300 Zelte be- 
reits davongetragen, als Aias mit Hector im Kampfe zusammentraf. 
Erst nachdem die beiden Vettern eine Weile mit einander gekämpft 
hatten, erkannten sie sich. Sie brachen den Kampf ab, umarmten und 
küssten sich vor Freude, und Hector zog in seinem Grossmut auf die 
Bitten des Aias die Troer von den Zelten zurück (10065 ff.). Ein an- 
deres Mal rettete er die Schiffe, welche zum Teil schon von den 
Troern in Brand gesteckt waren, von gänzlicher Vernichtung, indem 
er die Griechen zur Tapferkeit anfeuerte und so wacker kämpfte, dass 
der Dichter von ihm sagt: 

Que s’il ne fast, 90 dit l’escrit 
Mort fassent tait et les n 6es arses. 

Wenn nach diesen beiden Beispielen wohl kaum noch angeführt zu 
werden braucht, dass er einst die Myrmidonen vor dem Untergange 
bewahrte, so verdient doch das noch zu seinem Lobe hervorgehoben 
zu werden, dass er die hülflosen Frauen und Kinder, welche bei der 
Zerstörung Trojas aus dem Tempel gerissen waren, unter seinen Schutz 
stellte und sich ihrer ritterlich annahm (26111 ff,). Einen solchen Zug 


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hätten wir kaum von einem Manne erwartet, der bald darauf das Blut 
der Helena verlangte (26176 ff.). Tragisch ist sein Untergang. Mit 
Diomedes und Ulixes tritt er als Bewerber um das Palladium auf und 
hält sich wegen seiner grossen Verdienste dieses Geschenkes für am 
würdigsten (v. 26503 ff.). Als nun aber wider sein und aller Erwarten 
Agamemnon und Menelaus dem Ulixes das Palladium zusprechen, gerät 
er in eine so furchtbare Wut, dass er fast den Verstand verliert und 
die schrecklichsten Drohungen gegen seine Widersacher ausstösst 
(26961 ff.). Am andern Morgen findet man seinen Leichnam entsetzlich 
verstümmelt, ungewiss ob durch eigene oder fremde Hand (26983 ff.). 

Agamemnon. 

Das Haupt und die Seele des ganzen griechischen Heeres war 
Agamemnon, König von Mycene. Nicht nur durch Macht (5588), 
sondern auch durch seine Klugheit und Umsicht war er so hervor- 
ragend (5005, 5130, 5695, 6068, 7387), dass die Griechen ihn zum 
Oberbefehlshaber ernannten (5005). Seine Würde machte ihn nicht 
stolz und hochfahrend, vielmehr warnte er die Griechen, vor dem Stolz 
als dem schlimmsten aller Uebel und veranlasste sie, durch Gesandte 
von Priamus die Herausgabe der Helena und der geraubten Schätze 
zu verlangen, bevor man den Krieg begann (6067 ff.). In der Not 
stärkte und ermutigte er das Heer, indem er ihm das ruhmvolle Bei- 
spiel der Vorfahren vorhielt (10923 ff.), und so viel vermochte er im 
Verein mit Nestor durch seine Worte von Achilles zu erlangen, dass 
dieser wenigstens die Myrmidonen wieder in den Kampf ziehen liess 
(20399 ff.). 

Alle waren mit seiner Leitung zufrieden, nur Palamedes nicht 
(16900 ff.). Neidlos gesteht Agamemnon die Vorzüge des Palamedes 
zu und ist gern bereit, von seiner Würde zurückzutreten, wenn die 
Griechen einen tapferem und klügeren als ihn wählen werden, da er 
nichts sehnlicher als den Sieg wünscht (16865 ff.). Nach Palamedes 
Fall aber wird er auf Nestors Rat wieder zum Anführer gewählt, da 
man keinen bessern und der Herrschaft würdigeren finden konnte 
(19060 ff.). 

So beliebt Agamemnon vor der Einnahme Trojas gewesen war, 
so verhasst machte er sich nach derselben dadurch, dass er das Pal- 
ladium dem Ulixes zusprach (26931 ff.). Er war daher froh, dass man 
ihm gestattete, vor den andern die Rückkehr antreten zu dürfen 
(27169 ff.). Doch zu Hause wurde ihm ein schrecklicher Empfang be- 
bereitet, wie ihm Kassandra geweissagt hatte (26195 ff«), denn seine 
Gemahlin CUmmtra, die den Aegisth geheiratet hatte und deshalb den 


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33 


Zorn Agamemuons fürchtete, ermordete letzteren mit Hülfe ihres 
Bahlen in der ersten Nacht (27925 ff.). 

Ulixes. 

Ulixes ist bei Benoit weniger der tapfere Held als vielmehr der 
schlaae and vielgewandte Redner, voll von Lug and Trug, aber dabei 
freigebig (5186) und der höfischste Mann im ganzen Heere (12808). 
Daher fehlt er bei keiner wichtigen Gesandtschaft. Mit Diomedes 
überbringt er dem Priamus die Friedensbedingungen der Griechen, 
wobei er durch sein keckes und dreistes Auftreten sich den Unwillen 
der Troer zuzieht (6276 ff r ). 

Mit Diomedes wird er einst noch in der Nacht nach Troja ge- 
schickt, um einen Waffenstillstand zu erbitten und mit ebendemselben 
begleitet er Aeneas und Antenor nach Troja, um über den Frieden 
zu unterhandeln. Seinen Bemühungen vor allem haben die Griechen 
den Besitz des Palladiums zu verdanken (25320 ff.). Auch bei der 
ersten Gesandtschaft an Achilles finden wir ihn wieder (19667 ff.), und 
so gross ist sein Einfluss im Heere, dass er mit Diomedes nach dem 
Fernbleiben Achills vom Kampfe die Griechen zum Frieden überredet 
haben würde, wenn nicht Kalchas sie amgestimmt hätte (19838 ff.). 
Er weiss zu verhindern, dass Helena getödtet wird, obgleich die 
meisten Fürsten ihren Tod verlangen (26188 ff.), während er anderer- 
seits die Opferung der Polxyena gegen den Willen des Volkes durch- 
setzt (26326 ff). Auch bei der Bewerbung um das Palladium erreicht 
erreicht er durch die Atriden seinen Zweck, da diese ihm wegen der 
Helena verpflichtet waren (26933 ff.). 

Weil die allgemeine Stimme ihm die Schuld an dem Tode des 
Aias beima88, waren die Griechen so erbittert auf ihn, dass er aus 
Furcht vor dem Volke nach Ismaron floh und das Palladium bei seinem 
Freunde Diomedes zurückliess (27038 ff.). Als auch dort die Krieger 
des Aias ihn angriffen und ihm seine ganze reiche Habe raubten, floh 
er weiter. Den Nachstellungen des Naulus, des Vaters von Palamedes, 
entging er nur mit grosser Mühe (28340 ff.). Nachdem er kurze Zeit 
in Myrra verweilt, segelte er an der Küste weiter nach Lotofagos und 
kam nach einer stürmischen Fahrt zu Lestigorus und Gdopain, zwei 
Königen auf der Insel Sicilien, welche ihn fast aller seiner Schätze 
beraubten (28486 ff.) und deren Söhne PoUxenxus und Alfatus viele 
seiner Gefährten töteten. Ulixes selbst mit den übrig gebliebenen Ge- 
noBsen wurde gefangen genommen, aber von Polixenius, der Mitleid 
mit ihm hatte, wieder in Freiheit gesetzt und hoch geehrt. Als aber 
Anfenor , ein trauter Gefährte des Ulixes, die schöne Destrigora, eine 
Schwester des Polixenius raubt, und mit ihr und den andern Griechen 

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entflieht, setzt Polixenius ihnen nach und gewinnt zwar die Schwester 
zurück, verliert aber durch Ulixes ein Auge. Glücklich entkommt 
dieser mit seinen Genossen und gelangt zu der Insel Oloai , deren 
Königinnen Cirxes und Calixa , welche grosse Zauberinnen sind, ihn 
freundlich aufnehmen. Cirxes liebt Ulixes sehr und wird von ihm 
schwanger. Durch ihre Zauberkünste sucht sie ihn vergebens zurück- 
zuhalten, da er ihr in der Zauberei überlegen ist, und mit reichen 
Schätzen beladen fährt Ulixes weiter zn der zauberkundigen Königin 
Lacafise^ aus deren Banden er sich nur mit Mühe befreit. Ebnem 
Orakel, von dem er Auskunft über das Schicksal der Seelen nach dem 
Tode zu haben wünscht, bringt er reiche Opfer. Die Sirenen mit 
ihrem die Sinne bethörenden Gesänge können seinen Gefährten nichts 
anhaben, da er durch seine Zauberei bewirkt, dass keiner sie hören 
kann. Den Nabeln des Meeres zwischen Sillam und Charibdis entrinnt 
er nur mit dem Verlust eines grossen Teils der Schiffe. Aber da fällt 
er den Fenices in die Hände, welche ihn gänzlich ausplündem und 
lange Zeit im Gefängnisse festhalten. Nachdem er wieder von ihnen 
freigelassen ist, kommt er zu Idomeneus von Kreta, der ihn freundlich 
aufnimmt und mit reichen Geschenken zu dem König Alcenon entlässt. 
Als er hier erfahren, das 30 Ritter um die Hand seiner Gemahlin 
Penelope werben, fährt er in Begleitung des Alcenon nach seinem 
Reiche hinüber, um Rache an den Freiern zu nehmen. Sein Sohn 
Telemach verbirgt ihn und in der Nacht schlägt Ulixes den trunkenen 
Freiem die Köpfe ab. Nausica, die Tochter Alcenons, wird von 
Telemach als Gemahlin heimgefuhrt und gebiert diesem den Poliberus 
(28479—28940). 

Ulixes hat einst einen bösen Traum, der ihn sehr erschreckt und 
von den Sehern als Unglück bedeutend ausgelegt wird. Namentlich 
von seinem Sohne, sagen sie, drohe ihm Gefahr. Nachdem er deshalb 
den Telemach in Cefalania sicher eingekerkert, sich selbst aber eine 
wohl verwahrte Burg erbaut hat, glaubt er vor allen Nachstellungen 
gesichert zu sein. Doch das Verhängnis drohte ihm von einer anderen 
Seite her. Thelegonus , der Sohn des Ulixes und der Cirxes, welcher 
inzwischen zu einem stattlichen Jüngling herangewachsen war, wünschte 
seinen Vater kennen zu lernen und machte sich zum grossen Leid 
seiner Mutter auf die Suche nach ihm. Nach langer Wanderung kam 
er vor der Burg desselben an. Da die Hüter ihm den Eingang ver- 
wehrten, erschlug er im Streite mehrere von ihnen. Auf den Lärm 
eilte Ulixes herbei und verwundete den Thelegonus, wurde aber selbst 
tötlich von ihm getroffen. Da erst erkennen sich Vater und Sohn, 
Ulixes verzeiht dem Thelegonus und versöhnt den herbeigerufenen 
Telemach mit seinem Bruder. Nach 3 Tagen stirbt er, und Telemach 


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wird Herrscher. Reich beschenkt entlässt dieser den Thelegonus nach 
der Heilung seiner Wunden in seine Heimat. Cirxes freute sich sehr 
seiner Wiederkunft, aber um Ulixes trug sie Leid ihr ganzes Leben 
(29629—3009 2). 


Diomedes. 

Dem Ulixes durch seinen Charakter verwandt und durch Freund- 
schaft mit ihm verbunden war Diomedes, König von Argos. Auch 
er hielt oft nicht, was er versprach und war gleichfalls ein gewandter 
Redner (5198). Deshalb treffen wir ihn mit Ulixes zusammen immer 
als Gesandten oder Unterhändler. Dabei war er aber auch in der 
Schlacht eine der Hauptstützen der Griechen (24165 ff.) und ein von 
allen gefürchteter Gegner. Mit Aeneas, Hector und Polidamas kämpfte 
er mit wechselndem Erfolg, und Troilus suchte vergebens seinen ver- 
hassten Nebenbuhler in der Liebe zu bezwingen. Den furchtbaren 
Bogenschützen in Centaurengestalt, der die Griechen fast an den Rand 
des Verderbens brachte, erlegte er (12308 ff.) und in seinem Kampfes- 
ungestüm folgte er, was wir von keinem andern Helden lesen, den 
Troern vier Bogenschuss weit in die Stadt hinein, bis ihn die Über- 
macht zu weichen zwang. 

Wunderbar ist es, dass dem Diomedes ein so warmes Herz für 
die Liebe schlägt, demselben, der so grausam war, der gefallenen Pen- 
thesilea ein ehrenvolles Begräbnis zu verwehren und sie in den 
Achander werfen zu lassen (24353 ff.)/ Briseida entflammt ihn bei 
der ersten Begegnung derartig, dass er ohne ihren Besitz sterben zu 
müssen glaubt. Die Liebe macht ihn warm und kalt, traurig und 
fröhlich und raubt ihm die Ruhe und den Schlaf (14930 ff.). Und 
wenn Briseida auch zuweilen seiner spottet (15006 ff.) und sich hart 
und zurückhaltend gegen ihn zeigt, so lässt er sich doch nicht ab- 
schrecken, sondern erneuert immer wieder seine Anstrengungen, welche 
auch schliesslich von Erfolg gekrönt sind (20210 ff.). Nach seiner 
Rückkehr von Troja teilt er das Schicksal vieler griechischer Helden. 
Seine Gemahlin Egial , welche von Oeaus , dem Bruder des Palamedes, 
gegen ihn aufgestachelt war, überredete die Argiver, Diomedes nicht 
wieder in sein Reich aufzunehmen (27860 ff.), und da man ihn ausser- 
dem für schuldig hielt an dem Tode des Assandrus , des Bruders der 
Egial, so vertrieben ihn die Argiver (27910 ff.). In Salamis hoffte er 
bei Theucerus , dem Bruder des Aias, Schutz und Hülfe zu finden, doch 
anstatt dessen wäre er beinahe von diesem getötet worden, da das 
Gerücht den Diomedes als Mitschuldigen an dem Tode des Aias be- 
zeichnete (27991 ff.). Gern folgte er daher dem Rufe des Aeneas, 
ihm gegen die um Troja wohnenden feindseligen Stämme zu helfen. 

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Er besiegte diese und machte dabei so reiche Beute, dass Egial, be- 
sorgt wegen seiner Macht, ihm Frieden und Versöhnung anbieten liess 
und ihn in Argos wieder als König aufnahm (28100 ff.). 

Menelaus. 

Weit unbedeutender als Agamemnon ist sein Bruder Menelaus. 
Agamemnon muss ihn erst aus seiner Traurigkeit über den Raub der 
Helena aufrütteln und zur Rache und thatkräfrigem Handeln antreiben 
(4917 ff.). Im Kampfe zeichnete er sich nicht in hervorragender Weise 
aus, weshalb man ihn auch wohl abschickte, den Pyrrhus vom König 
Lycomedes zu holen (22567 ff.). Während er den Paris glühend hasste 
und oft ihn im Kampfe zu töten suchte, liebte er die Helena noch wie 
zuvor. Nicht einmal einen Vorwurf machte er ihr, als er sie bei der 
Zerstörung Trojas wieder fand (26091 ff), und als die Griechen sie zu 
töten beabsichtigten, vereitelte er dies mit Hülfe des Ulixes und Aga- 
memnon (26175). 

Zum Entgelt dafür verhalf er mit Agamemnon dem Ulixes zu 
dem Besitz des Palladiums und zog sich wie sein Bruder hierdurch 
den Hass der Griechen zu. Auch er fuhr eher als die andern Griechen 
von Troja ab, und nachdem er zuvor dnrch einen Sturm nach Kreta 
verschlagen war, wo er Kunde von der Ermordung seines Bruders er- 
hielt, kam er glücklich in seinem Reiche an und wurde mit Jubel 
empfangen. Seine Tochter Hermione gab er dem Orestes zur Ge- 
mahlin (28409 ff.). 


Patroclus. 

Verherrlicht durch die sprichwörtlich gewordene Freundschaft mit 
Achilles steht Patroclus da, ein schöner, freigebiger und ritterlicher 
Held (5153 ff). Mit Achilles war er ein Herz und eine Seele: 

Car quant qu’il a est suen demeine 
Li uns n’a rien que l’autre n’ait, 

Sans conte rendre et sans nul plait. 

Dui Chevalier tant ne s’amerent 
Ne tant de fei ne se porterent. 

Aber schon als einer der ersten füllt er von der Hand Hectors, der 
ihn vergebens seiner kostbaren Waffen zu berauben sucht (v. 8293 ff). 

Achilles. 

Doch ein Rächer ersteht ihm in Achilles, der ganz untröstlich 
über seinen Tod ist und Hector furchtbare Rache zuschwört Wie 
kein anderer ist er dazu angethan, diese Drohung ivahr zu machen; 
denn wie Hector unter den Troern so ragt Achill unter den Griechen 


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weit hervor. Wunder der Tapferkeit verrichtet seine Hand, und die 
Troer fliehen vor ihm wie der Bär vor den Hunden (7541 ff.). Er ist 
der Griechen Hort und Burg, und als er sich vom Kampfe zurück- 
zieht, verfolgt sie beständig das Unglück (20336 ff.). Was er erreicht, 
ist seinem Schwerte verfallen, hinter ihm rötet sich das Feld von dem 
Blute der Erschlagenen (10595 ff.). Nur Hector, sein verhasstester 
Feind, ist ihm gewachsen. Wo sie sich nur treffen können, messen 
sie sich mit einander und es bedurfte nicht mehr der Bitten der 
Griechen bei Achill, seine ganze Kraft auf die Vernichtung dieses ge- 
fährlichen Gegners zu verwenden (10945 ff.). Lange sind seine An- 
strengungen vergebens. Aber trotzdem hat er die feste Zuversicht, 
dass Hector ihm doch noch einmal unterliegen wird und in prahle- 
rischem Stolze ruft er aus: 

v. 13098 ff. Vostre mort port entre mes mains 
Ne vos porreit pas g&rantir 
Trestoz li ors qui seit el monde 
Que vostre force ne confonde. 

Noch zweimal kämpfen sie nach dieser Begegnung mit einander, ohne 
dass Achilles seine Prahlerei wahr gemacht hätte (14205 ff., 16135 ff.). 
Vielmehr wird er im letzten Kampfe so verwundet, dass er aus der 
Schlacht eilt, um sich die Wunden verbinden zu lassen. Dann aber 
kommt er wieder zurück, denn er will lieber sterben als Hector nicht 
töten, und als Hector grade einen Griechen aus dem Gedränge fort- 
ziehen will, ersieht Achill den günstigen Augenblick und durchbohrt 
den vom Schilde Unbedeckten, so dass er tot niedersinkt Memnon 
will seinen Tod rächen und verwundet Achill so schwer, dass die 
Myrmidonen dessen Tod befürchten, und nur der Geschicklichkeit 
eines orientalischen Arztes verdankt dieser sein Leben (16210 ff). 

Da sollte die Macht der Liebe die Griechen auf lange Zeit ihrer 
besten Stütze berauben. Bei der Gedächtnisfeier von Hectors Todes- 
tage erblickt Achill die Polyxena und fasst eine so leidenschaftliche 
Liebe zu ihr, dass er sich nicht scheut, um ihren Preis Verräter an 
der gemeinen Sache zu werden. Der Hecuba lässt er durch einen 
vertrauten Boten sagen, dass er gegen die Hand der Polxyena mit 
den Myrmidonen den Kampf aufgeben und auch die übrigen Griechen 
zum Abzüge bewegen werde. Er sieht zwar selbst ein, dass er seinen 
Ruhm darüber einbüsst und thöricht handelt, aber er sagt: Qui est 
qui contre Amor est sagest Da ihm der Bote erwünschte Nachricht 
zurückbringt, fordert er am andern Tage die Griechen auf, nach Hause 
zurück zu kehren und verkündet, dass er selbst nicht mehr am Kampfe 
teilnehmen will. Als seine Aufforderung aber keinen Erfolg hat, geht 
er zornig in sein Zelt und verbietet auch den Myrmidonen den 


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Kampf. Lange scheitern alle Versuche, ihn wieder zum Ergreifen der 
Waffen zu bewegen, er ist taub gegen alle Bitten und Vorwürfe. Erst 
Agamemnon und Nestor erlangen von ihm, dass er verspricht, 
wenigstens den Myrmidonen die Beteiligung am Kampfe wieder zu 
gestatten (20347 ff.). Als diese arg mitgenommen aus der Schlacht 
heimkehren, erfasst ihn Zorn. Doch seine Liebe besiegt das Verlangen 
sie zu rächen. Auch noch ein anderes Mal, als die Griechen von 
Troilus hart bedrängt werden, bemeistert die Liebe seine schon 
mächtiger werdende Kampfeslust. Aber wie in der achtzehnten Schlacht 
die Myrmidonen bis zu den Zelten mit grossen Verlusten zurückge- 
worfen werden, kann er sich nicht länger halten und stürzt wie ein 
wütender Löwe in die Schlacht Erst Troilus gebietet seinem Morden 
Einhalt und verwundet ihn so schwer, dass er nur durch die grösste 
Tapferkeit der Myrmidonen der Gefangennahme entgeht Qualen im 
Herzen und Qualen am Körper, sehnt er den Tag der Vergeltung an 
Troilus herbei und in der nächsten Schlacht schlägt er seinem Gegner, 
der hülflos unter seinem gefallenen Pferde liegt, das Haupt ab. Den 
Leichnam bindet er an den Schwanz seines Pferdes und schleift ihn 
durch den Staub. Memnön gewinnt aber die Leiche zurück, und 
Achilles trägt so schwere Wunden davon, dass er 8 Tage krank dar- 
niederliegt. Sobald er genesen, eilt er rachedurstend in die Schlacht 
und mit Hülfe der Myrmidonen streckt er Memnon nieder. Er selbst 
trägt lebensgefährliche Wunden davon (21515 ff.). Doch im Kampfe 
sollte er nicht fallen, sonden durch elenden Meuchelmord umkommen. 
Hecuba, welche den Tod vieler Söhne an ihm zu rächen hat, entbietet 
ihn zur Mitternacht in den Tempel Apollos unter dem Vorwände, ihm 
Polyxena als Gemahlin zuzuführen. Ohne Rüstung, nur von Antilochus, 
dem Sohne Nestors, begleitet, macht er sich zum Tempel auf. Doch 
bei seinem Eintritt empfängt ihn nicht die Braut mit liebevoller Um- 
armung, sondern wilder Schlachtruf tönt ihm entgegen, und Paris mit 
20 Rittern schleudern ihre Speere aus dem Hinterhalte auf ihn ab. 
Obgleich beide sich heldenmütig wehren und manchen der Gegner zu 
Boden strecken, müssen sie doch schliesslich, den Geschossen der 
Gegner schutzlos preisgegeben, der Übermacht unterliegen. Als Anti- 
lochus ohnmächtig niedersinkt, verteidigt Achilles mit seinem Körper 
noch lange den unglücklichen Jüngling. Aber immer von neuem ver- 
wundet, ermatten auch seine Kräfte und er sinkt in die Kniee. Selbst 
dann noch wehrt er sich verzweifelt, bis er von Paris den Todesstreich 
empfangt (22101 ff). Schrecken, Bestürzung und Trauer ruft sein 
Tod im Lager hervor, während die Troer über seinen Fall jubeln. 
Sein Leichnam wird den Griechen ausgeliefert und unter einem stolzeq 
Denkmal beigesetzt (22323 ff), 


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Nestor. 

Nestor ist im Gegensätze zu dem Nestor Homers ein jähzorniger, 
aufbrausender Grgis , den die Unverletzlickeit eines Gesandten kaum 
davon abhält, in seiner Wut den Antenor zu ermorden und durch 
Pferde zerreissen zu lassen (3499 ff.). Üeberkam ihn der Zorn, so 
hielt er niemandem sein Wort (5211 ff.). Doch war er ein weiser 
Redner und guter Berater (5207 ff), und als er nach dem Tode des 
Palamedes die Wiederwahl Agamemnons zum Oberfeldherrn vorschlägt, 
ßtösst er auf keinen Widerspruch (19039 ff.). An der unbeugsamen 
Hartnäckigkeit Achills scheitert allerdings zuerst auch seine Beredt- 
samkeit gänzlich (19667 ff.), aber bei der zweiten Gesandtschaft an 
Achilles erwirkt er die Teilnahme der Myrmidonen am Kampfe. 

Palamedes. 

Palamedes, der, wie schon bei einer andern Gelegenheit erwähnt, 
die Griechen veranlasste, von Tenedos vor Troja selbst vor Anker zu 
gehen, war eine egoistische, herrschsüchtige Natur. Es verdross ihn, 
dass Agamemnon über alle gebot, und in einer Volksversammlung 
empfahl er sich selbst den Griechen als Herrscher und hob selbst- 
bewusst alle seine Vorzüge hervor. Da sich schon jetzt die meisten 
Führer auf seine Seite neigten, so wurde er in einer zweiten Ver- 
sammlung, wo er sich abermals über die Herrschaft Agamemnons be- 
klagte, trotz der treffenden Erwiderungen seines Nebenbuhlers zum 
Heerführer gewählt (16974 ff). Dieser Stellung zeigte er sich aber 
auch würdig, denn nicht nur war er in der Schlacht immer der erste 
(18474, 18745), nicht nur spornte er die Griechen zur Tapferkeit an 
und verwendete alle Kraft darauf den Feinden zu schaden, sondern 
auch während des Waffenstillstandes war er darauf bedacht, die Schiffe 
ausbessern zu lassen und neue Verteidigungswerke anzulegen (17431 ff). 
Sein Ende fand er von einem Pfeile des Paris. 

Eine andere Version von seinem Tode giebt uns Benoit v. 27500 ff. 

Ulixes sucht Palamedes aus Neid über dessen Ruhm aus dem 
Wege zu schaffen. Gefälschte Briefe, welche bei einem gefallenen 
Griechen, dem sie Ulixes heimlich zugesteckt hatte, gefunden werden, 
beweisen, dass Palamedes um Geld die Griechen hat verraten wollen, 
und da man genau die in einem der Briefe angegebene Summe unter 
dem Bette des Palamedes verborgen findet, so können die Griechen 
an seiner Schuld nicht mehr zweifeln und verurteilen ihn zum Tode. 
Aber keiner wagt das Urteil an ihm zu vollziehen, da er entschlossen 
ist, sein Leben teuer zu verkaufen. Als er seine Unschuld durch den 
Zweikampf beweisen will, stellt sich ihm kein Gegner. Da erwirkt 
ihm Ulixes von den Fürsten Straflosigkeit, um sich unter der Maske 


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eines Freundes ihm nahen zu können. Er erwirbt auch sein Vertrauen 
im vollsten Masse, und als er ihn auffordert, mit ihm und Diomedes 
einen Schatz aus einem Brunnen zu heben, läsjt sich Palamedes 
ahnungslos an einem Tau in den Brunnen hinab, wo er durch Herab- 
werfen schwerer Steine von Ulixes und Diomedes getötet wird. 

Neoptolemus. 

Als die Griechen vor Troja einst unschlüssig waren, ob man den 
Krieg fortsetzen oder beendigen sollte, beschloss man die Entscheidung 
des Orakels zuvor einzuholen (22431 ff.). Da dieses günstigen Aus- 
gang verhiess, wenn Neoptolemus, der Sohn Achills, im griechischen 
Lager sein würde, so wurde Menelaus abgesandt, um Neoptolemus von 
dem Könige Lycomedes zu holen. Nach 2 Monaten kam Menelaus 
mit ihm unter grossem Jubel des ganzen Heeres im Lager an. Er 
war ein grosser Jüngling von erst 15 Jahren, der seinem Vater ganz 
an Gestalt glich. Aber trotz seines jugendlichen Alters verrichtete er 
die grössten Heldenthaten und wurde ein Hort der Griechen. Mit der 
Amazonenkönigin Penthesilea hatte er manch harten Strauss zu be- 
stehen, und obwohl sie ihm an Kraft und Tapferkeit ebenbürtig war, 
unterlag sie ihm doch schliesslich. Freilich wurde er selbst so schwer 
getroffen, dass er ohnmächtig zu Boden sank. Aber wie sehr er sie 
auch im Leben gehasst hat, so will er ihr doch im Gegensätze zu den 
andern Griechen nach ihrem Tode ein ehrliches Begräbnis gönnen 
(24350 ff). Grausam ist er andererseits gegen den alten, wehrlosen 
Priamus, dem er vor dem Altäre das Haupt abschlägt (26039 ff.), und 
grausam gegen die unschuldige Polyxena, die er gefühllos .auf dem 
Grabe seines Vaters opfert (26440 ff). Mit Helenus und Andromache 
macht er sich nach dem Untergange Trojas nach seiner Heimat auf. 
In Molose , wo er nach einem Sturm vor Anker geht, hört er, dass 
Alcastusj der Bruder des Peleus, diesen vertrieben hat. Er sticht 
wieder in See und läuft in den Hafen Sepdiadon ein. Hier hat er 
nicht nur das Glück, seinen Grossvater Peleus zu finden, sondern 
erfährt auch, dass die Söhne des Alcastus, Plestmes und Menalijms 9 in 
der Nähe jagen. In ärmlicher, zerrissener Kleidung gesellt er sich zu 
ihnen, und als sie sich auf der Jagd getrennt haben, werden sie einzeln 
von ihm getötet. Da hört er auch, dass Alcastus nicht fern weilt. 
Schnell vertauscht er sein armseliges Gewand mit dem Kleide eines 
trojanischen Königssohnes, und als er Alcastus trifft, giebt er sich für 
einen Sohn des Priamus aus, der von Pyrrhus in die Knechtschaft ge- 
führt werde. Dieser selbst liege schlafend am Meeresgestade. Dann 
trennt er sich von Alcastus, welcher sich begierig aufmacht, den 
Pyrrhus zu ermorden. Thetis, die Tochter des Alcastus, begegnet 


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ihrem Vater und teilt ihm die Ermordung seiner Söhne mit. Während 
sie noch mit einander sprechen, sehen sie Pyrrhus mit 100 Rittern 
herbeieilen. Thetis bittet um Gnade für Alcastus, und nachdem Peleus 
herbeigeholt ist, findet eine Versöhnung statt. Seinen Tod erleidet 
Pyrrhus von der Hand des Orestes, dessen Gemahlin Hermione er 
geraubt hatte (28941 ff.). 

Mit Neoptolemus wollen wir die Reihe der Charakteristiken 
schliessen, weil die übrigen Personen des Romans mehr oder weniger 
von ziemlich untergeordneter Bedeutung sind. 

Den grossartigen Erfolg, welchen der Roman de Troie im Mittel- 
alter erzielte, schildert Joly S. 58 — 59 der Einleitung zu der Ausgabe. 
Es giebt kaum ein Buch, welches eine grössere Verbreitung gefunden 
hätte, wie die zahlreichen Handschriften auf den Bibliotheken beweisen. 
Plagiatoren haben ihn umgearbeitet und ihren Namen hineingeschrieben. 
Mehrere Male ist er in Prosa aufgelöst worden. Während dreier Jahr- 
hunderte haben die Franzosen Gefallen an seiner Lektüre gefunden. 
Als man ihn schliesslich nicht mehr als dichterisches Product sehätzte, 
lieferte er den bedeutendsten Beitrag zu den sogenannten Geschichts- 
büchern, welche das fünfzehnte Jahrhundert entzückten. Er ist in fast 
alle Sprachen Europas übersetzt und Chaucer und Boccaccio haben 
aus ihm zum Teil ihre Stoffe entlehnt (vgl. Christ oforo Nyrop, Storia 
delF epopea francese, Firenze 1886, S. 244 ff.). 

Einen andern Beweis von dem Erfolg des Roman de Troie liefert 
uns der Roman d’Hector oder, wie er in der anderen Hss. heisst, 
der Roman d’Ercules. Er ist eine Geschichte der Jugendthaten des 
Helden, wie solche in späterer Zeit oft als Einleitung den berühmten 
Chansons de geste hinzugedichtet wurden. Vgl. Nyrop a. a. O. S. 246, 
Gaspary, Geschichte der italienischenLiteratur 1, 120, Joly a. a. O.S.802ff., 
Hist. litt. IX, 670, Bartoli, I codici francesi della Biblioteca Marciana. 


Der Roman ton Aeneas. 

An den Roman von Troja schliesst sich stofflich der Roman von 
Aeneas an, welcher die Flucht des Aeneas nach der Zerstörung von 
Troja, seine Fahrten und die Gründung seiner Herrschaft in Italien 
nach der Aeneide Virgils schildert. 

Die bekannte Verfasserschaftsfrage lassen wir hier bei Seite, da 
sie erst endgültig beantwortet werden kann, wenn eine Ausgabe des 
Romans vorliegt. Die Abfassungszeit fallt vor 1170, da Heinrich von 
Veldecke seine Eneit in den siebziger Jahren des 12. Jh. nach dem 
französischen Werke begonnen hat. 


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Unser Roman ist ungefähr so lang als Virgils Aeneide, denn er 
besteht aus 10400 Achtsilbnern, während die Aeneide 9891 Hexameter 
zählt Aber wenn man bedenkt, dass mehr als die Hälfte des Romans 
freie Erfindung des Dichters ist, z. B. die Schilderung der Liebe des 
Aeneas und der Lavinia, das Urteil des Paris, die Beschreibung der 
Gräber des Pallas und der Camilla, so wird man ermessen können, 
wie sehr der französische Nachahmer das Original verstümmelt hat. 
Es ist alles das weggelassen, wofür den Zeitgenossen das Verständnis 
und der Geschmack fehlte. Die Episode von Laocoon und Achaeme- 
nides, die Spiele zn Ehren des verstorbenen Anchises, die Beratungen 
der Götter im Olymp hat der Dichter nicht beachtet. Er nennt nicht 
Jupiter und unterdrüc ktdie Person der Juturna, der Schwester des 
Turnus, welche von Zeus geliebt und mit der Unsterblichkeit und der 
Herrschaft über die Gewässer beschenkt wurde. Das Eingreifen der 
Venus und Juno ist seltener, kurz der Verfasser bemüht sich, alles spe- 
cifisch Heidnische zu unterdrücken. Nur die Fama ist beibehalten. Wie 
weit sich der französische Roman von seinem lateinischen Vorbilde 
entfernt, wird man notdürftig aus der kurzen Analyse nach Pey 
(Essai sur li romans d’Eneas, Paris 1856) erkennen können. 

Als Menelaus Troja eroberte und die Griechen alles mit Feuer 
und Schwert verwüsteten, entging Aeneas, der von seiner Mutter Venus 
gewarnt war, mit Anchises und Ascanius glücklich dem Verderben 
und schiffte sich mit vielen Trojanern auf 20 griechischen Schiffen 
ein. Juno hasste wegen des Urteils des Paris, das der Dichter kurz 
erwähnt, die Trojaner und verfolgte auch Aeneas mit ihrem Hass. 
Sie erregte ihm einen furchtbaren Sturm, welcher die Flotte zerstreute, 
so dass Aeneas mit nur noch 12 Schiffen an der Küste von Lybien 
landete. Er tröstete seine traurigen Gefährten mit dem Hinweis auf 
eine glückliche Zukunft und sandte Kundschafter aus, welche nach 
Karthago zur Königin Dido kamen. Die Stadt und der Königspalast 
werden geschildert. Dido, deren Vergangenheit uns der Dichter er- 
zählt, nahm die Gesandten huldvoll auf. Schnell kehren diese nach 
Aeneas zurück, und nach einer Beratung mit seinen Baronen macht 
sich Aeneas nach Karthago auf, wo ihn Dido mit grosser Herzlichkeit 
empfängt. Venus, für das Schicksal ihres Sohnes besorgt, legt in 
Ascanius die Kraft, durch seine Umarmung Liebe einzuflössen, und 
als daher Dido den Ascanius herzt, wird sie von einer glühenden 
Leidenschaft für Aeneas ergriffen. Mit Wohlgefallen weilt der Dichter 
bei der Schilderung dieser Liebe, während er die Erzählung des 
Aeneas von der Zerstörung Trojas, dem Tode des Priamus und der 
Flucht des Aeneas in wenigen Worten zusammenfasst und die Episode 
von Laocoon ganz unterdrückt. Der Beschreibung der Fama werden 


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43 — 


mehr als 30 Verse gewidmet. Als ein Götterbote dem Aeneas Kar- 
thago zu verlassen befiehlt, trifft dieser sogleich die Vorbereitungen 
zur Abreise, die er vergebens vor der Dido geheim zu halten sucht. 
Sein letztes Zusammentreffen mit Dido und deren Tod wird ziemlich 
genau geschildert, das fünfte Buch der Aeneis dagegen lässt der 
Dichter fast ganz aus. Die Abreise des Aeneas, seine Ankunft in 
Sicilien, die Spiele zu Ehren des verstorbenen Anchises sind in wenige 
Verse zusammengedrängt. 

Anchises erscheint dem Aeneas und fordert ihn auf, unter Füh- 
rung der Sibylle in die Unterwelt hinabzusteigen. Aeneas holt aber 
erst den Rat seiner Barone hierzu ein, dann fahrt er nach Comts und 
tritt, begleitet von der Priesterin Sibylle, den Weg durch die Unter- 
welt an. Der Höllenhund Cerberus, dessen Bild uns genau gezeichnet 
wird, erregt dem Aeneas Furcht, so dass er nicht weiter zu gehen 
wagt. Aber Sibylle schläfert ihn durch einen Zauber ein und beruhigt 
setzt Aeneas seinen Weg fort. Er begegnet der Dido und den Griechen, 
welche vor ihm fliehen, bis er schliesslich zu seinem Vater gelangt, 
der ihm die glänzende Zukunft seines Geschlechts weissagt. Aber 
gerade die schönsten Verse Virgils sind ausgelassen und rasch springt 
Anchises von Romulus su Caesar über. Durch die elfenbeinerne 
Pforte steigt Aeneas wieder aus der Unterwelt empor und segelt 
weiter nach Lombardie, Hier herrscht der König Latinus, dem er 
durch Gesandte reiche Geschenke überbringen lässt. Inzwischen aber 
beginnt er den Bau eines festen Schlosses. Latinus nimmt die Ge- 
sandten freundlich auf und lässt dem Aeneas die Hand seiner Tochter 
Lavinia zum grossen Missvergnügen der Königin Amate anbieten. 
Diese fürchtet nämlich die Treulosigkeit der Troer und stachelt des- 
halb den Herrscher der Rutuler, den marquis Turnus an, die Troer 
aus dem Lande zu jagen. Eine günstige Gelegenheit zum Kriege 
bietet sich bald dar. Ascanius verwundet auf der Jagd einen ge- 
zähmten Hirsch, welcher der Silvia, der Tochter des Ritters Tyrus, 
gehört. Die Brüder der Silvia mit den Landleuten der Umgegend 
stürzen sich auf Ascanius, der aber bald Hülfe aus dem Lager erhält 
und die Feinde bis in die Burg des Tyrus treibt. Doch diese fliehen 
auch von hier und lassen den Troern 1000 Sack Getreide als Beute 
zurück. Auf die Nachricht hiervon entbietet Turnus seine Vasallen 
zum Kriege. Die bedeutendsten unter ilmen sind Mezentius und sein 
Sohn Lausus, Aventinus, Messapius, Claudius und die heldenhafte 
Camilla, deren Gestalt, Rüstung und Streitross der Dichter genau be- 
schreibt. Während Turnus mit seinen Baronen Rat hält, befestigt 
Aeneas in Gewärtigung eines Angriffs das neu erbaute Schloss 
Montalban, und Venus bittet den Vulcan, für ihren Sohn göttliche 


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Waffen zu schmieden. Der Dichter schiebt hier die Geschichte von 
der unerlaubten Liebe des Mars und der Venus ein, welche sich bei 
Virgil nicht findet. Vulcan schmiedet vor unsern Augen Helm, 
Schild, Schwert und Lanze. Nachdem Venus an die letztere ein Fähn- 
lein gebunden hatte, welches ihr von Mars gegeben und von Pallas ge- 
wirkt war, schickte sie die Waffen ihrem Sohne und trieb ihn zugleich 
an, den König Evander von Arkadien um Hülfe zu bitten. Mit meh- 
reren Rittern machte sich Aeneas zu diesem auf und versprach sein 
Vasall zu werden, wenn der König ihm gegen Turnus helfen wolle. 
Da Evander in seiner Jugend selbst in Troja gewesen war und An- 
chises gekannt hatte, so gewährte er die Bitte des Aeneas und er- 
nannte seinen Sohn Pallas zum Anführer der Truppen; denn er selbst 
war schon zu alt, um noch in den Krieg ziehen zu können. Unter- 
dessen belagerte Turnus, von der Abwesenheit des Aeneas unterrichtet, 
die Burg Montalban, ohne indessen am ersten Tage etwas gegen sie 
ausrichten zu können, weil die Troer sich nicht aus der Burg heraus- 
locken Hessen und sich tapfer verteidigten. Turnus begnügte sich 
damit, die Schiffe der Troer zu verbrennen und die Feste scharf be- 
wachen zu lassen. Doch trotzdem drangen Nisus und Euryalus un- 
bemerkt in das Lager der Rutuler und richteten unter den schlafenden 
Feinden ein furchtbares Blutbad an. Schon haben sie 300 derselben 
getötet, als den Euryalus ein glänzender Helm, den er im Lager ge- 
funden und aufgesetzt hat, verrät. Er wird gefangen genommen, 
während Nisus glücklich entkommt. Als dieser aber noch einmal um- 
kehrt, um seinen Freund zu befreien, wird auch er von der Über- 
macht erdrückt und getötet. Am andern Morgen zeigt man ihre 
blutigen Köpfe den entsetzten Troern. Drei Stürme werden siegreich 
von den Troern zurückgeschlagen, und selbst das griechische Feuer 
ist wirkungslos. Prahlereien und Tod des Romolus, eines Schwagers 
des Turnus. Heldenthaten und Tod der beiden Riesen Pandarus und 
Becias. In seinem Kampfesungestüm dringt Turnus in die Burg ein 
und wird dort für einen Augenblick eingeschlossen; nur durch Zufall 
entkommt er. 

Am nächsten Tage nimmt Aeneas, der aus Arkadien zurückgekehrt 
ist, am Kampfe Teil und verrichtet Wunder der Tapferkeit. Pallas, 
der Sohn Evanders, unterliegt dem Turnus nach verzweifeltem Wider- 
stande. Aber während der Sieger dem Gefallenen einen kostbaren 
Ring vom Finger zieht, wird er durch einen Bogenschützen von einem 
Kahne aus leicht verwundet. Wütend stürzt sich Turnus inr den Kahn 
und tötet den Schützen; doch durch die Erschütterung ist das Halte- 
tau zerrissen, und bald treibt Turnus auf hohem Meere. Erst am 
vierten Tage wird er nach der Stadt verschlagen, in der sein Vater 
Dardanus wohnt. 


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Auch während der Abwesenheit des Turnus kämpfen seine 
Scharen tapfer. Lausus und Mezentius fallen. Die Nacht trennt die 
Kämpfenden. Tags darauf wird ein Waffenstillstand geschlossen, um 
die Toten zu verbrennen. Den Leichnam des Pallas schickt Aeneas 
zu seinen Eltern, welche in jämmerliche Klagen ausbrechen und ihrem 
Sohn ein prachtvolles Grab erbauen lassen. 

In Laurentum hält Latinus mit seinen Baronen Rat, als das 
Herannahen der Troer gemeldet wird. Man läuft zu den Waffen, und 
während Camilla vor der Stadt den Troern die Spitze bieten soll, will 
sich Turnus in einen Hinterhalt legen. Mit 100 bewaffneten Jung- 
frauen eilt Camilla aus der Stadt und schlägt die Troer in die Flucht, 
da diese die Jungfrauen für Göttinnen halten und keinen Widerstand 
zu leisten wagen. Als aber eine von ihnen zufällig getroffen wird und 
vom Pferde sinkt, werden die Troer ihres Irrtums inne und gehen 
zum Angriff über. Camilla tötet viele tapfere Helden, bis ein Pfeil 
des Aruns sie erlegt gerade in dem Augenblicke, wo sie den Priester 
Cores seines schönen Helms beraubt. Der Tod der Camilla ist das 
Ende der Schlacht, und ein Waffenstillstand von 8 Tagen wird ge- 
schlossen. Während der Nacht schlagen die Troer unter den Mauern 
von Laurentum ihre Zelte auf, die durch ihre Pracht die Bewunderung 
der Latiner erregen. Turnus beweint den Tod der Camilla und lässt 
sie nach ihrer Heimat bringen, wo sie mit grossem Pomp zur Erde 
bestattet wird. 

Als beide Parteien ihre Toten begraben haben und der Kampf 
wieder beginnen soll, will Turnus durch einen Zweikampf mit Aeneas 
die Geschicke der Völker entscheiden, ein Vorhaben, von dem Latinus 
und dessen Gemahlin Amate ihn umsonst abzubringen suchen. Der 
Waffenstillstand wird um 8 Tage verlängert, am achten Tage soll der 
Kampf stattfinden. 

In dem Augenblick, wo Latinus und Amate den Turnus bitten, 
vom Zweikampfe abzustehen, erscheint bei Virgil Camilla zum ersten 
und letzten Male. Während ihr aber der römische Dichter nur sechs 
Verse widmet, hat unser Dichter ihre Liebe mit Aeneas in einer langen 
Episode besungen. Im Frauengemach ist Amate bemüht, im Herzen 
der Lavinia für Turnus Liebe zu erwecken, den Aeneas ihr aber als 
hassenswert hinzustellen. Lavinia weiss jedoch noch nichts von Liebe 
und fragt deshalb die Mutter: Was ist Liebe? Als ihr Amate die 
Frage beantwortet hat, weist sie überhaupt jeden Gedanken an Liebe 
zurück, da diese ja nur Kummer und Leid bringe. Kaum aber sieht 
sie Aeneas vom Fenster eines Turmes aus, als Amor sie mit seinem 
Pfeile verwundet und eine heftige Neigung für den stattlichen Helden 
hi ihr entzündet. Alle Schmerzen der Liebe hat die Jungfrau zu er- 


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leiden. Sie seufzt, klagt und weint, wird bald warm, bald kalt, und 
selbst die Nacht bringt ihr keine Ruhe. Der Mutter bleibt ihr Liebes- 
gram nicht verborgen. Sie glaubt, fer gelte dem Turnus, muss aber 
zu ihrem Schmerz erfahren, dass Aeneas der Gegenstand ihrer Liebe 
ist. Amate beschuldigt den Aeneas der Knabenliebe und der Treu- 
losigkeit, um Lavinia von ihm abzuwenden; aber alles ist vergebens. 
Lavinia bewahrt ihm ihre Liebe, und um von der quälenden Unge- 
wissheit, ob sie Erhörung finden wird, befreit zu sein, beschliesst sie 
nach langem Schwanken, Aeneas in einem Briefe ihre Liebe zu ge- 
stehen. Den Brief bindet sie um den Schaft eines Pfeiles und lässt 
ihn durch einen Bogenschützen Aeneas vor die Füsse schiessen. Dieser 
bemerkt den Brief, und als er ihn gelesen und die Jungfrau gesehen, 
wird auch sein Herz von Liebe zu ihr entflammt. Die Nacht auf 
seinem Lager flieht ihn der Schlaf und in 135 Versen lässt ihn der 
Dichter seine Liebesschmerzen ausströmen. Liebeskrank bleibt er am 
andern Morgen im Zelte, so dass Lavinia schon an der Aufrichtigkeit 
seiner Gesinnung zweifelt und ganz untröstlich darüber ist. Am Nach- 
mittag aber reitet Aeneas in die Nähe des Turmes der Lavinia, und 
diese macht sich Vorwürfe, dass sie Aeneas in einem falschen Verdacht 
gehabt hat 

Inzwischen ist der Waffenstillstand abgelaufen. Die Latiner 
kommen aus der Stadt, um die Bedingungen des Zweikampfes zwischen 
Aeneas und Turnus zu vereinbaren. Da tötet ein Ritter aus der Stadt 
einen Troer und das Handgemenge wird bald allgemein. Aeneas, der 
sich ohne Rüstung unter die Kämpfenden wirft, um sie zu trennen, 
wird von einem Pfeile verwundet in sein Zelt getragen. Erst durch 
die Wirkung des Heiltrankes Dytan, den der Arzt Yapis mischt, 
wird der Pfeil aus der schmerzhaften Wunde entfernt. 

Während der Abwesenheit des Aeneas hat Turnus unter den 
Troern ein grosses Gemetzel angerichtet; als dieser aber in die 
Schlacht zurückkehrt, erlangen die Troer wieder die Oberhand. Turnus 
weicht lange dem Aeneas aus. Schon bedrohen die Troer die Mauern 
in ernster Weise und schon werfen sie Brandfackeln in die Stadt, da 
erst stellt sich Turnus dem Aeneas zum Kampf. Die Schlacht hört 
auf, und in der Mitte zwischen den beiden Völkern streiten die beiden 
Helden mit einander. Turnus wird nach mannhaftem Widerstande von 
Aeneas mit der Lanze am Schenkel verwundet und zu Boden ge- 
worfen. Vergebens fleht er um Schonung seines Lebens; denn als 
Aeneas den Ring des Pallas an seiner Hand sieht, tötet er ihn voll 
Zorn. 

Die Latiner huldigen Aeneas. Doch kommt dieser nicht in die 
Stadt, um seine Braut zu begrüssen. Erst nach 8 Tagen will er die 


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Lavinia aus der Hand des Latinus als seine Gemahlin empfangen. 
Lavinia glaubt sich schon von Aeneas verlassen und dieser macht sich 
selbst Vorwürfe, dass er so zurückhaltend gewesen ist und die Ver- 
mählung so weit hinausgeschoben hat. Am festgesetzten Tage aber 
wird Aeneas von Latinus und seinen Baronen in festlichem Zuge nach 
Laurentum eingeholt, und die Hochzeit wird einen Monat lang mit 
grosser Pracht gefeiert. Latinus giebt Aeneas einen grossen Teils seines 
Reiches und setzt ihn zu seinem Erben ein. Aeneas baut die Stadt 
Alba. Ihm folgt Ascanius und eine Reihe mächtiger Könige bis zu 
Romulus und Remus, den Gründern der Stadt Rom. Die Nachkommen 
des Aeneas werden später zu Herren der Welt. 


♦ 

* 

Der Roman von Theben. 

Nächst der Sage von dem trojanischen Kriege gehörten die Sagen 
von Oedipus und dem Zuge der Sieben gegen Theben zu den be- 
liebtesten im Mittelalter. 

Denn einerseits sagte der Stoff, wie er in der Thebais des 
Statius überliefert war, dem Geschmacke des Mittelalters sehr zu, und 
andererseits erfreute sich Statius im Mittelalter eines Ansehens und 
einer Popularität, welche der Virgils nicht viel nachstand. Nicht nur 
bei den lateinisch schreibenden Schriftstellern jener Zeit 1 ), sondern 
auch bei den französischen Dichtern finden wir ihn unter den grössten 
Dichtern des Altertums erwähnt und im Departement des livres wird 
er sogar Estace le grant genannt Was den Statius aber in den Augen 
der Leser ganz besonders empfahl, war der Umstand, dass man ihn 
für einen Christen hielt. So versetzte ihn Dante z. B. ins Fegefeuer, 
weil er als Christ seinen Glauben nicht frei bekannt und sich damit 
begnügt habe, seinen Glaubensgenossen im geheimen zu helfen. 

Dies sind nach Constans die drei Hauptgründe, welche den Ver- 
fasser des Romans von Theben bewogen,* den Statius in der Vulgär- 
sprache zu bearbeiten, um ihn einem grösseren Kreise zugänglich zu 
machen. 

G. Paris (Romania X, 271) glaubt aber diesen Gründen nicht so 
grosse Bedeutung beimessen zu dürfen und kann vor allem sich nicht 
erklären, welchen Einfluss das angebliche Christentum des Statius auf 
die Übertragung der Thebais hat ausüben können, da dieses Gedicht 
allen christlichen Anschauungen fremd ist. Er sieht vielmehr, und 
das wohl mit Recht, in dem grossen Erfolg des Troja - Romans das 
Hauptmotiv für den französischen Bearbeiter. 

*) L. Constans, La legende d’Oedipe, Paris 1881, S. 144 ff. 


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Das Gedicht besteht aus 14620 Achtsilbnem in Reimpaaren und 
rührt von einem unbekannten Verfasser her, der bald nach dem Roman 
von Troja schrieb und vielleicht ein Nachahmer oder Nebenbuhler 
Benoits, jedenfalls nicht Benoit selbst war. 

Die Quelle des Romans ist nach Constans nicht die Thebais in 
ihrer ursprünglichen Gestalt, sondern eine mittelalterliche, lateinische 
Bearbeitung derselben. Ob aber in dieser Redaction die bei Statius 
nicht vorhandenen, in den Roman von Theben neu eingeschobenen Epi- 
soden, wie die Begegnung des Tydeus mit der Tochter des Lycurg, 
die Eroberung von Montflor, der Fouragirungszug des Hippomedon, 
der Verrat des Darius etc., schon enthalten gewesen oder freie Er- 
findung des Dichters sind, dies ist eine Frage, deren Lösung Constans 
vorläufig für unmöglich hält. Da die Art und Weise der Bearbeitung 
des antiken Stoffes im Roman von Theben dieselbe ist wie im Roman 
von Troja, so will ich mich auf eine gedrängte Analyse nach Constans 
beschränken. 

Nach einer kurzen Einleitung, in welcher der Dichter von der 
Verpflichtung spricht, das eigene Wissen auch andern mitzuteilen, 
deutet er kurz den Gegenstand seines Gedichts, die Geschichte der 
beiden feindlicken Brüder Eteocles und Polynices an. Bevor er 
jedoch mit diesen selbst beginnt, geht er zurück bis auf deren Gross- 
vater Laius. 

Laius, der König von Theben, befragt das Orakel über seine 
Nachkommenschaft und erhält die Antwort, dass er einen Sohn er- 
zeugen werde, welcher der Mörder seines Vaters sein würde. Als 
daher seine Gemahlin Jocaste einen Sohn gebiert, befiehlt er drei 
Dienern diesen zu töten. Diese erfasst aber Mitleid mit dem armen 
Kinde, und sie begnügen sich damit, ihm die Fersen zu durchbohren 
und es an einer Eiche tief in einem Walde aufzuhängen. Dort findet 
der König Polibus von Foche den Knaben, nimmt ihn mit nach Hause 
und lässt ihn wie seinen Sohn erziehen. Oedipus, so wird das Kind 
genannt, wächst zu einem stattlichen Jüngling heran und wird der 
Vertraute des Königs. Aber da man ihm oft seine dunkele Herkunft 
vorwirft, so verlässt er traurig den Hof, um das Orakel des Apollo 
über seine Eltern zu befragen. Dieses weist ihn nach Theben, wo er 
Nachrichten über sich erhalten werde. Nicht fern von Theben wird 
ein Götterfest gefeiert; es kommt dabei zum Streit, und Oedipus, der 
grade vorbeikommt und auch darin verwickelt wird, erschlägt seinen 
Vater, ohne ihn zu kennen. Dann setzt er seinen Weg fort, löst das 
Rätsel der Sphinx und tötet das scheussliche Ungeheuer. Auf die 
Kunde hiervon holen ihn die Thebaner hoch erfreut in ihre Stadt, die 
Königin erweist ihm die grössten Ehren, und obgleich er sich ihr als 


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den Mörder des Laius zu erkennen giebt, fasst sie doch eine heftige 
Neigung zu ihm, und als daher am andern Tage die Thebaner sie 
bitten, den Oedipus zum Gemahl zu nehmen, willigt sie nach schein- 
barem Widerstreben gern darin ein. Schon 20 Jahre haben Oedipus 
und Jocaste zusammen gelebt und 4 Kinder mit einander gezeugt, 
da erst kommt es durch die tiefen Narben, welche Jocaste an den 
Füssen des Oedipus sieht, ans Licht, dass ihr Gemahl ihr eigener Sohn 
ist. Oedipus sticht sich in Verzweiflung die Augen aus und lässt sich 
in ein elendes Gefängnis werfen, um seine Schuld zu sühnen. Seine 
Söhne Eteocles und Polynices spotten über ihn und treten die ausge- 
stochenen Augen mit Füssen. Da verflucht er sie, und von Stund an 
beginnt unter ihnen die Zwietracht. Doch kommen sie überein, dass jeder 
ein Jahr die Regierung führen, und der, welcher von der Herrschaft 
ausgeschlossen ist, freiwillig in die Verbannung gehen soll. Eteocles 
als der ältere tritt zuerst die Regierung an, während Polynices in die 
Verbannung geht, nicht ohne Furcht, unterwegs von seinem Bruder 
überfallen zu werden. Müde kommt er nach neuntägiger, gefahren- 
reicher Wanderung des Nachts in Argos an, sucht sich unter der Vor 
halle des Königspalastes ein Obdach und schläft bald ein. Als Tydeus, 
Herzog von Calydon, dort gleichfalls Unterkommen sucht, fährt Poly- 
nices ihn zornig an. Von Worten kommt es zuThaten, und der König 
Adrastus, welcher durch den Lärm aus dem Schlafe gestört ist, trennt 
nur mit Mühe die Kämpfenden. Nachdem er sie nach ihrer Herkunft 
gefragt, versöhnt er sie mit einander, bewirtet sie in seinem Hause 
und bietet ihnen seine Töchter zu Gemahlinnen an. Am andern Tage 
wiederholt er ihnen, durch einen Traum in seinem Vorhaben bestärkt, 
sein Anerbieten, und Polynices heiratet die Argia, Tydeus die Dei- 
phile. 

Als Eteocles von dem Glücke seines Bruders hört, furchtet er, 
dass sich Polynices nach Ablauf des Jahres mit Hülfe seines Schwieger- 
vaters in den Besitz Thebens setzen möchte, und nachdem er sich 
deshalb von der Treue seiner Barone überzeugt hat, sieht er sich nach 
Bundesgenossen um und bessert die Mauern Thebens aus. Im Ver- 
trauen auf seine Macht schlägt er dem Tydeus, welcher von Polynices 
an ihn geschickt ist, um die Uebergabe der Regierung zu verlangen, 
diese Forderung ab, und auch seine Barone schenken den Worten des 
Tydeus kein Gehör. Für die drohende Herausforderung, welche 
Tydeus dem Eteocles entgegengeschleudert hat, sinnt letzterer auf 
Rache. Er befiehlt seinem Connetable, sich mit 50 Rittern bei dem 
Felsen der Sphinx in den Hinterhalt zu legen und den Tydeus lebendig 
oder tot nach Theben zu bringen. Tydeus, welcher beim Mondschein 
den Hinterhalt bemerkt, fordert die Feinde mutig zum Kampfe heraus. 

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Den Connetable Fidimus spaltet er bis zum Gürtel und wehrt sich 
tapfer, aber von der Üebermacht gedrängt, zieht er sich auf den Felsen 
der Sphinx zurück, dessen Zugang er so energisch verteidigt, dass die 
Thebaner weichen, Corinus sammelt sie wieder, und Tydeus erhält 
eine schwere Wunde. Als aber die Thebaner ihre besten Helden 
fallen sehen, zerstreuen sie sich von neuem. Noch einmal reisst sie 
Cremius zum Angriff mit sich fort Doch auch er erliegt bald dem 
Schwerte des Tydeus, und wie tapfer auch seine Gefährten kämpfen, 
und wie schwere Wunden Tydeus auch davonträgt, er behauptet doch 
den Felsen der Sphinx, auf den er sich wieder zurückgezogen, ja er 
geht schliesslich zum Angriff über und tötet alle Feinde. Nur einen 
lässt er am Leben, damit dieser dem König Eteocles das Geschehene 
melden kann. 

Nachdem Tydeus notdürftig seine Wunden verbunden hat, reitet 
er eilends weiter und kommt totmüde bei einem schönen Garten an, 
unter dessen schattigen Bäumen er sich zum Schlummer niederlegt 
Dort findet ihn die Tochter des Königs Lycurg. Sie empfindet Mit- 
leid mit dem von Blut überströmten und führt ihn heimlich in ihre 
Kammer, wo sie seiner Wunden -sorgsam pflegt. Umsonst ist ihr Be 
mühen ihn länger zurückzuhalten, und am andern Tage macht er sich 
nach zärtlichem Abschied wieder auf den Weg. In Argos ruft er 
wegen seines jämmerlichen Zustandes grosse Bestürzung hervor, aber 
ein armenischer Arzt heilt ihn bald. 

Als der übrig gebliebene Ritter dem Eteocles die Unglücks- 
botschaft überbringt, bezichtigt dieser die Thebaner der Feigheit, 
während der Ritter die ganze Schuld auf den Verrat des Königs 
schiebt. Zornig will ihn Eteocles töten, doch um dieser Schmach zu 
entgehen, tötet sich der Ritter selbst. Die Thebaner aber trauern und 
begraben die Toten. 

Polynices und Adrastus sammeln ein grosses Heer. Aber bevor 
sie ausziehen, befragt Adrastus den Seher Amphiaraus über den Aus- 
gang des Krieges, und trotzdem dieser grosses Unheil verkündet, 
bricht das Heer im Mai in der Stärke von 300,000 Mann anf. Da die 
Truppen in den Wüsten vonNemea schrecklich durch Hitze und Durst 
leiden, wird Tydeus, der gonfanonier, vorausgeschickt, um eine Quelle 
zu suchen. Gegen Abend trifft er in einem Garten eine Jungfrau mit 
einem Sonde, welche ihn zu einer Quelle führt. Eilend kommen alle 
herbeigestürzt, um ihren Durst zu löschen. Adrastus dankt der Jung- 
frau und fragt sie nach ihrem Namen. Es ist Hypsipyle, die Tochter 
des Königs von Lemnos, welche aus ihrer Heimat hierher geflohen ist 
Denn während alle Frauen von Lemnos nach gemeinsamer Verabredung 
ihre Männer, Väter und Brüder ermordet hatten, hatte sie ihren Vater 


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verschont und war in die Verbannung gegangen, um sich der Wut der 
Weiber zu entziehen. Lycurg, der König des Landes, hatte sie freund- 
lich aufgenommen und ihr die Pflege seines Kindes anvertraut Als 
sie noch dem Adrast ihre Schicksale erzählt, hört sie das Geschrei des 
Kindes, welches sie ohne Aufsicht zurückgelassen hat. Sie eilt hin 
und findet schon eine Leiche. Eine Schlange hatte es durch einen 
Stich in den Leib getötet Da Hypsipyle sich vor dem Zorn des 
Lycurg fürchtet, so ruft sie den Schutz des Adrastus an. Lycurg 
nimmt das Heer freundlich auf. Als ihm der Tod seines Kindes ge- 
meldet wird, schwört er sich zu rächen, während die Königin sich der 
Verzweiflung überlässt. Parthenopaeus, der geschickteste Bogen- 
schütze im Heere, erlegt die Schlange und erhält als Belohnung von 
der Königin ein reiches Lehen. Der Hypsipyle wird verziehen. 

Als die Griechen um die Stadt herum Spiele feiern, kommt die 
Nachricht von dem Anmarsch von 60 000 Thebanern. Adrastus bricht 
deshalb verwüstend und plündernd in Feindesland ein. Das Schloss 
Monflor leistet ihm energischen Widerstand, und vier Grafen von 
Venedig schlagen daher vor, dasselbe durch List zu nehmen. Während 
Polynices sich in der Nacht bei dem Schlosse in einen Hinterhalt legt, 
bricht Tydeus mit 2000 erlesenen Rittern in der Richtung nach Theben 
auf. Bei Tagesanbruch kommt er unter so grossem Lärm und Getöse 
zurück, dass die Besatzung der Feste in dem heranrückenden Heere 
thebanische Hülfstruppen vermutet. 

Adrastus mit der Hauptmacht flieht zum Schein, und während 
die Belagerten das Lager plündern, dringt Polynices in das von Ver- 
teidigern entblösste Schloss ein. Auf ein Horasignal kehrt Adrastus 
um, und die Thebaner von beiden Seiten angegriffen müssen sich er- 
geben. 500 Barone werden gefangen genommen und in den Kerker 
geworfen. Dann zieht das Heer nach Theben und schlägt vor der 
Stadt sein Lager auf. t 

Noch in der Nacht beruft Eteocles seine Getreuen, um ihren Rat 
zu hören. Zuerst weist er jeden Versöhnungsversuch zurück. Als 
aber die Barone ihm harte Worte sagen und Jocaste ihn flehentlich 
bittet, willigt er ein, einen Gesandten an Polynices zu schicken. Keiner 
will die Botschaft aus Furcht vor der Rache des Tydeus übernehmen. 
Da erklärt sich Jocaste dazu bereit, und mit ihren Töchtern Antigone 
und Ismene geht sie in das griechische Lager. Drei Ritter, unter 
denen sich Parthenopaeus befindet, holen sie ein. Parthenopaeus ver- 
liebt sich auf dem Wege in Antigone und findet bei ihr Erhörung 
seiner Liebe. Jocaste wird mit Auszeichnung empfangen, aber Adrastus 
geht auf die Friedensbedingungen nicht ein, obwohl Polynices zur 
Versöhnung gestimmt ist. Während dessen töten griechische Knappen 

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einen gezähmten Tiger eines Thebaners und werden deshalb von den 
hierüber aufgebrachten Feinden verfolgt. Hieraus entwickelt sich bald 
eine allgemeine Schlacht, in der die Thebaner hart mitgenommen 
werden. Parthenopaeus erobert das Pferd des Yomer und lässt es 
durch einen Knappen der Antigone als Geschenk überbringen. Capaneus 
treibt mit seiner Schar mehr als 10000 Ritter in einen Teich am Fusse 
der Stadtmauer und wird nur durch griechisches Feuer am Eindringen 
in die Stadt gehindert. Als Eteocles von der Niederlage der Thebaner 
hört, beginnt er noch einmal die Schlacht, und erst Polynices setzt auf 
die Bitten der Jocaste dem Kampfe ein Ziel. Nochmals bemüht sich 
die Königin vergebens, die bei ihr versammelten Fürsten zum Frieden 
zu bewegen, und unverrichteter Sache kehren die Frauen in Begleitung 
von Polynices, Tydeus und Parthenopaeus nach der Stadt zurück. Mit 
einem Geleitsbrief versehen begeben sich die drei Ritter mit in den 
Königspalast, wo sie Oedipus auf einem prächtigen Bette liegen finden. 
Eteocles zieht sich zornig mit seinen Freunden zurück. Polynices de- 
mütigt sich vor seinem Vater und setzt ihm sein gutes Recht ausein- 
ander. Als aber Oedipus Eteocles herbeirufen lässt, will dieser von 
nichts hören, droht vielmehr seinem Bruder und weist Oedipus barsch 
auf seine Kammer. Da wird dieser erregt. Trauernd erzählt er, wie 
durch ihn das Unglück und die Sünde in sein Geschlecht gekommen 
sei, wie er gebüsst und sein Reich seinen Söhnen gegeben habe. Ein 
böses Ende sagt er voraus, da die Götter ihn mit ihrem Hasse ver- 
folgten. Inzwischen legt sich ein Ritter, dessen Onkel von Tydeus 
getötet war, mit 300 Gefährten vor der Stadt in einen Hinterhalt. Der 
Knappe des Tydeus aber, welcher die Verräter belauscht hat, benach- 
richtigt den Seneschall des Tydeus, der sich gleichfalls mit einer Schar 
in den Hinterhalt legt. Polynices und seine Genossen retten sich durch 
eilende Flucht. Die sie verfolgenden Feinde stossen auf die ver- 
steckten Griechen, und es entspinnt sich ein Kampf, in den bald die 
in der Nähe lagernden Griechen hineingezbgen werden, und der mit 
der Flucht der Verräter endet. Aber Amphiaraus und 1000 Ritter 
werden von der Erde verschlungen. Bei den Belagerern herrscht 
grosse Trauer wegen dieser Zornesäusserung der Götter, und Adrastus 
beruft eine Versammlung der Barone. Diese entscheiden sich jedoch 
für Fortsetzung der Belagerung, und nachdem ein neuer Oberpriester, 
Tiodamas, gewählt und den Göttern ein Sühnopfer gebracht ist, schliesst 
sich sogleich die Erde. Sofort beginnen die Griechen wieder den 
Kampf. Heldenthaten des Isaeus, des Grafen Alexis von Arcadien, 
des TJiebaners Agenor und des Menesteus. Creon legt sich in einen 
Hinterhalt und schlägt die Schar des Polynices in die Flucht. Dieser 
wird sogar von zwei thebanischen Brüdern gefangen genommen, doch 


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gleich wieder freigegeben. Athon, der Verlobte von Ismene, welcher 
sich ohne Panzer in die Schlacht gewagt hat, wird von Tydeus ganz 
wider dessen Willen tötlich verwundet. Tydeus lässt den tapfern 
Jüngling auf seinem Schilde nach Theben tragen, und die Thebaner 
heben ein grosses Klagen an. Ismene ist durch einen bösen Traum 
erschreckt, und als sie das Jammergeschrei hört und die Bahre sieht, 
ahnt sie den Tod ihres Geliebten und sinkt ohnmächtig zu Boden. 
Dann wirft sie sich über den Leiclmam und macht ihren Schmerzen 
in langen Klagen Luft. Nach der Bestattung zieht sie sich von der 
Welt zurück und gründet ein Frauenkloster. 

Am andern Morgen reitet der König zum Kampfe aus der Stadt. 
Bei ihm sind seine treuen Verbündeten, der Jude Salatiel, Diogenes, 
Herzog von Sur, Piraeus, Graf von Marseille, Agrippa, Graf von Si- 
cilien, der Engländer Godris u. s. w. Tydeus kämpft der Reihe nach 
mit allen diesen. Als er aber Eteocles bedrängt, wird er von dem 
Thebaner Menalipus tötlich getroffen. Sein Tod erfolgt bald und die 
Griechen erheben ein grosses Wehklagen. Eteocles, welcher hieraus 
den Tod des Tydeus schliesst, macht einen Ausfall, um den Leichnam 
zu rauben. Erbitterter Kampf des Eteocles und Polynices. Hippo- 
medon verteidigt aber den Leiclmam tapfer, und erst nachdem Eteocles 
durch eine List den Hippomedon fortgelockt hat, gelingt es ihm, sich 
der Leiche zu bemächtigen. Um den Hals derselben wird ein Strick 
gebunden, an dem sie von 500 Sklaven geschleift wird. Als Eteocles 
ein Lösegeld von Jen Vasallen des Tydeus zurückweist, wollen diese 
verzweifelt nach Hause zurückkehren, und nur mit Mühe hält sie 
Adrastus davon ab. 

Allmählig werden die Lebensmittel im Lager sehr knapp, und 
Hippomedon fordert desshalb die Eingeborenen bei Strafe ihres Lebens 
auf, ihn zu einer Fouragirung in eine fruchtbare Gegend zu führen. 
Mit 1000 Rittern und vielen Lasttieren bricht er unter ihrer Führung 
nach einem reichen Lande an der Donau auf und dringt nach einem 
siebentägigen, mühsamen Marsche des Nachts durch den einzigen 
Zugang im Gebirge in dasselbe ein. Grosse Beute fällt den Griechen 
zu. Eteocles, der von dem Zuge erfahren hat, lauert den Zurück- 
kehrenden mit 3000 Mann in einem Hinterhalt auf. Die Vorhut des 
Hippomedon bemerkt aber die Feinde und benachricht ihren Führer 
davon. Mutig tritt dieser den Thebanern entgegen, obgleich er sie 
auf Umwegen hätte umgehen können, schlägt sie und kommt zur 
grossen Freude des ausgehungerten Heeres glücklich wieder im Lager 
an. Bei dieser Expedition war Alexander, der Sohn des Thebaners 
Danus, des Roten, welcher in Theben einen festen Turm zu Lehen 
hatte, gefangen genommen. Polynices verspricht dem Darius, seinen 


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Sohn gegen Überlieferong des Turmes frei zu geben, und nach einigem 
Bedenken erklärt dieser entweder Eteocles zum Frieden bestimmen 
oder den Turm überliefern zu wollen. Als Eteocles zornig über ein 
solches Ansinnen den Darius mit dem Stocke schlägt, liefert der Ver- 
räther in der Nacht den Turm aus. Aber schon am nächsten Tage 
wird derselbe durch eine Mine eines thebanischen Ingenieurs zu Fall 
gebracht und zurückerobert 

Eteocles will den Darius verbrennen lassen, doch Othon erlangt 
vom Könige, dass der Verräter vor ein Gericht der Barone gestellt 
wird. Da nun ein Teil der Barone Partei für den Angeklagten nimmt 
und dessen Handlungsweise zu rechtfertigen sucht, kommt man überein, 
eine Gesandtschaft an den König zu schicken, um diesen zur Milde 
zu stimmen. Unverrichteter Sache kehren die Abgesandten zurück, 
und die Gerichtsverhandlungen nehmen ihren Fortgang. Der König 
wird zuletzt ungeduldig und lässt die Richter in seinen Palast ent- 
bieten, wo die Beratung fortgesetzt wird. Schliesslich will Daniel das 
Todesurteil verkünden. Da springt Darius zornig auf und fordert 
jeden heraus, der ihn des Verrates zeihe, und als Jocaste, Antigone 
und Salamandre, die schöne Tochter des Verräters, welche der König 
sehr liebt, für Darius um Verzeihung flehen, und dieser selbst um 
Gnade bittet, giebt Eteocles endlich nach. Den Alexander rettet 
Polynices vor den aufgebrachten Griechen, indem er ihm ein schnelles 
Pferd giebt und zu seinem Vater zurückschickt. 

Da man einsah, dass Theben durch Gewalt nicht bezwungen 
werden konnte, wandte Hippomedon eine List an. Das Heer zog 
nach Vorausschickung der Bagage ab, und Hippomedon mit 20,000 
Rittern bildete die Nachhut. Wie man erwartet hatte, machten sich 
die Feinde zur Verfolgung auf. Es kam zum Kampfe, und die The- 
baner mussten sich nach grossen Verlusten vor der überlegenen Streit- 
macht der Griechen zurückziehen. Hippomedon fand in dieser Schlacht 
seinen Tod, indem er von der Strömung eines Flusses fortgerissen wurde 
und ertrank. Eteocles, welcher oft allein vor der Stadt kämpfte, um 
sich unter den Augen der Salamandre auszuzeichnen, traf einst inBegleitung 
von Alexander und Drias mit Parthenopaeus undDuceus zusammen. Par- 
thenopaeus wollte den viel schwächeren Eteocles nicht töten, sondern hob 
ihn nur aus dem Sattel, wurde aber aus Rache dafür von Drias trotz des 
Verbotes von Eteocles auf den Tod verwundet. Der Gedanke an seine 
Mutter macht ihm grossen Kummer, und er bittet Duceus, sie in schonender 
Weise von seinem Tode zu benachrichtigen. Sein Seneschall soll reiche 
Schätze unter seine Ritter verteilen. Dann stirbt er, und trauernd bringen 
Duceus und Eteocles seinen Leichnam nach Theben. Antigone ist 
untröstlich über den Tod des Parthenopaeus und stirbt vor Kummer, 


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55 


Im Lager ruft die Trauerbotschaft gleichfalls grosse Bestürzung, hervor, 
aber Adrastus ermutigt das Heer und fordert zur Rache auf. Eine 
heisse Schlacht findet am andern Tage statt. Eteocles trifft mit Po- 
lynices hart zusammen und fällt nach erbittertem Kampfe. Mitleidig 
steigt Polynices vom Pferde, umarmt und küsst seinen Bruder und 
beklagt dessen Tod. Eteocles aber durchbort mit Anstrengung seiner 
letzten Kräfte den nichts ahnenden Polynices, und beide hauchen zu- 
sammen ihr Leben aus. 

Da giebt Adrastus das Zeichen zum Sturm. Aber alle Griechen 
werden durch Steine, welche die Belagerten von der Mauer herab- 
wälzen, zerschmettert mit Ausnahme des Adrast, Capaneus und eines 
schwer verwundeten Ritters, der die Unglücksnachricht nach Argos 
bringt 

Die Argiverinnen ergreift die Verzweiflung. Sie beschlossen, 
nach Theben aufzubrechen und die Leichen ihrer Angehörigen zu be- 
statten. In ungeordnetem Zuge, mit Beilen, Hacken und Schaufeln 
versehen, ziehen sie ungehindert durch Griechenland, da alle Mitleid 
mit den unglücklichen Frauen empfinden. Unterwegs schhessen sich 
ihnen Adrastus und Capaneus an, und einen mächtigen Verteidiger 
ihrer Sache finden die Frauen in dem König Theseus von Athen, der 
ihnen zufällig mit einem Heere begegnet und seine Hülfe zusagt. 
Gesandte werden an Creon, den neuen König von Theben, geschickt, 
um die Leichen zu verlangen, und als dieser die Übergabe verweigert, 
beginnt der Sturm auf Theben. Auch die Frauen beteiligen sich 
daran und zerkratzen in ihrer Wut die Mauern mit den Nägeln. 
Capaneus wird von einem Felsen das Haupt zerschmettert Es ge- 
lingt den Frauen, einen Teil der Mauer zum Einsturz zu bringen. 
Theseus dringt durch die Bresche ein und zerstört die Stadt Creon, 
der sich nicht ergeben will, wird gehängt. Die Frauen begraben die 
Leichen, und Eteocles und Polynices werden auf einem Scheiterhaufen 
verbrannt. Aber selbst noch die Flammen kämpfen gegen einander, 
und die Asche setzt in der Urne den Streit fort. Thesus kehrt mit 
den Kriegsgefangenen nach Athen zurück, während die Frauen unter 
Führung des Adrast nach Argos ziehen. 

Das Gedicht schliesst mit der Aufforderung des Verfassers nichts 
Widernatürliches zu thun, um nicht ein Schicksal wie das des Oedipus 
mnd seiner Söhne zu erleiden. 

Den Erfolg des Romans von Theben kann man, abgesehen von 
den vielen Bearbeitungen in Prosa (vgl. Constans, La lögd. d'Oed. 
S. 315 ff.) und häufigen Anspielungen darauf bei späteren Dichtern 
(Constans, a. a. 0., S. 349 ff), am besten daraus ersehen, dass auch er wie 
viele berühmte Epen des Mittelalters gewissermassen eine Einleitung 


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56 


und Fortsetzung in den Romanen von Ypontodon und ProtosilMS 
erhalten hat. Da diese beiden Romane noch nicht gedruckt und 
wenig bekannt sind, so begnüge ich mich mit der blossen Erwähnung 
derselben. 

Vielfache Berührung mit dem Roman von Theben zeigt der 
Roman von Athis und Prophilias, welcher zum Teil von A. Weber, 
Athis und Prophilias, Staefa 1881 und von H. Borg, Sagan on Athis 
och Prophilias, Upsala 1882 gedruckt ist Das Gedicht zerfallt in 
zwei Teile, deren zweiter mit v. 2439 beginnend eine Recapitulation 
des bereits Erzählten und ziemlich trockene Betrachtungen über die 
Freundschaft enthält Sein Charakter ist ein von dem ersten Teile 
wesentlich verschiedener und deshalb stellt Weber nach dem Vor- 
gänge W. Grimms (Athis und Prophilias, Berlin 1846, S. 48 — 53) die 
Hypothese einer zweifachen Autorschaft auf. Als Dichter des ersten 
Teiles nennt sich ein gewisser Alexander, dessen Identität mit Alexandre 
de Bernay, dem einen Verfasser des Roman d' Alixandre, jedoch 
höchst unwahrscheinlich ist Weber nimmt nicht, wie W. Grimm, eine 
neugriechische Bearbeitung der Sage von den beiden Freunden etwa 
aus dem 11. Jh. als Quelle des ersten Teiles an, sondern hält diesen 
für eine französische Originaldichtung. Freilich ist es nach ihm nicht 
ausgeschlossen, dass ein griechischer Roman (ev. eine lat. Übersetzung 
desselben) den Stoff zu unserem französischen Gedichte lieferte, aber 
in diesem Falle betrachtet er die Nachbildung nicht als eine unmittel- 
bare, sondern als eine durch mündliche Tradition vermittelte. L. Con- 
stans ist geneigt eher byzantinischen als griechischen Einfluss anzu- 
nehmen. 

Der Roman von Partonopeus p. p. Crapelet, Paris 1834 trägt 
nur den Namen eines Helden aus dem thebanischen Sagenkreise, hat 
aber im übrigen mit demselben nichts zu tun. Sein Inhalt ist der 
Mythus von Amor und Psyche. 

Eine Erzählung, die, wie wir aus dem Inhalte derselben ersehen 
werden, viele Anklänge an die Oedipussage hat, liegt vor in der 
Gregor-Legende (La vie du pape Gr6goire le Grand, p. p. Luzarche, 
Tours 1854). 

„Ein Graf von Aquitanien hinterlässt einen Sohn und eine Tochter, 
die eine sündhafte Neigung zu einander fassen. Die Frucht derselben 
ist ein Sohn, der in einem Kahne dem Meere preisgegeben wird. Der 
junge Graf stirbt auf der Pilgerfahrt nach Jerusalem, und seine 
Schwester wird Herrin des Landes. Zwei Klosterfischer finden das 
Knäblein auf hohem Meere. Sie nehmen es mit zum Kloster, und 
von einem der Fischer wird es auf Befehl des Abtes erzogen. Als 
dev Knabe herangewachsen ist und ihm einst von seiner Pflegemutter 


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57 


Beine Abkunft vorgeworfen wird, hält es ihn nicht länger im Kloster, 
sondern vom Abte mit Pferd und Rüstung beschenkt, macht er sich 
auf die Suche nach seinen Eltern. Gregor, so hiess der Jüngling, 
tritt in die Dienste seiner von ihren Feinden bedrängten Mutter, be- 
siegt dieselben und heiratet seine Mutter. Als diese aber durch Zufall 
erfährt, wer ihr Gemahl ist, trennen sich beide. Gregor zieht ein 
Bettlergewand an, um Busse zu tun, und lässt sich von einem Fischer 
an eine einsame Felsklippe im Meere mit eisernen Fesseln schliessen. 
Nur von dem Wasser des Himmels ernährt er sich 17 Jahre dort. 
Nach Ablauf dieser Zeit wird er auf die Weisung Gottes durch Ge- 
sandte aus Rom aus dieser traurigen Lage befreit und zum Papst 
gewählt. Als seine Mutter, herbeigezogen durch den Ruf der Heiligkeit 
des neuen Papstes, diesem ihre Sünde beichtet, erkennt sie in ihm 
ihren Sohn und Gatten wieder. Auf seine Aufforderung entsagt sie 
der Welt und zieht sich in ein Kloster zurück. a 

Wie bei der Oedipus-Legende , so finden wir auch hier die un- 
bewusste Blutschande eines Sohnes mit seiner Mutter und die schwere 
Busse desselben. Aber es fehlt der Vatermord und die Weissagung, 
welche unabwendbar in Erfüllung gehen musste. Eine neue Blut- 
schande kommt hinzu, und die Entwicklung ist eine ganz andere. 

Nach Comparetti (Edipo e la mitologia comparata S. 87) liegt 
der Ursprung der Gregorlegende in der christlichen Idee, dass Gott 
barmherzig ist und um Christi willen denen ihre Sünden vergiebt, 
welche sie aufrichtig bereuen. Diese Idee, nach der es kein noch 
so scheussliches Verbrechen giebt, welches nicht durch aufrichtige 
Busse Vergebung finden könnte, regte die Einbildungskraft der Dichter 
an und gab Veranlassung zur Abfassung von Legenden. Nach Gaston 
Paris (Revue critique 1870, I. 413) hat der Verfasser der Gregor- 
Legende die heidnische Erzählung nicht gekannt; denn da im all- 
gemeinen die mittelalterlichen Dichter ihren Vorlagen ziemlich un- 
selbständig gegenüber ständen, sei cs nicht anzunehmen, dass der 
Verfasser der Gregor -Legende seine Vorlage so vollkommen um- 
gearbeitet habe. G. Paris ist geneigt eine orientalische Quelle an- 
zunehmen. Auch L. Constans (La lögende d’Oedipe S. 111 ff.) fuhrt 
aus, dass an ein Abhängigkeitsverhältnis zwischen der Gregor-Legende 
und der Sage von Oedipus nicht zu denken sei und hält eine Be- 
kanntschaft mit den Thatsachen der antiken Sage für den mittel- 
alterlichen Dichter durchaus nicht erforderlich. 

Ausser der altfranzösischen Bearbeitung haben wir auch noch 
mittelenglische und den Gregorius Hartmanns von der Aue. Über das 
Verhältniss derselben spricht Neussell, Über die afr.,.mhd. und me. 
Bearbeitungen der Sage von Gregorius, Halle 1886, 


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58 


Die Romane von Julius Caesar. 

Wie die Thebais des Statius, so fanden auch die Pharsalia des 
Lucan, welche den Kampf zwischen Caesar und Pompejus bis zur 
Belagerung von Alexandria behandeln, ihre französischen Bearbeiter, 
da Caesar im Mittelalter allgemein als der Gründer des römischen 
Kaiserreichs angesehen wurde uud seine Berühmtheit grösser als die 
von Augustus und Constantin war. 

Jean de Tuim, ein Geistlicher aus dem Hennegau h schrieb im 
13. Jh. einen Prosa -Roman von Julius Caesar, den Settegast unter 
dem Titel „Li hystore de Julius Cesar“, Halle 1881 herausgegeben hat 

Die Quellen des Romans sind die Pharsalia Lucans, die Commentare 
Caesars über den Bürgerkrieg und die Fortsetzungen desselben: De 
bello Alexandrino, De bello Africano und De bello Hispaniensi. 
Manches ist der eigenen Phantasie des Verfassers entsprungen, so die 
Schlachtenschilderungen und die umständliche Erzählung des Liebes- 
verhältnisses zwischen Caesar und Cleopatra, das Lucan nur andeutet. 

Weniger Interesse als die Hystore bietet der Roman von Jacot 
de Forest (circa 9800 Alexandriner in Tiraden), der im wesentlichen 
eine Versification der Hystore ist. Ohne Zweifel hat Jacot aber ausser 
der Hystore auch noch lateinische Quelleu aushülfsweise benutzt, wie 
die Pharsalia und Caesars Commentare über den Bürgerkrieg. Der 
Roman unterscheidet sich wie die Hystore dadurch von Werken ähn- 
licher Art, dass er sich nur wenig von seiner indirecten Vorlage, den 
lateinischen Texten, entfernt und ziemlich frei von jenen Abschwei- 
fungen ist, in denen sich die Bearbeiter antiker Stoffe so sehr gefallen. 
Deswegen habe ich es nicht für nöthig gehalten, eine Analyse beider 
Werke zu geben. 


Der Cyclus von Alexander dem Grossen. 

Alle fabelhaften Erzählungen, welche über Alexander den Grossen 
im Orient und Occident im Umlauf waren, gehen direct oder indirect 
auf eine Redaction des griechischen Werkes von dem sogen. Pseudo- 
Callisthenes *) zurück, das gegen das 3. Jahrh. in Alexandria verfasst 
eine Zusammenstellung der volkstümlichen und gelehrten Alexander- 
sagen gab. Dieses Werk bezeichnet einen bedeutsamen Abschnitt in 
der Alexanderdichtung, denn mit ihm findet die Bildung der volks- 
tümlichen Sagen ihren Abschluss und in ihm liegen die Keime für den 

*) P. Meyer, Alexandre le Grand dans la littdrature fran^&ise du moyen 
age, Paris 1886. III, 1—7. J. Zacher, Pseudo - Callisthenes, Forschungen zur 
Kritik und Geschichte der ältesten Aufzeichnung der Alexandersage, Halle 1867. 


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grössten Teil der mittelalterlichen Bearbeitungen der Sagen von dem 
macedonischen Helden. Der Erfolg des Pseudo - Callisthenes war ein 
grosser, wie wir aus der grossen Zahl der noch erhaltenen Hss. 
schliessen können. Die Hss., welche man in 3 Klassen teilen kann, 
weichen sehr von einander ab und lassen den Originaltext nur mangel- 
haft erkennen. Diesen construirt man sich besser aus drei sehr alten 
{Versetzungen, der ältesten lateinischen des Julius Valerius, der 
armenischen aus dem 5. Jahrh. und der nicht viel jüngeren syrischen. 
Durch die Vermittelung des Lateinischen wurde das Abendland mit 
der Alexandersage bekannt. Von den zwei lateinischen Übersetzungen 
des Pseudo - Callisthenes ist die älteste die von Julius Valerius, hgg. 
von K. Müller, Paris 1846. Zacher setzt ihre Vollendung vor 340 
(Pseudo-Call. , S. 84), da sie eine der Quellen des Itinerarium 
Alexandri bildet, welches zwischen 340 und 345 verfasst ist. Das 
Werk des Julius Valerius scheint nach der geringen Zahl der Hss. zu 
urteilen in dieser Form nicht sehr beliebt gewesen zu sein. Erst ein 
Auszug aus demselben das sogen. Epitome (hgg. von Zacher, Halle 
1867), dessen Abfassung in das 5. JahrL fällt, erzielte einen grossen 
Erfolg und diente den meisten mittelalterlichen Bearbeitungen der 
Alexandersage als Quelle. Über das Verhältnis des Epitome zu Julius 
Valerius vgl. P. Meyer a. a. 0. S. 19 ff. 

Ein Mittelglied zwischen J. Valerius und dem Epitome glaubt 
P. Meyer (a. a. 0. S. 20 ff ) in der Hs. 82 des Corpus Christi College 
zu Oxford entdeckt zu haben. 

In mancher Beziehung eine Ergänzung des Epitome ist der Brief 
Alexanders an Aristoteles über die Wunder Indiens, der in den Hss. 
häufig hinter dem Epitome bteht. Ursprünglich machte er einen Teil 
des Pseudo-Callisthenes aus, war aber schon zur Zeit des ersten Epi- 
tomators des Valerius davon losgelöst und bildete ein selbständiges, 
kleines Werk. Vgl. P. Meyer a. a. 0. S. 26 — 28. 

Ausser dem eben besprochenen Briefe findet sich oft in den Hss. 
ein Briefwechsel zwischen Alexander und Dindimus, dem Könige der 
Brahmanen. Wenn dieser auch in den ältesten Aufzeichnungen des 
Pseudo-Callisthenes uns noch nicht begegnet, so ist doch schon die 
Idee dazu in dem philosophischen Dialoge mit den Brahmanen und 
ihrem Könige Dandamis gegeben. Ein byzantinischer Rhetor hat nun 
auf Grund dieses Dialogs die Briefe geschrieben und ein selbständiges 
Werk daraus geschaffen, das später in eine der jüngsten Redactionen 
des Pseudo - Callisthenes eingeschoben wurde, nämlich in die, nach 
welcher der Archipresbyter Leo seine lateinische Übersetzung anfertigte. 
Nicht ausgeschlossen, doch höchst unwahrscheinlich ist, dass Leo selbst 
die Briefe einschaltete. Vgl, P. Meyer a. a. 0. S. 28—34. 


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Eine weitere Bereicherung erfuhr die Alexanderdichtung, als um 
die Mitte des 10. Jahrh. der soeben erwähnte italienische Archipresbyter 
Leo eine ziemlich freie, lateinische Bearbeitung des Pseudo-Callisthenes, 
die sog. Historia de proellis (hgg. von Landgraf, Erlangen 1885) an- 
fertigte. Vgl. Zacher, Pseudo-Call. S. 108 ff. und P. Meyer a. a. O. 
S. 34—44 Nach P. Meyer hat diese Version keiner der ältesten alt- 
französischen Bearbeitungen als Vorlage gedient, da sie höchst wahr- 
scheinlich erst gegen das Ende des 13. Jh. durch eine einfache Prosa- 
übersetzung in Frankreich bekannt wurde. Doch von da ab gewann 
die Üebersetzung Leos bald an Bedeutung und drängte das Epitome 
gänzlich in den Hintergrund. 

Zu den lateinischen Erzählungen, die im Pseudo-Callisthenes ihren 
Ursprung haben, gehört nach Zaracke (Über das Fragment eines latei- 
nischen Alexanderliedes in Verona in den Abh. der Kgl. Sächs. Aka- 
demie der W., philos. -hist. Klasse 1877, S. 57 — 69) ein kleines, ryth- 
misches Gedicht des 9. Jh. in Strophen von 3 ungereimten 15-Silbnern. 
Vgl. P. Meyer a. a. 0. S. 44-46. 

Die bis jetzt genannten Werke sind die Hauptquellen für die ro- 
manischen Bearbeitungen der Alexandersage. Doch daneben haben die 
romanischen Schriftsteller ganz abgesehen von den Geschichtsschreibern 
des Altertums auch gewisse apocryphe Schriften benutzt, welche un- 
abhängig von Pseudo-Callisthenes sind. Die wichtigste unter diesen ist 
das kleine Werk, welches unter dem Namen Alexandri magni iter ad 
Paradisum bekannt und mit sehr grosser Wahrscheinlichkeit in der 
ersten Hälfte des 12. Jh. abgefasst ist. In der französischen Litteratur 
findet man verschiedentlich seine Spuren wieder. Vgl. P. Meyer a. a. O. 
S. 47 — 51. 

Wenn auch das Mittelalter im allgemeinen alle diese fabelhaften 
Erzählungen von Alexander für wahr hielt, so wurden doch schon seit 
dem 12. Jahrh. Zweifel an ihrer Glaubwürdigkeit laut. Beweist dies 
direct die Einleitung des Alexanderfragmentes von Alberich von Be- 
sauen, so haben wir einen indirecten Beweis in der Alexandreis des 
Gautier von Chätülon, welcher dem Quintus Curtius als Quelle folgte. 

Auch ein lat. Compilator aus der Abtei Saint -Alban in England, 
der höchst wahrscheinlich um die Mitte des 12. Jh. schrieb, scheint 
dieselben Zweifel gehegt zu haben, da er Justin, Orosius, Josephus etc. 
als Vorlage benutzte. Vgl. P. Meyer a. a. 0. S. 52—63. 

Ganz unkritisch ging dagegen wieder ein späterer Compilator vor, 
ein englischer Ordensgeistlicher des 14 Jh., indem er das Epitome des 
Valerius mit der Compilation von St- Alban verschmolz. Sein Werk 
ist, soweit bis jetzt bekannt, nur in der Hss. 299 der Collection Douce 
in der Bodleiana erhalten. Vgl. P. Meyer a. a. O. S. 63 — 68. 


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61 


Die älteste französische Bearbeitung der Alexandersage liegt uns 
vor in dem fragmentarisch erhaltenen Roman des Alberich von Be- 
Sanken«. Der Name des Verfassers ist nur aus einer mhd. Bearbeitung 
des Romans, dem Alexanderliede des Pfaffen Lamprecht (12. Jh.) be- 
kannt Das französische Gedicht besteht aus 105 Achtsilbnem in Ti- 
raden und ist nach P. Meyer in dem Dialecte von Lyonnais oder Dau- 
phinö geschrieben. Valerius und authentische Geschichtswerke haben 
als Vorlage gedient. Vgl. P. Meyer a. a. 0. S. 69 — 101. 

Der Inhalt des Fragments ist mit kurzen Worten folgender: 

Alberich weist die Behauptung einiger Dichter, dass Alexander 
der Sohn eines Zauberers sei, als Verleumdung und Lüge zurück und 
nennt die wahren Eltern Alexanders. Grosse Zeichen geschehen bei 
der Geburt des Helden, die Erde erbebt und die Sonne verliert ihren 
Schein. Alexanders Körper ist ungewöhnlich ausgebildet Schon nach 
einem Jahre kann er besser laufen als andere Kinder nach sieben. 
Alle Künste und Wissenschaften lernt er. Ein Lehrer unterrichtet ihn 
im Griechischen, Lateinischen, Armenischen und Hebräischen, ein 
anderer in der Führung der Waffen, ein dritter in der Rechtswissen- 
schaft, ein vierter in der Musik und ein fünfter im Vermessen des 
Landes. Damit bricht das Fragment ab. 

Das Werk Alberichs dient einem französischen Gedichte in Zehn- 
silbnem als Grundlage. Dieses bildet in den beiden uns bekannten 
Hss. einen Teil eines grösseren Werkes, denn nach 804 bezw. 705 
Zehnsilbnern, welche mit dem Siege Alexanders über Nicolas aufhören, 
fährt der Roman in Alexandrinern fort, die mit dem Gedichte Lam- 
berts des Krummen und Alexanders von Paris identisch sind. Zwischen 
beide Teile ist eine gewisse Anzahl von Tiraden eingeschoben, welche 
teils dem Roman d’Alixandre entlehnt sind, teils das Werk des Ordners 
zu sein scheinen, der beide Teile aneinandergefügt hat. Der Verfasser 
der Zehnsilbner ist der Clerc Simon. P. Meyer hält ihn auch für 
den Arrangeur des ganzen Gedichtes. Aus sprachlichen Eigentümlich- 
keiten schliesst derselbe Gelehrte, dass das Gedicht in Zehnsilbnern 
dem Süden des französischen Sprachgebietes und höchst wahrscheinlich 
dem westlichen Teile desselben angehöre. Ueber das Quellenverhältnis 
vgl. P. Meyer, a. a. 0. S. 114 ff. 

Von allen französischen Bearbeitungen erlangte die grösste Be- 
rühmtheit der Alexander-Roman von Lambert 11 Tors und Alexandre 
de Paris. Die Hss. sind sehr zahlreich und weichen zum Teil be- 
deutend von einander ab, sei es infolge von Umstellungen und Aus- 
lassungen oder Hinzufügung ganzer Episoden oder sei es infolge Um- 
arbeitung mehr oder weniger grosser Partieen. Da die einzige bis jetzt 
vorhandene Ausgabe des Romans (Li romans d’Alixandre par Lambert 


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— 62 — 

li Tors et Alexandre de Bernay , hgg. von H. Michelant , Stuttgart, 
1846) nur nach einer, noch dazu mittelmftssigen Hs. angefertigt wurde, 
ist es unbedingt notwendig, direct auf die Hss. zurückzugehen, um 
eingehende Studien über die Abfassung des Gedichtes zu machen. 
Dieser Aufgabe hat sich P. Meyer mit vielem Fleisse unterzogen. Er 
teilt den Roman in eine ziemlich grosse Zahl von willkürlich ange- 
nommenen Abschnitten, welche er einzeln analysirt und auf ihre 
Quellen hin untersucht. 

Es ist mir an dieser Stelle natürlich nicht möglich, eine genaue 
Analyse zu geben. Ich muss mich damit begnügen, den Gang des 
Romans nach der Ausgabe Michelants skizzenhaft anzudeuten und im 
übrigen auf P. Meyer zu verweisen. 

Prolog. Kindheit Alexanders. (Ausg. Michelant, S. 1 — 15.) 
Im Prolog erklärt der Dichter offen, dass der Roman kein Original- 
werk sei. Er preist seinen Stoff und giebt seiner Verachtung gegen 
die baitars troviors Ausdruck. Dann geht er zu dem eigentlichen 
Thema über. Alexander wird unter ungewöhnlichen Naturerscheinungen 
als der Sohn Philipps von Macedonien und dessen Gemahlin Olympias, 
einer tugendhaften, makellosen Frau, geboren und wächst unter der 
Leitung des Aristoteles und des Natanabus , eines grossen Zauberers, 
heran. Ein Traum, den er in seinem zehnten Jahre hat, verheisst ihm 
die Herrschaft über die Welt. Den Natanabus stürzt er von einem 
Feben herab, weil diesen ein böses Gerücht als seinen Vater bezeichnete. 
Er bändigt den Bucephalus, ein Pferd von scheusslicher Gestalt, und 
empfängt in seinem dreizehnten Jahre auf den Rat der Barone mit 
300 edlen Altersgenossen den Ritterschlag. Vgl. P. Meyer, S. 137—43. 

Krieg gegen Nicolas. (Mich. S. 15—45). Bei der Feier dieses 
Festes kommt ein Bote vom König Nicolas von Caesarea, um den schuldigen 
Tribut von Philipp zu fordern. Alexander antwortet ihm kühn und 
ablehnend und beruft seine Vasallen, aus denen er sich 12 Pairs als 
Heerführer auswählt, zum Kriege. Nicolas wird in einer Schlacht ge- 
schlagen und flüchtet sich nach Caesarea. Um weiteres Blutvergiessen 
zu vermeiden, schlägt er dem Alexander vor, den Krieg durch einen 
Zweikampf zu entscheiden. Alexander willigt mit Freuden ein; aber 
Nicolas ist seiner Tapferkeit nicht gewachsen und fällt Caesarea 
wird von den Baronen des Nicolas überliefert und dem Tolome von 
Alexander zu Lehen gegeben. Vgl. P. Meyer, S. 143 — 6. 

Zug gegen Athen. Zweite Heirat Philipps. (Mich.S.45 — 62.) 
Nach der Niederwerfung des Nicolas zieht Alexander vor Athen, welches 
seinen Nacken bislang noch keinem Fürsten gebeugt hatte und auch von 
ihm vergebens zur Unterwerfung aufgefordert wird. In ihrer Not 


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63 


rufen die Bürger die Vermittelung des Aristoteles an, und durch eine 
List bewegt dieser seinen Schüler die Belagerung der Stadt aufzuheben« 
Auf dem Rückmärsche erhält Alexander die Kunde, dass sein Vater 
Philipp auf Betreiben seines Seneschalls Jonas seine Gemahlin Olympias 
verstossen und Cleopatra von Pincrmie geheiratet habe. Schnell feilt 
er deshalb nach Hause, tödtet Jonas nebst den Getreuen der Cleopatra 
und zwingt seinen Vater Cleopatra zu verstossen. Vgl. P. Meyer, 
S. 146 — 8. 

Krieg gegen Darius. Eroberung des Felsens Aornos. 
Einnahme von Tarse. (Mich.S.52 — 74.) Darius, der König der Perser, 
welcher über den Tod seines Verwandten Nicolas sehr aufgebracht 
ist, lässt Alexander durch einen Gesandten vor seinen Richterstuhl 
fordern und ihm befehlen, das eroberte Caesarea herauszugeben. Um- 
ringt von seinen 12 Pairs empfängt Alexander den Gesandten, aber 
weit davon entfernt, um Gnade zu bitten, erklärt er vielmehr dem 
Darius den Krieg und bricht alsbald mit 10000 Kriegern gegen ihn 
auf. Der fast unzugängliche Felsen Aornos , den tapfere Krieger ver- 
teidigen, wird mit Sturm genommen. 

Durch ein Bad, welches Alexander in dem eisigen Wasser eines 
Flusses nahm, zog er sich eine gefährliche Krankeit zu und wäre bei- 
nahe dem trauernden Heere durch den Tod entrissen, wenn nicht sein 
Leibarzt Philipp ihn gerettet hätte. Sein nächstes Ziel war die Stadt 
Tarse . Auf dem Marsche dahin zog er durch verzauberte Berge, 
welche die Eigenschaft hatten, den Feigen mutig und den Mutigen feig 
zu machen. Siegreich marschirte er in Tarse ein und belehnte damit 
einen Harfner, dessen Spiel sein Gefallen gefunden hatte. Vgl. P. 
Meyer, S. 148—52. 

Belagerung von Tyrus. Kämpfe vor der Stadt. (Mich. 
S. 75 — 92.) Von da eilte Alexander weiter nach Syrien vor die Mauern von 
Tyrus, welches von dem kühnen Herzog Bales verteidigt und wegen seiner 
starken Festungswerke für uneinnehmbar gehalten wurde. Doch trotz- 
dem suchte Bales den Abzug Alexanders durch Anbieten einer goldenen 
Krone zu erkaufen. Als Alexander diese zurückwies und die Be- 
lagerung eröflnete, drangen die Tyrer in Bales, die Stadt zu über- 
geben. Dieser aber wollte im Vertrauen auf die Hülfe des Herzogs 
Betis von Oadres (Gaza) nichts von Übergabe wissen. Ein Ausfall 
der Besatzung wurde von Alexander blutig zurückgeschlagen. Vgl. 
P. Meyer, S. 152—4. 

Die Fouragirung bei Gadres. (Mich. S. 92 — 231.) Da die 
Lebensmittel während der Belagerung knapp wurden, schickte Alexander 
den Emenidus zu einer Fouragirung nach dem Thale Josaphat in der 
Nähe von Gadres ab. Glücklich hatten die Griechen nach hartem 


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64 


Kampfe sich grosser Herden bemächtigt , als der Herzog Betis von 
Gadres, der sich auf dem Marsche nach Tyrus befand, sie mit grosser 
Übermacht umzingelte. Schnell übersieht Emenidus die Grösse der 
Gefahr und bittet der Reihe nach die hervorragendsten Krieger seiner 
Schar Alexander zur Hülfe zu holen, aber alle weisen dies Ansinnen 
entrüstet zurück, weil sie ihre Gefährten nicht im Stiche lassen wollen. 
Da ordnet Emenidus seine Schaaren zum Kampfe, und obgleich zu 
Anfang schon verwundet, verrichtet er doch Wunder der Tapferkeit mit 
seinen Genossen. Als aber die Not immer grösser wird, überbringt 
Aristes, aus vielen Wunden blutend, Alexander die Botschaft, das 
Heer eilt zur Hülfe herbei, und Betis wird nach erbittertem Wider- 
stande in die Flucht geschlagen. Alexander mit den frischen Mann- 
schaften folgt ihm eilends, während Emenidus mit seiner Schar langsam 
hinterdrein zieht. Da wird der letztere von dem Admiral der Arcois 
und dem Herzog von Naman angegriffen, fast dieselben Scenen wie 
wenige Tage zuvor wiederholen sich, und der zu Hülfe herbeigeholte 
Alexander rettet seine Getreuen zum zweiten Male vom Verderben. 

Inzwischen hat Bales durch einen Ausfall die Belagerungsarbeiten 
zerstört und eine Anzahl gefangener Griechen grausam getötet Zornig 
eilt Alexander deshalb nach Tyrus zurück, schliesst es zu Lande und 
zu Wasser eng ein und geht dann zum Sturme über. Von einem Be- 
lagerungsturm aus springt er auf die Mauern von Tyrus herab mitten 
unter die Feinde. Seine Mannen folgen ihm, und bald ist die Stadt 
in den Händen der Griechen. Antipalter wird damit belehnt 

Dann macht sich Alexander zur Belagerung von Gadres auf. Auf 
dem Wege dahin bemächtigt er sich der Stadt Amme, und nicht lange 
nachher fällt auch Gadres. Von dort marschiert das Heer weiter vor 
Ascalon, welches freiwillig seine Thore öfinet VgL P. Meyer, S. 164 — 7. 

Einzug Alexanders in Jerusale^m. Niederlage des 
Darius. (Mich. S. 231—49.) Nach der Besetzung von Ascalon zieht 
Alexander durch Syrien nach Jerusalem, wo er mit grossen Ehren auf- 
genommen wird. Dann dringt er in Persien ein. Nachdem Darius ver- 
gebens versucht hat, Alexander durch leere Drohungen einzuschüchtern, 
sammelt er ein grosses Heer. Aber noch einmal bemüht er sich den 
Kampf zu vermeiden und bietet Alexander die Hälfte seines Reiches 
und die Hand seiner Tochter an. Dieser aber schlägt das Anerbieten 
ab, und es kommt auf den Wiesen von Pale zur Schlacht. Darius 
wird geschlagen, und seine Mutter, Tochter und Gemahlin werden von 
Alexander gefangen genommen, aber mit Achtung und Güte behandelt 
Als der Perserkönig davon hört, giebt er seiner Bewunderung für die 
Grossmut des Siegers offen Ausdruck. Dieser erobert die Stadt Sis 
und schenkt sie der Mutter des Darius. 


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— 65 — 

Einige Verse nach dieser Stelle bricht die Erzählung einen Augen- 
blick ab, um dann in anderer Weise und von einem anderen Erzähler 
wieder aufgenommen zu werden. Die den Übergang vermittelnden 
Verse berichten, wie Alexander nach der Einnahme von Sis den Darius 
verfolgt, wie er sein Zelt an dem Ufer des Danges aufschlagen lässt 
und sich mit mehreren Gefährten, darunter Aristoteles, auf die Jagd 
begiebt. Dann kommen 3 Verse (Mich. S. 249, 19 — 21), in welchen 
der Verfasser Alexandre de Paris uns anzeigt, dass die fuem ds Qadtu 
zu Ende ist VgL P. Meyer S. 157 — 61. 

Ermordung des Darius und Rache Alexanders an dessen 
Mördern. Her ab st ei gen Alex anders auf den Meeresgrund. 
(Mich. S. 249 — 266.) Unmittelbar nach dem V erse, wo Alexander von Paris 
vorkommt, folgt eine Tirade, die unzweifelhaft einen Anfang bezeichnet: 
Or entendäs signor, que ernste estore dist. 

Das Ende der Tirade lautet: 

1. den de Casteldun, L&mbers li ton, l’escrist, 

Qui del latin le traist et en romans le mist 

Nach dieser Tirade setzt die Erzählung wieder ein, wo sie abgebrochen 
war. Bei der Rückkehr von der Jagd warnt Aristoteles den Alexander 
vor der Treulosigkeit der „serfs“ und nach Tisch teilt er seinem Schüler 
mit, dass Darius Tribut von ihm fordere. Da macht sich Alexander 
gegen Darius auf, der auf die Nachricht hiervon ein Heer sammelt 
und den König Porus von Indien um Hülfe bittet Dieser schlägt aus 
Furcht seine Bitte ab, das treulose Heer verlässt den Darius und zwei 
Verräter ermorden ihn. Alexander veranstaltet seinem gefallenen 
Gegner ein prachtvolles Begräbnis und lässt die Mörder hängen. Nach 
einem Marsche durch eine von wilden Tieren beunruhigte Wüste steigt 
Alexander trotz des Widerspruchs seiner Pairs in einer gläsernen Tonne 
in die Tiefe des Meeres hinab, um die Bewohner desselben kennen zu 
lernen. Vgl. P. Meyer S. 161 — 1 

Expedition nach Indien. Niederlage des Porus. (Mich. 
S. 266 — 276.) Alexander verkündigt seinen Gefährten seinen Plan den 
Porus anzugreifen und bricht nach Indien auf. Porus wird mit seinem 
gewaltigen Heere geschlagen und flieht in die Wüste. Seine Haupt- 
stadt und der Königspalast, reich an Schätzen und wunderbaren Kunst- 
werken, fallen den Siegern in die Hände. 

Die Wunder Indiens. (Mich. S. 276 — 296.) Alexander eilt dem 
Porus nach. 150 Führer führen das Heer, welches sehr von Durst 
leidet, bis zu einem Flusse, dessen Wasser wegen seiner Bitterkeit 
ungeniessbar ist In der Mitte desselben befindet sich eine befestigte 
Stadt, und als 400 Ritter sie schwimmend zu erreichen suchen, werden 

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66 


sie von IpvpaUsmo* (hippopotames) verschlungen. Zur Strafe lässt 
Alexander 100 Führer in den Fluss werfen. In dieser Not beschreiben 
ihm zwei Indier den Weg zu einem Teiche mit süssem Wasser, dem 
einzigen in Indien. Nach einem beschwerlichen Marsch, auf dem das 
Heer fortwährend von allerlei fabelhaften Tieren hart bedrängt wird, 
kommt Alexander bei dem Teiche an. Er lässt zahlreiche Feuer und 
2000 goldene Lampen am Abend anzünden, welche scheussliche, wilde 
Bestien, die von ihrer gewohnten Tränke abgeschlossen sind, nicht ab- 
halten, das Lager bis zum Tagesanbruch zu beunruhigen. VgL P. Meyer 
S. 166—9. 

Ankunft in Batre. Niederlage und Unterwerfung des 
Porus. Gog und Magog. (M. 295 — 313.) Am andern Tage macht 
sich das Heer wieder auf den Marsch und erreicht die Wiesen von Batre, 
wo das Lager aufgeschlagen wird. Porus weilt in Batre und erlangt von 
Alexander einen Waffenstillstand. Während desselben hat Alexander, 
der sich für einen Kämmerer des Königs ausgiebt, mit Porus eine 
Unterredung und stellt seinen Herrn als einen alten, gebrechlichen 
Mann dar. Porus freut sich darüber und giebt dem vermeintlichen 
Kämmerer einen beleidigenden Brief an Alexander mit Es kommt 
zur Schlacht Porus wird besiegt und gefangen genommen, erhält aber 
von Alexander sein Reich zurück. Gos und Magos (Gog und Magog), 
zwei mächtige Vasallen des Porus, fliehen nach der Schlacht ins Ge- 
birge und werden von Alexander verfolgt. Da aber die Verfolgung 
aussichtslos ist, lässt Alexander sie durch eine Mauer, welche den Zu- 
gang zu dem Gebirge versperrt, einschli essen. VgL P. Meyer 

S. 169—70. 

Zug Alexanders nach den Säulen desHercules. (Mich. 
S. 313 — 18.) Porus führt Alexander zu den Säulen des Hercules und ver- 
anlasst ihn den Statuen des Hercules und Liber ein Opfer zu bringen. 
Gegen den Rat des Porus rückt das Heer noch weiter vor. Grosse 
Scharen von Elephanten greifen die Griechen an, werden aber durch 
eine List Alexanders in die Flucht getrieben. VgL P. Meyer 
S. 170—2. 

Rückmarsch des Heeres. Das gefährliche ThaL (Mich. 
S. 318 — 329.) Schliesslich giebt Alexander der Bitte des Porus nach und 
kehrt um. Die Otifal , scheussliche Ungeheuer von zwölf Fuss Grösse, 
fliehen ohne Kampf. Das Heer hat sehr von Kälte zu leiden und 
kommt in ein Thal, aus dem es keinen Ausweg finden kann. Als ein 
Stein gefunden wird mit einer Inschrift, die Rettung aus dieser Not 
verheisst, wenn jemand freiwillig im Thale zurückbleibe, entschliesst 
sich Alexander hierzu, und alsbald findet das Heer einen Ausgang. 


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{(V 


Im Thale aber bebt und brennt die Erde während der ganzen Nacht, 
ein unerträglicher Gestank herrscht, Berge stürzen zusammen und böse 
Geister heulen. Erst der Tag setzt dieser Aufregung in der Natur 
ein Ziel. Ein Teufel, welcher durch Alexander von einem auf ihm 
lastenden Steine befreit wird, zeigt diesem den Weg aus dem Thale, 
und wohlbehalten kommt Alexander wieder zu seinem jauchzenden 
Heere. VgL P. Meyer S. 173—4. 

Ankunft am Ocean. Meerweiber. Die drei wunderwir- 
kenden Quellen. (Mich. S. 329 — 35.) Bis an den Ocean zieht der 
unermüdliche Krieger. Aber da hier Meerweiber viele Soldaten bethören 
und in ein nasses Grab ziehen, bricht er bald von hier wieder auf. Unter- 
wegs werden vier riesenhafte, schwarze Greise mit zottigem Körper 
und Hirschgeweihen auf dem Haupte mit grosser Mühe eingefangen. 
Nach der Aussage des einen befinden sie sich auf der Reise zu drei 
verzauberten Quellen, von denen die erste Tote auferweckt, die zweite 
Greisen die Jugend wieder verleiht, und die dritte unsterblich macht. 
Doch nur einmal im Jahre kann man die letztere sehen. Alexander 
befiehlt den Greisen, ihn nach den Quellen zu führen. Zuerst kommt 
das Heer zu der wiederbelebenden Quelle. Tote Fische, welche zu- 
fällig hineinfallen, werden wieder lebendig^ Dann schickt Alexander 
Leute aus, um die Quelle der Unsterblichkeit aufzusuchen und befiehlt 
ihnen ausdrücklich, sich nicht darin zu baden. Aber trotzdem badet 
ein Macedonier Enoc darin und wird zur Strafe in einen Pfeiler ein- 
gemauert Das Heer macht sich wieder auf den Marsch. Vgl. P. Meyer 
S. 174—7. 

Otifals. Abermaliger Rückmarsch des Heeres. Bis auf 
denNabel gespaltene Menschen. Unwetter. (M.S.336 — 9.) 
Otifals mit Hundsköpfen greifen die Griechen an. Bis auf den Gipfel der 
Berge Aethiopiens dringt Alexander vor, um dann von neuem den 
Rückmarsch anzutreten. Grosse, nackte Menschen, bis auf den Nabel 
gespalten, töten 500 Krieger. Als das Heer sich zur Verfolgung der- 
selben anschickt, erhebt sich ein ungeheuerer Sturmwind, und Feuer, 
Schnee und Regen fallen nach einander vom Himmel. VgL P. Meyer 
S. 177—80. 

Der Wald mit den Mädchen. (Mich. S. 340 — 7.) Zwei alte 
Indier führen das Heer weiter zu einem Walde, wo unter jedem Baume 
ein bezaubernd schönes Mädchen wohnt. Mit dem Frühling kommen 
diese aus der Erde hervor und kehren mit Beginn des Winters dahin 
zurück. Aber ein Fluss hemmt den Zugang zu dem Walde, und eine 
Brücke, welche hinüberftihrt, wird von zwei keulenschwingenden, goldenen 
Statuen bewacht Der eine Greis beseitigt jedoch die Hindernisse bald, 

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und jeder der Griechen sucht sich eine Genossin. Nach vier Tagen 
des Vergnügens und der Lust scheidet das Heer nur mit grossem 
Widerstreben von den Mädchen. Vgl. P. Meyer S. 181 — 2. 

Die verjüngende Quelle. Die Bäume der Sonne und des 
Mondes. (M. 347 — 56.) Durch ein Thal, wo feuerspeiende Schlangen 
hausen und Blut vom Himmel fällt, gelangt das Heer zu der dritten Quelle. 
Viele alte Männer werden durch ein Bad verjüngt. Am fünften Tage 
erfolgt der Weitermarsch. Zwei Landleute, welche Alexander über 
die Wunder Indiens befragt, führen den König mit 400 Rittern zu den 
Bäumen der Sonne und des Mondes. Diese verkünden ihm baldigen 
Tod durch Gift. Vgl. P. Meyer S. 183—6. 

Zweikampf Alexanders und Porus*. Tod des Porus. (M. 
S.356 — 69.) Traurig kehrt Alexander nach Indien zurück. Porus schliesst 
aus der düsteren Stimmung des Königs auf den unheilvollen Spruch 
der Bäume und hält den Zeitpunkt der Rache für gekommen. 
Alexander durchschaut ihn zwar, lässt ihn aber grossmütig ziehen. 
Beide Gegner sammeln ein Heer und stehen sich bald gegenüber. 
Auf Vorschlag Alexanders soll ein Zweikampf zwischen ihm und Porus 
den Streit entscheiden. In dem ersten Kampfe tötet Porus zwar den 
Bucephalus , wird aber selbst schwer verwundet und muss sich 
Alexander übergeben. Doch dieser schenkt ihm das Leben. Nach 
Heilung seiner Wunden stellt sich Porus abermals zum Kampfe und 
wird nach tapferer Gegenwehr getötet. Den Ariste, einen seiner Pairs, 
belehnt Alexander mit Indien. VgL P. Meyer S. 186 — 7. 

Verrat des Divinuspater und Antipater. Die Königin 
Candace. (M. S. 369 — 382.) Alexander entbietet den Divinuspater und 
Antipater nach Babylon, und sogleich fassen diese beiden den Entschluss, 
ihren König zu vergiften. Dann geht der Dichter plötzlich zu der Episode 
von der Königin Candace über. Auf dem Wege nach Babylon trifft; 
den Alexander eine Gesandtschaft der Königin Candace, die ihm reiche 
Geschenke überbringt. Bei einer folgenden Gesandtschaft der Königin 
befindet sich ein Maler, der in Candaces Aufträge Alexander heimlich 
malen muss. Der Sohn der Candace, Candeolus, sucht im griechischen 
Lager Hülfe gegen den Herzog von Palatine, den Räuber seiner Frau. 
Tolome, welchen Candeolus für Alexander hält, sagt ihm Schutz zu 
und schickt Alexander, der in das Geheimnis eingeweiht wird, unter 
dem Namen des Antigonus gegen den Räuber. Alexander gewinnt 
die Gemahlin des Candeolus zurück. Dieser führt den vermeintlichen 
Antigonus zu Candace, um deren Dank entgegen zu nehmen. Die 
Königin erkennt aber Alexander in ihm und sucht ihn in ihre Fesseln 
zu , schlagen. Doch Alexander widersteht den Versuchungen und kehrt 
mit reichen Geschenken in das Lager zurück. Vgl. P. Meyer S. 188. 


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— 69 — 

Marsch auf Babylon. Aufsteigen Alexanders in die 
Luft. Kämpfe vor Babylon. (M. S. 383 — 446.) Alexander setzt 
seinen Marsch auf Babylon fort. Unterwegs trifft er auf grifcnsj gewaltige 
Vögel, die in ihm die Lust erregen, sich von diesen in die Lüfte 
emportragen zu lassen. Er setzt sich in einen leichten, hölzernen 
Kasten, an den er sechs grifons bindet und veranlasst sie durch ein 
mit einer Lanze hochgehaltenes Stück Fleisch, ihn bis zu den höchsten 
Regionen emporzuheben. Das Herabsteigen wird durch Senken der 
Lanze bewirkt. 

Schliesslich erreicht das Heer das stark befestigte Babylon, und 
nachdem dessen Herrscher, der Admiral, durch Anbieten grosser 
Schätze den Alexander vergebens zum Abzüge zu bewegen gesucht 
hat, beginnt die Belagerung. Ein Ausfall der Babylonier während der 
Abwesenheit Alexanders auf der Jagd endet mit dem Rückzuge des 
Admirals. Am nächsten Tage überfällt Nabusardas, der Seneschall 
des Admirals, mit grosser Uebermacht eine Abteilung des Tolome, 
welche im Thale Daniel fouragirt. Umsonst bemüht sich Tolome, 
einen Boten an Alexander zu finden. Erst als alles verloren ist, eilt 
Dans Clins in das Lager. Alexander kommt schleunigst herbei und 
schlägt die Feinde in die Flucht. Der Admiral schickt auf den Rat 
seiner Getreuen durch Gesandte einen Brief an Alexander, worin er 
ihn auffordert sein Land zu räumen. Ein schallendes Gelächter der 
Barone Alexanders ist die Antwort darauf, und am nächsten Tage 
kommt es zur Entscheidungsschlacht Das Heer des Admirals wird 
geschlagen, er selbst von Alexander getötet und Babylon von den 
Siegern leicht erobert. Vgl. P. Meyer, S. 188—192. 

Die Amazonen. (M. S. 447 — 58.) Alexander, der jetzt Herr 
der ganzen Welt zu sein glaubt, hört von einem Babylonier Sanson 
von dem wunderbaren Reiche der Amazonen, und sogleich erfasst ihn 
das Verlangen, auch dieses noch zu unterwerfen. Nach einem fünf- 
zehntägigen Marsche lagert das Heer an dem Flusse Meothedie , welcher 
das Amazonenland rings umgiebt. Die Königin Amabel, von dem 
Heranrücken Alexanders benachrichtigt und durch einen Traum er- 
schreckt, schickt zwei schöne Jungfrauen mit kostbaren Geschenken 
an Alexander, welche ihm das Land der Amazonen als Lehen antragen. 
Alexander empfängt die Jungfrauen gnädig und entbietet durch sie 
die Königin zu sich. Amabel erscheint mit 1000 Jungfrauen, welche 
Kampfspiele vor den Augen des verwunderten Königs auffiihren, 
und kehrt mit der Freundschaft des Königs beglückt in ihr Land 
zurück. VgL P. Meyer, S. 192 — 5. 

Eroberung von Defur und Tod des Herzogs Melcis. 


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Der verzauberte Fluss. Aufenthalt in Tarse. Das mensch- 
liche Auge. (M. S. 459 — 500.) Auf dem Rückmarsch Alexanders nach 
Babylon geht ihn der chaldäische Ritter Gratian, welcher von dem Herzog 
Melcis von Chaldaea Unrecht erlitten hat, um Hülfe an. Gern sagt 
ihm Alexander diese zu und zieht gegen die Stadt Defur, die von 
Dauris und Floridas, Vasallen des Melcis, verteidigt wird. Gleich 
in der ersten Schlacht nimmt Emenidus den Floridas gefangen. Am 
folgenden Tage kommt Melcis mit einem Heere der Stadt zu Hülfe. 
Dans Clins fällt in die Gefangenschaft des Dauris und wird gegen 
Floridas ausgewechselt. In der nächsten Schlacht fällt Melcis von 
der Hand Gratians, die Chaldaeer werden geschlagen, und Defur kommt 
in die Gewalt der Griechen. Dort findet Alexander die schöne Escavie, 
die Tochter des Melcis, welche er ihrem Verlobten Dauris als Ge- 
mahlin zuführt. 

Nach einem langen Aufenthalte in Defur nimmt Alexander den 
Marsch nach Babylon wieder auf, gewinnt die Städte Almere und Caras 
und kommt nach Tarse, der Residenz der Königin Candace, bei der er 
2 Wochen weilt. Von dort führt ihn ein Landmann nach dem Flusse 
Sapimcßf welcher die Eigenschaft hat, jeden Habsüchtigen oder Ver- 
räter, der daraus trinkt, sogleich verrückt zu machen. Als Alexander 
gelegentlich einer Erzählung des Landmanns einen habsüchtigen Sinn 
zeigt, wird der Fluss stinkend und rot wie Blut, und ein Hund, 
welchen man daraus trinken lässt, stirbt auf der Stelle. Alexander 
kehrt nach Tarse zurück, wo er 15 Tage bleibt, um dann nach 
Babylon weiter zu marschieren. 

Unterwegs sieht er auf einem Stein ein menschliches Auge, das 
Aristoteles für den schwersten Gegenstand in der Welt erklärt. Die 
grössten Gewichte vermögen es in der That nicht aufzuwägen, aber 
sobald es mit Erde bedeckt wird, wiegt es weniger als zwei Byzantiner. 
Das ist das Sinnbild des Geizigen, welcher alles begehrt, was er sieht 
Endlich kommt Alexander in Babylon an. Vgl. P. Meyer, S. 195 — 202. 

Verschwörung des Antipater und Divinuspater. (M.S. 
500 — 5.) Der Dichter erzählt die Verschwörung des Antipater und Divinus- 
pater, der Herrn von Tyrus und Sidon, bei welcher er an einer früheren 
Stelle plötzlich abgebrochen hatte, noch einmal von Anfang an. Ein 
Brief der Olympias warnt Alexander, sich vor diesen beiden zu hüten. 
Der König lässt sie deshalb nach Babylon entbieten, und unwillig, 
man weiss nicht warum, machen sie sich auf die Reise, fassen aber 
unterwegs den Entschluss, Alexander durch Gift zu töten. Vgl. 
P. Meyer, S. 202 — 3. 

Tod Alexanders. (M.S.506— 29.) Im Mai, als Alexander einen 
grossen Hoftag hält, wird in Babylon ein sonderbares Monstrum ge- 


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m 


Boren, woraus Seher das baldige Ende des Königs weissagen. Dieser 
empfindet deshalb grosse Furcht, und bei dem Festgelage müssen ihm 
die Diener in nackten Armen aufwarten, weil er Gift in deren Ärmeln 
vermutet. Gegen Antipater und Divinuspater hegt er merkwürdiger 
Weise jetzt kein Misstrauen mehr, sondern empfängt sie mit grosser 
Herzlichkeit und lässt sich von einem derselben sogar bei Tische be- 
dienen. Dieser taucht seine Nägel, unter denen das Gift verborgen 
ist, unbemerkt in den Becher Alexanders. Sobald der König ge- 
trunken hat, flihlt er das Gift und ruft nach einer Feder (vgl. P. 
Meyer, S. 204, Anm. 2), um sich zu erbrechen. Da reicht ihm Anti- 
pater eine vergiftete, welche seinen Tod ganz sicher macht Als 
Alexander sein Ende nahen fühlt, zieht er sich mit seiner Gemahlin 
Rosones zurück. Aber da die Griechen draussen unruhig werden und 
ihren geliebten Herrscher zu sehen begehren, lässt er sich auf einem 
kostbaren Ruhebette unter sie tragen, um seine letzten Verfügungen 
zu treffen. Die Herrschaft über die Griechen, Macedonien und Ungarn 
giebt er nebst seiner Gemahlin Rosones dem Perdicas, während Tolome 
Aegypten und Babylon und die Hand der Olympias erhält. Dans 
Clins wird mit Persien, Emenidus mit Nubien und Aristes mit Indien 
bedacht. Für Antigonus bestimmt er Syrien, für Filotas Caesarea 
und für Lincanor Alenie und Eecomenie. Africa verleiht er Liones, 
Griechenland dem Antigonus und Carthago dem Arides. Caulus end- 
lich wird mit Gross-Armenien belehnt. Hierauf bricht Alexander be- 
wusstlos zusammen, und die Pairs und Rosones machen nach einander 
ihrem Schmerze Luft. Noch einmal kommt er zum Bewusstsein, um 
seinen Pairs die Eroberung Frankreichs und Englands zur Pflicht zu 
machen. Dann stirbt er unter den Wehklagen der Soldaten und des 
ganzen Volkes. Vgl. P. Meyer, S. 203 — 8. 

Klagen der zwölf Pairs. Ende des Gedichtes, (M. S. 
529 — 50.) Die Klagen der Pairs beginnen noch einmal, und in vielen V ersen 
drückt der Dichter ihren grossen Schmerz über den herben Verlust 
aus. Als sich ein Streit über den Ort des Begräbnisses erhebt, wird 
die Entscheidung Jupiters angerufen, und auf dessen Geheiss wird der 
Leiehnam nach Alexandria gebracht, wo ihm Tolome in einer Pyramide 
eine prachtvolle Grabstätte erbaut Der Dichter nennt zum Schluss 
die von Alexander gegründeten Städte, welche Alexandria heissen, 
und fordert die Könige und Herrn der Welt auf, das Leben und die 
Thaten Alexanders zu hören und diesem nachzueifern. Vgl. P. Meyer, 
S. 208-10. 

Der Roman von Alexander ist keine einheitliche Dichtung sondern 
durch die Vereinigung verschiedener Teile oder Branchen gebildet 
Nach P. Meyer (S. 211 ff.) zerfällt er in vier solcher Branchen, deren 


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— n — 

jede ihren besonderen Ursprung hat. Die erste Branche umfasst 
S. 1 — 92 der Ausgabe Michelants, die zweite S. 93 — 249, die dritte 
S. 249 — 505 und die vierte 8. 506 — 550. Ich bespreche sie in der 
Reihenfolge ihrer Entstehung. Darnach ist die älteste derselben die 
dritte, welche gleichsam den Kern des Gedichtes bildet, um den sich 
die übrigen drei gruppirt haben. Verfasst wurde sie von Lambert li 
Tors. Jedoch sind eine Reihe von Interpolationen darin zu constatiren. 
Vgl. P. Meyer S. 214 — 23. An die dritte Branche schloss sich die 
vierte an, die in zwei Teile mit je einem besonderen Verfasser zerfallt. 
Wenn auch nicht bewiesen, so ist es doch wahrscheinlich, dass die 
erste Hälfte (Mich S. 506—29) von Alexander von Paris herrührt, 
während Pierre de Saint-Cloud im wesentlichen den zweiten Teil ver- 
fasst hat. Vgl. P. Meyer S. 233 — 35. Dann kam die erste Branche 
hinzu. Sie giebt sich in ihrem ersten Teile als eine sehr freie Um- 
arbeitung des Romans in Zehnsilbnem zu erkennen und ist höchst 
wahrscheinlich das Werk Alexanders von Paris. Vgl. P. Meyer S. 236 — 7. 
Die zweite und jüngste Branche endlich besteht ans der Fuerre de 
Gadres im engem Sinne, die eine Schöpfung der reinen Phantasie ist 
und einen gewissen Eustache zum Verfasser hat, und sodann aus dem 
Teil des Romans, der sich von dem Ende der Fuerre de Gadres bis 
zur Branche des Lambert ausdehnt und seinen Ursprung Alexander 
von Paris verdankt. VgL P. Meyer S. 237—43. 

Weitere Dichtungen von Alexander. 

Da die Geschichte Alexanders nach den Anschauungen des Mittel- 
alters nicht für vollständig abgeschlossen betrachtet werden konnte, 
wenn nicht der Tod Alexanders gerächt war, unternahmen es zwei 
Dichter Gui de Cambrai und Jean le Nevelois jeder eine Vengeanee 
Alexandre zu dichten. Gui de Cambrai schrieb seinen Roman vor 
1191, vielleicht 1190. P. Meyer hält die Identität unseres Dichters 
mit dem Verfasser des Barlaam und Josaphat für wahrscheinlich. 

Die Vengeanee ist eine reine Erfindung des Gui. Bemerkt mag 
noch werden, dass die Rache von Perideus, einem Sohne Philipps und 
dessen zweiter Gemahlin Cleopatra, genommen wird. Im übrigen ver- 
weise ich auf P. Meyer S. 255 ff. 

Von Jean le Nevelois wissen wir sehr wenig. In den Hss. heisst 
er: li Neveions, li Venelais oder li nouviaus hoirs. Die Schreibung 
„Nevelois 4 * hat nur die Autorität Fauchets für sich. Jean, welcher 
wahrscheinlich zwischen 1288 und 1308 schrieb, scheint das Gedicht 
seines Vorgängers nicht gekannt zu haben. Bei ihm ist es ein Sohn 
Alexanders und der Candace, welcher die Rache vollzieht Vgl. P. Meyer 

a 261 $ 


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73 


Nachdem durch die Vengeance die Alexander-Dichtung einen Ab- 
schluss gefunden hatte, machte man das Leben des Königs zum Aus- 
gangspunkt neuer Gedichte, welche nur einige Personennamen aus dem 
Roman entlehnten, sonst aber freie Erfindungen waren. Als erstes 
dieser Gedichte nenne ich das von den Voeux du Paon % das an die 
Episode von Dauris und Floridas anknüpft, und dessen Hauptheld 
Porus ist. Es wurde vor 1312 von Jacques de Longuyon begonnen, 
aber erst nach diesem Jahre vollendet und hatte einen sehr grossen 
Erfolg. 

Dies veranlasste einen gewissen Brisebarre Le reetor du Pacn 
als Ergänzung zu den Voeux zu dichten, ein Werk das vor 1388 fällt. 
Eine Fortsetzung zu dem Reetor gab 1340 Jean de le Kote in dem 
Parfait du Paon , einem Gedichte von ungefähr 3900 Versen. Vgl. 
P. Meyer S. 267 ff. 

Ungefähr um die Mitte des 13. Jh. benutzte ein englischer Geist- 
licher, Thomas, oder wie er wohl richtiger heisst, Eustache von Keilt, 
den Alexander - Roman in ausgiebiger Weise bei der Abfassung des 
noch unedirten Roman de tonte chevalerie . Dies Werk ist eine Compi- 
lation aus Caesar, der Genesis, Isidor, Hieronymus, Justinus u. s. w. 
Ausserdem hat Eustache die zweite und auch den grössten Teil der 
vierten Branche des Alexander-Romans wiedergegeben. Bemerkenswert 
ist, dass Alexander hier als der Sohn des Nectanebus erscheint Das 
me. Gedicht von King AUeaunder geht auf den Roman von Eustache 
zurück. Vgl. P. Meyer S. 273 — 299. 

Wie im Volksepos häufiger nach einem berühmten Helden dessen 
Vorfahren besungen wurden, so geschah es auch bei der Alexander- 
dichtung, und im Roman von Florimont oder von Philipp vonMace- 
donien wird uns die sagenhafte Geschichte der macedonischen Könige 
erzählt Der Dichter heisst Aymes oder Aimon, dessen Geburtsort 
höchst wahrscheinlich Varennes in Lothringen ist Er schrieb sein 
Werk nach dem Roman d’Alixandre in den Jahren 1188 oder 1189 zu 
Ehren einer gewissen Juliane. P. Paris,. Gidel, Holland und andere 
haben Aymes zu einem Griechen machen wollen, aber ganz mit Un- 
recht, wie Risop in Herrigs Archiv 73, 58 ff. nachweist Sehr wahr- 
scheinlich hat der Verfasser nur Reisen auf der Balkan - Halbinsel 
gemacht. 

Es wird in dem Roman erzählt, wie die Schwester der Gemahlin 
des Brutus (vgl. MBrut) den Admiral von Ägypten heiratete und 
ihm das Kaisertum Griechenland als Brautschatz mitbrachte. Madian 
hinterliess 2 Söhne, Seloc, Admiral von Babylon und Philippus von 
Macemus, den griechischen Kaiser. Letzterer heiratete, nachdem er 
sein Land von vielen Ungeheuern und fremden Räubern gereinigt 


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74 


hatte , Mordaille, die Tochter des Meneng, eines Königs von Afrika, 
und zeugte mit ihr eine Tochter Romanadaple. Diese wurde fepäter 
die Frau des Eleneos oder Florimont, des Sohnes des Herzogs Ma- 
taquas von Albanien, welcher vorher mit einer Fee in einem ge- 
heimnisvollen Verhältnis gelebt hatte, aber durch seine Mutter von ihr 
getrennt war. Die Frucht dieser Ehe war Philipp, der mit Olympias, 
der Tochter des Admirals von Karthago, den Alexander zeugte. 

Bearbeitungen in Prosa. 

Die Beliebtheit der sagenhaften Geschichten von Alexander über- 
lebt die Romane in Versen, welche seit der Mitte des 13. Jh. mehr 
und mehr verschwinden, und schon in der zweiten Hälfte des 13. Jh. 
erscheint der erste französische Prosa -Roman von Alexander. Er ist 
eine Bearbeitung der Historia de proeliis, die von einem anonymen 
Verfasser herrührt und bis weit in das 16. Jh. hinein in grossem An- 
sehen stand. Vgl. P. Meyer S. 306 ff. Eine Übersetzung des Epitome 
und des Briefes an Aristoteles, wahrscheinlich aus dem 15. Jh., liegt 
vor in der einzigen Hs. 11104—11105 der Bibliothöque royale de Bel- 
gique. Vgl. P. Meyer S. 301 ff 

Jean Wauquelin verfasste zwischen 1445 und 1453 eine Hietoire 
d f Alexandre für Jean de Bourgogne, comte d’Etampes. Seine Haupt- 
quelle ist der Alexander - Roman in Alexandrinern, doch daneben be- 
nutzte er noch das Speculum historiale von Vincenz von Beauvais, 
die Annalen des Hennegaus von Jacques de Guise und die französische 
Prosa-Übersetzung der Historia. Vgl. P. Meyer S. 313—329. Schliess- 
lich erwähne ich noch eine Prosa-Übersetzung des Alexander-Romans, 
die aus dem 15. Jh. zu sein scheint und sich in Besanfon befindet 

Die Alexandersage in den geschichtlichen Compilationen. 

Wir gehen jetzt zu den grossen Compilationen über, welche das Leben 
Alexanders auf Grund der sagenhaften Erzählungen behandeln, und 
werden sehen, wie unterrichtete Schriftsteller bis in das 15. Jh. hinein 
an die Fabeln des Pseudo-Callisthenes glauben. 

L Lateinische Compilationen. 

Im Anfang des 12. Jh. nimmt Ekkehart, erster Abt von Aura, 
einen Abriss der Historia de proeliis mit Hinzuziehung des Briefes an 
Aristoteles in seine Weltchronik auf. Einiges ist auch Orosius entlehnt 
Gegen 1185 widmet Gottfried YOn Vlterbo in seinem Pantheon einige 
Seiten der Geschichte Alexanders. Seine Hauptquelle ist das Epitome. 

Vineeu von Beauvais schreibt im Speculum historiale die Ge- 
schichte Alexanders nach dem Epitome und einer Reihe von Historikern 
das Altertums. 


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76 


2. Französische Compilationen. 

In dem Roman von Renart le Contrefait, dessen zwei Redactionen 
zwischen 1319 und 1341 von einem Geistlichen aus Troyes abgefasst 
wurden, finden wir die Geschichte Alexanders nach der Historia de 
proeliis behandelt. Vgl. P. Meyer S. 334 — 41. 

Der Compilator einer alten Geschichte, welche von der Schöpfung 
bis Caesar reicht und vor 1230 für Rogier, einen Castellan von Lille, 
geschrieben wurde, hat den auf Alexander bezüglichen Abschnitt nach 
Orosius, dem Epitome und dem Briefe an Aristoteles dargestellt. Vgl. 
P. Meyer S. 341 ff. 

Eine andere Geschichte von Alexander finden wir in einer grossen 
Compilation der alten Geschichte von Jean de Courci, seigneur de 
Bourg - Achard, welche den Titel Bouqttechardüre oder Boucachardüre 
führt und von 1416 — 1422 entstand. Die Hauptquelle Jean de Courci's 
ist das Epitome und der Brief an Alexander. Daneben schöpft er aus 
der Historia de proeliis, Justinus, Orosius u. s. w. Vgl. P. Meyer 
S. 347 ff. 

Episoden aus der Alexandersage in anderen Werken. 

Vgl. P. Meyer S. 356 ff. Wie die sagenhafte Geschichte Alexanders 
in ihrer Gesammtheit in rein geschichtliche Compilationen aufgenommen 
wurde, ebenso schob man auch Episoden aus derselben in geschicht- 
liche oder romanhafte Werke ein. 

Die Reise Alexanders in das Paradies bildet einen Teil der Com- 
pilation der römischen Geschichte, welche unter dem Namen Faits des 
Romains bekannt ist. Philipp Ton Navarra, ein hervorragender 
Schriftsteller des 13. Jh., berichtet in seiner Abhandlung über die vier 
Lebensalter, eine merkwürdige Erzählung aus der Jugend Alexanders, 
deren Ursprung wohl in einer Stelle von Cicero's De officiis H, 15 zu 
suchen ist. Doch wird ein Mittelglied vorhanden gewesen sein. 

Der Roman von Perceforest knüpft die Geschichte Englands an 
Alexander an. Letzterer wird von einem Sturm an die Küste von 
Britannien geworfen und verleiht dem Perceforest das Königreich 
England. 


Von Chroniken, die antike Stoffe behandeln, führe ich die Kaiser- 
Chronik von Calendre an. Die Geschiehte Roms von Romulus bis 
auf Honorius und Alarich wird in etwa 4000 Achtsilbnern in Reim- 
paaren erzählt. Die Abfassungszeit fallt nach Settegast (Rom. Stud. III, 
93 ff.) in das Jahr 1213 oder nicht viel später. Für die Quelle des 
Werks hält Settegast die Historiae des Orosius. Doch habe dem Ver- 
fasser nicht Orosius selbst, sondern ein jetzt verlorener Auszug aus 


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76 


Oroßiuß Vorgelegen, der den Standpunkt der Weltgeschichte fallen liess 
und nur die römische Geschichte und zwar vornehmlich die Kaiserzeit 
behandelte* 


Die letzte Form endlich, in der antike Stoffe bearbeitet wurden, 
ist die Novelle, sowohl in Versen als in Prosa. Die hierher gehörigen 
Werke sind nicht besonders naturwahr und treffend, und das Altertum 
erscheint im Gewände des Mittelalters. 

Zuerst ist zu nennen das Lai d’Aristote von Henri d’Andeli 
(Fabliaux p. p. Montaiglon V. 245 ff.), dem ein alter indischer Fabel- 
stoff zu Grunde liegt, welcher in das Kostüm des klassischen Alter- 
tums gesteckt ist (Vgl. Benfey, Pantschatantra I, 461.) Der Stoff 
kam von Indien nach Arabien und von da in das Abendland. Der 
Inhalt des Lais ist in Kürze folgender: 

Nach einigen einleitenden Worten über die Tapferkeit und Frei- 
gebigkeit Alexanders wird erzählt, dass derselbe lange thatenlos in 
Indien weilte, sich von seinen Baronen zurückzog und ganz in den 
Genüssen der Liebe mit einem reizenden Mädchen schwelgte. Seine 
Umgebung war unwillig darüber, und Aristoteles machte seinem Schüler 
Vorwürfe über sein Verhalten. Alexander nahm sich diese zu Herzen 
und hielt sich fern von dem Mädchen, musste aber noch immer an 
seine schöne Freundin zurückdenken. Doch bald zog ihn die Liebe 
wieder zu ihr hin, und als sie den Grund seines Fernbleibens erfuhr, 
beschloss sie, sich an Aristoteles zu rächen und forderte Alexander 
auf, am nächsten Morgen unbemerkter Zeuge ihrer Bache zu sein. 
Sie setzte sich um diese Zeit nur von einem Hemde bekleidet in den 
Garten unter das Fenster des Aristoteles und begann zu singen. 

Der Weise, welcher über den Büchern sass und das schöne 
Mädchen hörte und sah, wurde von Liebe zu ihr erfasst und ergriff 
sie beim Hemde, als sie sich scheinbar ganz absichtslos seinem Fenster 
näherte. Sie heuchelte Schrecken , beruhigte sich aber bald und er- 
klärte schliesslich, dem Weisen zu Gefallen sein zu wollen, wenn sie 
einmal auf ihm reiten dürfe. Da Aristoteles hierzu bereit war, so legte 
sie ihm einen Sattel auf und ritt singend auf dem auf Händen und 
Füssen kriechenden Philosophen im Garten umher. Der König, welcher 
aus seinem Verstecke voll heimlicher Schadenfreude die Vorgänge mit 
angesehen hatte, trat jetzt hervor und machte Aristoteles Vorwürfe. 
Er verzieh aber bald seinem Lehrer, welcher dafür den König unge- 
stört seiner Neigung folgen liess. 

Eine Geschichte derselben Tendenz wie die von dem durch Weiber- 
klugheit überlisteten Aristoteles erzählte sich das Mittelalter von 


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Hippokrates. Wir finden dieselbe als Episode in einer Handschrift 
des Prosa-Romans von Lancelot , und es ist wahrscheinlich, dass die- 
selbe auch in der Form eines Fabliau existirt hat (Vgl. Fabliaux 
ou contes p. p. Legrand d’Aussy, 1779, I, 212 — 221.) 

Hippokrates, der berühmte Arzt, kam unter Augustus nach -Rom 
und rief den eben verstorbenen Neffen des Kaisers durch eine Arznei 
ins Leben zurück. Aus Dankbarkeit liess Augustus die Statue des 
Arztes mit der seines Neffen auf einem der Stadtthore aufstellen mit 
der Inschrift, dass Hippokrates durch sein göttliches Wissen den ver- 
storbenen Prinzen vom Tode errettet habe. Hippokrates wurde in- 
folge dessen eine gefeierte Persönlichkeit in Rom, und das Volk ver- 
ehrte ihn fast wie einen Gott 

Um diese Zeit kam eine vornehme, schöne Gallierin nach Rom, 
welche von Augustus mit der grössten Auszeichnung behandelt wurde. 
Als sie sich die Sehenswürdigkeiten Roms ansah, erblickte sie auch 
die oben erwähnten Statuen. Die Inschrift varsetzte sie in grosse 
Heiterkeit, und sie machte sich anheischig, den göttlichen Hippokrates 
zu einem Narren zu machen. 

Der Arzt, welcher von ihrem Vorhaben Kunde erhielt, war be- 
gierig, die Gallierin kennen zu lernen, aber gleich bei der ersten Be- 
gegnung entzückte sie ihn durch ihre Schönheit derartig, dass er eine 
heftige Liebe zu ihr fasste und vor allzu grosser Leidenschaft bald in 
eine schwere Krankheit verfiel. Als die Gallierin ihn teilnahmsvoll 
besuchte, gestand Hippokrates ihr seine heisse Liebe und fand scheinbar 
bei ihr Gehör. Sie bedauerte aber, in ihrer gegenwärtigen Lage ihm 
keine Beweise ihrer Liebe geben zu können. Natürlich war Hippe- 
krates bald wieder gesund, und als ihn die Gallierin zum ersten Male 
wiedersah, bestellte sie ihn mit einem Korbe um Mitternacht zu dem 
Turme, in welchem sie wohnte, und versprach, den Arzt an einem 
Strick heraufzuziehen. Hippokrates stellte sich zur verabredeten Zeit 
am Fusse des Turmes ein, knüpfte den zu seiner Freude schon herab- 
gelassenen Strick an den Korb und liess sich empor ziehen. 

Doch in einer gewissen Höhe liess ihn die Dame schweben und 
zog sich unter spöttischen Bemerkungen zurück. Vergebens ver- 
wünschte Hippokrates die Liebe und die Frauen. Es war zu spät, 
und die ganze Nacht und den nächsten Tag musste er in dem Korbe 
zum Gespött des Volkes hängen bleiben. Erst gegen Abend liess 
ihn Augustus aus seiner unangenehmen Lage befreien und schwur ihn 
zu rächen. Als er jedoch die näheren Umstände erfuhr, lachte er 
und scherzte noch lange mit seinen Baronen darüber. 

Nach Legrand d’Aussy (FabL I, 221, Anm. b) liegt dem ersten 
Teile der Geschichte etwas historische Wahrheit zu Grunde. 


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Ein Arzt Namens Musa heilte nämlich Augustus von einer Krank- 
heit, und zum Dank stellte man seine Statue neben der des Aesculap 
auf. Als Musa aber einige Zeit darauf den Tod des Marcellus, des 
Neffen des Kaisers verursachte, wurde seine Statue zertrümmert 

Die bekannte Erzählung von der Begegnung Alexanders des 
Grossen mit dem Cyniker Diogenes in Corinth (vgl. Cicero, Tusc. 5, 
32, 92) finden wir wieder in dem Fabliau du roi Alexandre et du 
aegretain» nur dass hier für Diogenes der Name Socrates gesetzt ist 
(Oontes et fablkux p. p. Möon, Paris 1808, S. 171 ff.) 

Der Inhalt des Fabliau ist folgender. Der Philosoph Socrates 
entledigte sich seines Reichtums und schlug seine Wohnung in einem 
schönen Walde in einer Tonne auf. Hier fand ihn das Gefolge 
Alexanders, der einst in jener Gegend jagte und betrachtete ihn voll 
Verwunderung. Da es dem Socrates die Sonne benahm, sagte dieser: 
„Nehmt mir nicht das, was ihr mir nicht geben könnt“. 

Man wollte ihn aus der Tonne werfen und fortführen, um dem 
Könige seinen Anblick zu ersparen. Socrates aber sagte, er fürchte 
den König nicht und habe grössere Macht als Alexander, welcher der 
Sklave seines Dieners sei. 

Als Alexander darauf zukommt und das Vorgefallene erfährt, ist 
er gespannt, ob Socrates seine Worte vor ihm wiederholen wird. Da 
sagt Socrates: „Ich habe den Willen in meiner Gewalt, während du 
ihm dienst Folglich dienst du dem, der fmir dient“ Alexander ist 
zwar etwas ungehalten über die freie Sprache des Socrates, doch als 
Socrates ihn auf die Unbeständigkeit seines Lebens hinweist, spricht 
er zu seinem Gefolge: „Dieser Mensch redet sehr weise. Thut ihm 
kein Böses, dass Gott ihn nicht rächt.“ 

Die Sage von dem, schönen Nardssus, welche Ovid in den Meta- 
morphosen UI, 341 — 510 erzählt, erfreute sich bei den Franzosen 
einer grossen Beliebtheit und wurde schon früh in französischer Sprache 
behandelt Dies beweist am besten eine Stelle aus Petrus Cantor, 
der im Anfang des 12. Jahrhunderts lebte. 

0 „Hi similes sunt cantantibus fabulas et gesta , qui videntes can- 
tüenam de Landrico non placere auditoribus, statim incipiunt de 
Narcisso cantare“ (Fauriel, Hist de la po6aie proven<jale 3, 489). 

Dieses Lied liegt vielleicht vor in dem uns noch erhaltenen Lai 
von Narcissus, welches jedenfalls noch aus dem 12. Jh. stammt und 
sich bei Barbazan und M4on, Oontes et fabL IV, 143 ff gedruckt 
findet Der Verfasser des Gedichtes, den wir nicht kennen, hat Ovid 
nachgeahmt „Ein Seher aus Theben weissagt der Mutter des Narcissus, 
dass dieser bald sterben werde, wenn er sich selbst gesehen habe. 
Zu dem schönsten aller Jünglinge von Amor gemacht, erweckt Nar- 


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cissus die heftige Liebe der Königstochter Danes, die von einem Pfeile 
Amors getroffen ist. Nach einer warmen Schilderang der Macht 
Amors und der Liebesqualen der Jungfrau sehen wir die letztere sieh 
in den Wald schleichen, wo Narcissus jagt, und diesem bei seiner 
Vorbeikunft ihre heisse Liebe gestehen und ihn um Erhörung anflehen. 
Als der Jüngling aber gegen alle Bitten taub bleibt, weicht die Liebe 
der Rachsucht in ihrer Brust, und sie bittet Amor und Venus sie an 
Narciss zu rächen. Von der Jagd ermüdet beugt sich Narciss durstig 
über eine Quelle und erblickt darin sein Bild, welches er für eine 
Fee hält Er verliebt sich darin, und nachdem er es vergebens be- 
schworen hat, aus dem Wasser heraufzusteigen, bricht er in laute 
Klagen aus. Doch schliesslich sieht er seinen Irrtum ein, aber ein 
starkes, nicht zu stillendes Liebesverlangen bleibt in ihm zurück. 
Eine Ohnmacht befallt ihn, er verliert die Sprache und im Anschauen 
Danes’, welche die Liebe wieder zu ihm geführt hat, stirbt er mit ihr 
zusammen. u 

Ein anderer Stoff aus Ovids Metamorphosen liegt vor in dem 
Lai von Pyramuß und Thisbe, dessen Quelle nach des Verfassers 
eigenem Geständnis Ovid ist (Metam. IV, &5 ff). Das Gedicht, welches 
Medn, Contes et fabL IV, 326 ff gedruckt hat, stammt aus dem 12. Jh. 
Da der Verfasser sich genau an Ovid hält, wird es überflüssig sein, 
den Inhalt des Gedichtes hier anzuführen. 

Bereits im 12. Jh. gab es auch ein französisches Lai von Orpheus, 
wie aus dem Lai de rEspine von Marie de France hervorgeht 
Roquefort, Podsies de Marie de France, I, 556, 183 ff. 

Apri&s celi d’autre commenche 
Nus d’iaus ni noise, ne ni tenche; 

Le lai lor aone d’Orph6y. 

In dem Roman von Floire et Blanceflor wird gleichfalls ein Lai 
von Orpheus vor Blanceflor auf der Harfe gespielt. Appendix zu 
Floire et Blfl. v. 70 ff, S. 231: 

Une harpe tint en ses mains 
Et harpe le lai d’Orphäy. 

Aus dem Ende des 13. Jh. ist ein englisches Spielmannsgedicht 
von Sir Orfeo vorhanden, welches sich nach Hertz als Bearbeitung 
eines französischen Lais zu erkennen giebt Vgl. W. Hertz, Spiel- 
mannsbuch, S. 320 ff Doch der klassische Mythus ist im Munde der 
Spielleute zu einem romantischen Märchen geworden. 

Ein Lied von Orpheus in Achtsilbnern, welches unvollständig in 
der Hs. 179 der Bibliothek zu Genf erhalten ist, teilt E. Ritter mit 
im Bulletin de la soc. des anc. t fr. 1877, Nr. 3, S. 99 ff. Dies Ge- 
dicht hat bei weitem mehr die antike Färbung bewahrt als der englische 
Sir Orfeo. „Orpheus un tres gracious menestreres a , verlor seine 


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Freundin, worüber er sehr traurig war. Lange Zeit suchte er sie 
vergebens in Wäldern, Wiesen und Feldern, alles durch die lieblichen 
Melodien seiner „Schalmei“ bezaubernd. Bäume tanzten hinter ihm 
her, Ströme flössen stromaufwärts, und der Löwe gesellte sich friedlich 
zu dem Hirsche. Da er seine Freundin auf der Oberwelt nicht finden 
konnte, beschloss er in der Unterwelt nach ihr zu forschen, und nach- 
dem er seine Fiedel gehörig gestimmt hatte, trat er den Weg zur 
Unterwelt an. Den Cerberus machte er durch sein Spiel so weich, 
dass dieser ihn ungehindert durch die Pforte einziehen liess. Die 
Furien rührte er durch die Lieblichkeit seiner Musik zu Thränen. 
D ann sah er die Leiden des Ixion und Tantalus. 

Hier beginnt bei v. 99 die Verstümmelung der Handschrift, welche 
bis v. 108 dauert, und damit bricht das Gedicht plötzlich ab. 

Ein Dichter des 14. Jahrhunderts, Guillaume de Machault, sagt, 
dass er das Lai von Orpheus oft gesehen und durchgelesen habe. 
(F. Wolf, Lais S. 239 ff.) 

Wenn wir aus einigen Versen des Rom. d. 1. R. einen Schluss 
ziehen dürfen, scheint es auch ein Lied von Pygmalion gegeben zu 
haben. Rom. d. L R. v. 13676 ff: 

.... il ne votu en puet jä chaloir, 

Qnant p&r euer le ch&n^on sav6s 
Que taut oi chanter m’ av6s, 

Si cum joer nou® alion, 

De l’ymage Pymalion. 

Unzweifelhaft ist die Sage von Tantalus Gegenstand eines Ge- 
dichtes von Chrestien de Troyes gewesen, wie er im Anfang des 
Cliges selbst sagt 

Cil qui fist d’Erec et d’Enide 
Et les comandemanz övide 
Et l’art d’amors an romanz mist 
Et le mors de l’espaule fist 
Del roi Marc et d’Iseut la blonde 
Et de la hupe et de l’aronde 
Et del roseignol la muance etc. 

Mit dem „mors de l’espaule“ ist der Biss der Ceres in die Schulter 
des von seinem Vater Tantalus zerstückelten und den Göttern zum 
Mahle Vorgesetzten Pelops gemeint 

Leider ist diese Bearbeitung bis jetzt noch nicht wieder auf- 
gefunden, aber wir haben keinen Grund an der Angabe Chrestiens zu 
zweifeln. Ist doch erst vor einigen Jahren das bislang verloren ge- 
glaubte Gedicht Chrestiens von Tereus, Procne und Philomele von 
G. Paris auch wieder entdeckt worden. Vgl. Romania XIII, 399 ff. 
Am Ende des 13. oder Anfang des 14. Jahrhunderts verfasste nämlich 
ein Landsmann und Namensvetter von Chrestien ein gewisser Chrestien 


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Legou&is de Sainte-More ein langes Gedicht nach den Metamorphosen 
Ovids, in denen die Fabeln Ovids zuerst übersetzt, dann interpretirt 
und mit allegorisirenden und moralisirenden Betrachtungen versehen 
wurden. 

Zweimal hat Legouais ältere Versionen von Fabeln Ovids ein- 
geschoben. Die eine derselben ist die von Pyramus und Thisbe, 
welche wir soeben besprochen haben, die andere ist die Philomele 
oder Philomene von Chrestien de Troyes, von der Legouais ganz 
offen sagt, dass er sie so wiedergebe „com Crestiens le raconte 44 
(Ovid, Metam. VI, 412—674). 


6 


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Teil H. 

Abgesehen von den eben besprochenen Gedichten des antiken 
Cyclus finden sich durch die ganze afr. Litteratur hindurch viele An- 
spielungen, welche von der Bekanntschaft der Dichter mit den epischen 
Stoffen des Altertums Zeugnis ablegen. Diese nehmen mit der Zeit 
zu, und während noch die ältere Lyrik entsprechend ihrem volks- 
mässigen Charakter arm an solchen Stellen ist, sind die Dichtungen 
eines Froissart, Chastellain und Chartier, welche am Ausgange der 
altfranzösischen Epoche und schon unter dem Einfluss des Geistes der 
zweiten Renaissance stehen, damit überladen. 

In dem Volksepos, dem nationalen Heldengesang, finden sich 
naturgemäss nur wenige antike Reminiscenzen. Die geistlichen Dich- 
tungen suchten erklärlicher Weise alles, was an das Heidentum er- 
innerte, von sich fern zu halten, und wenn wir in dem Barlaam und 
Josaphat des Gui von Cambrai langen Erörterungen über die heid- 
nischen Götter begegnen, so ist dies eine grosse Ausnahme und nur 
in der Absicht geschehen, den Beweis zu erbringen, dass die heid- 
nischen Götter Götzen und keine wahren Götter sind. Häufiger be- 
zieht sich das Kunstepos, die didactische und satirische Dichtung auf 
das Altertum, und manche Dichter, wie Jean de Meung, gefallen sich 
darin, wo es nur angeht, ihre' Kenntnis der Alten auszukramen. 
Mythus, Sage und sagenhaft gefärbte Geschichte sind in gleicher Weise 
von den französischen Dichtem ausgebeutet. Da Mythus und Sage oft 
in einander übergehen, so werde ich beide zusammen behandeln, um 
dann die Hinweise auf historische Personen zu besprechen. 


A. Stoffe aas der griechischen und römischen Sage. 

Die Erwähnungen von Göttern sind in der altfranzösischen Litte- 
ratur so häufig, dass man eine kurze Mythologie daraus zusammenstellen 
könnte. 

Um mit dem ältesten Gott, welcher von einem Dichter genannt 
wird, zu beginnen, führe ich den Saturn an. In der Prise d’Alexan- 
drie v. 109 ff. heisst es bezüglich seines Alters: 

Lore li vieug Saturnus park 


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88 


Bien et honnestement; car lk 
N’avoit mie dieu ne deesse 
Qui le seurmontast de vieillesse. 

Mit geringen Abweichungen erzählen uns der Dolopathos, der Kom. 
d. 1. R, das Mysterium von Barlaam und Josaphat (BarL u. Jos.), wie 
er von Jupiter gestürzt und entmannt wurde, und aus seinen abge- 
schnittenen und ins Meer geworfenen Geschlechtsteilen Venus hervorging. 

Dolop. v. 12465 ff.: Satumus ses enfana man ja, 

Et vos, qui er 4ez k’il fast Deuz; 

Jupiter fu si anviex 

Que Saturnom, son pfere, ödst, 

Et sa seror k famme prist 

Köm. LI. R. v, 6785 ff.: Justice qui jadis regnoit, 

Oü tens que Saturne vivoit, 

Cui Jupiter copa les coilles 
Ausinc cum se fussent andoilles 
(Moult ot eil dur filz et amer) 

Puia les geta dedens la mer, 

Dont Venus la deesse issi, 

Car li Livres le dit ainsi. 

Barl.u. Jos.S.l82,35ff.:Or fait cis diu de Saturnus, 

Certes il n’est ne dez ne nus, 

Car Jupiter ses fils l’ocist, 

Si com Ovides le nous dist; 

En infier son pere jeta, 

Le ciel lassus i conquesta, 

Si en fu sire et commandere, 

Et les biaz menbres de son pere 
Jeta, cbou dist, en mer parfonde, 

L k fu conciute en une onde 
Venus, la dyuesse d'amours; 

Ains puis ne fu ne nuis ne jours. 

Barl.u. Jos. S. 184, 9 ff.: Tu dis que dez est Jupiter 
Qui son pere mist en infier 
Et li loia et pi6s et mains. 

Mysterium von Barl. u. Jos. S. 404: 

Apres je vous moustre des Grieuz 
Que de faulz homxnes ont fait diez 
Con fu Saturne qui menga 
Ses enfans, et si se trencha 
Les genitailles, et en mer 
Les jetta, ce fut fait amer. 

Nach dieser Stelle schneidet sich Saturn also die Genitalien 


selbst ab. 

Von Philippe de Thaün wird er zum Herrscher der Unterwelt 
gemacht 

Cumpoz v. 473 ff.: Cele out le vendresdi; 

Satumus samadi; 


6 * 


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84 


D’enfern ert reis clamet, 

La ert sa poestet 

Nach dem MBrut y. 3723 wird Saturn von seinem Sohne Jupiter 
aus Creta vertrieben, flüchtet nach „Lombardie“ und wird dort nach 
dem Tode des Janus König. Vergleiche darüber Trdsor S. 38 und 
S. 41. Unter seiner Herrschaft war das goldene Zeitalter. 

Rom. d. L R. v. 20744 ff.: 

Näis quant regnoit Saturnus 
Qui teuoit les dor4s aages. 

Vgl. Tornoiem. de TAnt. S. 18, 6. 

Den mächtigsten der Götter, Jupiter, (Barl. u. Jos. S. 183, 17 ff.) 
lässt Gui de Cambrai durch Ehebruch erzeugt werden. 

Barl, tl Jos. S. 184, 9 ff.: 

Cil Jupiter dont tu vels dire 
Fu engenr4s par avoutire. 

Der Dichter denkt hierbei wahrscheinlich daran, dass er ein Kind 
des Kronos und der Rhea, des Kronos Schwester, war. 

An einer anderen Stelle bezichtigt Gui de Cambrai ihn selbst des 
Ehebruchs, der Sodomiterei und Zauberei. 

Barl. u. Jos. S. 187, 11 ff.: 

De Jupiter di yoirement 
K’il fu tous plains d’enchantement 
Et ayoutres et sodomites 
Et enchanteres et erites. 

Auch Philippe de Thaün gilt er als ein Zauberer (Cumpoz 
v. 463 ff.) und in dem Mysterium von Barl. u. Jos. S. 404 wird ihm 
dasselbe zum Vorwurf gemacht. 

Eine Aufzählung von Jupiters vielen Liebschaften giebt Gui de 
Cambrai. Barl. u. Jos. 185, 26 ff: 

Une autre fois se refist or 
Por Dane, cui il en decbiut 
Mais ains cele ne l’aperchiut 
Desoi adont k’il l’ot traie. 

En cisne por une autre amie 
Se remua, Leda ot non. 

Une autre fois en soterel 
Se mua por Anthyop6, 

En esfoudre por Semel6. 

Soterel wird eine Corruption von satyrel sein, da sich Jupiter der 
Antiope als Satyr nahte. 

An einer anderen Stelle (S. 184, 25 ff.) erfahren wir in 39 Zeilen 
sein Abenteuer mit Europa, der Tochter des Königs Agenor, die in- 
folge dessen erfolgte Verbannung des Cadmus und die Gründung 
Thebens durch denselben (vgl. Ov. Met. II, 833 — HI, 130). 

Auch Jupiters viele illegitimen Kinder zählt Gui de Cambrai auf. 


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Barl. u. Jos. S. 185, 37 ff.: 

De ces ot il enfans assäs 
Comme licieres forcenäs. 

Liber en ot li uns k non, 

Le secont apielent Theon, 

Et Hercules et Apollo, 

Arthemyas et Amphyo, 

Et Perseum et Castorem. 

Da Jupiter seiner Gemahlin Juno häufig Anlass zur Eifersucht 
gab, so musste er oft mit falschen Schwüren ihr seine Unschuld be- 
teuern (vgl. Ovid, ars amatoria I, 635). 

Rom. d. 1. R. v. 13723 ff.: 

Quant Jupiter assäuroit 
Juno sa fame, il li juroit 
Le palu d’enfer hautement 
Et se parjuroit fausement 

Bei Guillaume de Machault lernen wir ihn als Herrscher über 
Blitz und Donner kennen. 

Guill. de Machault S. 72: 

Et quant li vent orent congiä, 

Et Jupiter ot tout forgiä 
Foudres, tempestes et espars, 

Lors on veist de toutes pars 
Espartir merrilleusement etc. 

Vgl. Guill. de Machault S. 71. 

Über der Schwelle seines Hauses befanden sich zwei volle Tonnen, 
aus denen Fortuna für einen jeden Menschen alle Tage* Gutes oder 
Böses schöpfte (Rom. d. 1. R. v. 7097 ff.). Vergl. Ilias, 24, 527 ff* 

Jupiter wird mit Apollo von den altfranzösischen Dichtern zu 
einer Gottheit der Sarazenen gemacht. Doch da die Beziehung auf 
den antiken Gott sich hier lediglich auf den Namen beschränkt, führe 
ich keine Belegstellen an. 

In ähnlicher Weise lässt Wace im Brut v. 6929 ff. Saturn, Jupiter, 
Phoebus und Mercur zu Göttern der Sachsen werden. 

In den Augen der rechtgläubigen Franzosen war Jupiter, wie 
jeder andere heidnische Gott, ein Teufel, der seinen Platz in der 
Hölle hatte. 

Wace’s Nicholas v. 342 ff: 

Al tens antif que jadis fu 
Eurent diable graut yertu, 

Oui se fesoient aorer 
Et dex et deuesses clamer. 

Deu estoient come Phebus, 

Jupiter, Mars, Mercurius. etc. 


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86 


Vie de Seint Auban v. 1816 ff.: 

Of les paöns estoie de la loi Apolin, 

Pallaide, e Diene, e Pheban, e Jovin, 

Ki sunt dampn4 diable en enfer susterin. 

Vgl. ferner Vie de Seint Auban v. 333 ff. und v. 1102 ff., Tourn. 
de l'Ant. S. 18, 3 ff, Alain Chartier S. 347, Tr&or v. Latini S. 38. 

Des Ganymedes, des Mundschenken Jupiters, gedenkt Gui de 
Cambrai im Barl. u. Jos. S. 186, 13 ff: 

Od lni (sc. Jupiter) estoit uns biaz varles 
Ki avoit non Ganymedes, 

Cis estoit maistreß sodomites. 

Vergl. Oy. Metam. X, 155. Ferner wird auf denselben hinge- 
wiesen von Eustache Deschamps I, 166 und im Tresor S. 38, wo er 
als die erste Ursache des Krieges zwischen Troja und Griechenland 
hingestellt wird. Juno, die Schwester und Gemahlin Jupiters, nennt 
als Schützerin der Ehe zusammen mit Hymen aeus, dem Gotte der 
Hochzeitslust und des Hochzeitsgesanges, der Rom. d. 1. R. v. 21798 ff. : 
Ymen6us et Juno m’oie 
Qu’il voillent k nos noces estre. 

Im Cumpoz von Philippe de Thaün v. 743 ff. lesen wir, dass 
nach ihr der Monat Juni benannt wurde. Vergl. ferner Wace’s 
Nicholas v. 349 und Prise d'Alexandrie v. 157. 

Neptun, der Bruder Jupiters (vergl. Vie de Seint Auban v. 335) 
tritt uns häufig in seiner Eigenschaft als Beherrscher des Meeres ent- 
gegen. Rom. d'Al. S. 300, 20 ff: 

H en jurent la mer, que pour sire a Netunus. 

Rom. d’Al. S. 77, 24 ff: 

Li eignes que veistes, qui mut si grant tempier 
c’est le Dez de la mer qui vus vint corecier, 
ceste citds est sienne, si la veut calenger. 

Neptunus qui lä est, qui tant fait k prisier, 
encor vus fera pis. etc. 

Veigl. ferner Rom. d. 1. R. v. 9850, Vie de Seint Auban v. 1103, 
Torn. de FAnt S. 86, 8 und S. 18, 11, FroisBart I., S. 16, 2, A. 
Chartier S. 382. 

Von andern Meergottheiten werden noch Proteus, Triton, 
Doris, die Gemahlin des Nereus, und ihre Töchter, die Nereiden, 
im Rom. d. 1. R. erwähnt. 

Rom. d. 1. R. v. 11571 ff: 

Car Proth^us, qui se soloit 
Muer en tout quanqu’il voloit, 

Ne sot onc tant barat, ne guile 
Cum ge fais etc. 

VergL Odyssee. 4, 365 ff. 


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87 


Rom. <L 1. R. v. 9862 ff.: 

Triton redut vif erragier 
Et Doris, et toutes ses Alles 
Por les xnerveilleuses semilles, 

Cuiderent tuit estre trais. 

Eine der Nereiden, Thetis, nennt dieVie de Seint Aubanv. 336. 
Ausserdem kommt Triton noch vor bei G. Chastellain (Rec. de chants 
hist. S. 371), während sich eine Erwähnung von Proteus bei Eustache 
Deschamps I, 166 findet. (Vergl. OvicL Met. II, 9 u. VIII, 731.) 

Pluto, der Herrscher der Unterwelt, und seine Gemahlin Proser- 
pina, deren Entführung uns Froissart erzählt (n, S. 94 v. 3164 ff.), 
befinden sich im Tom. de TAnt. unter den Feinden des Herrn im Ge- 
folge des Antichristen. 

Tom. de l’Ant. S. 18, 14 ff: 

Et en icele mesme route 
Estoit Pluto et Proserpine, 

Le Roi d’enfer et la Roine. 

Nach dem Tora, de TAnt S. 17, 14 ff. und Ren. le Nouvel 231 ff. 
giebt Proserpina ihrem Gemahl verschiedentlich Anlass zur Eifersucht. 

Im Cumpoz von Ph. de Thaün v. 695 ff. heisst es, dass dem 
Pluto der Monat Februar gewidmet war. 

Der Apologia mulierum zufolge versucht Pluto den Hercules an 
der Besiegung des Cerberus zu verhindern, während er nach der antiken 
Sage diesem selbst die Erlaubnis dazu giebt. 

Apol. mulierum v. 160 ff: 

On dit que jadis Hercules, 

Filz de ce graut dieu Juppiter 

Le (sc. Cerberus) destacha saus respiter 

Et sa chaynne de fer brisa, 

Malgre Pluto que peu prisa. 

Vgl. ferner Vie de Seint Auban v. 336 und 1103, Froissart I, 
S. 267 v. 1633 ff, HI, S. 251 v. 8 ff 

Der Fährmann Charon, welcher die abgeschiedenen Seelen in 
seinem Nachen über die Ströme der Unterwelt in das Reich der 
Schatten übersetzte, wird in einem Gedichte des 15. Jh. angerufen. 
(Rec. de chants histor. S. 381.) 

Apollo oder Phoebus, der Sohn Jupiters und der Latona (Barl, 
u. Jos. S. 186, 3), hat bei den afr. Dichtem so sehr den Charakter 
eines Sarazenengottes angenommen, dass die Sarazenen häufig nach 
ihm la gent Apclin genannt werden. Vgl. Rom. d’Aquin v. 3039, Foulques 
de Candie S. 91, Prise d’Alexandrie v. 4687, Enfances Ogier v. 4788. 
Doch daneben ist er aber auch in seinen antiken Rollen bekannt. 
Im Rom. d’AL S. 414, 33 ff. begegnet er uns als der Orakel gebende 


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88 


Gott. An diese Thätigkeit denkt auch wohl Guillaume de Machault, 

wenn er sagt S. 133: 

D ne me ehant dou sens de Salemon, 

Ne que Phebus en termine on responde. 

Von Froissart erfahren wir die Besiegung des Drachen Python 
(I, S. 134, v. 1617.) 

Apollo war der Lorbeer heilig (Pofeme moralisd in Rom. XIV, 465). 
Apollo j&dis ne eoloit 
Respondre, se lorier n’estoit. 

Als Apollo Musagetes finden wir ihn im Lapidaire von Marbod 
(Lapid. fr. S. 147, 69 ff.). 

Vgl. Chanson de Molinet in Rec. de chants hist S. 389, Ballade 
von G. Chastellain in Rec. de chants hist S* 371. 

Interessant ist die Schilderung, welche Gui de Cambrai von Apollo 
giebt Barl. u. Jos. S. 191, 3 ff: 

Cil Apollo fu uns jougleres 
Et si refu molt bous venereg, 

As gens parloit et devinoit 
Por graut avoir k’il en avoit; 

Et de tel diu ne sai jou rien 
Ki vent et fait de son engbien. 

Als Lichtgott erscheint er im Torn. de l’Ant. S. 101, 3 ff, Vie 
de Seint Auban v. 1570 ff, Froissart I, S. 270 v. 1744 und Chastellain 

vn, s. 180. 

Vgl. ferner: Wace’s Nicholas v. 346, Vie de Seint Auban v. 1102, 
v. 334, v. 1816, Tom. de TAnt S. 18, 7, A. Chartier S. 347. 

Apollos Liebe zu der Daphne und das Geschick seines Sohnes 
Phaethon wird später besprochen werden. 

Diana oder Artemis, die Tochter Jupiters (Barl, und Jos. 
S. 186, 4) und Schwester Apollos (Barl, und Jos. S. 191, 10), be- 
schreibt Gui de Cambrai folgendennassen : 

Barl. u. Jos. S. 191, 11 ff: 

Li Gryu le tinrent por dyuesse 
Car eile ert bonne veneresse; 

Chiens amoit molt por afaitier 
Car eile aloit souvent cachier. 

Auf den keuschen, jungfräulichen Charakter der Göttin wird an- 
gespielt im Tora, de TAntechr. S. 80. 

Nach demPo&me moralis^ (Rom. XIV, 464) war ihr derBeifuss heilig. 
Aus der alten Hecate hat Wace eine grosse Zauberin und Wahr- 
sagerin gemacht. 

WBrut v. 635 ff: L’image i ert d’une deuesse 
Diane une deuineresse, 

Diables ert qui cfele gent 
P^cevoit par encantement, 


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89 


Als Göttin der Jagd und des Mondes sehen wir sie im MBrut 
v. 1138 ff. 

Vielleicht ist unter der Göttin Lucina, welche im Rom. de L R. 
y. 11006 ff. als Göttin der Geburt genannt wird, Diana zu verstehen, 
da diese wie Juno in ihrer Eigenschaft als Geburtsgöttin den Namen 
Lucina führte. Vgl. ferner Vie de Seint Auban v. 1261 und v. 1817 
und Wace's Nicholas v. 354 ff. 

Die älteste Anschauung der Griechen von der Pallas oder 
Minerva, welche sich dieselbe in irgend einer Beziehung zu dem 
Elemente des Wassers dachte, finden wir wieder in einem Mystöre 
des alten Testaments. Mistöre du vieil testament, Bd. II, v. 14097 ff. : 
II court le bruit «Tune vierge tredigne, 

Qui par grace par mer est avoUöe, 

Laquelle euvre de Science divine, 

Se dit chacun; Minerve est appeilöe. 

Nach einer Anmerkung auf Seite XXXVIII des zweiten Bandes 
hat der Dichter aus Comestor und Vincenz v. Beauvais geschöpft. 
Allegorisch für den Krieg steht Pallas im MBrut v. 1711. Wace im 
Brut v. 1677 ff. und der Dichter des MBrut v. 2708 ff. erzählen, dass 
der König Bladus, ein Nachkomme des Brutus, der Minerva einen 
Tempel erbaute und bestimmte, dass in demselben ein immer bren- 
nendes Feuer unterhalten werden sollte. Beide haben aus Galfredus 
Lib. II, Cap. X geschöpft. Dieser scheint den Dienst der Göttin 
Vesta im Auge gehabt zu haben. Vgl. ferner Wace’s Nicholas v. 349, 
Vie de Seint Auban v. 1817, v. 1261, v. 336, Prise d'Alexandrie v. 157, 
A. Chartier S. 347, S. 806. 

Auf die Sage von Ceres und Triptolemus (Ovid, Met. V, 645 ff) 
spielt kurz der Rom. d. 1. R. an. R. d. 1. R. v. 10536 ff.: 

La plantöureuse Döesse 
Cerös qui fait les bl&B venir; 

Ne cet \k le chemin tenir; 

Ne eil qui ses Dragons avoie, 

Tritolemus n’i set la voie. 

Vgl. ferner Froissart I, S. 270, v. 1747 — 8. 

Mar 8 wird als Gott des Krieges genannt im MBrut v. 3973, im 
Dit des planetes (Jub. nouv. rec. S.377), Barl, und Jos. S. 189, 20 und 
Torn. de l’Ant. S. 85, 29. Gleichbedeutend mit Kampf wird sein 
Name verwandt im Dolopathos v. 12471 und MBrut v. 1711. In 
lepistre dothea von Christine von Pisa, gedruckt in Romvart S. 142, 
wird Hector einfach als Sohn des Mars bezeichnet. Im Anfang der 
Prise dAJexandrie lässt Guillaume de Machault seinen Helden Peter 
von Lusignan aus der Vereinigung von Mars und Venus hervorgehen. 
Mars unterrichtet ihn auch in der Kunst zu kämpfen und hilft und 


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fördert ihn im Kriege (v. 8859 ff.)« Seine Liebschaft mit der Venus 
und die Überraschung beider durch Vulcan erwähnt Gui de Cambrai. 

Barl. u. Jos. S. 189, 33 ff: 

Cele dyuesse ot non Venus. 

Vulcans tea dex de lä desus 
Ri ses licieres ert aussi 
Le reprist o Mart son ami; 

Si les loia ansdeus ensamble 
D une kaine, si com moi samble. 

(Odyssee 8, 274 ff. und Ov. Metam. IV, 167 ff). Vgl. darüber 
Bom. d. 1. R. v. 14433 u. Barl. u. Jos. S. 192, 7. 

Im Cumpoz von Ph. de Thaün wird erzählt, wie Romulus den 
dritten Monat nach seinem Vater Mars benannte (v. 711 ff), und wie 
die Römer dem Mars zu Ehren auch dem dritten Tage seinen Namen 
beilegten (v. 447 ff). Olivier Basselin nennt in scherzhafter Weise 
das üble Befinden nach zu vielem Genuss von Wein „grants coups de 
Mars“. (Vaux de Vire, S. 148.) Vgl. ferner Wace’s Nicholas v. 347 
und Torn. de l’Ant. S. 18, 11. 

Vulcan wird verschiedentlich als Gott der Schmiede- und Schmelz- 
kunst von Dichtern angeführt. 

Floire et Blanceflor v. 438: 

Vulcans la (sc. coupe) fiat, s’i mißt sa eure 

Prise d’Alexandrie v. 197 ff: 

Vous avez des dieux la Science, 

Et vraie et juste experience, 

L’auctorite et la maistrie 
Seurs.tous ouvriers qui sont en yie. 

Vgl. Barlaam u. Jos. S. 188, 1 ff. u. Torn. de l’Ant. S. 102. 

. Einige Zeilen vor der zuletzt angeführten Stelle finden wir den 
Gott Mulciber erwähnt, wie Vulcan in seiner Eigenschaft als Gott 
der Schmelzkunst hiess. Doch Huon de Mery scheint Vulcan und 
Mulciber als zwei verschiedene Personen aufgefasst zu haben. In der 
Prise d’Alexandrie v. 213 ff. sagt Vulcan, dass er die Waffen des 
Achilles schmiedete, derentwegen sich Aiax nach dem vergeblichen 
Wettstreit mit Ulixes getötet habe (vgl. Ov. Metam. XIII, 1). 

Über die Göttin Vesta scheint G. de Machault schlecht ] unter- 
richtet gewesen zu sein. Prise d’Al. v. 90 ff: 

Vesta qui estoit la prestresse 
Et la soverainne maistresse 
Des nymphes, des tragediannes, 

Des juenes et des anciennes, 

Et de leurs temples ensement etc. 

Welche Göttin Christine von Pisa mit Othea gemeint hat, habe 
ich nicht ermitteln können. (Romvart S, 142.) 


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91 


Über die Sage von der Entstehung der Venus haben wir bereits 
bei Saturn gehandelt. 

Ihre verschiedenen Liebschaften zählt Gui de Cambrai auf. Barl. 

u. Jos. S. 192, 5 ff.: 

Et s’ot od li mains lecheours 
Ki bien l’amerent par amors: 

Mars et Vulcans, Adonides, 

Et ans autres fu Anchyses. 

Fälschlich ist hier auch Vulcan mit angeführt, der doch ihr recht- 
mässiger Gatte war. 

Der Rom. d. 1. R. v. 16311 giebt uns Auskunft über einen be- 
liebten Aufenthaltsort der Venus, den Cithaeron, den viel be- 
sungenen Schauplatz der bacchischen Orgien. Der Göttin Schönheit 
rühmt Marie de France im Lai von Lanval S. 109, v. 584 ff. der 
Ausgabe von Warnke: 

Tant grant bealtez ne fit vetie 
en Venus, qui estoit reme. 

Vgl. darüber A. Chartier S. 805. 

In der Prise d'Alexandrie macht G. de Machault die Venus zur 
Mutter des Peter von Lusignan und lässt sie diesen in das Wesen 
der Liebe einfuhren. Als Göttin der Liebe spielt Venus in den 
lyrischen und allegorischen Gedichten des Mittelalters eine grosse 
Rolle. Häufig tritt sie auch als die personificirte Liebe auf. Doch 
habe ich davon Abstand genommen Citate anzuführen wegen der 
allzu grossen Menge derselben. 

Im Cumpoz v. 469 ff. und im Dit des planetes (Jub. nouv. rec. 
S. 379) lesen wir, dass der „vendredi“ von Venus seinen Namen 
empfing. Vgl. ferner Le livre du Chevalier de la Tour-Landri S. 249 
. und A. Chartier S. 728. 

Der Sohn der Venus, Amor oder Cupido (Rom. d. L R. 

v. 1648 — 9), erlangte im Mittelalter wegen der grossen Rolle, welche 
die Minne spielte, eine noch grössere Bedeutung als Venus selbst 
Meist wird er mit Pfeil, Köcher und Bogen dargestellt Wessen 
Liebe er erwecken will, auf den schiesst er einen Pfeil ab, entweder 
grade ins Herz (Cliges v. 460 ff.) oder durch das Auge ins Herz 
(Rom. d. 1. R. v. 1760 ff, Froissart, I, S. 15, v. 488 ff.). Die Wunden, 
welche er verursacht , sind schlimmer als die von einem Speer 
(Chevalier au Lion v. 1373 ff.). Wunderbarer Weise finden wir bei 
Jub., nouv. rec. S. 244 Amor als „Madame Amors u bezeichnet. 

Den M e r c u r erwähnt zuerst Ph. de Thaün im Cumpoz v. 457 ff : 
Li secuns deus out num 
Mercurius par num; 

Pruz bom fut e vaillanz 


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92 


E si fdt marcheanz; 

Le quart jum li dunerent 
Que mercresdi numerent 

Vgl. ferner: Wace's Nicholas y. 347, Torn. de TAnt. S. 18, 8, 
Barl, tu Jos. S. 188, 25 ff. 

Eine verkehrte Rolle lässt Froissart den Mercur spielen, denn 
Bd. I, S. 271, v. 1774 ff. heisst es: 

Car Mercurios li (sc. Phaethon) dist lors: 

„Cuides tu qu’uns si nobles corps 
Que Phebus soit, t’engenrast onques?“ 

Dies sagt aber nach Ov. Metam. I, 748 nicht Mercur sondern 
Epaphus. 

Von der Göttin Maja, der Mutter Mercurs, spricht der Cumpoz 
v. 729 ff. 

Iris, die windschnelle Botin der Götter, nennt Froissart I, S. 2 u. 51. 

Die Göttin der Diebe, Laverna, erwähnt der Rom. d. 1. R. 
y. 9889 ff. 

Bei Froissart (I, S. 2, v. 28) finden wir einen der Söhne des 
Schlafgottes mit dem abenteuerlichen Namen Enclimpotair benannt 
Dieser Name ist jedenfalls von Froissart selbst erfunden worden. 

Unter dem Gotte „Janviers u im MBrut v. 3536 ff. ist Janus zu 
verstehen, wie nicht nur aus der nähern Beschreibung desselben, 
sondern auch aus der Parallelstelle des WBrut v. 2098 und dem 
Galfredus Lib. II, Cap. 14 hervorgeht Später werden wir noch ein- 
mal auf Janus zurückkommen. 

Den Gott der Winde, Aeolus, erwähnt Jean de Meung (Rom. 
d. L R. v. 18696) und verschiedentlich auch Froissart Letzterer ge- 
braucht die durch Metathesis entstandene Form Oleüs. Vgl. Froissart, 
I, S. 1, v. 16, II, S. 369, v. 19 und S. 370, v. 15. An der letzteren 
Stelle wird auch der Wind Zephyrus genannt 

Von Bachus oder Liber, dem Sohne Jupiters, (Barl, und Jos. 
S. 185, 39) haben wir folgende Schilderung im Barl. u. Jos. S. 190, 11 ff.: 
Voub faites de Bacus devin, 

Dites k’il est sires del vin 
Pour chou k’il ert si bons veneres 
Et d’autrui femme(s) estoit leres, 

Irres estoit cbascune nuit, 

Ne m&intenoit autre deduit 
Et occis fu ens en la fin. 

VgL gleichfalls Dolop. v. 12470. 

Im Martyre de Saint Baccus (Jub. nouv. rec. S. 250) wird der 
Wein Saint Baccus genannt 

Eine Reminiscenz an die Sage von dem siegreichen Feldzuge des 
Bacchus über die Erde, den er zur Ausbreitung seines Cultus unter- 


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93 


nahm, und der sich bis nach Indien ansdehnte, haben wir im Rom. 
d’Al. S. 317, 4 ff.: 

Quant Libis et Arcus vinrent en Oriant 
et orent taut al4 que ne porent avant, 

II. imagenes d’or firent, qui furent de lor grant 
en tel liu le pos&rent, qui bien fu aparant 
et que mais k tous jors i fuscent demonstrant 

Arcus ist eine Verstümmelung aus Hercules, was eine andere Stelle 
des Rom. d’Al. S. 336, 5 beweist. 

Quant vinrent au pietruis qu’ Erculea, Liber dost 

Vgl. Tr6sor S. 158. 

Hebe, die Mundschenkin der Götter, führt G. de Machault in 
der Prise d’Alex. v. 145 ff an. 

Themis, die Göttin des Rechts, tritt im Rom.d. 1. R. v. 18297 ff 
als Schicksalsgöttin auf. 

Eris, die Göttin der Zwietracht, erwähnt die Bible Guiot de 
ProTins v. 1395 ff 

Je ne lairoie por l’Eride 
Un homme devant moi morir, 

Se l’en poroie garantir. 

Des Pan, der Cybele, der Satyrn, Quellennymphen und 
Dryaden gedenkt der Rom. d. 1. R. v. 18641 ff Vgl. Molinet (Rec. 
de chants hist S. 389). Den Kampf der Götter und Titanen singt 
der Sänger Elinant vor Alexander dem Grossen. 

Rom. d’Al. S. 413, 20 ff: 

Cil commence k canter issi com li gaiant 
vaurent monter au ciel, comme gent mescr£ant. 
entre les Dex en ot une bataille grant, 
se ne fast Jupiter, o se foudre bruiant 
que tous les detrenca, jä n’eusent garant 

Die drei Furien, Alecto, Tisiphone und Megaera kommen 
an 2 Stellen des R. d. 1. R. vor. An der ersten (v. 17613 ff) wird 
ihre Abstammung von der Nyx und dem Acheron erzählt und ihrer 
Thätigkeit als Rächerinnen in der Unterwelt gedacht An der zweiten 
Stelle (v. 20544) erfahren wir ihre Namen. Nochmals begegnen sie 
uns in einem Liede von Orpheus, gedruckt in dem Bull, de la soc. 
des anc. textes fr. 1877, Nr. 3, S. 100: 

Si encontra les trois deesses 
Qui sont encore plus felonesses. 

En cest siede les armes tentent 
Et en l’autre si les tormentent. 

Megaera allein nennt das Torn. de l’Ant. S. 18. 

Die drei Parzen, Cloto, Lachesis und Atropos werden auf- 


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gesäklt im R d. 1. R und im Bonn, de la r£surrection par Andrö de 
Coutances. (Herrigs Archiv 64, 192 v. 1598.) 

R d. 1. R v. 20479 ff.: 

Sachi^s que moult vom reconforte 
Cloto qui la quenoille porte, 

Et Lacheeis qui lee filz tire, 

Mfcs Atropoe rout et descire 
Quanque ces deus pu&ent filer. 

Cloto und Lachesis führt der Rom. d*AL S. 537, 19 an: 

Grant doel doivent mener Cloto et Lacheeis; 

Or pueent-il bien dire que ronpue est li fil 
Dont trestous li mone ert et c&ingl^s et porpris. 

Atropos allein kommt im Rom. d. 1. R. v. 10733 vor. 

In eine eigentümliche Verbindung sind die Parzen im Roman von 
Amadas und Ydoine v. 2089 ff. gebracht, wo sich 3 Zauberinnen ver- 
möge der Schwarzkunst in 3 Feen verwandeln und sich für die 
Schicksalsgöttinnen halten. 

Vergl. ferner Froissart I, S. 267, v. 1631 tu v. 1649 tu 1652, II, 
S. 50 v. 1697. 

Die neun Musen erwähnt das Lapidaire von Marbod als Be- 
gleiterin»?!* Apollos. Lapid. fr. 147, v. 47 ff.: 

J)eT&nt Apollo et derire. 

Lee nuef muees i estoient 
Grant joie par semblant fesoient. 

Namentlich wird Calliope angeführt im Bull. d. 1. soc. des anc. 
textes 1877, Nr. 3, S. 100, v. 31 ff. und bei Chastellain VH, S. 182. 
Molinet nennt Clio (Rec. de cha»ts hist« S. 389). 

Von dem Wohnsitz der Götter, dem Olymp, spricht der Trösor 
S. 165: Li est Macedoine, en quoi est la oitäs de Atheines, et mons 
Olimpe, qui touz jors reluist, et est plus haus que cestui air en quoi 
li oisel volent selonc ce que li ancien dient, qui aucune foiz i mon- 
terent 

Im Dolop. v. 12172 ff. findet sich eine Version der Sage von dem 
Titanen Prometheus, nach der er die Menschen aus Thon bildete, 
mit himmlischem Feuer belebte und durch seine Erfindungsgabe und 
Belehrung zu höherer Kultur leitete. 

Die Dioskuren, Castor und Pollux, erwähnt Gui de Cembrai 
als Söhne des Zeus. (Bari. u. Jos. S. 185, 43 ff.) 

Nach dem Cumpoz (v. 1275 ff.) haben sie zwar auch eine gemein- 
same Mutter, aber Castor ist der Sohn Jupiters und Pollux der Sohn 
des Mars. Der antiken Sage zufolge sind sie jedoch beide entweder 
Söhne des Zeus oder des Tyndareus, oder nur Pollux ist der Sohn des 
Zeus und Castor der des Tyndareus. Dass Zeus die Brüder für ihre 


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Bruderliebe als Sterne an den Himmel versetzte, darauf spielt Pb. de 
Thatin gleichfalls an. Das Lapidaire des Marbod (Lapid.fr. S. 107, 
v. 885 ff.) lässt sie den Stein Aitite tragen. 

Häufig tritt Hercules in der altfr. Litteratur auf. Ueber seine 
Abstammung von Zeus und der Alcmene vergl. Barl. u. Jos. S. 185, 
Apologia mulierum v. 160 ff. und Ren4 HI, S. 110. Nach dem Rom. 
d’Al. S. 55, 35 ff. ist der dritte Teil von Alexanders Zelt mit Dar- 
stellungen aus dem Leben des Hercules bedeckt Wir sehen ihn, wie 
er als kleiner Knabe in seinem Bette liegt und die von der Juno ge- 
sandten, giftigen Schlangen mit den Händen zerdrückt, wie er die Erde 
bis zum Orient erobert, dort Säulen errichtet und den Himmel auf 
seinem Nacken trägt par son encantement , wie der Dichter naiv hinzu- 
setzt. Vergl. ferner Rom. d’Al. S. 336,5 und S. 213, 35. Betreffs des 
Eroberungszuges von Hercules hat der Dichter wahrscheinlich die 
Sage von dem Zuge des Bacchus im Auge gehabt und diese mit der 
von Hercules vermengt. Hercules setzte die Säulen an die Strasse von 
Gibraltar als Zeichen seiner weitesten Fahrt, und er war nicht auf 
einem Eroberungszuge sondern auf der Suche nach den Rindern des 
Geryon begriffen. Auch Benoit de Sainte-More (Rom. de Troie v. 
795 ff.) verlegt die Säulen nach dem Osten, ebenso wie Brunetto 
Latini (Tresor S. 158). An ihrer richtigen Stelle stehen die Säulen im 
M Brut v. 1277 ff. und im W Brut v. 727 ff. Vergl ferner A. Chartier S. 364 

Hercules’ gewaltige Stärke, seine Kämpfe mit Riesen und wilden 
Tieren werden im Anfang des Romans von Hector, im Torn. de l’Ant 
S. 18, 9 und bei Rend 1H, S. 153 gerühmt Vergl Froissart II, 
S. 369 v. 4 

Bruchstücke eines Gedichtes über die Arbeiten des Hercules ««d 
abgedruckt in dem Bulletin d. 1. soctetö des aac. t. fr., 1877, Nr. 3. 
Zuerst erzählt der Dichter, wie Hercules die Harpyen, welche den 
König Phineus belästigten, vertrieb (v. 109 — 129). Die Harpyen sind 
hier wahrscheinlich mit den stymphalischen Vögeln verwechselt. Dann 
geht der Dichter dazu über, wie Hercules sich in den Besitz der Äpfel 
der Hesperiden setzte. Nach dieser Stelle giebt es nur zwei Töchter 
des Atlas, während es nach der alten Sage deren vier sind (v.131 — 152). 
Drittens fährt das Gedicht mit der Besiegung des Cerberus fort und 
deutet kurz die Liebe von Hercules’ Freunde Pirithous zu Proserpina 
an. Dann bricht es plötzlich ab. Zwei andere Arbeiten, die Tötung 
der lernaeisdhen Hydra und des Geryon werden erwähnt im Mys Ihre 
de la rösurrection du Sauveur (Thöatre fr. au mogetn-äge S. 12). Vgl 
Lyoner Yzopet, v. 1161 — 2. Von den 12 Arbeiten und von dem Tode 
des Hercules spricht auch Jean de Meung. Er teilt uns sogar mit, 
dass Hercules sieben Fuss mass. (Rom. d. L R. v. 9523 ff.) 


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96 


Seinen Tod lesen wir an verschiedenen Stellen. 

Dolop. v. 10260 ff. : Certea, j’ai oit et lint 

Ensi eomment Dejanirait 
Herculem son ami tuait. 

Barl. u. Jos. S. 190, 35 ff: 

Molt fu crueus, Bessons l’ocist 
Si com res toi re le nous dist. 

Hier ist also aus Nessus ein Bessons geworden. Vergl. dazu 
A. Charta er S. 364. Von Jean de Cond6 (Bd. I, S. 98, 37) und 
Guillaume de Machault (S. 132) wird er als Teilnehmer am Argo- 
nautenzuge genannt 

An zwei Stellen des Rom. d. 1. R. (w. 16213 u. 22415 ff.) finden 
wir das Abenteuer des Hercules mit dem Rinderdieb Cacus. 

Der Liebe des Hercules zu Jole wird vom R. d. 1. R. v. 9537 ff. 
und dem König Renä (Bd. HI, S. 110) gedacht. 

Unter der Janua bei Ren6 ist jedenfalls Jole zu verstehen, denn 
an einer späteren Stelle S. 153 ist von seiner Liebe zu Jole ausführlich 
die Rede. 

Dass sich das Mittetalter einen so gewaltigen Helden wie Hercules 
unter dem Schutze höherer Mächte stehend dachte, war nur zu natürlich. 

Lapid. fr. S. 166, v. 699 ff: 

Par ceste piere Alcid&s 
M&int peril veinqui ; apr&s, 

Un jor 1& lassa; 90c m’ est vis: 

Ocis fu de ses enemis. 

Den Perseus schildert uns Jean de Meung als den Besieger der 
Medusa (R. d. 1. R. v. 21534 ff). Des Pegasus, welcher aus dem 
Rumpfe der Medusa hervorsprang, gedenken Antoine de la Sale (Jeh. 
de Saintrö S. 206) und Froissart Bd. H, S. 369 v. 15. 

Froissart erzählt (Bd. 1, 216) eine Geschichte von „B eil or o ph us tf , 
von der Scheler sagt: „Je ne sais oü Froissart a 6t6 puiser cette fable 
de Bellorophus, qui n’a rien de commun avec celle de Bellerophon.“ 
Auch ich vermag nichts über die Quelle dieser Erzählung hinzuzufügen. 

Als ein Beispiel grosser Freundestreue führt Jean de Meung 
Theseus an (R. d. 1. R. v. 8462). Nach ihm stieg er lebend in die 
Unterwelt hinab, um seinen Freund Pirithous zu suchen. Die Sage 
weise nichts von einer solchen That des Theseus. 

Renö erwähnt die Besiegung des Minotaur, das Verhältnis des 
Theseus zur Ariadne und seiner Gemahlin Phaedra (Band IH, S. 108). 
Aus Ariadne hat Renö durch Metathesis den ihm vielleicht geläufigeren 
Namen Adrienne gebildet. 

GuilL de Machault (S. 132) nennt ihn als Geführten des Hercules 
und Jason bei dem Argonautenzuge. Vergl. Chastellain VII, S. 424. 


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97 


Der Rom. d. 1. R. kennt den Phoroneus, den Sohn des Inachus, 
König von Argos, welcher zuerst die zerstreuten Argiver in gemein- 
schaftlichen Wohnsitzen vereinigt und sie die Anfänge der Kultur ge- 
lehrt haben soll (R. d. 1. R. v. 9077 ff.). 

Derselbe Phoroneus findet sich in einem Mysterium des alten 
Testaments, wo der König Pharao seinen Hofleuten ans Herz legt, die 
Gesetze zu respektiren, welche der König Phoroneus gegeben habe 
(Le mistöre du viel testam. II, v. 11455 ff). Vergl. Tr6sor S. 40. 

Amphi on, dem Sohne des Zeus und der Antiope (Barl. u. Jos. 
S. 185), nach dessen Spiel auf der. Leier sich die Steine zu den Mauern 
Thebens zusammenfügten, begegnen wir im Rom. d. 1. R. v. 21809 ff. 
Fälschlich heisst es im Tr6sor S. 469, dass Amphion die Stadt Athen 
auf diese Weise erbaute. Auch Molinet ist die Sage von der Erbauung 
Thebens durch das Spiel der Harfe bekannt. Rec. de chants histor. 
S. 389. Vergl. noch Oeuvres de Chastellain VII, S. 180. 

Den Bruderzwist des Eteocles und Polynices und den trau- 
rigen Ausgang desselben erwähnt Chrestien de Troyes. 

Cliges v. 2536 ff.: Ainz li dient qu’il sovaingne 
De la guerre Polinic^s, 
tju’il prist ancontre Ethiocl^s, 

Qui estoit ses frere germains, 

S’ocist li uns l’autre a ses mains. 

Ausführlicher schildert denselben Chastellain Bd. VII, S. 379 u. 380. 

Antigone und Ismene werden als hervorragende Schönheiten 
gepriesen. Rom. de la Viol. v. 873 ff: 

Gaite qui fu femme Atis, 

Polisena, ne dame Helainne, 

Dydo la roine, n’ Ismaine, 

Antigone, n’ Iseus-la-blonde 
N’orent pas le disme biautA 
Floire et Blancefl. v. 2570 ff : 

Ne Antigone, ne Ismaine, 

En 16ece tant bei ne furent 
Com erent eil quant morir durent. 

Ismene zählt der Donnez des amanz als eine der Frauen auf* 
welche durch ihre treue Liebe berühmt waren. 

Tristan, Bd. I, S. 65 u. 66 der Einleitung: 

Si pemez garde de Heleine 
E de Didun e de Ymaine. 

E de Ydoine et de Ysoud. 


Quei feit Didun pur Eneas, 

E Ydoine pur Amadas 
Pour Itis quei refit Ymaine, 

E pur Paris la bele Eieine? 

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Der Atys in der Thebais des Statius, der Athes (Athon) des 
Romans von Theben findet sich hier wieder in dem entstellten Itis. 
Von den Teilnehmern des Zuges der Sieben gegen Theben werden 
Hippomedon und Parthenopaeus, Tydeus und Adrastus an 
verschiedenen Stellen genannt. 

Floire et Blancefl. v. 2567 ff. : 

Paris de Troies, n’ Absalon 
Parthonopus, n’ Ypomedon, 

En 16ece tant bei ne furent 
Com erent eil etc. 

Renart le Nouv. v. 5047 ff.r 

Hardis est et preus de sen cors, 

Com se fast li bons Ectors 
U Accilles u Thidäus 
Ri d’Escalidone fu Das, 

Ki devant Tebes fu occis. 

Gautier de Tournay (Trouv. p. p. Dinaux II, S. 179,10 ff.): 

Onques Ector ne Achylles, 

Ne Patroclus ne Ulixes 
Polynetes, ne Tydeus, 

Ne Tyocles, ne Adrastus, 

Li fort roy dont on tant parole 
Dont eil clerc lisent en escole 
Rois Alixandres, ne Porrus, 

Ne furent teil, ne tant n’avint, 

Comme k cestui que je veul dire. 

Unter Polynetes und Tyocles hat man natürlich Eteocles und 
Polynices zu verstehen. 

Vgl. ferner Bauduin de Sebourc, Chant XVII, v. 735 ff. 

Von Tydeus sagt das Lapidaire de Berne, dass er einen Onyx 
in der Schlacht zu seinem Schutze trug. Vergl. Lapid. fr. S. 120, 
v. 422. 

Über die Belagerung Thebens vergl. Jean de Cond6, Bd. I, 
S. 98, 35 ff. 

Bei Deschamps S. 142 finden wir den Namen der Gemahlin des 
Tydeus, der Deiphyle: 

Semiramis avecques ces preux vien : 

Deyphile, Marsopye k lui erre. 

Synoppe apr&s, Panthasill4e tien; 

Tautha, que j’aim, va Thamaris requerre; 

Ypolite Menalope desserre. 

Wen Deschamps mit Marsopye, Synoppe und Tautha meint, habe 
ich nicht ermitteln können. 

Der Roman von Floire et Blanceflor v. 719 ff. nennt Minos, 
Thoas und Rhadamanthus als Richter in der Unterwelt. Einen 


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Thoas kannten die Alten in dieser Eigenschaft nicht. Richtig finden 
wir für Thoas Aeacus im R. d. 1. R. v. 20666 ff.: 

C’est Badamantas et Minos 
Et le tiers Eacus lor frere, 

Jupiter k ces trois fu pere. 

Cist trois, si cum Ten les renomme 
Furent au siede si prodomme, 

Et justice si bien maintindrent, 

Que juges d’enfer en devindrent. 

Qni de Cambrai sagt uns (Barl. u. Jos. S. 186), dass Minos und 
Rhadamanthus Söhne Jupiters waren. Vergl. ferner Froissart, BdL UI, 
S. 251. 

Eine Aufzählung der Unglücklichen, welche in der Unterwelt mit 
schweren Strafen belegt waren, giebt uns der Rom. d. 1. R. v. 19973 ff. 
Da begegnen wir zuerst dem an ein beständig rollendes Rad ge- 
bundenen Ixion, dessen Qualen auch in dem Gedicht von Orpheus 
(y. 61 ff.), das in dem Bulletin de la soc. des anc. textes fr. 1877 ge- 
druckt ist, beschrieben werden. Vergl. Po&ies de Froissart I, S. 267 
y. 1635. Dann sehen wir den vor Hunger und Durst schmachtenden 
Tantalus, auf den schon im Wilhelm von England angespielt wird. 
(Chron. Anglo-Norm. p. p. Michel, III S. 75): 

En tel torment est covoiteus, 

K’en abondance est souffraitex, 

* Tout ausi comme Tamalus, 

Qui en infer soeffre malus. 

Sodann spricht Rutebeuf (H, S. 98, 24 ff.) von Tantalus: 

Gar qu’avoec Tantalu 
En enfer le jalu 
Ne praingne m’4rit4. 

Auch G. de Machault S. 149 erwähnt die Strafe des Tantalus, 
und Froissart kommt mehrere Male darauf zurück (I, S. 34, S. 267, 
S. 282.). Olivier Basselin sagt scherzhafter Weise (Vaux-de-Vire 
S. 210): „Wenn ich einen Feind hätte, so sollte er sich immer nur 
in Wasser zur Hälfte satt trinken. Das würde für ihn eine grössere 
Qual sein, als sie Tantalus in der Unterwelt zu erleiden hatte.“ 
Schliesslich spielt auch noch Charles d'Orldans (Po^sies S. 396) auf 
Tantalus an. Den Sysiphus, der einen immer wieder herabrollenden 
Stein auf einen Berg wälzen musste, zeigt uns Jean de Meung in 
v. 19989 ff. Sodann sehen wir die Beliden, und auch der unglück- 
liche Tityus fehlt nicht. Vgl. Poösies de Froissart I, 267. 

Verschiedene Flüsse der Unterwelt Lethe, Acheron und 
Phlegethon nennen der Tresor S. 170 und Poäsies de Froissart IH, 251. 

Eine dunkle Reminiscenz an Hypsipyle oder Hypermnestra 
scheint mir vorzuliegen in dem Anfang der Erzählung, die sich bei 

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100 


Jabinal, nouv. rec. S. 364 ff. gedruckt findet. Derselbe ist kurz 
folgender: Ein mächtiger König in Griechenland hatte 30 Töchter, 
welche 30 Könige heirateten. Sie kamen einst heimlich zusammen 
und beschlossen, nicht länger ihren Männern unterthan zu sein, sondern 
sie alle an einem bestimmten Tage zu ermorden. Aber die jüngste 
Tochter entdeckt ihrem Gemahl den Plan, beide fliehen an den Hof 
des Vaters und teilen diesem das Geheimnis mit Dieser lässt die 
Töchter zu sich berufen, sie gestehen und werden verbannt etc. 

Eine Erinnerung an das Reich der Amazonen liegt vor in dem 
Mort Ayineri de Narbonne, wo der Emir Corsout 14000 Jungfrauen 
aus dem Lande Femenie kommen lässt, um durch sie Narbonne 
wieder zu bevölkern. Der Name Femenie ist jedenfalls durch eine 
Volksetymologie von femme gebildet. Vergl. Mort Aymeri de Nar- 
bonne v. 1650 ff., v. 2062, v. 2481 etc. 

In dem Torn. de l’Ant S. 45 lässt Huon de Mery jedenfalls 
mit Absicht die Virginia auf einem weissen Streitross aus Amazonie 
reiten. Hippolita und Penthesilea, die Königinnen der Ama- 
zonen, werden genannt von Deschamps S. 142 und von Chastellain 
(Bd. VH, S. 54). 

Wie Penthesilea, vielleicht aus Liebe zu Hector, den Trojanern 
zu Hülfe kam, erzählt Brunetto Latini im Träsor S. 39. Dort ist 
auch ausführlich über die Amazonen gehandelt. 

Sehr bekannt scheinen den Dichtern die Sirenen gewesen zu 
sein, da ein schöner Gesang zuweilen einfach mit Sirenengesang be- 
zeichnet wird. R. d. 1. R. v. 8795: 

Et cbantäs cum une seraine. 

Vgl. ferner Rom. d’Al. S. 26, 34 u. S. 543, 12 ff., Chansons de 
Thibaut S. 64. 

Ausführlicher werden die Sirenen beschrieben im WBrut, in den 
verschiedenen Tierbüchern und im Tresor. 

WBrut v. 735 ff.: 

Seraines sont monstre de mer 
Des ci6s poent fernes sambler 
Poisson sunt del nombril aval. 

Vers ocidsnt en la mer hantent. 

Dolces vois ont, dolcement cbantent, 

Par lor dols cans les fols ataignent etc. 

Während das Bestiaire von Pierre (M&anges d’arch^ol. II, S. 172 ff.) 
und das von Richard de Fournival (S. 16) drei Arten von Sirenen 
unterscheiden, kennt das von Gervaise (v. 305 ff.) nur eine Art 
Brunetto Latini hn Trösor S. 189 hingegen beschränkt die Zahl der 
Sirenen überhaupt auf drei. Er sagt: Sereine, ce dient li autor, 
sont .111. qui avoient semblance de ferne dou chief jusque m cnisses; 


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mais de celui len en ayal avoient semblance de poisson, et avoient 
eles et ongles ; dont la premiere chantoit mervilleusement de sa bouche, 
l’autre de flatit et de canon (chalemel); la tierce de citole etc. Vergl. 
ferner MBrut v. 1279 ff., Chanson de Molinet in Ree. de chants 
hist. S. 389 und Chastellain VIII, S. 286. 

Der Höllenhund Cerberus wird oft erwähnt. Chans. d’Antioche II, 
Gesang VI, v. 1022 ff.: 

Et la tour firent faire k un lor manouvrier, 

Cele fiat Cerberus qui d enfer est portier. 

Rom. d’Al. S. 300, 21: 

et le porte d’infier que garde Celebrus. 

Etwas Näheres über sein Aussehen erfahren wir in den folgenden 
Stellen: Torn. de TAnt. S. 18, 19: 

Quant Cerberus i fut venus, 

Icil fut por maistre tenus, 

Por ce que .III. testes avoit 

An einer andern Stelle S. 73 legt Huon de Mery dem Cerberus 
vier Köpfe bei. 

Vergl. Rom. d. 1. R. v. 21893 ff, Bulletin d. 1. soc. desanc. t. fr., 
1877, Nr. 3, S. 100 und S. 103, Ren6, III, S. 108, Froissart, I, S. 267 
und III, S. 251. 

Eine Reminiscenz an die lernaeische Hydra kommt im Bestiaire 
d’amour S. 36, 12 ff. vor: Aussi come il avient de cocodrille et 
(Tun autre serpent c’on apiele Ydre. C’est un serpenz qui a plusieurs 
testes et s’est de teil nature, que son li trenche une de ses testes, il 
Ten reviennent .II. 

Die Charybdis wird im bildlichen Sinne im Rom. d. 1. R. ge- 
braucht (v. 4539 — 40). 

Die Centauren werden geschildert im Bestiaire de Pierre und 
dem Bestiaire de Gervaise v. 329 ff. Bestiaire de Pierre (M61. 
d’archdol. H, 173): 

Et li honocentons, c’on ap&le sacraire nach [Ms. R. Li houocentors, 
c’on apfele la sagetaire] est dis porce que il est moitid home et moitid 
asne (nach Ms. R. cheval]. Die Lesart ist hier sehr verderbt, wie 
man sieht. 

Noch andere fabelhafte Tiergestalten der Alten , nämlich die 
Harpyien, finden wir im Bestiaire de Pierre. Sie haben aber kaum 
mehr als den Namen mit diesen gemein (M£langes d’archdol. II, 157). 

Die Medusa und ihre Besiegung durch Perseus beschreibt der 
Rom. d. 1. R. v. 21534 ff. 

Häufig behandelt ist die Sage von dem fabelhaften Vogel 
Phoenix, die ursprünglich aus Aegypten stammt und von Herodot 


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102 


zuerst aufgezeichnet wurde. Vergl. ferner Tacitus, annal. 6, 28, 
Plinius, nat. hist. 10, 2 und Ovid, Metam. 15, 392 ff. 

Aus dem Mittelalter haben wir das dem Kirchenvater Lactantius 
zugeschriebene, lat. Gedicht De Phoenice, welches die Quelle des 
ae. Gedichtes vom Vogel Phoenix bildet, jedoch keiner der altfran- 
zösischen Bearbeitungen als Vorlage gedient zu haben scheint. Vgl. 
Anglia III, 491. 

Kurze Anspielungen auf die Sage finden sich im Cliges, bei 
Rutebeuf, im Rom. d. 1. R. und bei Marguerite de Champagne. 

Cliges V. 2727 ff.: Car si con fenix li oisiaus 

Est sor toz autres li plus biaus 
N’estre n’an puet que uns ansanble. 

Rutebeuf II, S. 14, 13—14: 

Tu iez l’aigles et li f^nisces, 

Qui dou soleil reprent jovente. 

Vergl. Rom. d. 1. R. v. 9019 ff. und Marguerite de Champagne 
(Chansonniers de Champagne p. p. Tarb6 S. 25). 

Eingehender wird von der Sage in den Bestiaires, dem Rom d. 1. R., 
Partonopeus und Tresor gehandelt. 

Zwei von einander abweichende Überlieferungen teilt uns Philippe 
de Thaün in seinem Bestiaire v. 1089 ff. mit. Nach der Überlieferung 
von Isidor ist der Phoenix ein schöner, purpurner Vogel, der die 
Gestalt eines Schwanes hat und in Arabien lebt. Er ist einzig in 
seiner Art und lebt mehr als 500 Jahre. Fühlt er das Alter nahen, 
so sammelt er wohlriechende Zweige und setzt sich mit ausgebreiteten 
Flügeln darauf. Das Holz wird von der Sonne entzündet, und der 
Phoenix lässt sich freiwillig zu Asche verbrennen. Am dritten Tage 
geht er veijtingt wieder daraus hervor. 

Die Überlieferung nach dem Physiologus ist eine wesentlich andere. 
Der Phoenix lebt auch hier über 500 Jahre. Aber will er sich ver- 
jüngen, so taucht er seinen Körper dreimal in Balsam und fliegt so- 
gleich nach der Stadt Heliopolis, wo er dem Priester, der ihm dort 
an einem Altäre dient, verkündigt, dass er sich verjüngen will. 
Dieser zündet darauf ein Feuer aus Gewürzen auf dem Altäre an, in 
das sich der Vogel stürzt. Im folgenden lasse ich die Worte des 
Textes selbst folgen: 

Quant ars est li Barment e le oisels ensement, 

Li clers vent al autel, jamais nen orez tel, 

Hoc truve un verment, suef alout petitet, 

Al secund jur revent, furme d’oiset tent. 

Quant repaire al terz jur l’oisel trove greignur, 

Tut est fait* e furm6, al clerc dit tan vale ; 

I^eo est D6s te salt; puis repaire el guald, 

Dunt il anceis turaat, ainceis qu’il se bruillat. 


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103 


r 

Nach dem Bestiaire von Pierre (Mdlanges d’arch^ofrll, S. 182) lebt 
der Phoenix in Indien. Er trägt wie ein Pfau einen Kamm auf dem Kopfe 
und ist rot und blau gefärbt. Wenn er 500 Jahre alt ißt, ßo fliegt er 
auf den Berg Liban, wo sich eine sehr schöne Quelle und der höchste 
Baum der Erde befindet. Auf diesen Baum baut er im März oder 
April ein Nest aus kostbaren Gewürzen, auf dem er sich selbst ver- 
brennt, um am dritten Tage verjüngt aus der Asche zu entstehen. 

Nach dem Bestiaire von Gervaise v. 1009 ff. lebt der Phoenix in 
Indien und singt sehr schön. Wenn er ein Alter von 100 Jahren er- 
reicht hat, so sucht er einen Baum auf, Libanus genannt, in dem er 
aus Gewürzen und kostbaren Steinen ein Nest im März baut. Er 
verbrennt sich mit dem Neste und aus der Asche geht am ersten 
Tage ein Wurm hervor, der am zweiten Tage zu einem kleinen Vogel 
und am dritten zum verjüngten Phoenix wird. 

Hiervon wieder verschieden ist die Beschreibung, welche der 
Dichter des Partonopex v. 10331 ff. von dem Phoenix giebt Er lässt 
das hohe Alter, in dem sich der Phoenix verjüngt, unbestimmt, und 
nach ihm steigt erst am neunten Tage ein neuer Vogel aus der Asche 
hervor. 

Fast grade so ist die Schilderung, welche der Rom. d. 1. R. v. 
16643 ff. von dem Phoenix giebt, nur dass ihn der Dichter statt einer 
unbestimmten Zeit 500 Jahre alt werden lässt. 

Schliesslich will ich noch in Kürze die Überlieferung nach dem 
Tr&or S. 214 anfiihren. Der Phoenix lebt in Arabien und hat un- 
gefähr die Grösse eines Adlers. Einige sagen, dass er 540 Jahre lebe, 
andere, dass sein Leben länger als 1000 Jahre daure, die meisten 
aber, dass er 500 Jahre alt werde. Dann baue er auf einem wohl- 
riechenden Baume ein Nest, verbrenne sich darauf, und nachdem am 
ersten Tage ein Wurm und am zweiten Tage ein kleiner Vogel aus 
der Asche geworden sei, gestalte er sich am dritten Tage wieder zu 
einem Phoenix. 

Dann fügt Brunetto Latini noch hinzu: Et li auquant dient que 
ce est fait par le provoire d'une cit6 qui a nom Eliopolix, oü li fenix 
renaist, selonc ce que li contes devise ci devant. 

Noch einmal wird der Phoenix S. 154 des Tresors erwähnt. 

Ovid in der afr. Litteratur. 

Ovid hat auf die Poesie des Mittelalters einen grossen Einfluss 
ausgeübt. Vgl. Albrecht v. Halberstadt, hgg. v. Bartsch, Quedlinburg 
1861. Bereits vor Karl d. Grossen war er in Südfrankreich, Spanien 
und England bekannt und wurde vom 9. Jh. ab auch in Nordfrank- 
reich und Deutschland viel gelesen und nachgebildet Am beliebtesten 


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104 


war neben den Metamorphosen die Ars amandi. Die verschiedenen 
Bearbeitungen des letzten Werkes finden wir angeführt in Maitre 
Elie's Überarbeitung der ältesten französischen Übertragung von 
Ovid’s ars amatoria, hgg. von Kühne u. Stengel, Marburg 1886, 
S. 2 — 3. Die Bearbeitung der Metamorphosen durch Chrestien Legouais 
de Sainte-More ist bereits an anderer Stelle erwähnt. 

Im Folgenden stellen wir hier die Stoffe zusammen, welche auf 
Ovid und besonders dessen Metamorphosen zurückgehen. 

Die bekannte Erzählung von Deucalion und Pyrrha, welche 
nach der grossen Flut die Stammeltern eines neuen Menschen- 
geschlechtes wurden, finden wir wieder im Rom. d. 1. R. v. 18286 — 
18342 (Ov. Met. I, 318 — 415). Ob Froissart I, 35 v. 1152 mit 

Eucalion den Deucalion gemeint hat, kann ich nicht entscheiden. Der 
Zusammenhang spricht dagegen. 

Die Sage von der Erbauung Thebens durch Cadmus (vergl. Ov. 
Met. HI, 1 — 130) teilt uns gleichfalls Jean de Meung mit. 

Auf Geheiss der Pallas sät Cadmus Drachenzähne in frisch ge- 
pflügtes Land, aus denen geharnischte Ritter hervorwachsen. Alle 
bringen sich gegenseitig um, nur fünf bleiben über, mit denen Cadmus 
die Mauern von Theben erbaut. Vergl. Oeuvres de Chastellain, 
Bd. Vin, 325. 

Im Rom. des sept sages v. 27 ff. begegnen wir der Sage von 
Orpheus und Eurydice, welche Ovid in den Metamorphosen X, 1 ff. 
erzählt: 

Et bien aues oi conter 
Com Alpheus ala harper 
En infier, por sa femme traire. 

Apolins fu si deboinaire, 

Kil li rendi par tel conuent 
Sele ne saloit regardant. 

Femme est tous iors plainne denuie, 

Regarde soi par mesproisie. 

Doch nicht nur der Name Orpheus, sondern auch die Sage selbst 
ist hier von dem Dichter verändert. Denn erstens gestattete nicht 
Apollo, sondern Proserpina der Eurydice die Rückkehr auf die Ober- 
welt, und sodann war es dem Orpheus, nicht seiner Gemahlin, ver- 
boten sich umzusehen. 

Von dem Zauber, den Orpheus durch sein Saitenspiel auf alle 
Geschöpfe ausübte, spricht G. de Machault. Oeuvres de Mach. S. 9.: 
Orpheus mist borg Erudice 
D’enfer, la cointe, la faitice, 

Par sa barpe et par son dous chant. 

Cilz po&tes dont je vous chant 
Harpoit si tr&s-joliement 


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105 


Et li cbantoit si doucement, 

Que les grans arbres s’abaissoient 
Et les rm&res retournoient. 

Vgl. ferner Oeuvres de Machault S. 88. 

Ein anderer Dichter des 14. Jh., Renaut de Louvain, erzählt von 
Orpheus, un tres gracieux menestriers , wie er seine Geliebte in der 
Hölle suchte. Trouvferes p. p. Dinaux IV, 622 ff.: 

Tant a viol4 et chant£ 
qu’il a le diable enchante. 

Li rois d’enfer tantost s’aecorde 
qu’on le face mis^ricorde. 

Auch Froissart (II, S. 94, v. 3164 ff.) ist die Sage von dem Herab- 
steigen des Orpheus in die Unterwelt nicht unbekannt, aber er hat 
diese Sage mit der von Proserpina vermischt. Hier erscheint nämlich 
an Stelle der Eurydice die Proserpina als Freundin des Orpheus. 
Diese wird von Pluto in die Unterwelt entfährt, Orpheus steigt ihr 
nach, bezaubert alle Götter durch sein Harfenspiel und erlangt die 
Zurückgabe der Proserpina. Allein da findet es sich, dass sie schon 
Frucht in der Unterwelt gegessen hat, und sie muss bleiben. 

Vgl. ferner: 1) Froissart I, S. 51, v. 1712 ff., S. 34, v. 1139 ff.; 
III, S. 71 v. 618 ff. u. S. 72 v. 625 ff. 2) Oeuvres de Deschamps I, 
S. 30 u. 32. 3) Oeuvres de Chastellain VII, 180. 

Ovid sagt in den Metam. X, 78 ff, dass Orpheus nach dem Ver- 
luste der Eurydice die Thracier lehrte, die Frauen zu verschmähen 
und sich der Knabenliebe zuzuwenden. Er selbst sei der Erfinder 
dieser abscheulichen Liebe gewesen. Hierauf spielt der Roman d. 1. R. 
v. 20357 ff. an: 

Et conferment lor euvres males 
Par excepcions anormales, 

Quant Orpb^us vuelent ensivre, 

Qui ne sot arer ne escrivre, 

Ne forgier en la droite forge. 

Der Roman von Dolop. v. 12179 macht Orpheus zum Schöpfer der 
Welt. 

Die Erzählung Ovids von Pygmalion (Metam. X, 243 ff.) hat 
Jean de Meung im Rom. d. 1. R. v. 21593 — 2200 bearbeitet. Er folgt 
in den Hauptzügen seinem Vorbilde ziemlich genau, nur ist er etwas 
ausführlicher. Deshalb glaube ich von einer Inhaltsangabe absehen zu 
dürfen. 

Die Anspielungen bei Dichtern auf diese Sage sind ziemlich häufig. 
In wenigen Versen erzählt sie G. de Machault S. 60. Ein kurzes Citat 
findet sich von demselben auf S. 133: 

De l’image que fist Pymalion 
Elle n’aveit pareille ne seconde. 


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106 


Vergl. ferner: Froissart I, S. 34 und S. 139; II, S. 95, S. 251, 
S. 369, S. 388; Oeuvres de Chartier S. 738. 

Über die Nachkommen des Pygmalion giebt uns Jean de Meung 
nach Ovid, Metam. X, 297 ff. nähere Auskunft (R. d. 1. R. v. 21974 ff). 
Pygmalions Sohn war Paphos. Dieser zeugte den Cinyras, der 
von seiner Tochter Myrrha schändlich betrogen wurde, indem sich Myrrha 
in der Nacht in sein Bett legte, ohne dass Cinyras sie erkannte, und von 
ihrem Vater den Adonis empfing. Als Cinyras den Betrug merkte, 
entfloh Myrrha und wurde in einen Myrrhenbaum verwandelt. 

Wie Adonis von Venus geliebt wurde, wie auf der Jagd ein 
Eber ihn tötete, und Venus ihn beweinte, erzählt uns Gui deCambrai 
(Barl. u. Jos. S. 192, 1 ff. und S. 197, 7 ff). Nähere Auskunft giebt 
der Rom. d. 1. R. v. 16323 ff. über diese Sage. Adonis nämlich, wegen 
seiner ausserordentlichen Schönheit von Venus geliebt, geht einst mit 
ihr auf die Jagd. Aus Besorgnis um sein Leben rät sie ihm, keine 
wilden und gefährlichen Tiere zu jagen. Er missachtet aber ihren 
Rat und wird von einem Eber umgebracht. (Vergl. Ovid, Metam. X, 
503 ff.) Angespielt wird auf des Adonis Tod noch v. 10895 des 
Romans d. 1. R. 

Nach Ovid, Met. X, 560 ff. erzählt Venus dem Adonis, um ihn 
vom Kampfe mit Löwen abzuhalten, die Verwandlung der Ata- 
lante und des Hippomenes. Diese Sage ist auch Froissart (III i 
S. 190 ff.) bekannt, aber er lässt den Adonis die Rolle des Hippomenes 
übernehmen. 

Atalante wollte, nach Froissart, keinen Mann mit ihrer Liebe be- 
glücken, der sie nicht im Wettlauf überwinden könnte. Bestand er 
die Probe nicht, so sollte sein Leben dem Tode verfallen sein. Schon 
mehrere Bewerber hatten ihr Unternehmen mit dem Tode gebüsst. Da 
erweckte Amor auch in Adonis das Verlangen, die Jungfrau zu be- 
sitzen. Atalante bedauert den schönen Jüngling wegen des ihm bevor- 
stehenden Geschicks. Doch Adonis lässt sich nicht von seinem Vor- 
haben abbringen und fleht Venus um Hülfe bei demselben an. Diese 
giebt ihm drei goldene Apfel und rät ihm, sie beim Wettlauf nach 
einander fallen zu lassen. Er thut so, Atalante bückt sich jedes Mal 
nach ihnen, und Adonis bleibt Sieger. 

Merkwürdiger Weise wird an einer andern Stelle (Bd. I, S. 39) 
Atalante mit Hippomenes zusammen von Froissart erwähnt. 

Die Sage von Jason und Medea, die wir bei Ovid, Metam. VII, 
1 ff. finden, war für das mittelalterliche Publikum ein interessanter Stoff. 

Die älteste Erwähnung der Sage begegnet uns in der Estoire des 
Engles von Geflrei Gaimar (Monum. histor. Brit. Vol. I, S. 829): 

Ore avom pes e menum joie, 


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107 


Treske ci dit Gaimar de Troie. 

E comencat la u Jasun 
Ala conquere la tuisun. 

Der Teil des Werkes, auf den hier angespielt wird, ist bis jetzt noch 
nicht wiedergefunden worden. 

Sodann haben wir einen Hinweis auf die Sage bei Clirestien de 
Troyes im Cliges v. 3028 ff.: 

Bi sai se je l’osoie di re, 

D’anchantemanz et de charaies 
Bien esprovees et veraies 
Plus qu’onques Medea ne sot. 

Auch das Volksepos weiss von der That Jasons und Medeas zu 
berichten. 

Fierabras v. 2030 ff.: 

Une föe l’ouvra par grant nobilitä, 

En Tille de Corcoil, dont on a moult parlä, 

Lä oü Jason ala, la ü fu enditd, 

Por i’ocoison d’or fin, ce dient li letr4. 

Aus dem Zusammenhänge geht unzweifelhaft hervor, dass mit der Fee 
Medea gemeint und dass Corcoil nur eine Entstellung von Colchis 
ebenso wie Tocoison von la toison ist. 

Kurz zusammengefasst sind die Abenteuer im Rom. de 1. R. v. 
13827 — 60. Hier sehen wir, wie Jason sich mit Hülfe der Medea in 
den Besitz des goldenen Vliesses setzt, wie Medea den Aeson veijüngt 
(Metam. X, 159 — 293), dann aber von Jason treulos verlassen wird 
und ihre beiden Kinder aus Rache ermordet. 

Auf die Untreue des Jason beziehen sich noch folgende Stellen. 
R. d. 1. R. v. 15006—7: 

Onques ne pot tenir Med4e 
Jason por nul enchantement. 

Alain Chartier S. 718: 

Pource n’est point miß k la table 
Des preux l’image de Jason, 

Qui pour empörter la toison 
De Colcos se veult pariurer. 

Vergl. ferner Alain Chartier S. 733, Li remfedes d’amors v. 449 — 50, 
Chansons de Thibaut S. 51, Jean de Cond4, I, S. 98, 37 — 38, G. de 
Machault S. 60 und S. 132, La prise d’Alexandrie v. 4514 ff., Oeuvres 
de Renä, I, S. X: 

En luy sera ressuscit4 Jason, 

Conquärir doibt et serpens et toyson, 

Pour mettre fin aux discords de ce monde, 

Dont tu devroys selon droict et raison 
Rajouvenir, ainsi que fist Eson. 

Po^sies de Froissart I, S* 30, v. 995, S, 35, v. 1153, S. 170, 


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108 — 


v. 2825; II, SS. 342, 343, 369, 381, 386, 387. Chans, de Molinet (Rec. 
de chants hist S. 393). 

Auch auf die Erzählung von Daedalus und seinem Sohn Icarus 
(Ovid, Metam. VIII, 183—235 und Ars am. II, 21 ff.) wird zuweilen 
von den Dichtern hingewiesen. An mehreren Stellen erwähnen sie das 
Labyrinth, sein Bauwerk. Evangile as fames (Jongl. et Trouv. p. p. 
Jubinal S. 30, 5 ff.): 

Lor fiance resamble la meson Dedalus: 

Quant l’en est enz entrez, si n’en fet issir nus. 

Les vers du monde (Jub., nouv. rec. S. 125): 

Quar il ne puet trover la voie: 

Tu es la mäson D£dalu. 

Pofeies de Charles d’Orl^ans S. 396: 

C’est la prison de Dalus 
Que de ma merencolie. 

Quant je la cuide faillie 
J’y rentre de plus en plus. 

Die Rolle, welche Daedalus im Rom. de Renart le Nouvel S. 273 
spielt, war den Alten unbekannt, denn nach der antiken Überlieferung 
war es Venus, die über die Nachkommen des Helios erbittert, der 
Pasiphae, der Gemahlin des Minos, die brennende Liebe zu dem 
schönen Stier einflösste, deren Frucht der Minotaur war. 

Ces letres furent faites par graut esgart de nus et de no conseil et kier- 
kies l’an ke Phasiph6 li Roine ferne le Roi Minos engenra d’un tor Minotaurum 
par le conseil Dedalus. 

Den Flug aus dem Labyrinth finden wir zweimal genannt. 
Fabliaux p. p. Montaiglon IV, 208. 

Rom. d. 1. R. v. 5468 ff: 

A Dedalus prennent ezemple. 

Qui fist eles k Ycarus, 

Quant per art, non mie par us, 

Tindrent par mer voie communne. 

Eine Reminiscenz an den Flug des Icarus ist vielleicht der un- 
glückliche Flug des Königs Bladud im MBrut v. 2719 ff 

Als den geschickten Künstler zeigt uns Daedalus der Rom. d. 1. R. 
v. 22161 ff 

Die Sage von Byblis, der Tochter des Miletus, welche dem ihrer 
sündigen Liebe entweichenden Bruder Caunus folgte, bis sie ermattet 
niedersank und Thränen vergiessend in eine Quelle sich auflöste (Ovid, 
Met. IX, 441—665) oder sich selbst erhenkte (Ovid, ars am. I, 283), 
ist angedeutet in Floire et Blfl. v. 822 ff. und dem Rom. d’Alixandre 
S. 536, 22 ff: 

Caulus .1. damoisiaus, ses p&res fu roi mis, 
n4s estoit de Milette, si fu fr&rea Biblis 


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109 


qui por le fol corage qu’il avoit en lui mis 
s’en isi de vergogne et guerpi son pais. 

Hier ist also der sagenhafte Caunus zu Caulus, einem Feldherrn 
Alexanders, geworden. 

In dem „Bel Inconnu a v. 4260 wird Byblis mit unter die be- 
rühmten Schönheiten gezählt. 

Der Frevel des Tantalus gegen die Götter und seine Strafe 
finden sich in dem Liede von Orpheus. Bull. d. 1. soc. des anc. t. fr. 
1877, S. 101, v. 79 ff.: 

Tentalus en une saison 
Les diex semont en sa maisön, 

Et fist grant mangier et grant feste, 

Mais en la fin i vint moleste, 

Quar quant vit que li faut vitaille 
Son propre fil per morseax taille 
Et le met cuire por mengier. 

Ly dieu qui doivent tot vangier 
De cest crime garde se prirent 
Et tres durement le punirent etc. 

George Chastellain kannte jedenfalls die Geschichte von Tereus, 
Procne uqd Philomele, denn er sagt (Bd. VIII, S. 286): 

Et ay cuidi4 par nouveautä puraine 
Surpasser tout, Philom&ne et seraine. 

Die Sage von J o , der Geliebten Jupiters , welche von Juno aus 
Eifersucht in eine Kuh verwandelt und dem hundertäugigen Argus 
zur Bewachung übergeben wurde etc., wird häufig erwähnt (Metam. 
I, 588.) Die Fassung der Sage, wie sie das Bestiaire d’amour von 
Richard de Foumival S. 27, 5 ff. giebt, will ich der naiven Ausdrucks- 
weise wegen ganz anführen: 

Car jou ai o'i conter d’une dame qui avoit une trop bele vache, que eie 
amoit taut que eie ne le volsist avoir perdue por nule riens. Si le dona k garder 
k an vachier qui avoit k non Argus. Cil Argus avoit cent iols. Si ne dor- 
moit onques que de II iols ensamble. Si reposoit adfes les iols deus et deus et 
tout li autre guaitoient Et parmi tout ce, fu la vache perdue. Car uns hom 
qui la vache avoit am4e i envoia un sien fil qui merveilles savoit bien chanter 
en une longe verge crous4e, qui avoit non Mercurius. Cil Merourius comenga 
k parier k Argus d’un et del, et chanter k la fois en sa verge et tant li ala 
entour, qu’en parlant, qu’en chantant , que Argus s’endormit de II iols et puis 
de II, et tant s’endormi de ses deus iols, deus et deus, que il s’endormi de toz; 
et lors li trencha Mercurius la teste et enmena la vache k son p&re. 

Fast genau mit denselben Worten ist die Fabel im Bestiaire von 
Pierre erzählt (M61anges d’arch6ol. Vol. II, S. 181). Auch der ge- 
lehrte Jean de Meung ist über die Sage unterrichtet (Rom. d. 1. R. 
v. 14983 ff), schreibt aber fälschlicher Weise dem Argus die Ver- 
wandlung der Jo zu. Nicht minder kennt Froissart diesen Stoff. 
Vgl. Poäsies de Froissart DI, S. 244 u. 246, S. 267 v. 2769 ff. 


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110 


Eine kurze Anspielung findet sich bei Eustache Deschamps 11,19: 
Plus sui muez en forme merveilleuse 
Qu’ Yo ne fit, qui en v&che mua. 

Wie Mercur den Argus einschläferte , erzählen Molinet (Rec. de 
chants hist. S. 389) und Jehan Robertet (Oeuvres de Chastellain 
VII, 180). Vgl. Fabliaux p. p. Montaiglon I, 120, 85. 

Doch im allgemeinen galt Argus (Ovid, Met. I, 625 — 627) als ein 
Muster grosser Wachsamkeit. 

Vgl. Rom. d. 1. R. v. 13378 ff., Lyoner Yzopet v. 3113 ff., Tom. 
de l'Ant. S. 57, 18: 

H n’est rien qui la surpreist: 

Non; qu’ä, chascun oil ot Argus. 

G. de Machault S. 133, 4 und S. 149 und Eustache Deschamps II, 25. 

Die Sage von Phaöthon, welcher einst den Sonnenwagen seines 
Vaters Phoebus führte, aber die Rosse nicht zu zügeln vermochte, 
Himmel und Erde in Brand setzte und von Jupiter mit dem Blitze 
erschlagen wurde (Ovid, Met. I, 748 — II, 400) wird im Lyoner Yzopet 
v. 391 ff^ behandelt. 

Weitläufiger spricht Froissart (Bd I, S. 271 ff.) davon, wobei er 
sich einige Verstösse gegen die antike Überlieferung zu Schulden 
kommen lässt Es war nicht Mercur sondern Epaphus, der seine 
Abstammung von Phoebus in Zweifel zog, und sodann hat Froissart 
anstatt der vier Sonnenrosse nur drei, während das vierte, Eous, bei 
ihm zu einem Diener geworden ist, der die Rosse anschirrt. 

Vgl. ferner Po6sies de Froissart II, S. 372 v. 1 ff.: 

Ciimene pleure pour Pheton, 

Qui emprist le ch&r dou Sol eil 
A mener, et maudist le don 
De Phebus et tout son conseil, 

Quant eon fil vit en tel esseil, 

Qu’il l’en convint mort recevoir, 

Poäsies de Froissart Bd. HI, S. 250 ff. 

Auf Minervas Wettstreit mit Arachne (Ovid, Met. VI, 1 — 145), 
die sich als kunstvolle Weberin vermass, mit der Göttin einen Wett- 
streit einzugehen und von dieser deshalb in eine Spinne verwandelt 
wurde, spielt die Conquete de Jerusalem v. 5535 — 6 an: 

Arans tissa le paile en .1. isle de mer; 

Por ce la fist Pallas en iregne muer. 

Die Verwandlung der Nymphe Arethusa in eine Quelle (Ov. 
Met. V, 572 — 641) erwähnt Eustache Deschamps mehrere Male. 

Oeuvres d'Eustache Deschamps II, S. 25: 

S’ Argus qui ot cent oeulx pour regarder, 

Et Alpbeus qui ne se pot garder 
jy Arethusa qu’il cha$a toute nue 


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111 


Ou fleuve oü eile se baingnoit, 

Tant que tous Dieux en pleurs convertissoit, 

Ne cessoient tous de plorer ainsi, 

A fort plourer la mort ne suffiroit etc. 

Vergl.: Oeuvres de Deschamps I, 30 u. Rec. de chauts hist 
S. 258. 

Die Fabel von der Verwandlung des Actaeon in einen Hirsch 
(Ovid, Met IH, 131 — 252) hat Froissart verarbeitet Er erzählt uns 
(Bd. H, S. 66, v. 2242 — 2288), wie Actaeon einst mit seinen Hunden 
auf die Jagd ging und bei der Verfolgung eines Hirsches Diana 
nackend im Bade sah. In ihrem Zorne verwandelte ihn diese in einen 
Hirsch, und seine Hunde zerrissen ihn. 

Auch noch an andern Stellen weist Froissart auf die Sage hin. 
Po6sies de Froissart, Bd. I, S. 34, v. 1136 ff.: 

Je sui enclos en la haie 
L & ou Melampus abaie 
Apr&s son mestre Acteon. 

Melampus ist einer der Hunde Actaeons. Vgl. ferner Po4sies de 
Froissart I, S. 125, v. 1317 ; H, S. 383, v. 15 ff. 

Die Quelle für die Erzählung von Actaeon, welche Froissart 
Bd. I, S. 180, v. 2802 ff. mitteilt, konnte ich nicht ermitteln. Wahr- 
scheinlich hat er diese wie manche andere selbst erfunden. 

Auch Eustache Deschamps (II, S. 19) kennt die Sage. 

Bei Froissart (Bd.I, S. 132, v. 1572 ff.) begegnen wir sodann der 
Fabel von Daphne, welche vor Apollos Liebe floh und in den 
Lorbeerbaum verwandelt wurde (Ovid, Metam. I, 452 — 567). Froissart 
hat sich genau an seine Vorlage angeschlossen. Aus dem Pamassus 
ist bei ihm der Supernascus geworden. Kurze Hinweise auf die Sage 
finden sich ausserdem bei Froissart Bd. I, S. 152, v. 2203 ff. und S. 171, 
v. 2855 ff.; Bd. II, S. 94, v. 3154 fl. und S. 383, v. 11 ff. 

Die Verwandlung derLeucothoe in die Weihrauchstaude (Ovid, 
Metam. IV, 196 ff.) ist dem Froissart gleichfalls bekannt. Vgl. Bd. I, 
S. 271, v. 1762 ff. 

Zahlreich sind die Anspielungen auf die Erzählung von Nar- 
c iss us und Echo (Ov. Metam. III, 339 ff.) von den ältesten Zeiten 
an. Benoit de Sainte-More lässt den verliebten Achilles im Troja- 
Roman v. 17659 ff. ausrufen: 

Narcisus sui, 90 sai et vei 
Qui tant ama l’onbre de sei, 

Qu’il en morut sor la fontaiue. 

Chrestien de Troyes sagt im Cliges v. 2766 ff.: 

Plus estoit biaus et avenanz 
Que Narcisus qui desoz Forme 
Vit au la fontainne sa forme 


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112 


Si l’ama taut, quant il la vit, 

Qu’il an fu morz si com an dit, 

Por tant qu’il ne la pot avoir. 

Im Roman d’Alix&ndre S. 452 , 26 ff. singen Fiore und Biautä, 
zwei Amazonen, auf der Reise ein Lied von Narcissus. 

Der Rom. d. 1. R. gedenkt an verschiedenen Stellen des Narcissus 
und der Echo. Kurze Andeutungen haben wir v. 21125 ff., v. 21654 ff. 
und v. 6096 ff., während sich eine längere Erzählung, die in der 
Hauptsache Ovid folgt, in den w. 1494—1566 findet. Thibaut von 
Champagne verrät ebenfalls Bekanntschaft mit der Sage. Chansons 
de Thibaut S. 55: 

Sui com Echo, qui seit de recorder 
Ce qu’autre dit: et par sa sorcuidance 
Ne la daigna Narcissus regarder. 

Ain8 s6cba toute d’ardure, 

Fors la vois, qui encore dure. etc. 

In einem Gedichte, dessen Autorschaft von einer Hs. Thibaut IV 
zugeschrieben wird, findet man gleichfalls Narcissus erwähnt Vgl. 
Chans, d. Thibaut S. 140. 

Häufig sind bei Froissart die Beziehungen auf unsern Stoff. In 
Band ID, S. 96 — 99 reproducirt er die ganze Erzählung. Vgl. ferner: 
I, S. 27, v. 876—7, S. 30, v. 994, S. 35, v. 1151, S. 216, v. 159 ff.; 
H, S. 371, v. 3. 

Auch Alain Chartier erwähnt verschiedentlich die Sage. Oeuvres 
de Chartier S. 725: 

La fontaine estoit 14 entour, 

Oü Narcisus son umbre- aima, 

Amour s’en vengea de beau tour, 

Quant de tel rage 1’enflamma: 

Ce fut pour ce qu’il refusa 
Equo, qui mercy luy crioit 

Vgl. ferner Oeuvres de Chartier S. 734 u. 738. 

Schliesslich erzählt noch Guillaume Coquillart S. 216 in der Com- 
plainte de Echo das Schicksal der beiden Liebenden. 

Nicht weniger beliebt als die eben besprochene Erzählung war 
die von Pyramus und Thisbe (Ovid, Metam. IV, 55 — 166). Aus 
dem 12. Jahrhundert besitzen wir ein Lai darüber, dessen bereits an 
anderer Stelle gedacht ist, und welches vielleicht der Dichter von 
Claris und Laris meinte, wenn er v. 161 ff. sagt : 

Claris en .1. vergier seoit; 

En .1. petit livre veoit 
La mort Tibe et Piramus. 

Zahlreiche Dichter spielen auf diese Erzählung Ovids an und 
stellen Pyramus und Thisbe häufig als ein Muster treuer Liebenden 
hin. Chevalier de la charrette 105, 29 ff.: 


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113 


Donc le dut Lancelot bien f&re, 

Qui plus aime que Pyramus: 

Onques nus ne puet amer plus. 

Tristan I, S. 88 der Einleitung: 

Sarre, Tisb4, Rebeque et Sairy, 

Lucresce, Yseult 

One ne furent sy precieulx jouel 
D’onneur, bont4, senz, beaut£ et yalour etc. 

Vgl. Oeuvres de Blondel de N6ele S. 11. Chansons de Thibault IV, S. 69 : 

Pleust k Dieu, por ma dolor garir, 

Qu’el fust Thisb6; car je suis Pyramus. 

Vgl. Amadas et Ydoine v. 5886. Rom. de la poire v. 161: 

Je suis qui Piramus; por Tysbe me dement. 

Rom. de la poire v. 720 ff.: 

Li jovenciaus fu Piramus 
Qui tant ama qu’il ne pot plus, 

Et de s’esp6e se feri 

Por Tysbe si qu’il en mori etc. 

M6on, nouv. rec. II, S. 11, 301 ff., Renart le Nouvel v. 4480 ff. 
Wackemagel, afr. Lieder und Leiche S. 12, 23 ff: 
asauoir iere si sanee. 
com priamuB quant il moroit 
naureis en son flanc de Bespeie, 
a nom tisbe les ieus ouroit. 

Poesies de Froissart I, S. 355, v. 242 ff u. Chartier S. 725 u. 8. 729. 

Die Sage von Hero u. Leander (Ov. Her. 17 u- 18) finden 

wir erst bei Froissart, bei ihm allerdings häufig. Poesies Bd. I, S. 16, 

S. 30, v. 993, S. 125, v. 1313 ff, S. 170, v.2825, S. 355, v. 244 ff In 

Bd. H, S. 95, v. 3192 ff. finden wir eine längere Erzählung von dem 

tragischen Geschick des unglücklichen Liebespaares. Vgl. ferner H, 
S. 369, v. 10 ff; S. 370, v. 11 ff: 

Pr&s d’Albidos siet de Hellas la mer, 

Oü Leander, qui fine amour mestroie, 

Toutes les nuis pour Hero viseter 
Noe a esploit, car la belle l’en proie; 

M&s Oleüs, qui Zepherus desloie, 

Met les amans en une mortel painne, 

Car Bruidis souffle de tel alainne, 

Que Leander ne poet Tetis mouvoir. 

Lä est peris etc. 

In Betreff des Wortes Bruidü sagt Scheler: Ma Science me fait 
d6faut quant au personnage mjthologique appelö Bruidis. Vgl. 
schliesslich noch H, 389, v. 1 ff. 

Auch Alain Chartier S. 724 nennt das Liebespaar. Ausserdem 
spricht noch der König Ren6 (Bd. HI, 135) davon. 

Bei Baudouin de Cond4 begegnen wir einem andern Liebespaare, 

8 


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114 


derPhyllis and demDemophoon (Ov. Her. II). Dits de Baadoain 
de Cond4 S. 316, 1396 ff. : 

Desper&nce dönt je vos di 
Fist t&nt ke Fillis se pendi 
Por Demofon, qui dut k li 
Bevenir, mais il li fali. 

VgL ferner: Oeuvres de Ren4 ID, 113 und Oeuv. de Chartier 
S. 724 u. 733. 

Froissart erzählt (I, 258 ff.) eine Geschichte von Pynoteüs und 
Neptisphele, welche er aus Ovid geschöpft haben will. Scheler 
bemerkt dazu: „Je eherche en vain dans TOvide Thistoire du savant 
po&te Pynoteüs et de son amie Neptisphel4, teile que Tauteur va nous 
Texposer dans les pages suivantes. Toujours est-il qu'une partie de 
sa mati&re lui a 4t4 foumie par les r4cits des Metamorphoses relatifs 
k PyramuB et Thisb4 et k Pha4ton gouvernant le char de Ph4bus. u 
Auch ich weiss hierüber nichts Näheres anzugeben. 


Trojanischer Sagenkreis. 

Auf keinen antiken Sagenkreis, vielleicht den von Alexander aus- 
genommen, sind die Anspielungen der Dichter so häufig als auf den 
trojanischen. Dies erklärt sich aus dem ungeheueren Beifall, den der 
Troja-Roman fand, und aus der Popularität, welche Namen wie 
Hector, Troilus, Paris und Helena erlangten. Trojas Macht und 
Herrlichkeit zu preisen, werden die Dichter nicht müde, und Troja 
wird meistens la grant f la grämt citd oder la noble citd genannt 

Rom. de Rou I, 25 ff.: 

E Troie fu de, grant podnee. 

Quesne de Betune (Bartsch, Rom. u. Pastour. 76, 27 — 8): 

Et de Troies ai jeu oi conter, 

K’elle fu ja de moult grant seignorie. 

Vgl. Barl. u. Jos. S. 195, 42; Rom. d. sept saget v. 1356, 

Fabliaux p. p. Montaiglon I, 172, 127 — 8: 

Quant il la vit, moult ot grant joie, 

Com se il fast sire de Troie. 

Trouvfcres p. p. Dinaux Bd. II, 291, 7 ff.: 

Que dirai-je de cheux qui de Troye fameuse, 

Pourche que par dix ans soustint reffort Gr^gois, 

Prennent leur origine? 

Parton. v. 143 ff.: 

En Aise sist la rice Troie: 

Si fu eies d’ Aise et Üors et voie. 

Vgl. ferner: Parton. v. 189 ff., Roman de Ham (Histoire des ducs 


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115 


de Normandie p. p. Michel, S. 230), Branche des roy. lignages v. 302 
des Prologs und I, 7248 ff. 

Life of Edward the Confessor v. 789 : 

De la graut Troie flur de Asie 

Hugues Capet v. 1951 ff.: 

Le rome vous man de que, pour l’avoir de Troie 
Ne vous donroit se fille. 

Vgl. Oeuv. de Deschamps I, 85 u. 146, Alain Chartier (Rec. 
de chants histor. S. 335), Oeuvres de Chastellain VT, S. 72, S. 152, 
S. 164, S. 214; Vitt, S. 325. 

Die Waffenthaten, welche vor Troja vollbracht wurden, erregten 
die allgemeine Bewunderung des Mittelalters, und die Zerstörung der 
Stadt fasste man als ein Ereignis von grösster Bedeutung auf 

Roman de Garin le Loherain S. 107, 17 ff., Chron. rim. de PL 
Mouskes v. 7939—40: 

Onques li Troiien ne li Griu 
Ne fisent k Troie« tant d'armes. 

R. d. 1. R. v. 14525—6.: 

Jadis au temp« Helene furent 
Bataille«) que les cons esmurent, 

Oeuvres deRutebeuf I, 8, 9 — 10: 

NLs la destruction de Troie 
Ne fu si grant comme e«t la moie. 

Vgl. Bestiaire d’amours S. 2, 16 ff., Godefroid de Bouillon v. 25579, 
Oeuv. de Deschamps S. 45, Oeuvres de Chartier S. 720. 

Künstler liebten es, Scenen aus dem trojanischen Kriege zur 
Darstellung zu bringen. VergL Floire et BlfL v. 438 ff., Floriant et 
Florete v. 871 ff, Escanor v. 15598 ff, Roman de Jehan de Paris S. 93 

u. Godefroid de Bouillon v. 22038 ff 

Dardanus, der mythische Stammherr der Troer, wird im MBrut 

v. 492 ff erwähnt: 

Que de Troie la noble gent 
Ki neit sunt del lin Dardani. 

Über des Dardanus Herkunft und seine Nachkommen spricht 
Brunetto Latini im Tresor S. 40. Er ist der Sohn Jupiters und Vater 
des Erichtonius und gründet die Stadt Dardania. Des Erichtonius 
Sohn ist Tros, der Troja erbaute. Von diesem stammt Hub, der Er- 
bauer der Burg Ilion, und Ganymedes, der im Kriege von den Griechen 
getötet wird. Von der letzteren Thatsache ist der antiken Mythologie 
nichts bekannt. Des Hub Sohn war Laomedon, der Vater des Priamus 
und der Hesione. 

Priamus, der die Stadt Troja nach ihrer ersten Zerstörung 
wieder aufbaute (Branche des roy. lignages I, 7246 ff), wird im 

8 * 


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Roman von Parton. ▼. 159 ff. als ein übermütiger, stolzer und grau- 
samer Herrscher geschildert: 

Li rois de Troie en sa viellece 
S’en orgelli par sa richece, 

Et por la bontä de ses fis 
Devint fiers en fais et en dis. 

Mouskes hingegen nennt ihn (Chron. rim. y. 8878) U bons rois . 
Guill. Guiart bezeichnet Priamug als den Ahnherrn der französischen 
Könige. Vgl. Branche des roy. lign. v. 378 ff. des Prologs u. I, 7245 ff. 
Im Roman von Girard de Viane, wo S. 129, 24 ff. von dem Untergang 
Trojas die Rede ist, wird der damalige empereres. von Troja, der Sohn 
des rot Briant genannt: 

L’Emper&res, le fil an roi Briant, 

Ne tuit si fr&re n’orent de roort garant. 

Es kann allerdings auch möglich sein, dass le fil au roi Briant 
nicht als Apposition zu V empereres aufgefasst werden muss und Hector 
darunter zu verstehen ist. Doch dann wäre es auffallend, dass 
Priamus in ein und demselben Verse erst empereres und dann roi 
genannt würde. 

Agnes v. Navarra (S. 10) und Froissart (II, S. 110) spielen auf 
das Ende des Priamus an. 

Bauduin de Sebourc will an der Stelle des zerstörten Troja das 
Grab des Priamus neben dem des Paris nnd Hector gesehen haben 
(Bauduin de Sebourc, Chant XVII, v. 726 ff.). 

Priams Reichtum und Macht rühmen der Roman von Godefroid 
de Bouillon v. 2213 ff. und der Rom. de Parton. v. 145 ff.: 

Priamus en fu rois darrains 

Qui graut pan d’Aise ot en ses mains, 

Et le tint bien en pais Cent ans, 

Rois poestis et conqu4rans. 

Dass mit dem König Primonus in v. 8423 ff. des Cleomades 
Priamus gemeint ist, scheint mir nicht ausgeschlossen zu sein. 

Grant guerre ayoient li Grieu 
A .1. trop poissant roi caldieu 
Qui avoit k non Primonus. 

Primonus ist vielleicht nur eine Entstellung von Priamus, und da 
die mittelalterlichen Schriftsteller die Perser oft Chaldaeer nannten, 
so hat der Dichter möglicherweise die Belagerung von Troja und die 
Perserkriege durch einander geworfen. 

Vgl. ferner: Life of Edward the Confessor v. 447 u. Brun de la 
Montaigne v. 1141—42. 

Von Hecuba, der Gemahlin des Priamus, und ihrem traurigen 
Geschick sprechen folgende Stellen: R. d. 1. R. v. 7053 — 55, Escanor 
v. 15702 ff., Oeuv. de Deschamps S. 45, Po6sies d' Agnes de Navarre S. 10. 


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— 117 — 

Oeuv. de Chastellain VI, 64: 

La bonne royne H^cuba, 

Femme du noble roy Priant, 

La quelle vit et regarda 
Que mort tous les siens luy osta, 

Qu’elle n’eut rien de demourant, 

Elle choisit Troye brülant 
Avant le temps de son termine, 

Et puis eile devint vermine. 

Eine Lieblingsfigur der Dichter ist Hector. Alle stellen ihn als 
ein Vorbild wahrer Ritterlichkeit bin, erheben seine Waffenthaten 
und preisen den Adel seiner Gesinnung. Wo die hervorragendsten 
Helden genannt werden, fehlt sein Name selten. . Mit Alexander und 
Caesar zusammen bildet er die heidnische Gruppe der sogenannten 
„neuf preux u . Ich lasse nun die Anspielungen auf den trojanischen 
Helden folgen: Lapid. fr. 120, 421 ff., Jub., nouv. rec. S. 188: 

Hector fu li plus preus de la grant paiennie. 

'Bari. u. Jos. 192: 

Lk fu Hector li ber occis 
Ki sire ert de chevalerie 
Molt ert de bonne compaignie, 

Et Achylles li ber l’ocist, 

Si com l’estoire conte et dist. 

Envers lui meut la grans tenchons 
Par Patroclus son compaignon 
K’Ector avoit occis devant; 

Chron. rim. de Mouskes v. 6983 ff. : 

Ki le veist aventurer 


Moult li pkuist bien ramenbrer 
D’Ector ki tant fist devant Troie. 
v. 7676 ff.: Li mioudres paiens fu Etor: 

Cil ot le euer plus gros d’urf tor. 

Jk s’il n’euist la vie outräe, 

Troie ne fust si d£siert4e, 

VgL ferner: v. 74 ff, v. 7226 ff, v. 8397 ff, v. 29068 ff, 
v. 30160 ff. 

Branche des roy. lignages v. 298 ff. des Prologs: 

. . . Hector, qui en sa vie 
Fu plus hardi que nul lyon, 

Qu* Achilles par s4ducion 
Ocist, qui que le däsotroie, 

Devant la grant citk de Troie. 

Vgl. ferner: Branche des roy. lignages I, 7278 ff. n. Tronr&res 
p. p. Dinaox, II, 179, 11. Parton. v. 149 ff.: 

H ot de s’espouse cinq fis, 

Beaus cevaliers, bons et eslis, 



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118 


Le buen Hector, le bei Paris, 

Troilus, Helain, Marcomiris. 

Hector fa li pros, li legiere, 

Li mioldres de tos cevaliers etc. 

Vgl. : Renart le Nouv. y. 6047 ff., Cleomades v. 201 ff. u. Escanor 
▼. 15656 ff 

In der letzten Stelle wird erzählt, dass, als die Griechen einst 
hart von den Troern vor Troja bedrängt wurden und dem Unter- 
gänge nahe waren, Hector und Telamon (d. i. Aiax Telamonius), welche 
Vettern waren, sich in der Schlacht erkannten, Freundschaft mit ein- 
ander schlossen und gegenseitig Geschenke austauschten. Auf die 
Bitte des Telamon zog Hector sodann die Troer von dem Kampfe 
zurück und gewährte den Griechen bis zum nächsten Tage Waffenruhe. 

Vgl. ferner: Hugues Capet v. 3743, Godefroid de Bouillon v. 22038 
u. 27888. Bauduin de Sebourc, chant XVH v. 722 ff: 

Et voit tous les vi4s mors, les anchiens fos§4s, 

Et le grant tombe Ector qui tant fa r6doubt4s. 

Le longear mesara dont il estoit fourmds; 

XV. pi4s ot de lonc Ector, li alozäs. 

Prise d’Al. v. 51, v. 483 ff, v. 7685 ff; 

V. 6176 ff.: Or parlons des fais d’Alixandre 

Et d’Ector, qui ne fu pas mendre 
Des antres preus qui ont est4 
Que j’ay ci devant recit4; 

Comment que homme d’onneur a tant 
Comme ot Hector le conbatant, 

Mais qui bien raison li feroit 
Des IX preus X»« seroit. 

Oeuvres de Machault S. 101, Podsies de Froissart I, 340, I, 360, 
II, 141, Oeuv. de Deschamps I, 44; 

H, 141 ff.: Venez k moi li hault prince ancien, 

IX hommes preux, IX femmes de terre, 

Trois sarrazins, trois juifs et trois crestien : 

Hector le fort, Alexandre k conquerre etc. 

VgL: Voeu du Hdron v. 109, Oeuv. de Ren6 H, LXXXII, 
m, 55 u. 109; D6bat des hdrauts S.2; Christine von Pisa (RomvartS. 142): 
Othea deesse de prndence 
Qui adresse les bons ceurs en vaillance 
A toy betör noble prince vaiUant 
Qui en armes estes tous iours florisant 
Filz de mars le dieu de la bataille. 

Chastellain hat eine Complainte de Hector gedichtet, deren Inhalt 
kurz folgender ist (Bd. VI, 167 — 202): Nach einem Prolog wird er- 
zählt, wie Alexander der Grosse die Gräber Hectors und Achills be- 
sucht und ihre Grabschriften liest, deren Wortlaut folgt. Als Alexander 


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119 


den Achilles als Besieger Hectors rühmt, klagt der letztere, dass ihm 
der Tod von Achill viUunement gegeben sei und fordert die Fürsten 
der Welt auf seine Ehre zu verteidigen. Er bittet Alexander, dem 
Epitaph des Achilles nicht so grosse Beachtung zu schenken, sondern 
auf Vernunft und Ehre Rücksicht zu nehmen. Dann erzählt er, wie 
Achilles ihn aus dem Hinterhalt getötet habe. Alexander ent- 
schuldigt sich, dass er Achill solche Ehre erwiesen. Dies befriedigt 
Hector, und dieser beweisst dem Alexander, dass Achill ebenso wenig 
der Vorzug vor ihm gebühre als dem Verräter Antipater vor 
Alexander. Alexander bewegt schliesslich Achilles sich bei Hector 
wegen seiner Handlungsweise zu entschuldigen, und die beiden alten 
Feinde versöhnen sich. 

Vgl. Bd. VH, 169, 207, 424; Bd. Vm, 252; Rec. de chants hist. 
S. 371. Ausserdem vgl. noch Jehan Dehaynin (Rec. de chants hist. S. 365): 
Hier florissoit la fleur des fleurs du monde; 

Hector trfes-preux, Ulixes en prudence. 

Nach dem MBrut v. 2071 ff. erlangten die Söhne Hectors später 
die Regierung in Troja. Chastellain (Bd VT, 11) sagt, dass Francion, 
ein Sohn Hectors, Frankreich seinen Namen gegeben habe. Dass ein 
solcher Sohn den Alten unbekannt war, brauche ich wohl kaum hin- 
zuzufügen. 

So berühmt wie Hector durch seine Tapferkeit und Stärke, so 
berühmt war Paris durch den Raub der Helena, durch seine 
Schönheit und durch die Liebe, welche ihn mit seiner Gemahlin ver- 
knüpfte. Neben Tristan und Isolde wurden Paris und Helena am 
meisten von allen Liebespaaren von den Dichtem gefeiert. Abgesehen 
von den vielen Anspielungen haben wir auch bestimmte Zeugnisse für 
die Beliebtheit dieses Stoffes. So heisst es im Roman von Renart 
I, S. 91, 1 ff.: 

Seigneurs, oi avez maint conte 
Que maint conterre vous raconte, 

Conment Paris ravi Elaine, 

Le mal qu’il en ot et la peine. 

Vgl. Messire Gauvain v. 4969 ff. 

Wie wir bereits oben gesehen haben, wurden zuweilen Scenen 
aus dem trojanischen Sagenkreise künstlerisch auf Metall oder Tep- 
pichen dargestellt. Unter diesen Scenen finden wir jedesmal den 
Raub der Helena ausdrücklich erwähnt. Rom. d'Alix. S. 56, 13 ff. : 
En le quarte partie, si com li tres define 
est escrite l f estore d’Elaine la roine; 
si com Paris por li en ala k meschine, 
et li rois Menelaus en ot en sa saisine 
X. escu de painture, de forme lgonime, 


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et cevauca la mule qui n’ert mie frarine; 

Paris en amena la dame par rapine; 

rois Menelaus en ot grant dol et grant corine. 

Fl. et Blfl. v. 443 ff: 

Et delez cou ert painte Heiaine, 

Comment Paris ses drus I’en-maine. 

Vgl. ferner: Floire et Blfl. v. 1379 ff, Floriant etFlorete y. 74 ff., 
Escanor v. 15598 ff und Oeuv. de Chartier S. 696. 

Über den Raub der Helena vgl.: Tresor S. 38, Froissart II, 99, 
v. 3336 ff und Le livre du Chevalier de la Tour-Landry S. 249. 

Von dem Urteil des Paris erfahren wir in der Art d'amors 
v. 320 ff: 

Car quant Paris, li damoisiaus 
qui tant iert avenans et biaus, 
des .in. dyvesses iugement 
fist au der jour apertement, 
cascune molt bien remira, 
apries de lor biaute juga, 
ke Venus, cou en est la soume, 
por sa biaute douna la poume. 

Auch Froissart I, 99 — 102 und Ren6 HI, 111 sprechen davon. 
Der Freude, mit welcher die Trojaner die Helena in ihrer Stadt 
empfingen, ist verschiedentlich Ausdruck verliehen worden. 

Cliges V. 5299 ff.: Qu’ onques ne fu a si grant joie 
Elainne receüe a Troie, 

Quant Paris l’i ot amen^e. 

Vgl.: Rom. de Renart I, 234, v. 1345 ff und Renart le Nouv. 
v. 1782 ff 

Häufiger aber wird das Unglück hervorgehoben, welches Helena 
über Paris und die Troer brachte. Livre des maniferes v. 989: 

Par Heleine fut arse Troie. 

Rom. d. Alix. 534, 37 — 8: 

.1. gentius hom de Grese, de l’parentä Elaine, 
por cui Paris soufri lonc tens dolor et paine. 

Aye d’ Avignon v. 1672 ff: 

Dusqu’ Elainne la bele que Menelaus perdi, 

Dont la cit6 de Troie destruit et deserti 
Por une seule fame si grant guerre ne vi. 

Vgl.: Aye d’ Avignon v. 1714 ff, Rom. de Renart I, S. 91, 1 ff. 
tl Barl. u. Jos. 192, 37 ff. Chron. rim. de Mouskes v. 7230 ff.: 

Ne Paris pour la biele Elainne 
Ne se mist onques en tel paine 
Conane Francois pour leur seignour. 

Rom. de la poire v. 221 ff: 

En Grece fu reine del bei Paris Heleine. 

La bele eschevie qui tant ot douce aleine. 


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A Troie a grant navie la mist en sod demeine, 

Dont puis tote sa vie soffri anui et peine. 

Vgl. ferner: Floire et Blfl. v. 1263 ff., Dolop. v. 3914 — 5, Rom. 
de la Manekine v. 392 ff., Gonthier de Soignies (Trouv. Beiges, nouv. 
s6rie S. 29) und Po6sies de Froissart I, 103 v. 574 ff. 

De Venus la deesse d’amor, Strophe 296: 

plus de paine 

Paris por Ela ine. 

Von der Liebe des Paris und der Helena sprechen die Dichter 
immer in den Ausdrücken des höchsten Lobes. Vgl. Tristan I, S. 65 
und 66 der Einleitung und Oeuvres de Blondel de N6ele S. 11. 

Gautier de Coincy (Miracles de la sainte Vierge p. p. Poquet S. 117): 
Ainz n’embraca Paris Heiaine 
Si durement com je fis li. 

Chans, de Thibault IV, S. 64: 

Que je d4sir s’amour et s’acointance 
Plus que Paris ne fit onques Heleine. 

Thibault de Blazon (Chansonniers de Champ. S. 129): 
Adonques fu si espris 
D’amer loiaument, 

Qu’onque tant n’ama Paris 
Elaine au cors gent. 

Vgl. ferner: Oeuvres de G. de Machault S. 138, Gillebert de 
Berneville (Trouv. Beiges, S. 65), Poäsies de Froissart I, 29 v. 974 ff., 
30 v. 991 ff, 35 v. 1153, 38 v. 1257 ff, 155 v. 2309 ff, 105 v. 647 ff; 
H, 303 v. 157 ff: Onques Genevre, Yseut, Heiaine, 

Ne Lucresse qui fu Rommainne 
N’ama cascune tant le sien 
Que je fai toi. 

Vgl. H, 389 v. 4 ff. 

Poäsies d’ Agnes de Navarre S. 42: 

Et si suy certainne 
Qu’amours si nous mainne, 

Qu’onques Paris et Hälainne 
Ne s’am&rent si. 

VgL Oeuvres de Ren6 HI, 111 und Oeuvres de Chartier S. 777. 
Der Roman von Amadas und Ydoine v. 5860 ff. lässt Paris von 
Helena und der Oenone, seiner ersten Geliebten, betrogen werden. 

Si fu (sc. trais) li biaus Paris de Troie, 

Et d’Oenone et de Elaine, 

Dont il ot tant dolor et paine. 

Richtig ist das Verhältnis des Paris zu der Nymphe Oenone im 
Rom. d. L R. v. 13813 ff. dargestellt. Auf die Liebe zu der Oenone 
spielt jedenfalls auch folgende Stelle des Tresor S. 501 an: 

Ce dist la premiere amie Paris en ses letres que eie li envoia 


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puls qu’il Tot deguerpie por amor Helene: Je ne demant, fist eie, ton 
argent ne tes joiaus por loier de mon cors. 

Die ausserordentliche Schönheit des Paris und der Helena wird 
oft gerühmt Erec et Enide v. 6295 ff.: 

Enide sa cosine en mainne, 
plus bele que ne fu Heiaine, 
et plus gente et plu8 avenant. 

Vgl. ferner: Aye d* Avignon v. 1673, Tristan 1/88 der Einleitung, 
Floire et Blfl. v. 2567 ff., Bel Inconnu v. 4258 — 59, Dolop. v. 3914, 
Rom. d. 1. R. v. 14471 ff. R. d. 1. R. v. 21609 ff.: 

N’onques Heiaine ne Lavine 
Ne furent de color si fine, 

Ne de si bele fa$on n6es 
Tant fussent bien enfasonn^es, 

Ne de biaut£ n’orent la disme. 

VgL: Rom. de la poire v. 221 — 2, Amadas et Ydoine v. 5860,* 
Rom. de la Violette v. 74, Rom. de la Manekine v. 392 ff., Chron. 
rim. de Ph. Mouskes v. 82 ff. u. v. 7230, L’art damors v. 320 — 1. 
Escanor v. 1624 ff.: 

... eie estoit plus clere qne jenme 
et asBez plnz blanche qu’Eylaine. 

Buöves de Commarchis v. 139: 

Mainte en i ot plus bele c’onques ne fn Elaine. 

Berte aus grans pi4s S. 101, 10 ff.: 

Dont Ti ent ce que ma fille, qui plus bele est qu’Elaine, 

Se fait ainsi bair gent voisine et lontaine? 

VgL: Po4sies de Charles d’Orteans S. 120, Oeuv. de Chartier S. 
397, Jehannot de TEscurel S. 49, Oeuv. de Chastellain VI, 54; VHI, 252. 

Gui de Cambrai (Barl. u. Jos. S. 185) erzählt uns, dass Helena 
eine Tochter des Zeus war, und nennt auch ihre Mutter Leda, der sich 
Zeus in Gestalt eines Schwanes nahte. Der Roman von Floire et Blfl. 
v. 2569 erwähnt gleichfalls ihre Mutter Leda. 

In Barl, und Jos. 193, 23 ff. lesen wir, wie Paris den Achilles in 
einem Tempel meuchlerisch ermordete. Doch im allgemeinen gilt 
Paris wie im Troja- Roman für einen tapfern Helden. Vgl. hierzu: 
Escanor v. 15701, Voeu du H6ron v. 108 ff., Oeuv. de Ren6 IH, 111. 

Vgl. noch: Prise d’Al. v. 2175 ff., Branche des roy. lignages 
v. 303 des Prologs, Froissart II, 99 v. 3336 ff., 383 v. 14 und Oeuv. 
de Deschamps I, 85. 

Um an dieser Stelle noch ein anderes im Mittelalter berühmt ge- 
wordenes Liebespaar des antiken Cyclus anzufiihren, nenne ich 
Troilus und Briseida oder Chryseida. Homer kennt den Troilus 
und die Briseis oder die Chryseis in diesem Zusammenhänge nicht, 
ebenso wenig Dares und Dictys. Die Liebesgeschichte ist vielmehr 


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erst ziemlich jungen Datums, nämlich die Erfindung des Benoit de 
Sainte-More. 

Auf des Troilus treue Liebe und die Treulosigkeit der Briseida 
wird an mehreren Stellen von den Dichtern hingewiesen. 

Vgl.: Poösies de Froissart I, 29 v. 974 u. Oeuv. de Ren6 III, 111 — 2. 

Oeuv. de Chartier S. 734: 

Dlec Briseyda couchoit, 

Qui foy mentit k Troillus, 

Et tant briefuement en auoit 
Qu’i grant peine y en pouoit plus. 

Po6sies de Charles d’Orlöans S. 307: 

Lire vous voy faiz m£rencolieux 
De Troilus plains de compassion, 

D’amoar martir fut en sa nascion. 

Über die Tapferkeit des Troilus vgl.: Parton. v. 149 ff., Chron. 
rim. de PL Mouskes v. 7228 ff;, Floriant et Florete v. 877 ff, Oeuv. 
de Renö HI, 111, Oeuv. de Chastellain VII, 424. 

Wie Troilus von Achilles getötet wurde, erzählt der Roman von 
Escanor v. 15698 ff. 

Charles d’0rl6ans (S. 126) rühmt die Schönheit der Briseida. 

Von Helenus, einem andern Sohne des Priamus (Partonop. v. 
152), heisst es im Parton. v. 285 ff., dass er mit Marcomiris allein von 
den Söhnen des Priamus dem Tode entrann. Im [MBrut v. 399 ff. 
und WBrut v. 150 ff. erfahren wir, dass Pyrrhus, der Sohn Achills, 
den Helenus mit vielen andern seines Stammes gefangen nach Griechen- 
land führte, dass des Helenus Nachkommen dort zu einem Volke heran- 
wuchsen und von Brutus, einem Abkömmling des Aeneas, befreit und nach 
Britannien geführt wurden. Nach der Branche des roy. lignages I, 
7318 — 7327 flüchtete Helenus nach dem Untergange Trojas mit 1200 
Mann nach dem Königreiche Pandrase , wo die Trojaner zu einem 
grossen Volke wurden. Dies Pandrase ist dieselbe Gegend, nach 
welcher der MBrut die Troer gelangen lässt, denn es bedeutet nichts 
anderes als Reich des Pandrasus. 

Auch die Reimchronik von Pierre de Langtoft, welche in ihrem 
ersten Teile aus dem WBrut schöpft, lässt den Helenus nach Griechen- 
land kommen (S. 6, 10 ff). 

Mit Balenus in v. 15001 des Rom. d. 1. R. ist sehr wahrscheinlich 
Helenus gemeint: 

Que jk riens d’enchantement croie, 

Ne sorcerie ne charroie, 

Ne Baienns, ne sa Science. 

Auf die Gabe der Weissagung, welche Helenus besass, weist 
Froissart U, 99 v. 3340 ff. und II, 382 v. 6 ff hin. 


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Im Parton. and der Reimchronik von Mouskes lernen wir Mareo- 
ndrisj einen Sohn des Priamus, kennen, der dem Altertum unbekannt 
war. Nach dem Parton. wird dieser von einem Mädchen nach der 
Zerstörung Trojas auf das Schiff des Anchises gerettet und kommt 
mit diesem nach Romenie. Zuerst hält man ihn allgemein für den 
Sohn des Mädchens. Als er aber heranwächst, schöpft Anchises 
wegen seiner grossen Ähnlichkeit mit Hector und Paris Verdacht gegen 
ihn, und seine Retterin flieht deshalb mit ihm nach Gallien, wo er die 
vereinzelt wohnenden Gallier Schlösser und Städte bauen lehrt und 
von ihnen zum König gemacht wird. 

Nach Mouskes (Chron. rim. v. 108 ff.) rettet die Amme des Mar- 
comiris diesen auf das Schiff des Aeneas. Mit einem Teile der Troer 
unter Führung des Antenor kommt Marcomiris nach Pannonien, zieht 
später von da mit ihnen weiter nach Germanien und Gallien und wird 
nach dem Tode Antenors zum Könige gewählt. 

Der Roman von Escanor v. 15700 erwähnt den Tod des Dei- 
phobus, der gleichfalls ein Sohn des Priamus war. 

Nächst der Helena wird Polyxena, die schöne Tochter des 
Priamus, am meisten unter den Trojanerinnen von Dichtern erwähnt 
Froissart preist mit beredten Worten ihre Schönheit. 

Poäsies de Froissart H, 386 v. 1 ff.: 

Je puis moult bien ma dame comparer 
A la Alle dou noble roy Priant; 

Pluisours en ot, mais ceste voeil nommer : 

Polixena la belle et la riant, 

En qoi de tous biens ot tant 

Que de bontä et de beautä fü plainne. 

Bei Froissart (II, 19 v. 620 — 715) finden wir auch die Entstehung 
und den Verlauf der Liebe Achills zu der schönen Jungfrau eingehend 
geschildert Der Troja-Roman scheint dem Dichter als Quelle gedient 
zu haben. 

Häufig wird noch von Froissart auf dieses Liebesverhältnis an- 
gespielt: I, 15 v. 493, 125 v. 1315 ff., 30 v. 994; H, 55 v. 1881 ff, 
99 v. 3350 ff, 386 v. 10 ff, 389 v. 1 ff 

Dem Schmerze und dem Unmut, welchen Polyxena über die Er- 
mordung Achills empfand, giebt der Roman von Escanor v. 15720 ff. 
Ausdruck. 

Gui de C&mbrai (Barl. u. Jos. 193, 21 ff.) teilt uns mit, wie Po- 
lyxena von Pyrrhus aus Rache für den Mord seines Vaters auf ent- 
setzliche Weise hingeschlachtet wurde. Vgl. über ihren Tod: Escanor 
v. 15714 ff und Oeuvres de Chartier S. 382. 

Der Schwester Polyxenas, der Seherin Cassandra, begegnen 


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wir bei Froissart, wie sie mit Helenas den Troern von dem Zage des 
Paris nach Griechenland vergebens abrät (II, 99 v. 3340 ff.). 

Ren6 erwähnt ihr Verhältnis zu dem Phrygier Coroebns, der aus 
Liebe zu ihr den Troern zu Hülfe gekommen war and in Troja seinen 
Tod fand (HI, 135). Vgl. Virgil, Aeneis H, 341 u. 424 

Zu den wenigen Trojanern, welche den Untergang ihrer Vaterstadt 
überlebten, gehörte Antenor. Nach dem MBrut v. 100 ff. kam An- 
tenor nach der Zerstörung Trojas nach Venezien, wo er die Stadt 
Patavium gründete. An einer späteren Stelle (v. 1285 ff.) lesen wir 
aber, dass Brutus auf seiner Fahrt nach Britannien die vierte Genera- 
tion der von Antenor nach Italien geführten Troer an dem Tyrrhe- 
nischen Meere fand. Vgl. Gottfried v. Monmouth I, 12. 

Benoit sagt dagegen in der Chronique des ducs de Normandie 
v. 648 ff., dass Antenor sich nach langen Irrfahrten auf dem Meere an 
der Donau niederliess und Stammvater der Dänen wurde. 

Nach der Reimchronik von Mouskes v. 162 ff. hatte Antenor noch 
andere Schicksale. Nachdem er mit Aeneas gegen Sicherheit seines 
Geschlechts und seiner Habe Troja an die Griechen verraten hatte, 
ging er mit reichen Schätzen beladen zu Schiffe und führte einen Teil 
der Troer nach Pannonien, wo die Stadt Sicambre gegründet wurde. 
Dem Kaiser Valentinian, welcher den Troern zehn Jahre Tributfreiheit 
versprach, leisteten sie Hülfe gegen die Alanen. Als sie aber nach 
Ablauf dieser Frist die Weiterbezahlung des Tributs verweigerten, und 
der Kaiser mit grosser Heeresmacht gegen sie zog, wanderten sie nach 
Germanien aus. Dort vermehrten sie sich so, dass sie bald die Gallier 
unterwerfen konnten. Nach dem Tode Antenors wählten sie Marco- 
miris, den Sohn des Priamus, zu ihrem Könige. Dieser hinterliess das 
Reich seinem Sohn Faramund, dessen Sohn Clodes war. Nach Clodes' 
Tode wurde der Graf Merovaeus, welcher aus dem Geschlecht des 
Priamus stammte, zum König ernannt Ihm folgte sein Sohn Chil- 
perich, welcher der Vater Chlodwigs war* 

Auch Brunetto Latini giebt uns im Tr&sor S. 47 über das Schicksal 
Antenors Auskunft. Nach ihm gingen Priamus der Junge, ein Neffe 
des Königs Priamus, und Antenor mit 14000 Bewaffneten nach Italien 
und gründeten Venedig. Dann zogen beide in die Mark Treviso und 
erbauten Padua, wo Antenor begraben wurde. Ein Teil des Volkes 
wanderte später von dort aus und gründete die Stadt Sicambre. Aber 
auch hier blieben sie nicht lange, sondern zogen weiter nach Germanien 
und wurden Germanen genannt. Priamus, vom Stamme Priams des 
Jungen, machten sie zu ihrem König, und von diesem erbte die Königs- 
würde in directer Linie, auf Clodoveus fort 


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126 


Dass Anteaor dem Untergang Trojas entging, sagt ausserdem noch 
Chartier S. 271. 

Mannigfaltig sind die Darstellungen, welche uns von den Schick- 
salen des Aeneas überliefert sind. Nach dem MBrut v. 105 ff. kam 
Aeneas mit seinem Sohne Ascanius nach Italien. Der König Latinus 
gab ihm seine Tochter zur Gemahlin und schenkte ihm sein ganzes 
Reich. Deshalb überzog der König Turnus, welchem Lavinia früher 
schon versprochen war, den Aeneas und Latinus mit Krieg, in dem der 
letztere fiel. Doch Turnus wurde von Aeneas geschlagen und floh 
zum Könige Mezentius von Tyrenne. Verbündet mit diesem bekriegte 
er Aeneas, fiel aber zugleich mit Aeneas im Zweikampfe. 

Im Rom. d’Alixandre 29, 28 ff. heisst es von einem Ritter Belias, 
der aus Griechenland stammte, dass er vom Geschlechte des Aeneas war. 

Eine merkwürdige Geschichte von Aeneas wird im Roman von 
Girard de Viane (S. 129, 21 ff.) an den Besitz eines trefflichen Panzers 
geknüpft. Diesen hat der roi$ Eneas in einer Schlacht vor Troja dem 
Elinant abgewonnen. Nach dem Falle seiner Vaterstadt entkommt er 
allein mit seinem Vater auf einem Schiffe. Bei Moradant liefert er 
dem Raboant eine Schlacht und fällt von der Hand eines tapfern, 
französischen Ritters, der den Panzer erbeutet. 

An dieser Stelle möge auch gleich erwähnt werden, dass Dans 
Clins dem Rom. d’Alixandre S. 225, 8 ff. zufolge ein Schwert führte, 
welches schon Aeneas besessen hatte. 

Gui de Cambrai (Barl. u. Jos. 192, 13 ff) beschuldigt den Aeneas 
des Verrats an seiner Vaterstadt, indem er den Dares als Gewährs- 
mann anführt und Virgil der Lüge zeiht. Von S. 194, 9 an erzählt er 
miß des Aeneas Irrfahrten: Als nämlich Troja in Brand steht, flieht 
Atoeas zu Schiffe nach Creta. Von dort kommt er nach Carthago zur 
Königin Dido, die sich sehr in ihn verliebt. Er erzählt ihr den Unter- 
gang Trojas, verheimlicht ihr aber seinen Verrat. Doch schliesslich 
verlässt er Dido, welche sich vor Schmerz tötet, und kommt nach 
Lombardie in das Land des Latinus. Er besiegt den Turnus, heiratet 
die Lavinia und wird der Herrscher des Landes. 

Der Verfasser des Partonopex nimmt Aeneas gegen den Vorwurf 
des Verrates in Schutz und wälzt alle Schuld auf Anchises, den er zu 
einem abgefeimten Schurken stempelt. Nach dem Parton. v. 251 ff. 
wurde Anchises von Priamus mit der Regierung des Landes betraut 
Er benutzte aber seine Gewalt dazu, sich, seine Verwandten und den 
König zu bereichern, die Barone mit Priamus zu entzweien und edle 
Geschlechter in die Verbannung zu treiben. Anchises behauptete von 
den Göttern abzustammen, weil, fugt der Dichter hinzu, er weder 
seinen Vater noch seine Mutter nennen konnte« Unter der Bedin gu ng, 


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127 


dass er selbst mit den Griechen Troja plündern dürfe, liess Anchises 
diese in die Stadt ein, und nachdem er sich mit reichen Schätzen be- 
laden, fuhr er mit Aeneas, seinem Stiefsohn, von Troja ab. Sein Sohn 
war Aeneas sicherlich nicht, denn, sagt der Dichter, 

. . . En£as ert dols et pis 
Si n’avoit pas consence as Gris etc. 

Nach langem Umherirren kam Anchises nach Römern*, wo er sich ein 
Reich gründete« 

Nach Ph. Mouskes hingegen (Chron. rim. v. 94 ff.) überliefert 
Aeneas mit Antenor seine Vaterstadt den Griechen, wandert darauf 
nach Italien aus und gründet sich dort ein Reich. Vgl. Brunetto La- 
tini, TrÄsor S. 41. 

Guillaüme Guiart in der Branche des roy. lignages I, v. 7302 
lässt Troja durch Verrat fallen, sagt aber nicht, wer der Verräter war. 
Aeneas flieht nach seiner Darstellung v. 7327 ff. mit 1400 Trojanern, 
gelangt schliesslich nach Carthago zu der Königin Dido und setzt von 
dort nach Italien über, welches er bald in seine Gewalt bringt 

Pierre de Langtoft folgt in seiner Chronik S. 2 ff. der Darstellung 
des Brut von Wace. 

Im D6bat des h£rauts S. 10 heisst es, dass Aeneas, ein tapferer 
Ritter, nach der Zerstörung Trojas in Begleitung mehrerer Edlen nach 
dem Lande de Romme kam und Stammvater des Brutus wurde. 

Chartier weist auch auf die Rettung des Aeneas aus dem Unter- 
gang Trojas hin (Oeuvres de Chartier S. 271). Chastellain sagt Bd. VIII, 
252: „II fut pieux comme 6n6e u (vgl. Virgil’s „pius Aeneas a ). — 
Gui de Cambrai nennt uns die Eltern des Aeneas (Barl. u. Jos. 196, 
33 ff). 

Die Liebesgeschichte des Aeneas und der Dido wird oft von 
Dichtern erwähnt Chrestien de Troyes erzählt in Erec und Enide 
v. 5291 ff, wie Aeneas aus Troja floh und in Karthago mit Freuden 
von Dido aufgenommen wurde, wie Aeneas sie aber später, verliess, 
und Dido sich deshalb tötete. Dasselbe schildert mit kurzen Worten 
der Roman d’Alixandre 517, 12 ff: 

le roine Didone s’i ocist par folage, 
por l’amor Eneas ü ot mis son corage, 
qui en icest pais estoit Tenns k nage, 
quant escape de Troies ü il ot grant damage. 

Vgl. Rom. d’Alixandre 540, 11 ff, Donnez des amanz (Tristan I, 65 — 6 
der Einleitung) und Oeuvres de Blondel de Ndele S. 11. 

Dits de Baudouin de Condä 316, 1400 ff: 

Et Dido qui molt estoit sage 
Et qui roine ert de Cartage, 

S’ocist et sali en un fu, 


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128 


Par desperauce oü eile fu, 

Pour 90a qu’Aneas li menti 
Et ke de li se departi. 

Vgl. Marguerite de Champagne in Chansonniers de Champagne S. 25. 

Eine etwas längere Schilderung des Liebesverhältnisses giebt der 
Rom. d. L R. v. 13766 — 13808. Auch im Roman von Floriant et 

Florete v. 888 ff. wird dasselbe erwähnt. 

Vgl.: Li remödes d’amors v. 448 ff., Amadas et Ydoine v. 5881 ff, 
Escanor v. 15738 ff 9 Chronique du Petit Jehan de Sainträ S. 5 und 
Oeuvres de Chartier SS. 275, 725, 733. 

Nach dem Lapidaire des Marbod ist es ein Achat, der Aeneas 
die Liebe der Dido gewinnt und ihn in allen Gefahren beschützt. 
Lapid. fr. 113, 173 ff: 

Eneas qui tant ot valour 
Par achate conqoist l’amour 
A le roi'ne de Cartage, 

Qoi pnis s’ocist par son folage 
Por ce qu’Eneas la lessa etc. 

Der Liebe der Lavinia und des Aeneas gedenken folgende Stellen. 
Erec et Enide v. 5298 ff.: 

coment Eneas puis conqoist 
Laurente et tote Lombardie 
et Lavine qoi fo s’amie. 

FL et Blfl. V. 490 ff: 

Li rois En£as l’emporta (sc. la coupe) 

De Troies, qoant il s’en ala; 

Si la dona, en Lombardie, 

A Lavine qui fu s’amie. 

Ygl. Oeuvres de Ren6 III, 108 u. 109. An der letzten Stelle 
spricht Renä auch von des Aeneas erster Gemahlin Creusa, welche er, 
wie uns der WBrut v. 84 ff. mitteilt, bei der Flucht aus Troja in 
dem grossen Tumult und Gedränge verlor. Im Roman von Amadas 
und Idoine v. 5870 ff. wird Aeneas als der von Lavinia betrogene 
hingestellt. 

Die Schönheit der Dido und Lavinia preisen die Dichter oft. 
Lais der Marie de France S. 109, v. 584 ff: 

Tant grant bealtez ne fo veüe 
en Venus, qui esteit reine, 
ne en Dido ne en Lavine. 

Ygl. : Le bei Inconnu v. 4261 ff, Rom. de la Violette v. 875, Rom. 
d. 1. R. v. 21609 ff. u. Escanor v. 15734 ff. 

Wie Turnus der Lavinia wegen in den Kampf zog und getötet 
wurde, lesen wir bei Renä III, 135. 

Das Ende des Palinurus, des Steuermannes von Aeneas (vergL 
Virgil, Aeneis VI, 337 ff), erwähnt der Rom. d. 1. R. v. 14066 ff: 


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129 


De Palinurus li soviengne 
Qui governoit la nef En&e: 

Veillant l’avoit bien govern^e, 

M&s quant dormir l’ot envai, 

Dn governail en mer cbai. etc. 

DassPriamus denCalchas nach Delphi schickte, um das Orakel 
des Apollo über den Ausgang des Krieges zu befragen, sagt A. Chartier 
S. 383. Delphi wird von Chartier zu einer Insel gemacht Auf die 
Sehergabe des Calchas weist Froissart II, 382, v. 1 ff. hin. 

Achilles, der tapferste und stärkste Held der Griechen, wird 
längst nicht in dem Masse wie sein grösster Gegner, Hector, von den 
Dichtem verherrlicht, was auf die minder günstige Darstellung im 
Dares zurückzuftihren ist. 

Als einen tapferen Helden kennzeichnen ihn folgende Stellen: 
Trouvferes p. p. Dinaux H, 179, 10 ff., Lapid. fr. S. 120, v. 421 ff, 
Floriant et Florete v. 876 ff, Ren. le Nouv. v. 5049 ff., Oeuvres de 
Machault S. 101. Poösies de Froissart H, 141, 4773 ff.: 

Je souhede que je soie si ffes, 

♦ Et de mon corps fuisse ossi ärmeres 

Et ossi prens, pour estre plus parf&s, 

Com jadis fu Hector ou Acill&s. 

Vgl. ferner: Voeu du H4ron v. 109 ff., Oeuv. de Chastellain VI, 
356; VH, 169, VH, 424 Gui de Cambrai sagt uns im Barl, und Jos. 
193, 12 ff., dass Achilles den Hector erschlug, um seinen geliebten 
Gefährten Patroclus zu rächen. Auf das innige Freundschaftsver- 
hältnis der beiden Helden spielt der Roman von Fergus v. 29 ff. an: 

Ainc AcchiUes ne Patroclus 
Nul jor ne s’entramerent plus 
Con eil doi comp&ignon feisoient. 

Vgl. über die Besiegung Hectors durch Achilles: Prolog zu 
Branche des roy. lignages v. 298 ff. und Oeuvres de Renä in, 109. 
An der letzteren Stelle wird auch gesagt, dass Achill trotz seiner Stärke 
und Tapferkeit von dem Gotte Amor besiegt wurde und von Liebe 
zur Polyxena entbrannte. Auf dieses Liebesverhältnis spielt Froissart 
I, 35 v. 1151 u. 38 v. 1257 an. Über die falsche Darstellung 
dieser Liebe vgl. Amadas et Ydoine v. 5863 ff. Troilus erlitt den 
Tod von der Hand des Achilles (Escanor v. 15698 ff.). 

Die Liebe zu Polyxena führte Achilles ins Verderben. Vgl. dazu 
Barl. u. Jos. 193, 22 ff. und Escanor v. 15708 ff. Von Achills Tod 
vor Troja spricht auch der Roman von Garin le Loherain 107, 17 ff.: 
Des icelle oure que naquit Jhesus-Crist 
N’ot tel bataille ne un tel färeis, 

Fora devant Troies oü Achilles fenit. 

9 


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130 


Agamemnon, den Oberanfiihrer der Griechen vor Troja, er- 
wähnt in dieser Eigenschaft die Chronik von Benoit v. 37641 ff. und 
der Rom. de Fl. et Blfl. v. 450. Mit Menelaus und Protesilans wird 
er von G. Guiart (Branche des roy. lign. I, 7269 ff.) als einer der 
Führer der Griechen vor Troja bezeichnet Den Stammbaum des 
Agamemnon teilt uns Brunetto Latini im Tresor S. 38 mit: „Aga- 
memnons Urahn ist nach dem Tresor Danaus, ein Sohn Jupiters, 
König von Creta und Mycene. Dessen Sohn Pelops herrscht in 
Griechenland und hinterlässt das Reich seinem Sohne Atreus. Nach 
Atreus* Tode regiert sein Sohn Menelaus, worauf des Menelaus Bruder, 
Agamemnon, in der Herrschaft folgt“ Diese Überlieferung wimmelt 
von Fehlern gegen die antike Sage. Danaus ist nicht der Sohn 
Jupiters, und Pelops nicht der Sohn des ^Danaus sondern des Tantalus. 
Sodann folgte nicht Agamemnon dem Menelaus in der Herrschaft, 
sondern beide herrschten gleichzeitig in verschiedenen Gebieten. 

Die Opferung der Iphigenie wird von Chartier S. 382 erzählt 
Agamemnons Tod finden wir im Dolop. und bei Chartier S. 720. 

Dolop. v. 10264 ff.: 

Veritez fut certes proväe 
Que le fort roi Agamemnon 
Qui destruit Troie et le donjon, 

Ossit Clystemistra s& famme. 

In Aye d* Avignon v. 1672 ff. lesen wir, das Menelaus wegen 
des Raubes der Helena Troja zerstörte. Auch der Reimchronik von 
Mouskes v. 68 ff. zufolge führte er als König von Griechenland die 
Griechen zu dem Rachezuge gegen Troja. 

Der Rom. de Parton. v. 201 ff. stellt den Menelaus als einen 
Feigling hin, der die ihm von Paris zugefügte Schande aus Furcht 
vor der Macht der Troer geduldig ertrug und erst von seinem Lehns- 
mann Nestor zum Kriege angetrieben wurde. 

Der zu langen Abwesenheit des Menelaus von Sparta wird 
in der Art d’Amors v. 1561 ff. die Schuld an der Verführung der 
Helena durch Paris zugeschrieben. 

Der Trauer, welche Menelaus über den Raub der Helena empfand, 
geben der Rom. d’Alix. S. 56, 16 ff. und der von Guy de Nanteuil 
Ausdruck. Guy de Nanteuil v. 1698 ff.: 

A moillier la prendrai en ceste quarantaine, 

Et en aras le duel qu’ot Me(ne)lans d’Elaine 
Que Paris li toli es präs desous Mi$aine. 

Vgl. ferner Life of Edward the Confessor v. 747 ff. u. Escanor 
v. 15603 ff. 

Diomedes wird mehrfach unter den tapfersten Helden genannt 
Vgl. Floriant et Florete v. 877 u. Lapid. fr. 120, 422. 


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Oeuv. de Ren4 HI, 112: 

D6omedes ainsi on me nomma 

Puissant et vertueux, que fort on redoubta. 

En maint cruel estonr, mon corps bien l’esprouva. 

Mais k Amour fu serf, qui k so y me tonrna, 

Pour Grisayde amer, que Troylle emmena 
Et en fut amoureux, puis eile le trompa; 

Car par sa voulentä guöres ne demoura 
Que des mains luy ostay comme eile l’ordonna. 

Le feu ardant d’Amours pour eile m’enbraza, 

An der zuletzt angeführten Stelle lernen wir Diomedes auch als 
glücklichen Nebenbuhler des Troilus kennen. 

Den Patroclus nennt Gautier de Toumay (Trouv&res p. p. 
Dinaux II, 179, 11). 

Eine eigentümliche Rolle lässt der Dichter des Partonopex (v. 
209 ff.) den Nestor spielen. Auch bei ihm ist er ein Greis, voll von 
Klugheit, gewandt in der Rede und erfahren in den Künsten des 
Krieges und Friedens, aber er tritt hier als Vasall des Menelaus auf, 
der die seinem Lehnsherrn von Paris angethane Schmach schmerzlich 
empfindet und diesen zu energischem Handeln antreibt. Dem Priamus 
macht er viele Vasallen abwendig und zieht sie auf die Seite der 
Griechen herüber. Auf sein hohes Alter spielt Jehan le Boutillier an 
(Trouvöres p. p. Dinaux II, 294, 21 ff). 

Von griechischen Helden, die vor Troja starben, fuhrt G. Guiart 
(Branche des roy. lign. I, 7294 ff) folgende an: 

Grezois i rorent graut dommage, 

Car ocis fu rois Protenor, 

Rois Santiphus, rois Alpenor, 

Orchomenis, Architrocius, 

Leothet&s et Patroclus. 

Ul ix es, heisst es in der Art d’ Amors v. 1310 ff, war nicht 
schön, aber weise und höfisch und vor allem ein guter Redner. Des- 
halb setzte er immer seinen Willen durch. Auf seine Klugheit und 
Beredsamkeit spielen noch folgende Stellen an. Oeuvres de Machault 
S. 132: 

Ne quier revoir la biaultä d’Absalon, 

Ne dTJlixis le sens et la faconde. 

Vgl. Complainte par Jean Dehaynin (Rec. de chants hist. S. 365) 
u. Oeuvres de Chastellain Vn, 180; VIII, 252. 

In der Prise d’Alex. v. 213 ff. erfahren wir, dass Ulixes als Sieger 
aus dem Streit um die Waffen des Achilles hervorging: 

Je fis les armes d’Achill&s, 

Dont Ayaus s’ocist qui les 
Perdi par maise plaiderie 
Contre Ulixes, duc d’Ulixie. 

9* 


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132 


Gautier de Toumay zählt ihn zu den tapfersten Helden. (Trou- 
v&res p. p. Dinaux II, 179, 11). Von seinen Abenteuern wird im 
Dolop. v. 12888 ff. die Verwandlung seiner Gefährten in Schweine 
durch die Zauberei der Circe erwähnt: 

Circe transfigurait. ausis 
Toz les conpaignons Ulissis. 

Das vergebliche Bemühen der Circe, den Ulixes ständig an sich 
zu fesseln, schildert der Rom. d. 1. R. v. 15008 ff. 

Circe war neben Medea als Zauberin im Mittelalter bekannt. 
Lapid. fr. 160, 497— 8: 

Enpr&s lui Circe la aenee 
D'enchantement fu renom6e. 

Prise ff AL v. 27—8: 

Circ6, la male enchanteresse 
Qni d’enchantemens est deesse. 

Vgl. Poäsies de Froissart I, 216, 167. Deschamps sagt S. 31 
beim Tode von G. de Machault: 

La fons Circ4 et la fonteine H41ie, 

Dont vons estiez le rnissel et les dois, 

Oü po&tes mistrent leur Studie 
Convient taire. etc. 

Ich vermag mir über den Sinn der Worte la fons Circe keine 
Rechenschaft zu geben. 

Ulixes' Gemahlin Penelope galt als ein Muster von Keuschheit 
und Treue. Vgl. Tristan I, S. 88 der Einleitung. 

R. d.l. R.v. 8935 ff.: Penelope n6is prendroit; 

Qui bien k li prendre entendroit; 

Si n’ot-il meillor fame en Grece. 

Vgl. ferner R. d. 1. R. v. 8983 ff. und Po6sies de Froissart II, 
369, v. 6. Der Verfasser von Amadas und Ydoine v. 5865—6 stellt 
auch die Penelope wie alle treuen Frauen als Betrügerin hin. 

Die Bedeutung der nachfolgenden Verse Chartier's (Oeuvres de Ch. 
S. 738) ist mir unklar geblieben: 

Et par ta force merueilleuse, (sc. d’Amor) 

Fina Ulixes franchement 
Pour Penelope l’orguilleuse. 

Die Sage von dem Aufenthalt des Odysseus bei dem Cyclopen 
Polyphem begegnet uns wieder in einer Erzählung des französi- 
schen Dolopathos (v. 8228 — 8563). Alt und weit verbreitet ist nach 
W. Grimm (Untersuchung über die Polyphemsage in den Abhand- 
lungen der Berliner Akademie v. J. 1857) die Sage von dem ein- 
äugigen Cyclopen, den Odysseus überlistet und blendet. Nicht bloss 
das alte Griechenland hat sie gekannt, auch in Persien und in der 
Tartarei war sie einheimisch. Noch heute wird sie in weit abliegenden 


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138 


Ländern erzählt, bei den Serben wie bei den Rumänen in Sieben- 
bürgen, bei den Esthen, Finnen, in den norwegischen Bergen, auch in 
Deutschland. Abhängig von dem Boden, in welchem sie Wurzel ge- 
schlagen hat, wandelt sie Farbe und Gestalt, dehnt sich aus oder zieht 
sich zusammen: immer aber leuchtet bei diesen Umwandlungen die 
gemeinsame Grundlage durch. Die lateinische Quelle des franz. 
Dolopathos, den Dolopathos des Johannis de Alta Silva, kannte W. 
Grimm nur dem Namen nach, und er musste daher auf eine deutsche 
Übersetzung derselben und die damals eben erschienene, französische 
zurückgehen. Von der Polyphemsage aber, die wir in eigentümlicher 
Fassung darin finden, sagt er, dass sie ihrem Ursprung nach ohne 
Zweifel auf lebendiger Überlieferung beruht und in keinem Falle 
eine absichtliche Umbildung der homerischen Erzählung enthält. 

Oesterley, der Herausgeber des lateinischen Dolopathos, bemerkt 
S. 22 und 23 der Einleitung: „Die ausdrückliche Nennung des Namens 
Polyphem S. 72, 21 unseres Textes ist unzweifelhaft dem Verfasser 
des Dolopathos zuzuschreiben; es geht daraus hervor, dass Johannes 
mit der vielfach abweichenden Fassung der Odyssee wohl bekannt ge- 
wesen ist, und darin liegt ein neuer Beweis dafür, dass er seine Dar- 
stellung dem Volksmunde entnommen und die Überlieferung treu be- 
wahrt hat. u 

Die Überlieferung des französischen Dolopathos von der Polyphem- 
sage ist folgende: 

Der Erzähler dieser Geschichte macht sich in seinen jungen 
Jahren mit 100 Gefährten auf den Weg, um einen Riesen, der fern in 
einem Walde haust, seiner grossen Schätze zu berauben. Da der Riese 
nicht zu Hause ist, beladen sich die Diebe mit reicher Beute und 
begeben sich auf den Rückweg, werden aber von dem bestohlenen 
Riesen und neun seiner Genossen gefangen und nach deren Wohnungen 
geschleppt. Unsem Helden mit 9 andern Dieben erhält der beraubte 
Riese. Er muss sehen, wie seine Gefährten nach einander von dem 
Riesen geschlachtet, gekocht und verzehrt werden, und wird ge- 
zwungen, mit an dem scheusslichen Mahle teilzunehmen. Als schliesslich 
die Reihe an ihn selbst kommen soll, rettet er sich dadurch, dass er 
sich für einen geschickten Arzt ausgiebt und dem Riesen Heilung von 
einem schlimmen Augenübel verspricht. Nachdem er Oel siedend ge- 
macht hat, heisst er den nichts ahnenden Riesen sich auf den Rücken 
legen und giesst ihm das Oel über das Gesicht, so dass der Riese, 
nunmehr gänzlich erblindet, furchtbar tobt und seinen Peiniger mit 
einer gewaltigen Keule zu erschlagen sucht. 

Da die Wohnung des Riesen von einer hohen Mauer umgeben 
ist und nur einen verschliessbaren Ausgang hat, so hilft sich der Dieb 


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134 


durch eine List aus der Not. Er hatte bemerkt, dass der Riese diese 
Thür nur öffnete, um seine Schafe auf die Weide zu treiben. Die 
Schafe weideten ohne einen Hirten, da sie durch einen Zauber gebannt 
waren, und kehrten jeden Abend von selbst in ihren Stall zurück. 
Jedesmal wenn der Riese die Schafe austrieb, zählte er dieselben 
und behielt das fetteste zur Speise zurück. Darauf gründete der 
Dieb seinen Plan. Er schlachtete ein Schaf, zog ihm das Fell ab 
und hüllte sich darein, um in der Verkleidung eines Schafes auB der 
Wohnung zu entkommen. Aber siebenmal hielt ihn der Riese zurück, 
da er ein feistes Schaf in ihm vermutete, dessen er jedoch nie später 
habhaft werden konnte. Als daher der Dieb am achten Tage in seiner 
Verkleidung wieder unter die Hände des Riesen kam, hielt der letztere 
dem vermeintlichen Tiere seine Undankbarkeit vor und warf es ärger- 
lich aus der Thür. So gelang es dem Diebe ins Freie zu kommen. 
Als er glücklich die Freiheit wiedererlangt hatte, verspottete er den 
Riesen. Der schlaue Riese aber lobte ihn wegen seiner List und 
warf ihm einen kostbaren Ring zu, über den ein Zauber gesprochen 
war. Kaum hatte der Dieb den Ring an den Finger gesteckt, als der 
Ring beständig rief: „Ich bin hier!“ Alles Bemühen des Diebes, ihn 
wieder vom Finger zu ziehen, war vergebens, und da der tückische 
Riese ihm dicht auf den Fersen war, so biss er sich den Finger ab, 
warf diesen dem Riesen entgegen und entkam so. 

Speoifisch römische Sagen. 

Waren die bis jetzt behandelten Stoffe fast ausschliesslich der 
griechischen Sage entnommen, so wollen wir im Folgenden die spe- 
cifisch römischen betrachten. Das gefundene Material ist nicht um- 
fangreich und beschränkt sich auf die Anfänge der römischen Herrschaft. 

Im MBrut v. 3711 — 3748 lernen wir die fünf sagenhaften Könige 
kennen, welche vor Aeneas in Italien regierten. Der erste derselben 
war Janus. Da dieser ohne Erben starb, so folgte ihm Saturnus, 
der von Jupiter aus Kreta vertrieben war. Nach seinem Tode kam 
sein Sohn Picus zur Regierung. Dieser hinterliess die Herrschaft 
seinem Sohne Faunus, von dem sie auf dessen Sohn Latinus über- 
ging. Ueber die Quellen vergl. S. X u. XI der Einleitung zu dem 
MBrut. 

Brunetto Latini führt im Tresor S. 46 den Stammbaum der ita- 
lischen Könige noch über Janus hinaus auf Italus zurück, einen 
Sohn des Nimrod, welcher den Turm von Babel erbaute. Dieser 
kommt nach Italien, wird Herr des Landes und vererbt das Reich auf 
seinen Sohn Janus, 


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Wie Aeneas nach Italien kam und dort ein Reich gründete, ist 
schon früher erwähnt worden. 

Nach dem MBrut v. 215 — 330 übernahm Aeneas’ Sohn As ca n ins 
nach dem Tode seines Vaters die Regierung. Den König Mezentius, 
welcher ihn mit Krieg überzog, besiegte und tötete er in einer Schlacht. 
Lavinia floh aus Furcht vor Ascanius in die Wälder zu ihrem Hirten 
Tyrrus und gab dort einem Sohne, dem Silvius, das Leben. Nachdem 
sie zwölf Jahre mit ihrem Kinde in dem Walde gelebt hatte, wurde 
sie von Ascanius zurückgerufen und in die ihr gebührenden Rechte 
eingesetzt. Ihren Sohn, den Silvius, bestimmte Ascanius zum 
Nachfolger nach seinem Tode, obwohl er selbst einen Sohn Julis 
hinterliess. 

Darauf folgte nach v. 3765 ff. eine Reihe von Königen bis Procas, 
der zwei Söhne, Numitor und Amulius, hatte. Dem Amulius gab 
Procas bei seinem Tode das Reich, während Numitor das bewegliche 
Vermögen erhielt. Amulius verbannte aber den Numitor, tötete Nu- 
mitors Sohn Sergestvus und machte dessen Tochter Silvia oder Ilia 
zur Vestalin. Trotzdem gebar diese von Mars den Romul us und 
Rem us. Zur Strafe für ihre Unkeuschheit wurde sie lebendig einge- 
mauert, während die beiden Knaben auf dem Tiber ausgesetzt wurden. 
Die Strömung trieb sie ans Land, wo sie von Faustus , einem Hirten 
des Amulius, gefunden wurden, der sie seiner Frau Acca zur Pflege 
übergab. Nach anderen Berichten, sagt der Dichter, ernährte die 
Knaben eine Wölfin. Doch dies ist nur sinnbildlich zu verstehen. 
Acca war ein liederliches Weib, die ihren schönen Körper zu einer 
Quelle unlauteren Gewinnes machte. 

V. 4072 ff.: ... de prendre eirt trop cuvoitouae, 

Al prendre eirt tote abandonee, 

Et p&r tant fu lonve clamee. 

Ses ameors toz destruisoit, 

Cume louve les devoroit. 

Romulus und Remus wuchsen zu kräftigen Jünglingen heran. Als 
sie ihre Abkunft erfuhren, sammelten sie eine Schar von Hirten und 
Räubern um sich, zogen gegen Alba und erschlugen den Amulius. 
Numitor wurde nun auf den Thron berufen, starb aber bald. 

Romulus suchte einen passenden Platz zur Gründung einer Stadt 
an dem Tiber aus und gründete Rom, wo er ein Asyl für Verbrecher 
und Flüchtlinge eröfihete. Dann umgab er die Stadt mit Mauern und 
setzte 100 Senatoren ein. Über die Quellen des MBrut vgL die Ein- 
leitung zu der Ausgabe. 

In der Reimchronik von Mouskes v. 122 — 161 wird in kurzen 
Worten die Ansiedlung des Aeneas in Italien, die Gründung seines 


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136 


Reiches und die Entwicklung desselben bis auf Romulus und Bomus 
geschildert. 

Der Roman von Athis und Prophilias v. 17 — 130 erzählt uns, dass 
Romulus und Remus, welche aus dem Volke der Trojaner waren, Rom 
erbauten. Um zu entscheiden, wer von beiden regieren solle, kamen 
sie überein, die Entscheidung der Götter anzurufen. Sie stiegen auf 
einen Berg, und derjenige, welcher die meisten Vögel sähe, sollte König 
sein. Da Remus acht und Romulus zwölf Vögel sah, so übernahm der 
letztere die Regierung, während Remus nach Frankreich ging, wo er 
die Stadt Roms (Reims) gründete und sich das umherliegende Gebiet 
unterwarf. 

Einst besuchte Remus seinen Bruder, welcher inzwischen die 
Stadt mit niedrigen Mauern umgeben und dazu geschworen hatte, 
dass er demjenigen, welcher hinüberspränge, den Kopf abhauen lassen 
würde. Als daher Remus, der nichts von diesem Verbote wusste, 
eines Tages ahnungslos über die Mauer sprang, liess ihm Romulus 
in seinem Zorne das Haupt abschlagen. 

Der Tresor S. 43 giebt uns eine Aufzählung der Könige von 
Aeneas bis Romulus, die nur unerheblich von der im MBrut abweicht 
Die Mutter des Romulus und Remus heisst Emilia, wird aber nach 
ihrer Niederkunft Rea genannt. Die Fabel der Abstammung der 
Zwillinge von einer Wölfin weist Brunetto Latini zurück. 

Vgl. ferner Romancero de Champagne IH, 6: 

Deux filß jumeaux, Remus et Romulus, 

Nez de Rh£a, d’une louve alaictez, 

Par un pasteur appellä Faustulus. 

Et par sa femme gardez et bien traictez, 

Furent depuis si hautement montez 

Qu’ils firent Rome dominant sur tous bommes. 

Als gemeinsame Gründer Roms werden Romulus und Remus im 
WBrut v. 2153 ff. und der Reimchronik von Mouskes v. 1 bezeichnet. 
Andere Dichtungen schreiben diese That dem Romulus allein zu, so 
der MBrut v. 4153 ff. 

Coronemens Looys v. 456 ff.: 

Ci sui venuz en mon droit heritage, 

Que estora mes ancestres, mes aves, 

Et Romulus et Julius Cesaire, 

Qui fiat ces murs et ces ponz et ces barres. 

Barl. u. Jos. 195, 13: 

.... Romulus ki Romme fist. 

Claris und Laris v. 6614 ff.: 

Romulus i estoit portraiz, 

Qui de Rome fist (toz) les portraiz, 

Jjes fortereces et les tors. 


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187 


Oeuv. de Deschamps I, 48: 

Romme fonda ses fr&res Romains. 

Als Erbauer von Reims nennen den Remus Gui de Cambrai 
(Barl. u. Jos. 195, 14) und Deschamps (Oeuv. de Deschamps I, 48). 

Romancero de Champagne III, 6: 

Les gern Remus, hör® de Rome boutez, 

Fond&rent Rheims, la cit4 oü nous sommes. 

• Die Ermordung des Remus durch seinen Bruder wird erwähnt 
im WBrut v. 2155 ff. und der Bible Guiot v. 748 ff: 

Romulus son frere i ocist, 

Qui trop grant crualtä i fist. 

• Nach dem Dolop. v. 12656 ff. gründete Romulus in Rom der Pax 
und Concordia einen Tempel, über dessen Hauptthor er die Inschrift 
setzte, dass der Tempel bis zu dem Tage bestehen werde, an welchem 
eine reine Jungfrau gebären würde. Am Tage der Geburt Christi 
stürzte der Tempel zusammen, so dass kein Stein auf dem andern blieb. 

Bei den Römern soll Romulus das Jahr in zehn Monate geteilt 
und diesen Namen gegeben haben. Davon spricht Philippe de Thaün 
verschiedentlich im Cumpoz w. 711 ff, 753 ff., 786 ff, 808 ff. etc. 

Im WBrut v. 115 ff, im MBrut v. 353 ff und in der Chronik 
von Pierre de Langtoft S. 4 ff. lesen wir die Geschichte des Brutus, 
des angeblichen Stammvaters der bretonischen Könige, den die antike 
Sage noch nicht kannte. Nach Wace und Langtoft war Brutus ein 
Sohn des Silvius und Enkel des Ascanius, welcher einst seinen Vater 
aus Versehen auf der Jagd tötete und in die Verbannung getrieben 
wurde. Er wandte sich nach Griechenland zu den Nachkommen der 
von Pyrrhus, dem Sohne Achills, in die Knechtschaft geführten Troer, 
befreite diese vom griechischen Joche und führte sie nach England, 
welches von ihm Britannien genannt wurde. 

Der MBrut weicht insofern von dieser Fassung ab, als dort Brutus nicht 
der Enkel des Ascanius, sondern der Sohn seines Stiefbruders Silvius ist. 

Dem Tresor S. 142 zufolge hatte Julius Silvius, der Stiefbruder 
des Ascanius, zwei Söhne, Aeneas und Brutus. Nach seinem Tode 
wurde dter ältere Sohn, Aeneas, König, während Brutus über das Meer 
auswanderte nach einem Lande, das von ihm Britannia genannt wurde. 

Auf diese Abkunft der Bretonen von den Römern und indirect von 
den Trojanern spielen manche Dichter an. Life of Edw. the Conf. v. 783 ff. : 
Mortz unt les gentiz Engleis 
Ki parente, ki ancesar, 

Furent noble conquestar: 

Venant en la cumpainie 
Brut a la chfere hardie, 

Ki s’en vint a grant navie 
De la grant Troie flur de Asie. 


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138 


Vgl. ferner: Barl. u. Jos. 195, 17 ff., Tonrnois de Ham S. 225, 
Claris und Laris v. 5830 ff, Branche des roy. lignages I, 7338 ff, 
Po&ies de Froissart II, 382, 1 ff und D&bat des hörauts S. 10 u. 40. 

B. Stoffe aus der Geschichte. 

Nachdem wir an einer früheren Stelle gesehen haben, welcher 
Popularität sich Alexander d. Grosse in Frankreich erfreute, ist es 
begreiflich, dass wir in den Werken der Dichter häufig Anspielungen 
auf seine Person finden. Wir lassen hier zunächst die aus dem Epos 
und den Reimchroniken folgen. 

Die älteste Erwähnung Alexanders findet sich in der Earlsreise 
v. 365—6, wo es heisst: 

Seignors, dist Charlemaignes, molt gent palais at ci, 

Tel nen out Alixandre ne li vielz Costantins. 

Sodann begegnen wir ihm wieder im Rom. de Rou I, v. 41 ff. 
Wace sagt hier, dass Alexander in zwölf Jahren zwölf Königreiche 
eroberte. Die auf den Pseudo - Callisth. zurückgehenden Dichtungen 
erwähnen aber nichts von den zwölf Königreichen. 

In der Chronik von Benoit (H, 514, Anm. 2) wird die Geschichte 
von Alexander, Porus und Darius als Gegenstand der Unterhaltung 
bezeichnet. Ähnliche Stellen kommen vor in dem Roman von Doon 
de Nanteuil (Romania XIII, S. 18, v. 90 — 2 u. S. 20, v. 126 — 7), in 
der Prise d’Al. v. 7176 und der Chronik von Bertrand du Guesclin 
v. 21598. 

Dass man nicht müde wurde Bücher von Alexander zu schreiben, 
lesen wir in dem Gedicht vom ersten Kreuzzug , das auf Baudri de 
Bourgueil zurückgeht, auf S. 300 der Oxforder Hs. Ferner sprechen 
G. Guiart (Branche des roy. lign. v. 9 ff des Prologs), das Gedicht 
des Chandos von dem schwarzen Prinzen v. 4122 ff. und die Chronik 
von Bertrand du Guesclin v. 10718 ff. davon. 

Auf die gewaltigen Kämpfe zur Zeit Alexanders spielt Benoit in 
v. 18885 — 6 der Chronik an. Im Rom. de Troie v. 796 lässt er 
Alexander die Säulen des Herkules finden. Der Roman von Eracles 
v. 5272 ff. deutet auf die weiten Züge Alexanders hin. Chrestien de 
Troyes preist im Erec u. Enide v. 6625 ff. und im Perceval le Gallois 
v. 26204 ff. den unermesslichen Reichtum Alexanders, und im Cliges 
v. 6699 ff werden die grossen Eiriegsrüstungen desselben erwähnt. 

Im Rom. d’Alix. heisst unser Held verschiedentlich Alixandre 
d’Alier (184, 30; 395, 21 ; 510, 8) oder le roi d’Alier. Auch in andern 
Gedichten kommt diese Bezeichnung vor, so im Perceval le Gallois 
v. 13486, Chron. rim. de Ph. Mouskes v. 19408 etc. Das Land Alier 


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139 


ißt im Rom. d’Alix. mehrfach erwähnt (16, 31 u. 36 etc.). Nach P. 
Meyer ist Alier sehr wahrscheinlich eine mittelbare Ableitung von 
Ulyricum. 

Das schon erwähnte, auf Baudri de Bourgtieil beruhende Gedicht 
beschreibt auf S. 96—98 der Oxforder Hs. ein prachtvolles Zelt, 
welches die Königin Candace Alexander geschenkt hatte. Schliesslich 
war es in den Besitz des Kaisers Alexis gekommen und wurde von 
diesem Gottfried von Bouillon zum Geschenk gemacht. 

In Aliscans v. 5707 heisst es von Leuten: 

D’espises vivent et d’odour de pieument. 

Dies bezieht sich auf eine Stelle des Rom. dAlix. 353, 3. 

In der Bataille Loquifer (P. Paris, Mss. fr. HI, 161) wird das 
Schwert Rmrite als einstmaliges Besitztum Alexanders bezeichnet. 
Gleiches finden wir von andern Schwertern in Foulques de Candie 
S. 92 und Gaydon v. 6406—7 behauptet. In der Conquöte de 
Jerusalem v. 5492 ff. ist von einem Zelte des Sultans von Persien 
die Rede, das schon Alexander gehört hatte. Eine andere Stelle 
v. 8133 ff. erwähnt Menschen, welche von Gewürzen leben und sich 
jährlich einmal „el flove del jovent“ baden. Nicht mit Bestimmtheit 
ist dies eine Reminiscenz an die Alexandersage, da die Sage von der 
Quelle auch sonst existirt Einige Verse vorher (v. 8130 ff.) werden 
Völker genannt, welche das Kinn und die Zähne auf der Brust haben. 
Diese Ungeheuer kommen bei Wauquelin, aber auch schon früher 
bei Isidor von Sevilla vor. 

Die Chanson de Doon de Nanteuil (Rom. XIII, 16 v. 53 — 54) 
enthält eine Anspielung auf den Rom. dAlix. S. 280. 

Die Chanson de Gui de Nanteuil v. 2502 ff. nennt ein Pferd, 
welches von Bucifal abstammte. Des Bucephalus gedenken noch 
Parton. v. 9629-— 30 und Enfances Ogier v. 1766. 

Der Roman de Guillaume de Palerne v. 2084 ff. preist Alexanders 
Macht und klugen Sinn. 

Der Dichter des Romans von Guillaume de Dole erinnert v. 5306 
an die berühmte That Alexanders, wie er zuerst auf die Mauer von 
Tyrus sprang. 

Häufig sind die Hinweise auf Alexander in der Chron. rim. de 
Ph. Mouskes. In v. 8840 ff. erfahren wir, dass er vor seinem Tode 
seine zwölf Pairs um sich versammelte, sie mit Reichen ausstattete 
und seine Gemahlin noch zu seinen Lebzeiten mit Ptolomaeus ver- 
mählte. Seine Vergiftung durch die beiden Schurken teilt uns v. 19408 ff. 
mit. An verschiedenen andern Stellen *(v. 23646, v. 23967, v. 29513) 
verherrlicht Mouskes seine Tapferkeit, und v. 24553 — 4 sagt er, dass 
sich Alexanders Reich von Griechenland bis Flandern ausdehnte. 


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140 


In Huon de Bordeaux v. 3610 ff. erwähnt der Dichter einen fau- 
dutuef, der von Feen Alexander geschenkt war. 

Der Dichter von Amadas und Ydoine lässt Alexander ebenso 
grundlos wie viele andere Helden von seiner Gemahlin betrogen werden 
(v. 5873 ff.). Guillaume Guiart sagt in der Branche des roy. lign. I, 
7362 ff., dass sich nach der Zerstörung Trojas ein Teil der flüchtigen 
Troer in Macedonien niedergelassen habe, und dass Alexander be- 
sonders der Tapferkeit dieser Leute seine kriegerischen Erfolge ver- 
danke. An zwei andern Stellen (II, 2266 ff. u. II, 6724 ff.) spricht er 
von den Thaten Alexanders. 

Des glänzenden Hofes des macedonischen Königs gedenkt der 
Kom. de Floriant et Florete v. 8119 ff., u. v. 227 erwähnt er Alexanders 
Tod durch Gift. 

In Hugues Capet v. 1078 ff. wird die Tapferkeit des Eroberers 
gerühmt, ebenso im Bastars de Buillon v. 5879 — 80 und an ver- 
schiedenen Stellen des Godefroid de Bouillon (v. 10521 ff, v. 18305 ff. 
und v. 34851 ff). Von einem Zelte heisst es v. 22037 des letzteren 
Gedichtes, dass die Geschichte Alexanders darauf dargestellt war. Vgl. 
ferner: Voeu du H6ron v. 110, Chronique de Bertrand du Guesclin 
vv. 12 ff, 11018, 11070, 6622 ff, 11890, 18895-6, Chronique d'Ano- 
nyme de Lille (Trouv. p. p. Dinaux II, 97, 20 ff.) und D6bat des 
h6rauts S. 2. 

Mehr aber als durch seine Eroberungen und seine Tapferkeit war 
Alexander wegen seiner Freigebigkeit berühmt, und die Dichter stellen 
ihn als den idealen Typus eines Feudalherrn hin, der seinen Vasallen 
alle eroberten Schätze und Länder schenkt und mit ihnen Ehre und 
Ruhm teilt Will ein Dichter die largesse seines Helden als besonders 
hervorragend bezeichnen, so vergleicht er sie mit der Alexanders. 
Dieser Charakterzug des Helden findet sich noch nicht im Alexander- 
Fragment, er beginnt sich zu bilden in dem Gedicht des Clerc Simon 
und erhält seine Vollendung in dem Alexander-Roman in Alexandrinern, 
besonders in dem Teile, welcher die Hand Alexanders von Paris er- 
kennen lässt. Vgl. P. Meyer, Alexandre le Grand dans la litt&rature 
fr. II, 373 ff. Wenn es auch feststeht, dass Alexander von Paris den 
grössten Anteil an der Bildung des conventioneilen Charakters AJe- 
xanders hat, so war doch schon vorher die Freigebigkeit desselben 
sprichwörtlich. So heisst es in der Chronique ascendante (Rom. de 
Rou I, 207, 14 ff): 

Ceo ne fu mie el tens Vregile ne Orace, 

Ne el tens Alixandre ne Cesar ne Estace. 

Lores aueit largesce vertu e efficace. 


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141 


Nicht minder preist Chrestien de Troyes diese Tugend Alexanders 
in Erec et Enide v. 2259 — 60: 

Erec de doner et de despandre 
Fu pareilz le roi Alixandre. 

Vgl. noch Erec et Enide v. 6625 ff. u. 6635 ff. 

Henri d'Andeli (wir beschränken uns nicht mehr auf das Epos etc.) 
sagt im Lai d’Aristote von Alexander: n ce fist largmce , sa mbre u } und 
im Dit du chancelier Philippe vergleicht er die largesse seines Helden 
mit der Alexanders (Rom. I, 211 v. 77). Auch Rutebeuf I, 52, 1 ff. 
spielt auf dieselbe an, und im Rom. d. 1. R. v. 1166 heisst es von 
der largesse : 

El fu du linage Alexandre. 

Vgl. Rom. d. 1. R. v. 13250 ff. 

In dem Torn. de l’Ant. S. 70 hält die personificirte Largesse 
Alexander in ihrer Hand. Vgl. noch S. 49 u. S. 54 Philippe Mouskes 
gedenkt in der Reimchronik v. 18862 u. v. 19266 ff. gleichfalls des 
freigebigen Fürsten, und Guillaume Guiart (Branche des roy. lign. I, 
2932 ff. und II, 4333 — 4) hält auch nicht mit seinem Lobe zurück« 
Vgl. Rec. de chants hist. S. 72. 

Nach P. Meyer a. a. O. S. 376 — 7 verwischt sich dieser Charakter- 
zug Alexanders seit dem 13. Jh. allmählig, und im Laufe des 14. Jh. 
hört seine Freigebigkeit auf sprichwörtlich zu sein. Ob P. Meyer ganz 
darin Recht hat, scheint mir zweifelhaft, da manche Stellen das Gegen- 
teil beweisen. So heisst es in der Prise de Pampelune v. 5603 ff.: 
Bien eaväs che Alixandre sourmunta tote gient 
Trou plus par bien prometre e donier noblement 
Cbe par nule autre souse com vous oi4s sovent. 

Watriquet de Couvin spricht gleichfalls in den Ausdrücken des 
höchsten Lobes von Alexanders Freigebigkeit. Vgl. Dits de Watriquet 
de Couvin 45, 56 ff.; 94, 416 ff. und 127, 61 ff. 

Godefroy de Paris sagt in seiner Chronik v. 4987 : 

Alixandre par dons conquist. 

Zuletzt wird noch in Bauduin de Sebourc, Chant I, v. 905 ff. die 
Freigebigkeit Alexanders gepriesen. Vgl. D6bat des härauts S. 49. 

Doch gegen den Ausgang des Mittelalters hat sich der Charakter 
Alexanders gänzlich geändert, und der Typus des Eroberers ist, ent- 
sprechend der geschichtlichen Überlieferung, in den Vordergrund ge- 
treten, so bei Guillaume de Machault (Prise dAl. v. 43 ff.) und Eustache 
Deschamps, welche ihn unter die Zahl der „neuf preux“ setzen. 

Hatten wir bislang vornehmlich Anspielungen aus dem Epos und 
der Reimchronik angeführt, so mögen im Folgenden die aus den 
übrigen Dichtungsgattungen ihren Platz finden. Sogar in religiösen 
Dichtungen wird Alexander einige Male erwähnt. Etienne de Fougöres 


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142 


führt in dem Livre des Maniöres S. 5 die Geschichte Alexanders als 
einen Beweis für die Unbeständigkeit der weltlichen Dinge an. 

Ähnlich heisst es in der Vie de Seint Anban v. 355: 

Ü est Alexandres li princes alos4? 

Vgl. Life of Edward the Confessor v. 746. 

Die Bible Guiot de Provins v. 272 ff. weist auf die grosse Hof- 
haltung Alexanders hin. Die Image du Monde spielt häufig auf die 
Geschichte unseres Helden an. Jean de Condö (Dits, I, 266, 47 ff.) 
spricht von dem unermesslichen Reichtum desselben. Im Rom. d. L 

R. v. 19456 ff. ist er als ein Btolzer, unersättlicher Eroberer geschildert, 
dem die Erde für seine hochfliegenden Pläne zu eng war, und der 
deshalb die Götter in der Unterwelt angriff. Gautier de Tournay 
(Trouv. p. p. Dinaux II, 179, 16 ff.) gedenkt der Tapferkeit des 
Königs. In dem Prologus Regine Sibille (gedruckt in Torn. de TAnt 

S. 108) begegnen wir der Geschichte von Gog und Magog. Besonders 
häufig aber finden sich Erlebnisse und Abenteuer von Alexander in 
dem Tresor. Vgl. Tresor SS. 34 , 36, 158, 159, 160, 193 , 233, 239, 
243, 449. 

Das Dit des Mais (Jub. nouv. rec. S. 187), das Lapidaire von 
Bern (Lapid. fr. 120, 420 ff.) und ein Dit von Baudouin de Cond6 
(Dits, S. 178, 62 ff.) enthalten Anspielungen auf Alexanders Tapferkeit. 

Dits de Jean de Cond6 I, 26, 842 ff: 

Onques Alixandres d’Alier 

Ne se maintient mieus en b&taille 

Qu’il fist k ce tournoi, sans faille. 

Von Alexanders Tapferkeit sprechen ausserdem noch: Oeuv. de 
G. de Machault S. 101, Poösies de Froissart I, 212, 37 ff., Oeuv. de 
DeschampB I, 44; H, 79 u. 141, Oeuv. de Ren6 II, S. LXXXII u. 
LXXXVHI, Anm. 1, Oeuv. de Chastellain VI, 52 ; Vn, 45 u. 207 u. 424. 

In dem Rom. de la poire v. 1774 ff. wird zum Lobe einer 
Dame gesagt: 

. . eie est tant franche et tant sage, 

Et si est de si haut parage 

Qu’el ne vaut pas mains qu’ Alixandre. 

Auch in den Po^sies de Froissart III, 141 v. 1472 ff. und den 
Dits de Watriquet de Couvin 19, 574 ff. u. 175, 342 ff. werden die 
Vorzüge Alexanders hervorgehoben. 

Eustache Deschamps (Oeuv. de Deschamps 1, 127 u. H, 18) rühmt 
von Alexander, dass er in den Wissenschaften erfahren gewesen sei. 

Olivier Basselin (Vaux-de-Vire S. 119) macht den König zu einem 
lustigen Zecher. Die Liebe der Königin Candace zu Alexander er- 
wähnt Froissart I, 139 v. 1798 ff: 

Et Candasse, qui tant fu sage 


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143 



De pourtretture v 

Fist ouvrer le droit peraonnage 
D’Alixandre, corps et yisage. etc. 

Von Alexanders Tode sprechen Deschamps I, 59 und A. Chartier 
S. 364. 

Wenn Alexanders Triumphe gefeiert wurden, konnte der Name 
seines bedeutendsten Gegners, des Darius, nicht ungenannt bleiben, 
und deshalb finden sich auch auf diesen mannigfache Anspielungen. 
Vgl. Chronique de Benoit II, 514, Anm. 2, Chanson de Doon de 
Nanteuil v. 127 (Roman. XIII) und Oeuvres de Chastellain VII, 424. 
Im Durmart le Gallois v. 8164 ff. wird sein Unglück darauf zurück- 
geführt, dass er seine Barone knechtete und Leute von gemeiner 
Herkunft in hohe Ehrenstellen setzte. Im Renart le bestournä stellt 
Rutebeuf den Tod des Darius als eine Strafe für seine Habsucht hin. 
Godefroy de Paris sagt in Beiner Chronik v. 4988: 

D&ire par tenir ge forfiat. 

Dasselbe drückt Watriquet de Couvin in einem seiner Dits aus 
(Dits 127, 54 ff.). 

Von dem gewaltigen Reiche des Darius sprechen der Rom« dou 
Chastelain de Couci v. 7482 ff« u. das Miracle de Clovis v. 1876 ff. 
(Miracles p. p. Paris et Robert). 

Die Besiegung des Darius durch Alexander erwähnen: Rec. de 
chants hist S. 72, Perrin d’Angecourt (Chansonniers de Champagne 
S. 2), Life of Edward the Confessor v. 746, Branche des roy. lignages 
H, v. 2266 ff., Renart le Nouv. v. 1930 — 1 und Döbat des h&auts 
S. 49. Vgl. die Anmerkung zu dieser Stelle auf S. 152 der Ausgabe. 

Auf Sisygambis, die Mutter des Darius, weist der Rom. d. L R. 
v. 7056 ff. hin. 

Auch von dem andern grossen Gegner Alexanders, dem Porus, 
finden wir verschiedene Citate: Doon de Nanteuil v. 91, Chron. de 
Benoit H, 514, Anm. 2, Gautier de Tournay (Trouv. p. p. Dinaux H, 
179, 16 ff), Godefroid de Bouillon v. 34853, Oeuv. de Chastellain 
VH, 424, Perceval v. 26205 ff. Lapidaire de Berne (Lap. fr. 115, 
265 ff): 

De la ou Porrus fiat la troille 
Qui taut eat riche a graut merveille, 

Yiennent li aaphir preciouz. 

An dieser Stelle wollen wir auch des Aristoteles, des Lehrers 
von Alexander, gedenken, der im Mittelalter als ein Ausbund von 
Weisheit bewundert wurde. Seine Gelehrsamkeit brachte ihn leicht in 
den Ruf eines Zauberers, als welchen ihn die Chanson von Doon de 
Nanteuil v. 50 ff. schildert. 

Auf die Erzählung, welche uns Henri d’Andeli im Lai d'Aristote 


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144 


vorfiihrt, wird verschiedentlich von Dichtern angespielt. Oeuvres du 
trouvire Adam de la Halle S. 167: 

Adan, mout fu Aristotes sachans, 

Et si fu il p&r amours tes men6s, 

Qu’en* seles fu comme cbevaus f errang 
Et cheYauchies ensi que vous ®av£s 
Pour cheli que il voloit k minie, 

Qui en le fin convent ne li tint mie. etc. 

Trdsor S. 432: neis Aristotes li trfcs sagte philosophes et Mellins furent 
deceu par femmes, selonc ce que les estoires nos racontent 

Podsies de Froissart H, 100, v. 3366 ff.: 

Malnt pliilozophe aussi j’en s$ai 

Qui enche'irent en l’assai 

Et furent fern de la darde. (sc. d’Amor) 

Premiers qui Oride regarde, 

Vregile et Aristotle aussi, 

On Yoit que ce fu d’euls ensi. 

Vgl. ferner: Li Bastars de Buillon v. 6881 ff, Oeuv: de Ren6 
m, 152. 

Auch in der Kunst ist diese Erzählung zur Darstellung ge- 
kommen, nämlich als eine Elfenbein-Schnitzerei auf einem Einband- 
deckel von Wachstafeln, welche dem Kloster Saint-Gcrmain-des^Präs 
gehören und wahrscheinlich aus dem 14. Jahrhundert stammen. VgL 
Oeuv. poftiques de Philippe de Beaumanoir p. p. Suchier, S. 63 der 
Einleitung. 

Aristoteles erscheint häufiger als Lehrer und Berater Alexanders. 
So war es nach dem Dit d’ Aristotle von Rutebeuf I, S. 285 Aristoteles, 
der seinem grossen Schäler vor allem die Freigebigkeit zur Pflicht 
machte. 

Dita de Watriquet de Couvin 277,122 ff: 

Le conseil yous couvient tenir, 

Qui biaus est et bons et loiaus, 

Des .Oll. vertu» cardinaus, 

Seur toutes de plus graut arro y, 

Qu’ Aristotes escrist au roy 
Alizandre, qu’il fust vestus 
Et aournez de ces vertu®. 

Vgl. ferner: Dit des Mais (Jub. nouv. rec.S. 187), Dit des patenostres 
(Jub. npuv. rec. S. 248) und Oeuv. de Chartier S. 396. 

Bei Jub. nouv. rec. S. 332 lesen wir, dass Hippokrates von 
seiner Frau betrogen wird: 

E ly bou myre Ypocras, 

Qui tant savoit de m£dicyne artz, 

Fust par sa femme des$u; 

Geste cbose est bien aparäu. 


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145 


Wahrscheinlich hat der Dichter die Erzählung im Auge, welche 
wir bei Le Grand d'Aussy, Fahl, ou contes I, 212 — 221 finden. Vgl. 
dazu Oeuy. de Chartier S. 396. 

Hiermit schliessen wir die Behandlung von Personen aus der 
griechischen Geschichte, um zu denen aus der römischen überzugehen. 
Julius Caesar, einige Kaiser und der Dichter Virgil sind es, die unsere 
Aufmerksamkeit eine Zeit lang in Anspruch nehmen werden. 

Julius Caesar war nach der allgemeinen Ansicht des Mittelalters 
der erste römische Kaiser. — Brunetto Latini sagt uns im Tresor 
S. 46, wie Caesar die KaiBerwürde erlangte: 

Et por ce que li Romain ne pooient avoir roi, selonc l’establissement qui 
fu fait au tens Tarquinius, se fiat il apeler empereor. Et ainsi Julius Cesar fit 
li premiera empereres des Romains. 

Caesars aussergewöhnliche, geistige Eigenschaften und die gross* 
artigen Erfolge, welche er in jeder Hinsicht erzielte, erfüllten die 
Dichter mit Bewunderung seiner Person. 

WBrut y. 3909 ff.: 

Julius C£sar li vaillans, 

Li fors, li pros, li conquerrans, 

Qui tant fiat et tant faire pot, 

Que tout le mont conquist et ot; 

Onques nus hom, puls ne avant, 

Que nous aa^on, ne conquist tant. 

C4sar fu de Rome emperfere, 

Soges et pros et bons don&re, 

Pris ot de grant cevalerie 
Et leträs fu, de grant dergie. 

Roman de Rou I, y. 47 ff.: 

Cesar, ki tant fist et tant pont 
Ki tut le munt cunquist e out, 

Unkes nuls bom[s], puis ne avant, 

Mien escient ne cunquist tant, 

Puis fu ocis en traisun 
El capitoile, ceo savum. 

Vgl.: Roman du Renart p. p. Meon v. 8458 ff., Dits de Jean de 
Condä n, 292, 86 ff. und Poösies de Froissärt HI, 141 v. 1472 ff. 

Oeuvres de Ren6 HI, 103: 

Je, Julies dit Cezar, d’exercite ducteuf, 

Et de la republique premier apprehendeur, 

Puissant et redoubtä et preux et conquerant, 

Devant qui le monde aloit de peur tremblant, 

Vins c y etc. 

Oeuvres de Chastellain VH, 45. 

Caesars Tapferkeit verherrlichen folgende Stellen: Bible Guiot 

10 


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146 


y. 272 ff, Life of Edward the Confessor v. 746 ff., Oeuv. de Machatdt 
3. 101, Oeuv. de Deschamps I, 44 und II, 141 u. Le prince noir v. 48 ff. 

Vaux-de-vire S. 147 : 

Hardy, comme ung Cesar, je suys k ceste guerre. 

Vgl. noch: Döbat des h&rauts SS. 2 u. 17 und Oeuv. de Chastellain 
VII, 424. 

Caesars Züge nach Britannien werden im WBrut v. 3919 ff. und 
in der Chronik von Pierre de Langtoft SS. 58 u. 60 erwähnt. 

Häufig sind die Anspielungen auf seine Kämpfe mit Pompejus. 
Vgl. Barl. u. Jos. SS. 199 u. 200. 

Prise ff Al. v. 3867 ff: 

N’onques si grant occision 
Ne fu d&s le temps de Pomp£e, 

Quant Cesar, k sa bonne esp^e, 

Li tolli joie, honneur et gloire etc. 

Prise de Pampelune v. 1676 ff: 

Onques meis Cesaron ne fu en tiel esfrois 
Ao Duras, quand Pompiu li venqui siena belfrois 
£ ch’il se vit cazier dou camp k grand esplois. 

Der Dichter hat bei dieser Stelle wahrscheinlich an die ver- 
gebliche und verlustvolle Belagerung von Dyrrachium durch Caesar 
und an dessen Abzug nach Thessalien gedacht. 

Vgl. ferner: Chansons de Thibault IV, S. 42 und Jehan Dickeyman 
(Trouvferes p. p. Dinaux II, 276, 6 ff). 

Von der Eroberung Galliens durch Caesar handelt eine Stelle bei 
Eustache Deschamps. (Romancero de Champagne, III, 12). 

Als einen reichen Fürsten schildern Caesar folgende Gedichte: 
Li jus de Saint Nicholai (Thäatre fr. au moyen-äge S. 203): 

Rois, si grans tresors ne fu onques: 

H a pass£ l’Octevin; 

Taut n*en ot Cesar ni Eracles. 

Vgl. noch: Vie de Seint Auban v. 365 ff. und Godefroid de 
Bouillon v. 22112 ff. 

Seine Freigebigkeit stand der eines Alexander nicht viel nach« 
Erec et Enide v. 6635 ff: 

ne taut, n’osassent pas despendre 
entre Cesar et Alixandre 
con k la cort ot despendu. 

Vgl. ferner: Erec et Enide v. 6629 ff, Chron. ascendante v. 14 ff. 
und ein Rondel von Robertet (Podsies de Charles d’Orläans S. 449). 

Caesars Thätigkeit hinsichtlich des Bauens von Gebäuden und 
Anlegens von Landstrassen wird verschiedentlich gedacht. VergL 
Coronemenfl Looys v. 456 ff. 


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147 


Chanson de Doon de Nanteuil v. 128 ff.: 

Tres desoubs la Tor d’Ordre les covint arriver 
Que Julias fit faire por son poeple garder. 

Nach P. Meyer ist dieser Tor d? Ordre ein Leuchtturm , der von 
Caligula zwischen Boulogne und dem Meere bei der Mündung der 
Liane gebaut wurde. Einharts Annalen schreiben den Bau des Turmes 
dem Caesar zu. Roman des VII. sages v. 2061 ff.: 

Roiß tu nies pas plus deboinaire, 

Que fu li rois juliiens cesaire, 

Qui les chemins a tos ferres. 

Auch als Gelehrter war Caesar bekannt Vgl. WBrut y. 3918 
und Dolop. v. 469 ff. 

Oeuv. de Deschamps I, 127: 

Cas Chevaliers ont honte d’estre clercs. 

Mais ce n’ont pas David le roy loyal, 

Ne Salemon, Alexandres ne Claux, 

Julies C4ear au ceptre imperial. 

Vgl. ferner Oeuv. de Deschamps II, 18. 

Der Verdienste Caesars um den Kalender gedenkt Philippe de 
Thaiin im Cumpoz v. 1953 ff. 

Dass Caesar dem siebenten Monate seinen Namen beilegte, besagt 
v. 769 ff. 

Von seiner Liebe zu Cleopatra spricht der König Ren6 (Oeuv. 
HI, 103). 

Im Huon de Bordeaux v. 8 ff. heiratet Julius Caesar, der dort 
ein König von Ungarn, Oesterreich und Constantinopel ist, die Fee 
Morgana, die Schwester des Artus, und zeugt mit ihr den Zwerg 
Auberon. 

In dem Prolog des Huon de Bordeaux, dem Auberon, wird Caesar 
zu einem Sohne des Cesario, Kaisers von Rom, und der Brunehaut, 
der Tochter des Judas Maccabaeus, gemacht 

Nach dem Huon de Bordeaux v. 3610 ff. erhielt Caesar von 
Alexander dem Grossen einen Lehnstuhl, welchen dem letzteren Feen 
geschenkt hatten. 

Bis auf Caesar vererbte sich auch nach Fl. et BlfL v. 490 ff. ein 
Becher, den Aeneas aus dem Untergange Trojas gerettet hatte, und 
der als ein Erbstück von einem Herrscher Roms auf den anderen 
überging. Caesar wurde er aber gestohlen. 

Der Trösor S. 239 gedenkt eines Pferdes von Caesar, welches 
keinen andern als seinen Herrn trug. 

Caesars meuchlerischen Tod berichten mehrere Dichter. 

Roland p. p. Gautier CLXIV: 

En vieille geste est mis en escriture: 

10 * 


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148 


Si anceisur encriesme felun für ent, 

E feluni e ourent tuit en custume. 

El Capitolie, k Borne, en firent une. 

Le vieil Ces&r ocirent-il par murdre. 

Pois orent-il malvaise sepouture 
Qu’en fou ardent e anguissus mururent. 

Diese Stelle ist jedoch sehr wahrscheinlich interpoiirt. VergL 
ferner: Gdrard de Rossillon 351,3 ff., Rom. de Rou I, v. 51 ff. und 
Floriant et Florete v. 226. 

Bible Guiot v. 750 ff.: 

Et Julius Cesar i fu 
Murtris, ice est bien s6u, 

Qui tot le mont avoit conquis: 

Nus ne fot onques de son pris. 

Caesars Nachfolger Augustus oder, wie er meist bei den mittel- 
alterlichen Dichtern heisst, Octavian, der Rom auf den höchsten 
Gipfel des Glückes hob, und unter dessen Regierung Christus geboren 
wurde, galt für einen weisen und mächtigen Fürsten, der das unge- 
heuere Römerreich mit kräftiger Hand regierte. Roman des sept 
sages v. 2850 — 51: 

Octeuijens fu ja a romme; 

En cest siecle not plus sage homme. 

Dolop. v. 121 ff.: 

Au tens qu* Augustus tenoit Rome, 

Qui sires fu de tant preudome, 

De l’empire de Romenie, 

Qui fu sires k la reonde 

Des quatre parties del monde. etc. 

Vgl. ferner: Octavian v. 80 ff., Oeuv. de Deschamps S. 46, Oeuv. 
de Ren6 HI, 104 und Oeuv. de Chastellain VI, 150. 

Im Roman von Blancandin v. 2233 ff. wird Octavian zu einem 
Könige von Griechenland gemacht. 

Octavians Reichtum galt für unerschöpflich. 

Cliges v. 3611 — 12: 

Et yaloit avuec un prodome 
L’avoir Oteviien de Rome. 

Vgl. Lai de Lanval (Roquefort, Marie de France I, 208) und 
Dolop. v. 3112. 

Floriant et Florete v. 105 ff.: 

En son chief ot couronne d’or, 

Qui fu traite du grant tresor 
Au riche Otevien de Rome. 

Li jus de Saint Nicholai (Th4atre fr. au moyen-äge S. 203): 

Rois, si grans tresors ne fu onques: 

H a passä l’Octevien. 


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149 


Vgl. Dits de Jean de Condö I, 266, 47 ff. 

Im Dolop. v. 12610 ff. lesen wir, wie Augnstns die Königin Si- 
bylle zu sich rufen lässt und ihren Rat einholt betreffs der göttlichen 
Ehren, die ihm der Senat bewilligt hat. Sibylle belehrt ihn über den 
wahren Gott und sagt, dass dieser vom Himmel herabsteigen und sein 
Volk anfsuchen werde. 

Der Kaiser Nero war in den Augen des Mittelalters nächst Judas 
der gottloseste Mensch (vgl. Graf, Roma I). 

Chronique de Geoffroi Gaimar (Chroniques anglo-norm. p. p. 
Michel S. 43): 

Le mal tr4buz puisse-il prendre! 

Trop est munt£ bien deit deseendre. 

Cil est de Image Neiron. 

Chronique de Benoit v. 27836 — 37 : 

Pilate, Herode ne Noiron 
n’orent plus male entention. 

Vgl.: Roman de Mahomet v. 298 — 9, Rec. de chants hist. S. 268 
und Oeuv. de Ren6 III, 104 u. 105. 

Im Godefroid de Bouillon v. 22112 wird Nero orgdeue genannt, 
und in der französischen Hs. 36 der Turiner Universitäts - Bibliothek 
heisst er Noirons U arabis. Hier spielt er die Rolle eines Teufels ganz 
dem Ideale entsprechend, welches sich die mittelalterlichen Dichter 
von ihm machten. Auf diese Stelle werden wir noch einmal bei Virgil 
zurückkommen. 

Auch in den folgenden Beispielen wird Nero als ein Teufel oder 
ein Gott der Sarazenen betrachtet. 

Roman de Gaufrey v. 8696 — 7: 

Chil Mahommet, dist-il, en qui estes er 4 an t, 

Apolin et Noiron et Jupiter le graut, etc. 

Bauduin de Sebourc, Chant XIX, v. 931: 

Le Bastard raport&rent Lucifer et Noiron, 

Karns et Bugibus et tout lor compaignon. 

Vgl. Bertrand du Guesclin v. 9233. 

Die Sarazenen werden nach Nero sogar la geste Noiron genannt. 
Vgl.: Bauduin de Sebourc, Chant IV, v.466; Chant XXV, v. 326 und 
Li Bastars de Buillon v. 6533. 

Sehr häufig begegnet man der Redensart; „ Papoetre Jon giriert en 
pri Noiron a oder ganz ähnlich lautenden. Prata Neronis hiess früher 
der Platz, an dem jetzt die Peterskirche in Rom steht. Alain Chartier 
sagt dazu S. 268: 

„Et oü fut jadis le riche Palais du cruel Empereur Neron, est k present la 
deuote Eglise du tres-debonnaire et humble prescheur Pierre.“ 

Die Schandthaten Nero’s werden im Rom. d. 1. R, v. 6456 ff. und 


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150 


in der Bible Guiot v. 754 ff. aufgezählt. Auf die Ermordung Senekas 
spielt Eüstache Deschamps S. 173 an. 

ln dem Steinbuche von Marbod (Lapid. fr . 34, 13 ff.) wird Nero 
als die Veranlassung zur Abfassung desselben bezeichnet. Dem Stein* 
buch zufolge lässt Nero, der von der Weisheit des arabischen Königs 
Evax gehört hat, diesen durch einen Gesandten bitten, ihm von seiner 
Weisheit mitzuteilen, worauf Evax mit eigener Hand das Steinbuch fiir 
Nero niederschreibt. 

Nach dem Lapidaire von Cambridge (Lapid. fr. 151, 225 ff.) befindet 
sich Nero im Besitz eines Zauberspiegels, der ihm alles zeigt, was er 
zu sehen wünscht. 

Auf das wechselnde Glück Neros spielt Froissart H, 110 an. 

Eüstache Deschamps (S. 59) lässt ihn enthauptet werden. 

Über Virgil vgl. Virgilio nel medio evo per Comparetti, Livorno 
1872 und Vietor, Der Ursprung der Virgilsage (Gröber s Ztschr. 1877). 

Unter allen Dichtern des Altertums erfreute sich im Mittelalter 
Virgil des grössten Ansehens, und die Sagen, welche sich um seine 
Person bildeten, waren mannigfaltiger und wunderbarer als die von 
den übrigen heidnischen Schriftstellern. Schon im Altertum, noch in 
der besten Zeit Roms, überstrahlte sein Ruhm den aller anderen Dichter, 
da seine Aeneide, deren leitende Idee die römische Idee im wahrsten 
Sinne des Wortes war, mit dem höchsten Enthusiasmus aufgenommen 
und zum nationalen Epos der Römer geworden war. In der Gesell- 
schaft und in der Schule, bei den Grammatikern und Rhetoren genoss 
Virgil die grösste Popularität. Selbst Philosophen fanden in ihm Stoff 
zu ihren Speculationen, und Macrobius, Donatus und Servius preisen 
ihn als in jedem Wissen erfahren. 

Diese Bewunderung überdauerte nicht nur den Verfall des römi- 
schen Reiches, sondern wuchs sogar in mancher Hinsicht, so dass 
Virgil im Mittelalter der beliebteste unter den heidnischen Dichtern 
war. Und wenn es auch an strenggläubigen Klerikern nicht fehlte, 
welche gegen die Lektüre seiner Werke eiferten, so hörte man doch 
nicht auf, ihm nachzuahmen und ihn zu bewundern. 

Zwei Gründe trugen übrigens dazu bei, die Abneigung auch des 
scrupulösesten Christen zu vermindern; denn erstens nahm man nach 
dem Beispiele des Lactanz, Eusebius, Prudentius und Augustin all- 
gemein an, dass Virgil in seiner vierten Ekloge die Ankunft Christi 
verkündet habe, und zweitens glaubte man in der Aeneide unter dem 
Schleier der Allegorie die höchsten, moralischen Wahrheiten zu erkennen. 

Wie der heidnische Dichter zu einem Propheten Christi werden 
konnte, ebenso wurde er auch nach einer im Mittelalter sehr gewöhn- 
lichen Gedankenassociation zu einem Zauberer gemacht, da man sich 


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151 


den Besitz eines anssergewöhnlichen Wissens nicht ohne die Hülfe der 
Zauberei zu denken vermochte. Es bildete sich um ihn eine wunder- 
bare Legende, die sich nach dem Qeschmack und den Kenntnissen der 
Chronisten und Dichter, welche sie erzählten, veränderte und ver- 
grösserte. Diese Legende zerfällt nach Comparetti in eine gelehrte 
und in eine volkstümliche, neapolitanische, welche letztere von der 
ersteren verschieden und unabhängig ist. Vietor hingegen glaubt den 
volkstümlichen Ursprung der Legende in Zweifel ziehen zu müssen, da 
der Virgil der Cronaca di Partonope, des frühsten Zeugnisses der Volks- 
litteratur, der Hauptsache nach der historische sei. Nach ihm beruhen 
alle Legenden auf der Vorstellung der Gelehrten von der übernatür- 
lichen Weisheit des Virgil, namentlich in der Mathematik und Medicin. 
Nach Graf (Roma II, S. 227) giebt es eine volkstümliche, neapolitanische 
Legende, welche aber nicht von der gelehrten ganz losgelöst ist, wie 
Comparetti glaubt. Es ist nicht erwiesen, dass sie in ihren Anfängen 
ganz volkstümlich war, da irgend eine besondere Sage in literarischen 
Kreisen entstehen und in das Volk übergehen konnte. Soweit die 
Sage volkstümlich war, ist sie aus dem Glauben an die schützende 
und wohlthätige Macht Virgils hervorgegangen; aber dieser Glaube 
ist auch zugleich das Band, welches die gelehrte mit der volkstüm- 
lichen Sage verbindet. Denn wenn in der gelehrten Tradition nicht 
beständig die Erinnerung an Virgil aufgefrischt und sein Name ver- 
herrlicht wäre, so würde im Volke nicht jenes Gefühl liebevoller Be- 
wunderung entstanden sein, welches in Verbindung mit der Phantasie 
die Sage hervorbringt (vgl. Graf, Roma II, 326). 

Die Legenden vpn Virgil verbreiteten sich über Europa und 
wuchsen schnell an. Auch in der altfranzösischen Litteratur sind sie 
verschiedentlich bearbeitet, und wir wollen versuchen, uns ein möglichst 
getreues Bild Virgils aus denselben zusammenzustellen. 

Virgil, der in Mantua, einer Stadt, die der Verfasser des Dolop. 
nach Sicilien verlegt, geboren wurde (Dolop. v. 1262), war von kleiner, 
schmächtiger Gestalt (Dolop. v. 1826). Mit etwas gekrümmtem Rücken 
und zur Erde gesenktem Haupte (LTmage du monde gedr. in Comparetti, 
Virgilio nel medio evo II, 182) ging er in der Tracht eines Philosophen 
umher (Dolop. v. 1828). Er war ein grosser Gelehrter (Dolop. v. 1258) 
und in der schwarzen Kunst sehr erfahren (Dolop. v. 11391). 

Escanor v. 15913 ff.: 

Je ne di pas la graut puissance 
de la grant art de nigremance 
ne 8eust tont premierement 
Virgiles et d’enchantement 
pluz que nuz hom ne pot savoir, etc« 

Vgl. Escanor v. 16466 ff. 


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152 


Die Chronik von Bertrand da Guesclin v. 9131 ff. sagt, dass 
Virgil die schwarze Kunst in Toledo lernte: 

. . . Toulette out choisie, oü riche chastel a, 

Oü les escoles furent en on tamps qui passa, 

En qui H rois d’enfer tous les ans envoia 
.1. ennemi d’enfer, qui les clers doctrina. 

Mais il est d4fendu, si que plus n’i vendra, 

Pour l’amour de Virgile qu’ k celle escole als, 

Qui Tingromance aprist, de son vivant usa; 

Dont la fille du roy laidement ahonta. 

Keiner übertraf ihn an Weisheit (Rom. des VII sages v. 3924, 
Cleom. v. 1816, Ren. le Nony. v. 4817, Jnb. nouv. rec. S. 248), weithin 
war sein Name berühmt, und er wäre der grösste Dichter gewesen, 
wenn er an den wahren Gott geglaubt hätte (Dolop. v. 1267). Er lebte 
ohne Betrug und Schlechtigkeit, höfliches, leutseliges Wesen zeichnete 
ihn aus (Dolop. v. 1314 ff.), und die ganze Stadt Rom musste ihm nach 
Caesars Befehl Achtung und Ehrerbietung erweisen (Dolop. v. 1622 ff.). 
Die Kinder manches grossen Barons wurden von ihm in den sieben 
freien Künsten unterrichtet (Dolop. v. 1325 ff). Der Schauplatz seiner 
Thätigkeit war Rom und Neapel, welch letzteres er als Geschenk er- 
halten hatte (R. d. 1. R. v. 19421). 

In Rom und Neapel fertigte er mit Hülfe der Nigromantik und 
Astronomie viele wunderbare und nützliche Kunstwerke an, von denen 
wir im Cleomades, Image du monde, Renars le Contrefait gedruckt in 
Comparetti, Virg. nel med. evo S. 191 ff und dem Rom. des VH sages 
eine mehr oder minder vollständige Aufzählung besitzen. 

So machte er eine eherne Fliege, der sich auf eine bestimmte 
Entfernung keine Fliege nahen durfte, ohne zu sterben (Image du 
monde S. 178 u. Renars le Contr. S. 192). Nach dem Cleomades 
v. 1699 ff. war dieselbe in Neapel, und so lange sie sich dort befand, 
konnte keine Fliege in die Stadt kommen. 

Gleichfalls in Neapel stellte Virgil ein ehernes Pferd auf^ welches 
durch den blossen Anblick (LTm. du monde S. 179 u. Renars le Contr. 
S. 192) oder durch die Berührung kranke Pferde heilte (Cleom. 
v. 1677 ff.). 

Er gründete Neapel auf einem Ei. Bewegte man dasselbe, so 
erbebte die ganze Stadt (Im. S. 179). Nach Cleom. v. 1649 ff. baute 
er am Meere zwei Schlösser auf zwei Eiern. Zerbrach man eins der 
Eier, so ging das darauf stehende Schloss zu Grunde. Andere Autoren 
schreiben ihm noch die Gründung mehrerer Städte zu, wie Alars de 
Cambrai, der in seinem „Diz des philosophes u (vgl. Graf, Roma ü, 
240) sagt: 


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153 



Virgiles fu apres li sages 
Bien fa emploies ses aages, 

Grans cience en lui habonda, 

Mainte riebe eite foniia. 

Er legte über einen Fluss eine Brücke, die die grösste der Welt 
war, ohne dass jemand hätte ergründen können, wovon sie gebaut war, 
und wie sie sich hielt (Im. S. 179, Ren. le Contr. S. 191). 

Virgil fertigte einen Kopf an, welcher die Zukunft Vorhersagen 
konnte. Als dieser einst über den Ausgang einer Reise befragt, ihm 
antwortete, dass ihm nur Gutes daraus erwachsen könne, wenn er 
seinen Kopf gut verwahren würde, glaubte Virgil, dass es sich um 
den weissagenden Kopf handelte, während doch sein eigener gemeint 
war, und machte sich unbesorgt auf den Weg. Aber da er seinen 
eigenen Kopf nicht genügend vor der Sonne schützte, so entzündete 
sich sein Gehirn, und er starb (Im. S. 180 — 1). Hierauf weist auch 

die Chronik von Bertrand du Guesclin v. 9140 hin: 

Et s’en fisfc une teste qu’en fin le conehia. 

Virgil stellte in Rom einen Spiegel auf, welcher denen, die hin- 
einsahen, anzeigte, ob für die Stadt Gefahr von einem Feinde drohe 
(Ren. le Contr., S. 192, Cleom. v. 1691 ff.). Im Rom. des VH sages 
v. 9372 ff. erfahren wir noch mehr von diesem Spiegel. Er war 100 
Fuss hoch und leuchtete so, dass selbst des Nachts die ganze Stadt 
davon erleuchtet war und kaum ein Dieb zu stehlen wagte. Geschah 
dies doch, so zeigte der Spiegel an, wohin das gestohlene Gut ge- 
bracht war. Friede und Ordnung herrschte deshalb in Rom, und die 
Römer waren stolz auf diesen Schatz. 

Ein König von Ungarn, dem der Spiegel ein Dorn im Auge war, 
nahm deshalb das Anerbieten von vier Knappen, den Spiegel zu ver- 
nichten, mit Freuden an und stattete sie mit reichen Schätzen aus. 
Nachdem sie dieselben vor Rom an verschiedenen Plätzen vergraben 
hatten, gingen sie in die Stadt, wo sie durch ihren grossen Aufwand 
die Aufmerksamkeit des Königs auf sich lenkten und dessen Habsucht 
dadurch erregten, dass sie als angebliche Schatzfinder das vorher 
vergrabene Gold zu Tage forderten und ihm zum Geschenk machten. 
Als sie ihm daher sagten, dass auch unter dem Spiegel ungeheuere 
Schätze verborgen lägen, erhielten sie den Auftrag auch diese zu 
heben. Sie untergruben den Spiegel und stützten ihn durch hölzerne 
Balken. Des Nachts aber entflohen sie heimlioh aus der Stadt, nach- 
dem sie Feuer an die Stützen gelegt hatten. Grade um Mitternacht 
stürzte der Spiegel ein und begrub im Falle 30 r Häuser. Die Römer* 
erbittert über den Verlust eines so kostbaren Schatzes, gossen dem 
habsüchtigen Könige geschmolzenes Gold in den Mund und sagten: 


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164 


Or auoies or couuoitas, 

Et psr plente dor remorra 

Dass wir hier eine Reminiscenz an das Schicksal des Crassus 
haben, braucht wohl kaum gesagt zu werden. 

Der Spiegel des Virgil wird ausserdem noch erwähnt in der 
Chron. rim. de Ph. Mouskes, in der Destruction de Rome (ed. Groeber, 
Romania II, S. 6 — 48) und in der Chronik von Bertrand du Guesclin 
▼. 9139. 

Ferner stellte Virgil in dem Tempel der Concordia zu Rom die 
Statuen der von den Römern besiegten Fürsten im Kreise auf mit 
dem Gesicht einer grossen Statue in der Mitte zugewandt, welche 
einen goldenen Apfel in der Hand hielt Sobald sich einer der 
Fürsten empörte, wandte die Statue desselben ihr Gesicht von dem 
Standbilde in der Mitte ab, und die Römer wussten sogleich, von 
welcher Seite her ihnen Gefahr drohte. Vgl. „De notre Dame tt von 
Guillaume li Clers). 

Virgil machte eine Lampe und 2 Kerzen, welche unauslöschlich waren 
und unverändert fortbrannten. Diese schloss er in die Erde ein, so 
dass niemand sie finden konnte. (Im. S. 180.). In dem Cleom. 
v. 1707 ff. und dem Rom. des VII. sages v. 3926 ff. ist hieraus ein 
fortwährend brennendes Feuer in Rom geworden, vor dem ein eherner 
Bogenschütze mit gespanntem Bogen stand. Der Schütze trug in 
Hebräisch die Aufschrift: „Wenn man mich anrührt, schiesse ich.“ 
Ein Bischof von Carthago oder nach dem Cleom. ein Schelm, der 
kein Hebräisch verstand, schlug den Schützen mit einem Stocke, und 
alsbald flog der Pfeil in das Feuer, welches erlosch, ohne Kohlen zu- 
rückzulassen. 

Auf 4 Türmen Roms, welche den Namen der Jahreszeiten trugen, 
stellte Virgil vier grosse Statuen von Stein auf. Jedesmal wenn eine 
Jahreszeit zu Ende war, warf die Statue, welche die verflossene 
Jahreszeit darstellte, der Statue, welche die neue repräsentirte , eine 
Messingkugel zu, so dass jedesmal durch den Wechsel der Kugel auch 
der Wechsel der Zeit angezeigt wurde (Cleom. v. 1745 ff.). Eine 
ganz ähnliche Geschichte finden wir in dem Rom. des VII. sages 
v. 3958 ff., wo erzählt wird, dass Virgil an 2 Thoren von Rom 
2 Statuen von Erz aufstellte, von denen abwechselnd die eine immer 
am Sonnabend der anderen um die None eine erzene Kugel, zuwarf. 

Virgil schrieb ein kleines Buch, in dem die sieben freien Künste 
so dargestellt waren, dass ein Mensch mit gutem Verstände sie in 
drei Jahren lernen konnte. Dieses Buch hielt er so teuer, dass er es 
keinem Menschen gab ausser einem seiner Schüler, einem Königssohn 
aus Sicilien (Im. S. 180). Als Vixgil seinen Tod herannahen fühlte, 


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schloss er das Buch durch Zauberei so in seine Hand ein, dass keiner 
es herausnehmen konnte (Dolop. v. 11389 ff.). 

Einen Garten umgab er mit einer hohen Luftschicht, welche so 
dicht war wie eine Wolke (Im. S. 180). 

In Puchoie (Puteoli) bei Neapel legte er Bäder an, deren Gebrauch 
Kranke gesund machte. Über jedes Bad war der Name der Krank- 
heit geschrieben, von welcher man Heilung suchte (Cleom. v. 1663 ff.). 

Von Neapel nach Rom baute er eine unterirdische Leitung, durch 
welche Rom mit griechischem Weine versehen wurde (Ren. le Contr. 
S. 191). 

Der König Ren4 bezeichnet Virgil als den Urheber einer Zauber- 
quelle. Oeuvres de Ren6 HI, S. 22 u. 23: 

Et qui b6ra k la fontaine, 
c II en souffrera puis grant paine; 

Car faicte fut par artiffice 
De Yirgille ou «Tun sien complice. 

Während in den oben angeführten Fällen, mit Ausnahme des 
letzten, Virgil seine Weisheit zum Besten seiner Mitbürger anwandte, 
gebrauchte er sie in einem Falle, um sich für eine ihm angethane 
Schmach zu rächen. 

Er hatte nämlich zu einer vornehmen Dame, welche auf einem 
hohen Turme wohnte, eine grosse Liebe gefasst und liess ihr diese 
durch eine Frau erklären. Die Dame sagte ihm zurück, dass sie gern 
seine Freundin werden wolle, aber nicht zu ihm kommen könne. Sie 
entbot ihn deshalb um Mitternacht an den Fuss des Turmes, um ihn 
dann in einem Korbe in die Höhe zu ziehen. Virgil war zur be- 
stimmten Zeit zur Stelle und wurde im Korbe emporgehoben bis zur 
Mitte des Turmes. Dort liess ihn die Dame bis zum andern Mittag 
hängen, und ganz Rom kam herbeigelanfen , um Virgils Schande zu 
sehen (vgl. die gleiche Erzählung von Hippokrates auf S. 77). Aus 
Rache liess dieser die ganzen Feuer in der Stadt erlöschen und 
öffentlich ausrufen, dass man nur an der Scham der Dame im Turme 
Feuer erhalten könne. Da erstürmte das Volk den Turm, zog die 
Dame nackend aus und setzte sie mitten in die Stadt auf einen er- 
höhten Platz. Von frühem Morgen bis zum späten Abend zündete jeder 
Feuer an ihr an, da keiner dem andern von seinem Feuer abgeben 
konnte (Ren. le Contr. S. 192, Im. S. 179). 

Auf diese Erzählung von der Überlistung Virgils durch die Klug- 
heit eines Weibes wird auch noch an anderen Stellen in der franz. 
Litteratur angespielt. 

Vgl. Poösies de Froissart n, 100, v. 3370. Li Bastars de Buillon 
v, 5774 ff,; 


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Virgiles li bons clers demi jour demora 
Pendans en la corbeille k Romme pardela, 

A une haute tour oü dame l’engana, 

Qui en une corbeille as cordes le tira, 

Et quant il fu bien haut, en ce point le laissa, 

Si que chascuns le vit qui k le tour ala; 

Mais depuis li bons clers sagement s’en venga. 

Oeuvres de Rdnd III, 150: 

La corbeille que tu voiz 14 
Si est propprement celle-14 
En laquelle pendu Virgille 
Par une dame moult subtille, 

Qui lui sceust telz raisons monstrer 
Qu’elle le fiat dedans entrer, 

Disant que jamais autrement 

Ne la povoit veoir nullement etc. ^ 

Vgl. S. 53 der Einleitung zu der Ausgabe Philipps von Beaumanoir 
von Suchier. Andere Beispiele sind angeführt bei Comparetti, Virgilio 
nel med. evo II, 107 ff. 

Auf die Rache, welche Virgil für die ihm widerfahrene Schmach 
nahm, weist die Chronik von Bertrand du Guesclin v. 9137 — 8 hin: 
. . . llngromance aprist, de son vivant usa; 

Dont la filie du roy laidement ahonta. 

Bei dieser in der afr. Litteratur so vielseitig ausgebildeten Legende 
vom Zauberer Virgil ist es ganz natürlich, dass wir ihn dort auch 
häufiger als Propheten Christi und Vorkämpfer des Christentums er- 
wähnt finden. Sowohl im Dolopathos als im R. d. 1. R. ist sein pro- 
phetischer Beruf ganz klar ausgesprochen. 

Dolop. v. 12534 ff: 

II dist ke novelle lignie 
Estoit jai deT ciel envoie. 

Tot ceu dist il par veriteit 
De Deu ki prist humaniteit 
Por Deu le dist outräemant. 

In einem Mysterium (vgl. L. Paris, Toiles peintes de Reims S. 680) 
sprechen Terenz, Boccaccio und Juvenal vor Tiberius zii Gunsten 
Christi, und der letztere erinnert daran, dass unter Octavius sich das 
Gerücht verbreitet habe, dass eine Jungfrau gebären solle, und sagt: 
Le noble poete Virgille 
Qui lors estoit en ceste ville 
Composa aucuns mots notables 
Lesquels on a vu väritables, 

Et plusieurs grands choses en dist 
Naguaires avant son trespas. 

Auch der Apostel Paulus hat nach der Image du monde S. 183 schon 


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den prophetischen Beruf Virgils erkannt. Als er in Rom erfahr, dass 
Virgil schon gestorben, war er sehr betrübt darüber, da er ihn hatte 
bekehren wollen. Er suchte nach seinen Schriften und fand in einer 
derselben die schönste Prophezeiung von der Ankunft Christi, welche 
jemals von einem Heiden ausgesprochen war: 

Que une novele lignie 
S’estoit de ciel haut abeasie, 

Et la virge estoit ja yenue 
Qui en rendroit la terre drue. 

Er bedauerte, dass er ihn nicht hatte dem Heidentum entreissen 
können, und nahm solchen Anteil an dem toten Dichter, dass er nicht 
eher ruhte, als bis er sein Grab an einem unterirdischen Orte fand, 
der von einer Lampe und zwei Kerzen erhellt war. Der Zugang zu 
demselben aber war schauerlich. Schreckliche Töne drangen aus der 
Höhle hervor, und zwei eherne Männer, welche fortwährend mit 
grossen Hämmern auf die Erde schlugen, standen als Hüter davor. 
Virgil sass drinnen zwischen den Kerzen, umgeben von einem Haufen 
von Büchern. Vor ihm stand ein Bogenschütze, welcher den Pfeil auf 
die Lampe gerichtet hatte. Nachdem der Apostel die beiden Hüter 
unschädlich gemacht, schoss aber der Bogenschütze den Pfeil auf die 
Lampe ab, und alles ging in Staub und Asche auf, so dass des Paulus 
ganzes Bemühen vergebens gewesen* war. 

Als ein Verteidiger der christlichen Lehre tritt Virgil auf in der 
französischen Hs. 36 der Turiner Universitäts-Bibliothek, wo es sich 
um einen Wettstreit zwischen ihm und Nero über die Erlösung der 
Menschheit durch Christus handelt Dieser Wettstreit ist gedruckt bei 
Comparetti (Virg. nel. med. evo H, 196 ff.) unter dem Titel „Li rou- 
mans de Vespasien u , eine Bezeichnung, die nach Stengel nicht richtig 
ist, da der Roman von Vespasian erst später beginnt 

Nero macht den Vorschlag, dass derjenige, welcher im Streite 
unterliegt, den Kopf verlieren soll. Nachdem Nero die alte Geschichte 
von Lucifer und den bösen Engeln, von ihrer Sendung auf die Erde, 
der Erbauung Babylons und ähnliche Dinge erzählt hat, trägt Virgil 
die ganze biblische Geschichte von der Erschaffung der Welt bis zu 
Jerusalems Zerstörung durch Vespasian und Titus vor. Das Ende 
des Streites vergisst der Dichter ganz uns zu erzählen. Wir entnehmen 
es aus einem späteren Gespräche Neros und Mahomets, woraus hervor- 
geht, dass Nero von Virgil enthauptet ist 

Im Dolop. v. 12372 ff. wird Virgil als Zeuge für die Behauptung 
angeführt, dass die falschen Götter nur aus Furcht von den Menschen 
gemacht seien. 


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Virgil es dist outreiemant 
Que si f&it Den premieremant 
Furent par grant paor troveit. 

Wie schon oben erwähnt, war Virgil für das Mittelalter eine Quelle 
moralischer Wahrheiten. Als solche benutzt ihn Jean de Meung, wenn 
er v. 9432 ff. des Rom. d. 1. R. sagt: 

Car la letre näis tesmoigne 
Oü skiesme livre Virgile, 

Par l’auctoritä de Sebile, 

Que aus qui vive chastemeut, 

Ne puet venir k dampnement. 

Während Virgil nach dem Dolop. v. 11410 ff. in seiner Vaterstadt 
Mantua begraben wird, lässt ihn der Verfasser der Image du monde 
S. 181 seine letzte Ruhestätte ausserhalb Roms auf einem Schlosse am 
Meere finden, das in der Richtung nach Sicilien lag. Als man von 
dort einst seine Gebeine entfernen will, schwillt das Meer so hoch an, 
dass man dieselben wieder an ihren alten Ort bringen muss, um das 
Schloss vor dem Untergange zu bewahren. 


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Lebenslauf. 

Ich, Robert Dernedde, wurde am 29. November 1861 zu Gifhorn 
a. d. Aller, dem Wohnsitz meiner dort noch lebenden Eltern, geboren 
und im evangelischen Glauben erzogen. Bis zu meiner Confirmation 
besuchte ich die Rectorschule meiner Vaterstadt, worauf ich Ostern 
1876 in die Ober-Tertia des Gymnasiums zu Celle aufgenommen wurde. 
Nach bestandener Maturitätsprüfung bezog ich Ostern 1881 die Uni- 
versität Leipzig, um mich dem Studium der neueren Sprachen zu 
widmen und zugleich meiner Militärpflicht als Einjährig -Freiwilliger 
zu genügen. Die Herren Professoren Arndt, Biedermann, Birch- 
Hirschfeld, v. Bahder, Creizenach, Dr obiseh, Roscher und Zaracke 
waren meine Lehrer. Seit Ostern 1883 studirte ich in Güttingen und 
besuchte die Vorlesungen der Herren Professoren Andresen, Baumann, 
Goedecke, Heyne, W. Müller, E. Müller, Napier, Vollmöller und 
A. Wagner. Im Juli 1886 reichte ich die vorliegende Arbeit bei der 
philosophischen Facultät in Göttingen ein und bestand am 14 Juli die 
mündliche Prüfung für die Erlangung der philosophischen Doctorwürde. 
Allen meinen Lehrern, besonders aber Herrn Professor Vollmöller, 
sage ich an dieser Stelle für die Förderung meiner Studien meinen 
wärmsten Dank. 


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